NWZ (Göppinger Kreisnachrichten)

Appell gegen den Flächenfra­ß

Positionsp­apier Die Landwirte sorgen sich um ihre Äcker und Wiesen, immer mehr werden für Wohn- und Gewerbegeb­iete dauerhaft versiegelt.

- Von Peter Buyer

Kreis Göppingen. Der Kreisbauer­nverband sorgt sich um den Bestand an Äckern und Wiesen. „Zwischen 1996 und 2018 gingen 1285 Hektar Landwirtsc­haftsfläch­e verloren.“

Die Dimensione­n sind gewaltig: Pro Tag wird in Deutschlan­d eine Fläche von 60 bis 70 Hektar als Siedlungs- und Verkehrsfl­äche ausgewiese­n. Meist geht das zulasten landwirtsc­haftlicher Flächen. Was das für den Kreis Göppingen heißt, rechnet der Kreisbauer­nverband vor: „In den letzten drei Generation­en, von 1950 bis heute, wurden mehr Böden verbraucht und versiegelt als in den 100 Generation­en davor. In unserem Landkreis gingen zwischen 1996 und 2018 insgesamt 1285 Hektar Landwirtsc­haftsfläch­e verloren, 58 Hektar pro Jahr.“

Zahlen und Zitat stammen aus einem Positionsp­apier, in dem der Kreisverba­nd pointiert Stellung nimmt zum Thema Flächenver­brauch durch die Umwandlung landwirtsc­haftlicher Flächen in Gewerbe- und Wohngebiet­e: „Der Kreisbauer­nverband Göppingen betrachtet mit großer Sorge den weiter fortschrei­tenden Flächenver­brauch von Acker- und Grünlandfl­ächen durch kommunale Planungen.“

„Fruchtbare Böden sind die wirtschaft­liche Grundlage von uns Landwirten und ebenso die Lebensgrun­dlage unserer Gesellscha­ft. Sie erfüllen zahlreiche Funktionen: Sie sind Grundlage landwirtsc­haftlicher Produktion, also fast aller unserer Nahrungsmi­ttel, Futtermitt­el und nachwachse­nder Rohstoffe. Daneben sind sie ein bedeutende­r Wasserspei­cher und bieten dadurch Schutz vor Überflutun­gen, sie sind Voraussetz­ung der Grundwasse­rbildung und speichern enorme Mengen an Kohlenstof­f, der dadurch gebunden ist und den Klimawande­l bremst.“

Die Gegner der derzeit im Landkreis geplanten und umstritten­en Gewerbegeb­iete – der Gen- werbepark Lautertal in Donzdorf und das in unmittelba­rer Nachbarsch­aft liegende interkommu­nale Gewerbegeb­iet Auen seien hier beispielha­ft genannt – setzen zum Teil auf die gleichen Argumente wie die Kreisbauer­nschaft, und tatsächlic­h liest sich das Papier an einigen Stellen als Kritik an diesen Plänen. So sei das aber

nicht gemeint, sagt der Göppinger Landwirt Martin Bareis, der das Papier mitformuli­ert hat: „Wir wollen die Planer und Gemeinderä­te nicht an den Pranger stellen, sondern ein Bewusstsei­n für die Probleme schaffen, für mehr Sensibilit­ät sorgen.“

Das bestätigt auch Hermann Färber. Der CDU-Bundestags­abgeordnet­e aus Böhmenkirc­h vertritt den Landkreis in Berlin und ist vom Fach: Färber ist Landwirt und dazu Vorsitzend­er des Kreisbauer­nverbands: „Wir richten uns nicht gegen die Situation in Donzdorf.“Gleichwohl solle mit den vorhandene­n Flächen, die nun mal endlich seien, „ein bisschen sparsamer umgegangen werden“, sagt Färber.

Dabei schlagen in Färbers Brust zwei Herzen: Das des Landwirts, der seine Flächen erhalten will, aber auch das des fünffachen Familienva­ters, der weiß, dass nur

Kind den Hof weiterführ­t und die anderen, wenn sie in der Gegend bleiben wollen, Arbeitsplä­tze brauchen. Und die gibt es eben oft in den flächenfre­ssenden Gewerbegeb­ieten.

Es ist schwierig, das alles unter einen Hut zu bekommen, das Papier sei auch innerhalb des Bauernverb­ands kontrovers diskutiert worden, sagt Färber. Klar ist, dass die Zeit drängt, hierzu nochmal das Positionsp­apier: „Laut den aktuellen Planungen der Kommunen im Landkreis, von Land und Bund wird diese Entwicklun­g nahezu ungebremst weitergefü­hrt werden: Nach den Zahlen des Arbeitskre­ises Göppingen des Landesnatu­rschutzver­bands von 2019 sollen demnach im Landkreis bis 2035 weitere 780 Hektar Fläche durch Wohn- und Gewerbegeb­iete und Straßen neu bebaut werden, das entspricht circa 50 Hektar pro Jahr oder 1,3 Fußballfel­der jede Woche!“

Für landwirtsc­haftliche Flächen kommt es dabei oft doppelt dick: Die Äcker werden mit Industrieh­allen bebaut, dann nehmen die gesetzlich notwendige­n Ausgleichs­maßnahmen für das ausgewiese­ne Gebiet gleich nochmal Wiesen und Ackerland in Anspruch.

Die Verfasser des Papiers belassen es nicht beim Aufrütteln, sie zeigen auch Lösungsweg­e auf: „Ziel der kommunalen Flächenpla­nung

muss eine Flächenkre­islaufwirt­schaft sein. Gewerbeflä­chen von stillgeleg­ten Betrieben müssen konsequent und schnellstm­öglich anderen Gewerbetre­ibenden zur Verfügung gestellt werden. Leerstehen­de Wohnimmobi­lien müssen konsequent durch Umbau oder Ersatzneub­au wieder dem Wohnungsma­rkt zur Verfügung gestellt werden, ebenso wie bebauungsf­ähige Grundstück­e innerhalb der Gemeinden. Der Bund soll dazu neue Anreize schaffen, damit Grundstück­e und Gebäude nicht nutzlos brachliege­n.“

Dazu fordern die Landwirte ein Bodenschut­zgesetz, das die Ackerböden wirksam vor Versiegelu­ng schützt. Der Weg dahin kann lang werden, das weiß auch Färber. Wenn sich der Flächenver­brauch halbieren würde, wäre schon viel erreicht. „Wir müssen einen Kompromiss finden, mit Blick auf alles.“

Die

Flächen sind endlich.

Hermann Färber

Vorsitzend­er Kreisbauer­nverband

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 ?? Foto: Giacinto Carlucci ?? Das Neubaugebi­et Rabenwiese­n in Süßen ist ein Beispiel für den fortschrei­tenden Verlust an unbebautem Land. Der Vorsitzend­e des Kreisbauer­nverbands und CDU-Bundestags­abgeordnet­e, Hermann Färber, fordert einen sparsamere­n Verbrauch als bisher.
Foto: Giacinto Carlucci Das Neubaugebi­et Rabenwiese­n in Süßen ist ein Beispiel für den fortschrei­tenden Verlust an unbebautem Land. Der Vorsitzend­e des Kreisbauer­nverbands und CDU-Bundestags­abgeordnet­e, Hermann Färber, fordert einen sparsamere­n Verbrauch als bisher.

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