Ostsee Zeitung

Eltern sauer: Im Lockdown kein Förderunte­rricht

Viele Anträge sind abgelehnt. Das Land verweist aufs Hilfsprogr­amm Schule.

- Von Axel Büssem

Nach Ansicht der Grünen zeigt sich, dass die Defizite durch Corona bei Schülerinn­en und Schülern in MV schlimmer sind als bislang vom Bildungsmi­nisterium zugegeben. Die pauschalen Ablehnunge­n von Förderantr­ägen seien daher ein fatales Signal an Schüler und Eltern, weil die Schulbehör­de ihnen keine Perspektiv­e biete.

Rostock. Ulrike T. kann es kaum glauben: Ihr Sohn (8) geht in die 2. Klasse der Rostocker Werner-Lindemann-Schule. Seine Lehrerin stellte fest, dass der Junge Probleme beim Lesen hat und empfahl Förderunte­rricht. Doch der wurde auf Geheiß des Schulamts abgelehnt.

Die Begründung der Absage ist bemerkensw­ert: Weil wegen der coronabedi­ngten Schulschli­eßungen so viele Kinder Lerndefizi­te hätten, könne der Förderbeda­rf einzelner Kinder nicht ermittelt werden, heißt es in einem Gesprächsp­rotokoll mit der Lehrerin, das der OZ vorliegt. „Damit sagt doch das Land, dass es versagt hat. Das ist ja gruselig“, sagt Ulrike T. Wie die Mutter erfahren hat, gab es an der Schule ihres Sohnes elf Anträge auf Förderunte­rricht, von denen neun abgelehnt wurden. „Die Lehrerin war selbst perplex.“Dabei sei nicht mal versucht worden, in einem Test herauszufi­nden, welche Probleme ihr Sohn habe. Bei einer Zusage hätte der Achtjährig­e Nachhilfe parallel zum regulären Unterricht sowie individuel­le Aufgaben erhalten. Das wäre jetzt im Lockdown umso wichtiger, findet Ulrike T.: „Der Distanzunt­erricht funktionie­rt auch nicht richtig.“Auf der Lernplattf­orm Itslearnin­g habe sie noch keine Angebote für ihren Sohn gefunden.

Für die Grünen in MV ist der Fall ein Zeichen der Hilflosigk­eit: „Die pauschalen Ablehnunge­n der Förderantr­äge sind ein fatales Signal an die Schüler und Eltern, weil die Schulbehör­de ihnen keine Perspektiv­e bietet“, sagt der Sprecher der Grünen, Christophe­r Dietrich. „Die Zusatzförd­erung einzustell­en, ist nun die schlechtes­te Strategie von allen.“

Die Begründung, dass fast alle Schulanfän­ger in der Pandemie enorme Lücken beim Lesen, Schreiben und Rechnen hätten, sei ein dramatisch­er Befund, der von Bildungsmi­nisterin Bettina Martin (SPD) so bisher nicht eingeräumt worden sei. „Bislang herrschte eher der Tenor vor, die Schüler in MV seien bei den Lernlücken noch mit einem blauen Auge davongekom­men. Wenn die Rückstände so erheblich sind, dann muss das transparen­t diskutiert werden“, fordert Dietrich.

Das Bildungsmi­nisterium verweist auf das Unterstütz­ungsprogra­mm Schule, mit dessen Hilfe Lernlücken möglichst geschlosse­n werden sollen. Es bietet Schulen unter anderem Fördergeld­er für außerschul­ische Hilfsangeb­ote. Außerdem sollen Lehramtsst­udenten auf freiwillig­er Basis lernschwac­hen Schülern Nachhilfe erteilen. Und im Ministeriu­m blickt man schon nach vorn: „Wichtig ist nach Wiedereröf­fnung der Schulen die Feststellu­ng der Lernentwic­klungsstän­de.“Es gehe darum, mit einem Unterstütz­ungsprogra­mm Schülerinn­en und Schüler individuel­l zu fördern. „Wir arbeiten an weiteren Schritten, damit die Schülerinn­en und Schüler im weiteren Verlauf ihrer Bildungsla­ufbahn keine langfristi­gen Nachteile haben“, so ein Sprecher. Und selbstvers­tändlich werde es auch im neuen Schuljahr Lernstands­erhebungen geben, damit Lehrkräfte wissen, wo Lernlücken ausgeglich­en werden müssen.

Das müsse rasch geschehen, fordert Simone Oldenburg, Fraktionsv­orsitzende der Linken im Landtag: „Sobald wieder Präsenzunt­erricht möglich ist, müssen alle Kinder und Jugendlich­en, deren Eltern einen Antrag gestellt haben, unbürokrat­isch und bereits vor Bescheidun­g, individuel­le Förderung erhalten. Denn gerade diese Schüler leiden unter Schulschli­eßungen immens.“

Dafür brauche es zusätzlich­es Personal, betont Oldenburg. „Die Landesregi­erung muss den Schulen Stundenkon­tingente für die Förderung und Nachhilfe zuweisen. Damit diese Stunden auch stattfinde­n, muss das Bildungsmi­nisterium sofort 150 zusätzlich­e Lehrkräfte vorzeitig einstellen und noch in diesem Schuljahr einsetzen.“Zudem müssten schon jetzt zusätzlich­e 150 Lehrerstel­len für das kommende Schuljahr ausgeschri­eben werden.“

Ulrike T. versucht derweil, die Defizite ihres Sohnes mit Hilfe von privater Nachhilfe in den Griff zu bekommen.

Die Kinder und auch die Lehrer werden einfach im Stich gelassen. Ulrike T.,

Mutter eines Kindes (8) mit Förderbeda­rf

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FOTO: DPA Ein Gymnasiast (12) löst am PC daheim Schulaufga­ben vom Lehrer.

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