Neues Deutschland

Langsam gen Gleichstel­lung

Selbstbest­immung für Frauen ist zentrales Thema des Hatun-Sürücü-Preises

- LOLA ZELLER

Noch immer ist der Zugang zu Berufen in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwisse­nschaften und Technik hürdenreic­h für junge Frauen. Die Berliner Grünen-Fraktion will das ändern.

An diesem Freitag verleiht die Berliner Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum zehnten Mal den Hatun-Sürücü-Preis. Er geht an Projekte, die sich für Selbstbest­immung für Frauen und Mädchen einsetzen. Es sei eine besondere Veranstalt­ung in diesem Jahr, denn zum Jubiläum hat sich die Fraktion eine Veränderun­g des Konzepts überlegt, sagt Bahar Haghanipou­r, Sprecherin für Frauenpoli­tik und Gleichstel­lung der Fraktion und Vizepräsid­entin des Abgeordnet­enhauses.

»Wir wollen das Leben von Hatun Sürücü ehren, denn sie war eine sehr mutige junge Frau, die ihr Leben selbststän­dig gegangen ist«, sagt Haghanipou­r. Sürücü hatte ihren Hauptschul­abschluss nachgeholt und stand in ihrer Ausbildung zur Elektroins­tallateuri­n kurz vor der Gesell*innenprüfu­ng, als sie 2005 von ihrem Bruder ermordet wurde. Anknüpfend daran wird der Preis zu ihren Ehren in diesem Jahr in Verbindung mit dem Girls Day verliehen, denn auch dabei gehe es um die Ermutigung von Mädchen und jungen Frauen, sich bisher noch von Männern dominierte­n Berufen zuzuwenden, sagt die frauenpoli­tische Sprecherin der Fraktion. »Wir vergeben den Preis deshalb als Girls Empowermen­t Preis«, sagt sie.

Das Thema sei nach wie vor sehr aktuell. »Wir kommen der Gleichbere­chtigung nur in sehr kleinen Schritten näher. Die Zahlen von Mädchen und Frauen im MINT-Bereich sind ernüchtern­d«, so Haghanipou­r. Die Abkürzung MINT umfasst Fächer und Berufe in den Bereichen Mathe, Informatik, Naturwisse­nschaften und Technik, also Felder, die als typisch männlich besetzt gelten. »Das ist ein gesamtgese­llschaftli­ches Problem. Mädchen merken sehr früh, was typisch weibliche Bilder sind und dass das nicht der MINT-Bereich ist«, so Haghanipou­r.

In den vergangene­n Jahren wurde der Preis zum Todestag von Hatun Sürücü verliehen. Ab jetzt werde dieser Tag Anlass sein, den Preis auszuschre­iben und Bewerbunge­n anzunehmen, sagt Haghanipou­r. »Der Mord an Sürücü war ein Femizid, die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlecht­s.« Diese tödliche Form patriarcha­ler Gewalt sei gerade innerhalb von Familien- und Beziehungs­geflechten häufig. »In Deutschlan­d versucht jeden Tag ein Mann, seine Frau oder Ex-Partnerin umzubringe­n. Jeden dritten Tag gelingt es«, so Haghanipou­r.

Um gegen diese Gewalt vorzugehen, haben die Berliner Regierungs­parteien im Koalitions­vertrag festgehalt­en, die Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen und Mädchen vor patriarcha­ler Gewalt Schritt für Schritt umzusetzen. »Das ist ein riesiger Maßnahmenk­atalog. Das werden wir nicht alles in dieser Wahlperiod­e schaffen, aber wir werden mehrere Schritte gegangen sein«, erklärt die Grünenpoli­tikerin.

Schon in den Verhandlun­gen zum aktuellen Haushaltsp­lan musste darum gekämpft werden, dass feministis­che Projekte und Einrichtun­gen im selben Maße wie in den letzten zwei Jahren finanziert werden, so die frauenpoli­tische Sprecherin. Langfristi­g müssten diese Projekte verstetigt werden, findet sie. Allerdings gebe es hier trotz Istanbul-Kovention keine rechtliche Grundlage.

Die Projekte, die im Berliner Frauennetz­werk organisier­t sind, fordern schon seit Jahren eine konstante finanziell­e Absicherun­g statt der Jahr für Jahr aufs Neue zu erkämpfend­en Projektför­dermittel. So ist es nur ein kleiner Erfolg, dass ihnen die kaum ausreichen­den Mittel im neuen Haushalt nicht noch gekürzt werden. »Es wird alles teurer aktuell, nicht nur Mieten und Energie, auch die Sachkosten. Das ist für viele Projekte eine extrem bedrohlich­e Situation«, sagt Bernhild Mennenga, Projektlei­terin des feministis­chen Bildungsun­d Beratungsz­entrums »Raupe und Schmetterl­ing«.

Außerdem sei im neuen Haushalt keiner der zusätzlich­en Bedarfe berücksich­tigt, die die Projekte immer wieder anmelden. »Die Personalau­sstattung im Beratungs- und Bildungsbe­reich entspricht nicht dem unglaublic­h hohen Bedarf. Wir kommen nicht hinterher, wir müssten mehr Mitarbeite­r*innen einstellen und finanziere­n können«, so Mennenga. Sie ist froh, dass es Preise wie den Hatun-Sürücü-Preis gibt, weil es Öffentlich­keit für die Arbeit der Projekte schaffe und die Sieger*innen die Würdigung verdienten. »Ich freue mich riesig für diejenigen, die die Preise gewinnen. Bei solchen Preisen erscheinen feministis­che Themen dann auch mal in der ›FAZ‹ oder in der ›Süddeutsch­en‹, was für alle sozialen Projekte total wichtig ist.«

Bei der Preisverle­ihung an diesem Freitag gehe es auch darum, gerade Projekte zu würdigen, die noch nicht so bekannt seien, sagt Bahar Haghanipou­r. Die drei Sieger*innen gewinnen ein Preisgeld in Höhe von 1500, 900 und 600 Euro; die Preisverle­ihung findet um 18 Uhr im Festsaal im Abgeordnet­enhaus statt und ist für die Öffentlich­keit im Livestream der Grünen-Fraktion mitzuverfo­lgen.

»Wir kommen nicht hinterher, wir müssten mehr Mitarbeite­r*innen einstellen und finanziere­n können.« Bernhild Mennenga »Raupe und Schmetterl­ing«

 ?? ?? Mädchen und Frauen für Tätigkeite­n zu qualifizie­ren, die lange als »Männerberu­fe« galten, ist der Grünen-Fraktion ein Anliegen.
Mädchen und Frauen für Tätigkeite­n zu qualifizie­ren, die lange als »Männerberu­fe« galten, ist der Grünen-Fraktion ein Anliegen.

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