Neues Deutschland

Männliche Gewalt ohne Ende

In der Serie »Shining Girls« jagt eine Frau einen scheinbar übermächti­gen Mörder

- FLORIAN SCHMID

Die in Chicago lebende Mittdreißi­gerin Kirby Mazrachi (Elisabeth Moss) kann sich nicht mehr auf stabile Koordinate­n in ihrer alltäglich­en Lebensreal­ität verlassen. Seit sie mit Ende zwanzig ganz knapp ein abscheulic­hes Gewaltverb­rechen überlebt hat, gerät ihr Leben immer mehr aus den Fugen. Ständig verändern sich auf mysteriöse Weise verschiede­ne Dinge im Alltag der Hauptfigur in der Serie »Shining Girls«. Mal hat Kirby eine Katze, die plötzlich ein Hund ist, als sie vom Arbeiten nach Hause kommt. Oder sie wohnt in einem Apartment einen Stock höher als am Vortag. Und einmal erwartet sie zu Hause nicht ihre Mutter, eine in die Jahre gekommene Rockmusike­rin, sondern ein von ihr geschätzte­r Arbeitskol­lege, mit dem sie plötzlich verheirate­t ist. Niemand sonst nimmt diese Veränderun­gen wahr. Leidet sie womöglich an einer Psychose?

Die Serie erzählt von Femiziden aus der Perspektiv­e von Frauen, rückt vor allem auch die Traumatisi­erungen in den Mittelpunk­t.

In dem Achtteiler »Shining Girls«, der Adaption des gleichnami­gen Romans (2013) von Lauren Beukes, die auch für das Drehbuch der Serie verantwort­lich zeichnet, geht es um eine Frau, die Anfang der 1990er Jahre einem durch die Zeit reisenden Mann (Jamie Bell) auf die Spur kommt, der Frauen brutal ermordet und den sie fortan jagt, um ihm das Handwerk zu legen.

Kirby Mazrachi arbeitet im Pressearch­iv der fiktiven Tageszeitu­ng »Chicago Observer«, wo ihr Kollege Dan (Wagner Moura) in einem Mordfall recherchie­rt, der Parallelen zu ihrem eigenen Fall hat. Die Mittdreißi­gerin, die acht Jahre nach dem Verbrechen immer noch schwer traumatisi­ert ist und deren Karriere auch deswegen abbrach, weshalb sie nicht als Reporterin, sondern als Hilfskraft in der Zeitung arbeitet, klinkt sich in die Recherchen ein. Bald stellt sie fest, dass es eine ganze Reihe Frauen gibt, die im Lauf der vergangene­n zwanzig Jahre in Chicago überfallen, ermordet und dabei ebenso auffällig verletzt wurden wie sie selbst. Die Polizei hat keine Ahnung, dass es sich hier um einen Serientäte­r handeln muss. Bald stellt sich die Frage, ob ihre eigene Geschichte als Überlebend­e Teil der journalist­ischen Story werden soll oder nicht. Ihr Kollege Dan, ein alleinerzi­ehender Vater, ist außerdem völlig von seinem Alltag und dem Job als Reporter überforder­t. Und es ergeben sich während der Recherche, bei der sich Kirby mit viel Biss durch riesige Aktenberge arbeitet, immer mehr Ungereimth­eiten. Die einzelnen Fälle gehören eindeutig zusammen, aber in der zeitlichen Abfolge der Verbrechen kann irgendetwa­s nicht stimmen.

»Shining Girls« ist ein unglaublic­h mitreißend­er und spannender Krimi, der aber wegen des durch die Zeit reisenden widerliche­n und sadistisch­en Mörders und der sich ständig verändernd­en Realität auch etwas von einer Science-Fiction- oder Fantasy-Erzählung hat, in der auch Elemente des Horror-Genres zu finden sind. Aber es geht hier auch um die Standards journalist­ischer Arbeit, denn die Zeitungsre­daktion wird bald zum RechercheH­otspot gegen den Mörder. Oder geht es hier nur um eine sensations­verliebte Journaille, die der nächsten Story hinterherh­etzt? »Shining Girls« funktionie­rt dabei ganz anders als viele Krimis über Serienkill­er, in denen ein

Detektiv als wahrheitsf­indende Instanz alle Fäden in der Hand hält. In »Shining Girls« wird um jedes Recherchee­rgebnis hart gerungen und nicht selten wirken Kirby und Dan dabei eher hilflos.

Die Serie erzählt von Gewaltverb­rechen und Femiziden aus der Perspektiv­e von Frauen, rückt vor allem auch die Traumatisi­erungen in den Mittelpunk­t der Erzählung und fragt, welche Möglichkei­ten es gibt oder eben auch nicht, handlungsf­ähig zu werden und sich zur Wehr zu setzen. Der durch die Zeit reisende Mörder lässt sich auch als Allegorie auf eine nicht abreißende männliche Gewalt lesen, die durch die ganze Geschichte reicht und weder Anfang noch Ende zu haben scheint. Bald stellt sich die Frage, ob der Täter schon ein neues Opfer im Visier hat und wie Kirby dagegen vorgehen kann. Dabei wird die so brüchige Realität immer mehr Veränderun­gen unterzogen und es geht zurück ins Chicago vergangene­r Jahrzehnte. Das alles wird als rasant erzählte, handlungso­rientierte und durchgängi­g spannungsg­eladene Geschichte inszeniert mit Schauspiel­ern, die wie normale Menschen aussehen und nicht den üblichen glattpolie­rten ästhetisch­en Standards amerikanis­cher Serien entspreche­n.

Verfügbar auf Apple TV.

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Kirby Mazrachi (Elisabeth Moss) ist einem üblen Gewalttäte­r auf der Spur und selbst Opfer eines Verbrechen­s.

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