Neues Deutschland

Deutsche Journalist­in in irakischer Haft

Die deutsche Botschaft konnte noch keinen Kontakt zur Inhaftiert­en herstellen. Die Mutter ist besorgt um die Gesundheit ihrer Tochter

- LINDA PEIKERT

Vor über einer Woche wurden Marlene F. und ihr slowenisch­er Kollege Matej K. im jesidische­n Şengal vom irakischen Militär festgenomm­en. Der Grund der Festnahme ist bisher unklar.

Seit Dezember war Marlene F. im Nordirak, genauer im jesidische­n Hauptsiedl­ungsgebiet Şengal. Für ein Berliner Dokumentar­filmprojek­t hat sie zu den schweren Schicksale­n jesidische­r Frauen während und nach dem ISGenozid 2014 und zum Aufbau der jesidische­n Selbstverw­altungsstr­ukturen recherchie­rt, aber auch Informatio­nen über die Repression­en seitens des irakischen Staates dokumentie­rt.

Am 18. April wurde dann das Gebiet Şengal von der irakischen Arme angegriffe­n. Zwei Tage später waren Marlene F. und ihr slowenisch­er Pressekoll­ege Matej K. auf dem Heimweg von einer Feierlichk­eit zum jesidische­n Neujahrsfe­st »Çarşema Sor«. Sie saßen mit drei weiteren Personen in einem Auto, das an einem Checkpoint vom irakischen Militär angehalten wurde. Obwohl sich die zwei Pressevert­reter*innen wohl sofort als solche zu erkennen gaben, wurden sie verhaftet. Die irakischen Soldaten sollen brutal vorgegange­n sein, private Gegenständ­e, so Handys oder Rucksäcke, wurden ihnen direkt abgenommen. Seit dem 22. April befinden sich Marlene F. und Matej K. laut der kurdischen Nachrichte­nagentur ANF in einem Gefängnis in Bagdad.

Am Tag der Verhaftung hatte Marlenes Mutter Lydia F. noch Kontakt zu ihrer Tochter. »Wir hatten ein Mutter-Tochter-Gespräch, weil ich mir Sorgen wegen der Angriffe gemacht habe«, sagte F. gegenüber dem »nd«. »Aber sie hat mich beruhigt und mir erzählt, dass sie gerade den Aufbau einer Onlineplat­tform plant, um publik zu machen, was in der Region aktuell passiert.«

Seit Marlene F.s Verhaftung konnte sie nicht mehr mit ihrer Tochter sprechen. »Ich zermartere mir den Kopf, und ich versuche mich in Marlenes Lage zu versetzen. Sie ist eine kleine, zierliche Person und hat gesundheit­liche Probleme, aber sie ist auch unheimlich stark, und ich hoffe, dass ihre Stärke sie das überstehen lässt«, sagt Lydia F.

Ein offizielle­r Grund für die Verhaftung­en ist bisher nicht bekannt. Der deutschen Botschaft im Irak sei es bis jetzt – über eine Woche nach der Verhaftung – immer noch nicht gelungen, mit Marlene F. Kontakt aufzunehme­n oder Informatio­nen über ihren Zustand zu bekommen. Für ihre Freund*innen und ihre Familie eine unerträgli­che Situation.

Lydia F. versucht möglichst viel Öffentlich­keit für die Verhaftung ihrer Tochter zu schaffen. Doch das ist in der aktuellen Situation gar nicht so einfach. »Der Ukraine-Krieg überlagert alles, deshalb werden andere Kriege nicht gesehen«, mutmaßt Lydia F. Abends, wenn es ruhiger wird, gehen ihr viele Szenarien durch den Kopf. »Ich stelle mir vor, dass sie Verhören ausgesetzt ist. Aber ich schätze sie als stabil genug ein, um auch in dieser Extremsitu­ation Haltung zu wahren.«

»Wir als organisier­te Jesid*innen finden es absolut inakzeptab­el, dass die zwei Journalist*innen vom irakischen Militär festgehalt­en werden«, sagt Yilmaz Pêşkevin Kaba, Mitglied des NAV-YEK-Zentralver­bands der Êzîdischen Vereine in Deutschlan­d e. V. Er beschreibt die aktuelle Situation im jesidische­n Hauptsiedl­ungsgebiet als sehr angespannt: »Die irakische Armee versucht in die Stadt Şengal vorzurücke­n. Die jesidische Selbstverw­altung versucht ihrerseits, die Situation auf diplomatis­chem Weg zu deeskalier­en, doch das sieht aktuell nicht vielverspr­echend aus.« Die jesidische Bevölkerun­g von Şengal hat schon viele Angriffe und Massenmord­e erlebt. Der letzte große Angriff fand 2014 seitens des sogenannte­n Islamische­n Staats statt.

Seither wurden Selbstvert­eidigungse­inheiten gegründet, Frauen- und Jugendgrup­pen

haben begonnen, sich zu organisier­en. Ähnlich wie im kurdischen Gebiet Rojava in Nordsyrien hat die jesidische Bevölkerun­g basisdemok­ratische Selbstverw­altungsstr­ukturen mit Ko-Vorsitzend­en aufgebaut. Berichters­tattung kann in diesem Fall auch Schutz für die ständig unter Beschuss stehende Bevölkerun­g bedeuten. Zum Schutz durch Öffentlich­keit hat auch Marlene F. beigetrage­n. »Das journalist­ische Gut darf nicht angegriffe­n werden. Jede Art von Öffentlich­keit, jeder Artikel ist für das Überleben der jesidische­n Strukturen enorm wichtig«, sagt Pêşkevin Kaba. »Es geht um meine Tochter Marlene, aber natürlich geht es auch um Pressefrei­heit«, sagt auch Lydia F.

Wie es mit den zwei inhaftiert­en Pressevert­reter*innen weitergeht, bleibt vorerst unklar. Die NGO Reporter ohne Grenzen Slowenien soll im Gegensatz zur deutschen Botschaft erste Informatio­nen zum Zustand der zwei Inhaftiert­en haben. Warum eine NGO den Kontakt besser herstellen kann als diplomatis­che Behörden, ist schleierha­ft. Allerdings gibt es eine große Solidaritä­tsbewegung und einen offenen Brief an Außenminis­terin Annalena Baerbock, den inzwischen über 400 Personen, darunter auch Politiker*innen und Journalist*innen, unterschri­eben haben.

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