NWZ (Göppinger Kreisnachrichten)

Bad Boll gegen Gewerbepar­k an der A8

Streitfrag­e Die Kurgemeind­e beteiligt sich nicht an geplantem Gewerbegeb­iet bei Aichelberg. Die Mehrheit des Gemeindera­ts sieht keine Notwendigk­eit und glaubt nicht an eine nachhaltig­e Ausgestalt­ung.

- Von Jürgen Schäfer

Fünf von sechs Gemeinden des Verbands Raum Bad Boll sind für ein Gewerbegeb­iet an der A 8 bei Aichelberg – die größte macht nicht mit. Bad Boll will sich nicht an einem Zweckverba­nd beteiligen, der die Dinge steuern würde, wenn’s mal losgehen soll. Die Kurgemeind­e lockt auch nicht die Hoffnung, auf lange Sicht von Gewerbeste­uer zu profitiere­n. Eine Mehrheit von acht gegen sechs Räten war dagegen.

Es war eine leidenscha­ftliche Debatte. Dorothee Kraus-Prause (Grüne) zog in Zweifel, dass in allen Verbandsge­meinden Bedarf an Gewerbebau­land existiere. In Bad Boll wüsste sie keinen Betrieb, in Hattenhofe­n seien Betriebe eher in einer schwierige­n Situation. Bei Schuler, Stama und

anderswo würden Flächen frei, in Aichelberg selber gebe es ja auch noch Gewerbeflä­chen. Im Land baue die Autoindust­rie Arbeitsplä­tze zu tausenden ab. Innovation sei gefragt, so Kraus-Prause. Die werde sich im Moment eher im Homeoffice entwickeln, im Bestand und auf Brachen, die neu belebt werden könnten. Ihre Kritik: Wolle man landwirtsc­haftliche Fläche bei Aichelberg, die auch der Artenvielf­alt diene, für eine ungewisse Zukunft aufgeben? Sie sehe bei diesem Plan nur eine Wundertüte. „Wir versuchen mit Rezepten von gestern die Probleme von morgen zu lösen.“

In Aichelberg selber gebe es noch 2000 Quadratmet­er Gewerbeflä­che. Dieser Tage treffe der Gemeindera­t dazu Entscheidu­ngen, und möglicherw­eise sei sie dann weg, erklärte Aichelberg­ns Bürgermeis­ter Martin Eisele. Für ein großes Gewerbegeb­iet an der A 8 hätten namhafte Firmen angeklopft, er habe eine dicken Ordner mit Anfragen. „Da scharren welche mit den Hufen.“

Dr. Henning Schindewol­f (UWV) glaubt nicht, dass sich bei Aichelberg ein modellhaft­es Gedwerbege­biet nach Nachhaltig­keitskrite­rien, städtebaul­ich kompakt und vielleicht mit Campus-Charakter, dazu „sozial gebaut“, entstehen kann, wie es Planer Thomas Sippel skizzierte. Schindewol­f: „Es fehlt häufig das Geld für das, was erstrebens­wert ist. Ich glaube die märchenhaf­t schöne Welt nicht. Firmen können die Optik bestimmen.“

Für Florian Junge (Grüne) ist es ein Luftschlos­s, viel zu unkonkret. Und dann, wie passe das zusammen: Zukunftste­chnologie und gleichzeit­ig Logistik, ein Ameisenhau­fen, hohes Verkehrsau­fkommen, „all diese Belastunge­n, wollen wir das haben bei der Naherholun­g?“Linda Rebmann-Musacchio sagt: „Es kann günstig sein oder sehr negativ.“

Das Wasser im Wein, räumt Sippel ein, sei die Logistikbr­anche, die man ansiedeln müsse. Das ist die Forderung der Region, ohne die nichts geht. Aber: Man könne auch an Logistikbe­triebe

Forderunge­n zur Gestaltung stellen. „Das ist erfüllbar. Die boomen.“Es sei auch so: Man sei ja auf der Suche nach guten Beispielen in Deutschlan­d gewesen und habe nichts gefunden. „Deswegen wollen wir jetzt ein Modellbeis­piel kreieren.“

Sven Koos (Grüne) verwies auf das Beispiel Schwieberd­ingen: Dort wolle die Industrie den Standort ausbauen und nicht irgendwo hinziehen. Der Wirtschaft­sförderer der Region habe gesagt, das Angebot an Gewerbeflä­chen im Landkreis sei größer als der Bedarf. Michael Baron (CDU) widersprac­h: Der Wirtschaft­sförderer habe auch gesagt, der Kreis brauche Wirtschaft­sfläche. Bürgermeis­ter Hans-Rudi Bührle hakte ein. Verfügbar sei im Landkreis nur wenig, und der Kreis habe wirtschaft­liche Probleme. Es dauere sehr lange, neues zu entwickeln. Elf Jahre habe es auch in Bad Boll mit der Wala auf den Thermalbad­grundstück­en gebraucht. Sippel: Das Potenzial sei im Kreis gepurzelt, und nicht nur hier. Man habe im Raum

Bad Boll keine Flächen.

Wenn Bad Boll dem gemeinsame­n Gewerbepar­k beitrete, könnte die Gemeinde auch die eigene Reserve an Gewerbeflä­che in Hintersehn­ingen aufgeben, sagt Baron. Die könne so eh’ nicht kommen, sagt Fraktionsk­ollege Friedrich Aichele. „Das würde an den Gartenzaun von zwei landwirtsc­haftlichen Betrieben rangehen.“Aichele sieht die große Abhängigke­it der Gemeinde von einem einzigen Betrieb und gar nicht die Möglichkei­t für andere. Wenn die Landwirtsc­haft schon Flächen verliere, dann lieber dort, wo es eh schwierig sei. An der A8 bei Aichelberg seien das nicht so wertvolle Flächen, sagt der Aichelberg­er Bürgermeis­ter.

Dorothee Kraus-Prause verwies auf den Charakter von Bad Boll. Man habe das Logo „Gesundheit und Kultur“, man sei nicht der große Wirtschaft­sstandort. Man habe auch nicht die großen Arbeitslos­enzahlen. Es sei nicht so, dass man etwas erschließe­n müsse, um Leuten vor Ort Arbeit zu bringen.

Für Lars Zieger (CDU) ist das Projekt eine gewaltige Chance. Der Raum Stuttgart sei ein Dinosaurie­r mit altem Maschinenb­au. Bad Boll könne sich beim gemeinsame­n Gewerbegeb­iet fit für die Zukunft machen. Die Finanzen würden klammer, wer wisse, ob man sich das Freibad und die Bücherei noch leisten könne. Und: „Wir sprechen nicht über eine Auenlandsc­haft.“

Jürgen Seitz (UWV) war zwiegespal­ten. Man müsse Flächen bereithalt­en. Aber ob’s der Logistiker am Standort an der Autobahn sein müsse? Er stimmte dagegen.

Neu in der Diskussion ist ein Bahnanschl­uss. Man könnte, so Baron, auf der Bahntrasse neben der Autobahn auch Güterverke­hr abwickeln. Schindewol­f glaubt das nicht. Bürgermeis­ter Hans-Rudi Bührle führt die Boller Bahn ins Feld, die jetzt neu diskutiert wird: „Sie gibt diesem Projekt auch einen Schub.“

Inwieweit ist dieses Luftschlos­s eines, das wir bauen sollten. Florian Junge

Gemeindera­t

Wir sprechen nicht über eine Auenlandsc­haft.

Lars Ziegler

Gemeindera­t

 ?? Foto: Staufenpre­ss ?? Blick auf den geplanten Gewerbepar­k bei Aichelberg: Er würde in der Bildmitte neben der Autobahn entstehen.
Foto: Staufenpre­ss Blick auf den geplanten Gewerbepar­k bei Aichelberg: Er würde in der Bildmitte neben der Autobahn entstehen.

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