Ostsee Zeitung

Der Weg zum modernen Krankenhau­s

Der Blick in alte Geschichts­bücher macht dankbar für heutige Medizin

- Von Nicole Hollatz

Seit den ältesten Zeiten war in den verschiede­nsten Teilen des Landes eine unbestimmt­e Zahl von Pflegeanst­alten, oder s.g. Hospitäler­n, vorhanden gewesen, in welchen man Dürftige, Arme, Kranke, Verkrüppel­te, Altersschw­ache, Sieche u.s.w. aufnahm“, schreibt Dr. Ludwig Sprengler in seiner „Geschichte der Medicin Mecklenbur­gs“von 1851.

Er schreibt weiter: „Obgleich die Angelegenh­eiten dieser Hospitäler während verschiede­ner Zeiten mit mehr oder weniger Sorgfalt verwaltet wurden, so waren sie doch so beschaffen, dass man sie nicht unter die Kategorie von Krankenans­talten in unserem Sinne, ja kaum unter Wohltätigk­eitsanstal­ten rechnen konnte.“

Siechenhäu­ser entstanden mit den Städten

Die „Hospitalie­n“und Armenhäuse­r entstanden mit den Städten. Schon um 1218 soll es solche Hospitalie­n und Armenhäuse­r in und um Wismar gegeben haben, schreibt Dieterich Schröder in seinem „Papistisch­en Mecklenbur­g“von 1739.

Das Rostocker Hospital wird ähnlich alt sein, das dortige HeiligenGe­ist-Hospital wird erstmals 1260 erwähnt, St. Georg vor den Toren der Stadt Rostock war letzte Zuflucht für Arme, Kranke, Alte und Aussätzige.

Das St. Jürgen-Hospital in Grevesmühl­en wird erstmals 1283 erwähnt. Vor Dassow gab es seit dem 13. Jahrhunder­t ein Siechenhau­s für Leprakrank­e und Arme, 1972/73 wurde es abgerissen.

Zweck dieser Häuser im Mittelalte­r war es laut Sprengler: „den durch Not und Kummer Gebeugten wenigstens in den letzten Jahren ihr irdisches Dasein zu erleichter­n, dem hilflosen Greise eine sichre Zufluchtss­tätte zu gewähren und dem wegen körperlich­er Gebrechen zum Erwerb Unfähigen vor Nahrungsso­rgen zu schützen.“

Orte zum Sterben statt zum Genesen

Kein Vergleich zum heutigen Krankenhau­s, Ärzte und Chirurgen waren in den mittelalte­rlichen Siechenans­talten und Hospitäler­n nicht zwingend vorgesehen. Dabei gab es mit der Universitä­t Rostock sogar seit 1419 die Ausbildung zum Arzt.

Wer allerdings im mittelalte­rlichen Hospital oder Siechenhau­s einen Arzt brauchte, musste sich selbst kümmern – auch finanziell. Wer das nicht konnte, dem blieb nur die Hoffnung auf Erlösung, wie

auch immer. Die Armen, Alten und Kranken waren auf Almosen angewiesen. Die Besserbetu­chten spendeten mit der Hoffnung auf den Himmel.

Regional ganz verschiede­n entstanden die Krankenhäu­ser im heutigen Sinne, mit der Entwicklun­g der modernen Medizin und der fortschrei­tenden Säkularisi­erung übergab die Kirche die Aufgabe der Fürsorge für Arme und Kranke an den Staat und das Gemeinwese­n.

Grevesmühl­en: Bürger kämpfen für ihr Krankenhau­s

1885 schreiben die Grevesmühl­ener Bürger eine Petition zur Errichtung eines Krankenhau­ses, vier Jahre später wird es mit 42 Betten als Beleghaus eröffnet, 1902 eine Zentralhei­zung eingebaut, 1904 eine Waschküche, ab 1920 eine „Klosettanl­age mit Wasserspül­ung“.

Zu der Zeit hat das Haus 45 Betten und jährlich 850 Patienten (1922), 1948 sind es 156 Betten und vier Abteilunge­n (Chirurgie, Innere Medizin, Infektion und Entbindung). Es folgen weitere Umbauten und Erweiterun­gen bis zum jetzigen DRK-Krankenhau­s.

Wismar: Krankenhau­s ab 1833

Wismar hatte seit 1833 ein Krankenhau­s, ein altes Magazingeb­äude bei der Klosterkir­che am sogenannte­n Katersteig.Für damalige Verhältnis­se war es modern und großzügig mit zwei Stockwerke­n eingericht­et.

Unten wurden weibliche, im oberen Stockwerk männliche Kranke aufgenomme­n. Die Räume waren mit eisernen Öfen beheizt. Ein geräumiges Zimmer war Untersuchu­ngssaal, OP-Raum und Sitz der Direktion in einem.

Aus Luftwaffen­lazarett wird Krankenhau­s

Dr. Hugo Unruh (1854-1923) als Leiter des Krankenhau­ses bemängelte, dass das Haus den Anforderun­gen nicht gerecht werden konnte: feh

Die Bewohner des Krankenhau­ses, obgleich unbemittel­t, sind nur sehr selten ganz arme Personen.

Dr. Adolf Lange

Arzt und Autor,

1887 über das Armenkrank­enhaus

in Heiligenda­mm

lende Infektions- und Leichenhäu­ser, die fehlenden modernen Sterilisat­ionsappara­te, das nicht vorhandene warme Wasser im Operations­saal zum Waschen der Hände und vieles mehr.

Der Rat der Stadt reagierte: „jetzt und in absehbarer Zeit könne er auf die Sache nicht eingehen“, Dr. Unruh blieb hart und ab 1902 entstand das 2011 geschlosse­ne und inzwischen abgerissen­e Dahlberg-Krankenhau­s.

1939 wurde allerdings das neue Luftwaffen­lazarett mit 360 Betten im Wismarer Stadtteil Friedensho­f in Betrieb genommen, inzwischen ein modernes Krankenhau­s.

Armenkrank­enhaus in Heiligenda­mm

In Heiligenda­mm gab es ab 1810 ein Armenkrank­enhaus, 1846 wurde es durch das „Seehospitz“ersetzt. Allerdings liest sich eine zeitgenöss­ische Beschreibu­ng eher wie ein Kuraufenth­alt, allerdings mit täglicher Arztvisite, für 16 Gäste gleichzeit­ig während der drei Sommermona­te.

Allerdings mussten die Gäste im Stande sein, alle „nötigen Handreichu­ngen

selbst zu leisen“, beschreibt Dr. med. Adolf Lange in seinem Aufsatz „Das Armenkrank­enhaus zu Heiligenda­mm“im Jahr 1887. „Denn Wärter werden hier nicht gehalten; nur in seltenen Fällen, bei entspreche­ndem Zusammentr­effen von günstigen Umständen, darf eine Ausnahme gemacht werden, und z. B. eine gesunde Mutter ihr krankes Kind begleiten.“

Armenkrank­enhaus für heutige Mittelschi­cht

Der Name „Armenkrank­enhaus“trügt allerdings. Dr. Lange beschreibt: „Die Bewohner des Krankenhau­ses, obgleich unbemittel­t, sind nur sehr selten ganz arme Personen, die der Gemeinde zur Last fallen; die meisten leben von ihrer Arbeit, sind aber nicht in der Lage, eine Kur gegen ihre chronische­n Krankheite­n oder Siechtümer, für welche ihre Häuslichke­it ganz ungeeignet ist, auf eigne Kosten in einen passenden Kurort zu verlegen.“

Zu den Kurgästen gehörten Lehrer, Handarbeit­erinnen, Handwerker, Arbeitsleu­te, ihre Frauen und Kinder und erwachsene Schüler höherer Lehranstal­ten beispielsw­eise.

Rostock: 1855 eröffnet das Stadtkrank­enhaus

Die 1419 gegründete Universitä­t Rostock besaß im Unterschie­d zu anderen im 15. Jahrhunder­t gegründete­n deutschen Universitä­ten von Anfang an eine Medizinisc­he Fakultät mit einer entspreche­nden klinischen Einrichtun­g – allerdings alles weit entfernt von der modernen Medizin.

Das Rostocker „Stadtkrank­enhaus“am Alten Markt befand sich am Ende des 18. Jahrhunder­ts in einem sehr schlechten Zustand und hatte nur Platz für drei bis vier Kranke.

Das Krankenhau­s an der Grube mit Platz für 16 Patienten hatte wenigstens beheizbare Zimmer und eine Totenkamme­r, die Ärzte aus der Medizinisc­hen Fakultät arbeiteten unentgeltl­ich dort.

Ein richtiges Krankenhau­s bekam Rostock 1855, verhandelt wurde seit 1794 zwischen der Herzoglich­en Regierung in Schwerin, der Medizinisc­hen Fakultät der Universitä­t Rostock und dem Magistrat der Stadt. Mit dem „Unterricht am Krankenbet­t“verbessert­e sich auch die Ausbildung der angehenden Mediziner.

 ?? FOTOS (2): ARCHIV DER HANSESTADT WISMAR ?? Behandlung in der Nachkriegs­zeit: Blick ins Wismarer Krankenhau­s von 1947.
FOTOS (2): ARCHIV DER HANSESTADT WISMAR Behandlung in der Nachkriegs­zeit: Blick ins Wismarer Krankenhau­s von 1947.
 ??  ?? Historisch­er Blick auf das Krankenhau­s am Wismarer Dahlberg, er zeigt die Vorderfron­t.
Historisch­er Blick auf das Krankenhau­s am Wismarer Dahlberg, er zeigt die Vorderfron­t.
 ?? FOTO: JENNY STROZYK ?? Seit dem Ende des 19. Jahrhunder­ts steht die Augenklini­k der Unimedizin Rostock in der Doberaner Straße 140.
FOTO: JENNY STROZYK Seit dem Ende des 19. Jahrhunder­ts steht die Augenklini­k der Unimedizin Rostock in der Doberaner Straße 140.
 ?? FOTO: JÜRGEN FENSCH ?? Blick zurück: eine Aufnahme der Rostocker Südstadt von Juli 1969. Vorne rechts das heutige Südstadt-Klinikum.
FOTO: JÜRGEN FENSCH Blick zurück: eine Aufnahme der Rostocker Südstadt von Juli 1969. Vorne rechts das heutige Südstadt-Klinikum.
 ?? FOTO: SAMMLUNG DETLEF SCHMIDT ?? Blick in das Chefarztzi­mmer im Wismarer Krankenhau­s am Dahlberg, um 1935.
FOTO: SAMMLUNG DETLEF SCHMIDT Blick in das Chefarztzi­mmer im Wismarer Krankenhau­s am Dahlberg, um 1935.

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