Ein ma­gi­scher Rei­gen

Ostsee Zeitung - - BLICK IN DIE ZEIT - Von Wla­di­mir Ka­mi­ner

Be­vor wir uns in die frei­wil­li­ge Iso­la­ti­on be­ga­ben, war ich mit Ma­ma noch ein­mal ein­kau­fen, sie brauch­te Mehl, um zu ba­cken. Das Mehl war nicht da. Die Kon­ser­ven­re­ga­le wa­ren auch leer. So­gar die ar­me schle­si­sche Le­ber­wurst im Glas, die jah­re­lang nie­mand ha­ben woll­te, hat­te die Kauf­hal­le ver­las­sen. Ent­täusch­te Kon­su­men­ten mach­ten Sel­fies vor lee­ren Re­ga­len. Mei­ne Mut­ter, Jahr­gang 1931, be­trach­te­te die frus­trier­ten Ein­hei­mi­schen mit leich­ter Scha­den­freu­de.

Denn das, was hier in Deutsch­land Aus­nah­me­zu­stand ist, war in un­se­rer Hei­mat, der So­wjet­uni­on, All­tag. Mit feh­len­dem Toi­let­ten­pa­pier konn­te man die So­wjet­men­schen nicht ver­un­si­chern, sie wuss­ten ge­nau, wel­che Zei­tungs­sei­te sich am bes­ten für den Toi­let­ten­gang eig­net, die ers­te Sei­te soll­te man al­ler­dings nicht neh­men, weil sie zu fet­te Schrift, zu viel Far­be hat­te. Und Koch­wurst, die Lieb­lings­de­li­ka­tes­se, war bei uns so­wie­so äu­ßerst sel­ten. Vor al­lem aber wur­den die­se Kon­sum­gü­ter nie gleich­zei­tig an­ge­bo­ten. Die Wurst kam im­mer dann, wenn das Toi­let­ten­pa­pier fehl­te, ver­schwand die Wurst, gab’s wie­der Pa­pier. Die­se ma­gi­sche Rei­gen ge­bar in der Be­völ­ke­rung den dia­lek­ti­schen Glau­ben, dass das ei­ne aus dem an­de­ren pro­du­ziert wur­de, dass das Toi­let­ten­pa­pier der wich­tigs­te Be­stand­teil der Wurst war.

So ist Ma­ma mit ei­ner ge­wis­sen Nost­al­gie durch die Kauf­hal­le ge­gan­gen, be­vor sie sich in die Iso­la­ti­on vor den Fern­se­her be­gab. Sie hat den Kopf ge­schüt­telt und ge­lä­chelt, nicht ge­lacht. Ein al­tes rus­si­sches Sprich­wort sagt „Wer in der Ar­mee ge­dient hat, der lacht nicht im Zir­kus“. Um­ge­kehrt geht auch.

Wla­di­mir Ka­mi­ner ist ge­bür­ti­ger Mos­kau­er und Au­tor in Ber­lin.

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