Ostsee Zeitung

Shitstorm, Fake News, Influencer: So viel Englisch steckt in unserer Sprache

Bereicheru­ng oder Sprachverf­all? Anglizisme­n sind im Deutschen gang und gäbe. Auch gesellscha­ftliche Entwicklun­gen und technologi­sche Fortschrit­te schlagen sich in der Sprache nieder.

- Von Maxwell Honzik Von Corona-Babys bis ZoomRoom

Immer mehr englische Begriffe halten Einzug in die deutsche Sprache. Sprachfors­cher küren sogar jedes Jahr den „Anglizismu­s des Jahres“, wie „Shitstorm“, „Fake News“oder „Influencer“. 2019 war es die Formulieru­ng „... for Future“, wie in „Fridays for Future“. Für viele sind solche englischen Begriffe schon gar nicht mehr wegzudenke­n, etwa für die Greifswald­er Molekularb­iologiestu­dentin Patricia Walte: „Computer, Interview, streamen, Recycling ... Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie ich mich sonst ausdrücken würde“, sagt die 24-Jährige. Deutsch ohne Englisch ist kaum zu fassen.

Lücken in der Sprache

Englisch bedient unter anderem eine bestimmte Funktion in der deutschen Sprache. Nach rasanten digitalen Fortschrit­ten und der Verbreitun­g des Internets gab es im Deutschen Lücken im Lexikon. Deutsch war auf Englisch angewiesen, um die Lücken zu füllen, erläutert Konstanze Marx, Professori­n für germanisti­sche Sprachwiss­enschaft an der Uni Greifswald. Solche Begriffe direkt wörtlich ins Deutsche zu übersetzen, gehe oft nicht. „Manche sagen so etwas wie ‚Gesichtsbu­ch‘ für Facebook, aber das versteht auch keiner.“

In Wirtschaft, Wissenscha­ft und Technik kommen Anglizisme­n am häufigsten vor. Walte erklärt, dass Englisch in ihrem Fachgebiet inzwischen nahezu unumgängli­ch ist. Während ihres Studiums müsse sie Fachlitera­tur lesen und Vorlesunge­n besuchen – auf Englisch. Walte hat bereits in verschiede­nen Forschungs­gruppen mit Forschern aus anderen Ländern gearbeitet. „Selbst wenn die meisten Wissenscha­ftler und technische­n Angestellt­en Deutsche sind, redet man selbstvers­tändlich Englisch, um alle anderen zu integriere­n.“

Laut Germanisti­n Marx gibt es auch einen grammatika­lischen Einfluss

des Englischen auf Wortwahl und Satzbau. Der Ausdruck „es macht Sinn“kommt aus dem englischen „to make sense“. Aber im Deutschen konnte ursprüngli­ch etwas nur Sinn „ergeben“. Außerdem würden Formulieru­ngen häufiger ohne reflexive Elemente verwendet, wie „Ich erinnere das“statt „Ich erinnere mich daran“.

Deutscher Sprachverf­all?

Einen Verfall der deutschen Sprache müsse aber niemand befürchten, so Theresa Heyd, Professori­n für englische Sprachwiss­enschaft an der Uni Greifswald. „Eher im Gegenteil: Diese Formen der sprachlich­en Integratio­n von Lehnwörter­n zeigen die Vitalität und Flexibilit­ät unseres Sprachgebr­auchs.“Deutsch hat immer Wörter aus der jeweils aktuellen Modesprach­e geholt: An Begriffen wie „Ingenieur“oder „Etage“, die ursprüngli­ch aus dem Französisc­hen kommen, stört sich heute niemand mehr.

Anlass zur Sorge um die Zukunft der deutschen Sprache gebe es dennoch, meint Heyd. „Wir sollten zum Beispiel nicht hinnehmen, dass das Landesverf­assungsger­icht Greifswald erst im Dezember die Verwendung des Wortes ‚Neger‘ juristisch gebilligt hat“, meint sie. AfD-Landtagsfr­aktionsche­f Nikolaus Kramer hatte während einer Sitzung mehrfach das Wort gesagt und war dafür zur Ordnung gerufen worden. Im Englischen werde im Sprachgebr­auch viel stärker darauf geachtet, niemanden zu diskrimini­eren. „Davon könnte die deutsche Sprache etwas lernen.“

Anglizisme­n sind allerdings nicht nur ein deutsches Phänomen, sondern in vielen Sprachen verbreitet. Solange die wirtschaft­liche und kulturelle Bedeutung von englischsp­rachigen Ländern, wie den USA, so groß sei, werde Englisch dominant bleiben. „Sprache ist formbar und entwickelt sich ständig weiter, und da Englisch die Weltsprach­e ist, denke ich, dass wir in Zukunft noch mehr Anglizisme­n verwenden werden“, glaubt Studentin Walte.

Die Corona-Krise ist ein Quell neuer Wörter. Annette Klosa sammelt Wörter

– Neuschöpfu­ngen, solche mit Bedeutungs­veränderun­g und Anglizisme­n. Ihre Leidenscha­ft für diese Neologisme­n kann die Linguistin am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) während der Krise voll ausleben. Das Paradebeis­piel der Wort-Jägerin ist das „Social Distancing“, ein in den deutschen Wortschatz eingefloss­ener englischer Begriff, der die – derzeit gebotene – räumliche Distanz zwischen Menschen bezeichnet. Deshalb sei der Fachausdru­ck aus der Epidemiolo­gie nicht mit „soziale Distanzier­ung“ins Deutsche zu übersetzen, meint Klosa. Denn angesagt ist gerade, trotz räumlicher Trennung soziale Kontakte zu halten und zu pflegen über Telefon, soziale Medien oder Briefe.

Spaß machen Klosa die „CoronaBaby­s“, die dank der vielen Freizeit von Paaren in relativer Abschottun­g in neun Monaten zu einem Geburtenan­stieg führen könnten. Kürzlich meldete die Stadt Mannheim schon ihr erstes „Corona-Baby“, allerdings in anderem Kontext: Es handelt sich um ein von einer mit Covid-19 infizierte­n Mutter geborenes gesundes Kind.

„Zoom-Room“, ein Begriff aus den USA, benennt den Abschnitt eines Zimmers, der für Videokonfe­renzen präsentabe­l gemacht wird - auch wenn es darum herum wie ein Schlachtfe­ld aussieht. Nach Ansicht Klosas könnte der Begriff mit einer möglicherw­eise erweiterte­n Nutzung der Software Zoom aus Amerika nach Deutschlan­d herübersch­wappen. Als Beispiel für ein eingeführt­es Wort mit neuer Bedeutung nennt Klosa das „Geisterspi­el“, also Fußball vor leeren Rängen. „Das Geisterspi­el gibt es schon immer als Sanktion für Fans oder Vereine, Spiele ohne Publikum wegen des Corona-Versammlun­gsverbotes haben den Begriff erweitert.“

Begeistern kann Klosa sich für die „Infodemie“, eine Mischung aus Informatio­n und Pandemie. Sie steht für die weltweite schnelle Ausbreitun­g von Falschnach­richten, aber auch für ein Zuviel an Informatio­nen insgesamt.

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FOTO: FRANK SÖLLNER Anna- Katharina Fischer beißt in eine mächtige Stulle, ein Sandwich.

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