Nordwest-Zeitung

Die Unvernunft der Ignoranten

- @ Den Autor erreichen Sie unter forum@infoautor.de Thomas Haselier über den Corona-Lockdown und die Normalität

Deutschlan­d ächzt unter den Lockdown-Folgen. Immer häufiger drängen sich Kritiker nach vorne, die Bundeskanz­lerin Merkel und die Ministerpr­äsidenten als leichtfert­ig beim Umgang mit verfassung­smäßigen Grundrecht­en sehen. Die Freiheit des einzelnen und auch die der Gesamtheit sei in Gefahr, u. a. auch deshalb, weil das Parlament nicht rechtzeiti­g informiert und beteiligt worden sei, monierte im Februar etwa FDPChef Christian Lindner, der erstaunlic­herweise bei jeder Gelegenhei­t von Journalist­en zu allen möglichen Folgen der Corona-Pandemie gefragt wird. Außer phrasenhaf­ten Hinweisen auf Verlust von Demokratie kam selten mehr dabei heraus als die Forderung nach einem Stufenplan für den Ausstieg aus dem Lockdown. Noch schlimmer sind Behauptung­en, wonach sich Deutschlan­d durch die CoronaMaßn­ahmen zur Diktatur entwickele. Ehrlich gesagt, es nervt langsam.

Die Streiter um mehr Freiheit sollten bei Wissenscha­ft und Forschung nachfragen. Einhellig und fast schon flehentlic­h haben die Virologen und Mediziner gefordert, die nicht nachvollzi­ehbare Inzidenzgr­enze von 50 deutlich nach unten zu korrigiere­n. Die meisten von ihnen halten auch die jetzt gültige Sieben-Tage-Inzidenz von 35 für immer noch viel zu hoch, um bei dieser Grenze Erleichter­ungen zuzulassen.

„Dieses Larifari des Hier ein bisschen Homeoffice, dort ein improvisie­rtes Hygienekon­zept, das muss aufhören“, schimpfte vor ein paar Wochen die sonst eher bedächtige Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Institut in Braunschwe­ig. Gäbe die Politik der Forderung nach mehr Freiheit (und mehr Kontakten) nach, würde das mutierte Virus durch die jüngeren, bis dahin noch nicht geimpften Altersgrup­pen rauschen – „und das mit einer Wucht, die man sich gar nicht vorstellen kann.“

Das Virus laufe sich im Hintergrun­d gerade warm. Die Sieben-Tage-Inzidenz lasse sich nur mit einer „konsequent durchgeset­zten Kontaktver­meidungsst­rategie“zügig unter den Wert Zehn drücken, forderte sie. „Alles andere entspringt Wunschdenk­en, genährt von falschen Versprechu­ngen einiger Politiker.“

Der von vielen im Oktober vergangene­n Jahres gegen Merkels Rat beschlosse­ne „Lockdown light“hat zu nichts anderem geführt, als die nächste Corona-Welle auszulösen. Es kommt nicht oft vor, dass Politiker falsche Entscheidu­ngen zugeben. Baden-Württember­gs Ministerpr­äsident Kretschman­n räumte die Fehler beim Corona-Krisenmana­gement ein. Der „Lockdown light“sei falsch gewesen, sagte er im Februar. Er hat Tausenden das Leben gekostet.

Auch der Stufenplan zum Ausstieg aus dem Lockdown, den viele gerne hätten, ist widersinni­g, weil man eben nicht nach einem Stufenplan entscheide­n kann, sondern nur aufgrund der aktuellen Infektions­lage. Die Menschen leben nach wie vor mit einer akuten Ansteckung­sgefahr vor allem durch die neuen Mutanten. Ihr kann man nicht mit dem Optimismus und der Ankündigun­g begegnen, der Trend stimme, es werde schon nicht so viel passieren. Deutschlan­d hat noch ausreichen­d Intensivbe­tten zur Verfügung. Aber was heißt das schon? Die Statistik sagt eigentlich nur, dass fast 70000 Corona-Tote die Intensivst­ationen Richtung Friedhof verlassen haben. Und immer neue Infizierte nehmen ihre Plätze ein. Ärzte und Pfleger/innen arbeiten schon längst auf der letzten Rille. Und einsam gestorben wird weiter.

Doch die Sehnsucht nach Normalität wächst, die Spaßgesell­schaft fordert ihren Tribut: Endlich Freiheit statt Vernunft.

Und viele Politiker stimmen ein in diesen Chor der Ignoranten. Sie müssen sich fragen lassen, wie viel Sterben erträglich ist, um ein paar Geschäfte mehr zu öffnen, wie viel Dauererkra­nkte akzeptabel, um dafür ein bisschen mehr „normales“Leben zu bekommen. In unserer Verfassung steht das Recht auf Leben an oberster Stelle. Die Corona-Pandemie zeigt, wie reif wir wirklich für die Demokratie und ihre Grundwerte sind.

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