„Ich ent­schul­di­ge mich da­für, dass die SPD Men­schen im Stich lässt“

Die ge­bür­ti­ge Ru­dol­städ­te­rin Si­mo­ne Lan­ge kan­di­diert für den SPD-Vor­sitz. Sie will den Ton und Um­gang in ih­rer Par­tei zi­vi­li­sie­ren

Ostthüringer Zeitung (Bad Lobenstein) - - Politik -

„die aus dem Wes­ten“. „Ihr da im Wes­ten. . .“, das be­kom­me ich dann dort zu hö­ren. Und wäh­rend mei­ner Wahl­kämp­fe in Flens­burg sind dann Leu­te zu mir ge­kom­men, die mir an­ver­traut ha­ben: „Üb­ri­gens, ich kom­me auch aus dem Os­ten.“

Trotz Ih­rer ost­deut­schen Her­kunft sind Sie im Wes­ten in po­li­ti­sche Äm­ter ge­wählt wor­den. Von Be­nach­tei­li­gung al­so kei­ne Spur!

Als ich in den Kie­ler Land­tag und spä­ter zur Flens­bur­ger Ober­bür­ger­meis­te­rin ge­wählt wur­de, hat mei­ne Ost­ver­gan­gen­heit kei­ne Rol­le ge­spielt. Ein Jour­na­list hat mich dann dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ich die ein­zi­ge Ost­deut­sche in ei­nem west­deut­schen Land­tag bin! Ich ha­be aber nicht ein­mal über­prüft, ob das stimmt.

Vie­le sind es je­den­falls nicht! Und da müs­sen wir uns na­tür­lich fra­gen, war­um das so ist. Und gra­vie­rend an­ders als im Wes­ten ist üb­ri­gens auch die De­mo­kra­tie­ent­wick­lung in Ost­deutsch­land. . .

. . .wo die SPD noch tie­fer ge­fal­len ist und sie hin­ter CDU, AfD und Lin­ken oft nur viert­stärks­te Par­tei ist!

Man hät­te die SED-Dik­ta­tur bes­ser auf­ar­bei­ten und die Leh­ren dar­aus deut­li­cher zie­hen müs­sen. Da­zu ge­hört auch, nach der Auf­klä­rung über Ver­söh­nung zu spre­chen.

Jetzt hat auch die SPD noch ei­nen Ost­be­auf­trag­ten ge­kürt. He­ben sol­che Pos­ten nicht wie­der das Tren­nen­de her­vor? Ich hof­fe nicht. Aber: Auch wenn ich Mar­tin Du­lig für ei­nen sehr gu­ten Po­li­ti­ker hal­te, hät­te ich mir ge­wünscht, die SPD hät­te auf die In­stal­lie­rung ei­nes Ost­be­auf­trag­ten ver­zich­tet. Das ist ein fal­sches Si­gnal. Au­ßer­dem hat die SPD ja schon ein Fo­rum Ost. Man muss sich um die Kri­sen­re­gio­nen in ganz Deutsch­land küm­mern, oh­ne nach Him­mels­rich­tun­gen zu un­ter­schei­den.

War­um tre­ten Sie beim Kampf um den SPD-Vor­sitz ge­gen ei­ne über­mäch­ti­ge Geg­ne­rin, Andrea Nah­les, an?

Andrea Nah­les ist nicht über­mäch­tig. Ich ha­be ei­ne ech­te Chan­ce, ge­gen sie zu ge­win­nen. Die SPD-Ba­sis will nicht mehr, dass der Bun­des­vor­stand ein­fach so ei­ne Per­so­nal­ent­schei­dung trifft, oh­ne dass die Mit­glie­der ei­ne Wahl ha­ben. In Zu­kunft müs­sen SPD-Vor­sit­zen­de durch ei­nen Mit­glie­der­ent­scheid be­stimmt wer­den.

Auch wenn Sie die Fra­ge nicht mehr hö­ren kön­nen: Sie wer­den nur von 80 Orts­ver­bän­den un­ter­stützt, kein ein­zi­ger Lan­des­vor­stand emp­fiehlt Sie.

Ih­re Nie­der­la­ge ist doch ein­ge­plant!

Nein, ich ha­be ei­ne Chan­ce, und die er­grei­fe ich!

Na gut, aber wie wol­len Sie ei­ne kra­chen­de Nie­der­la­ge ver­hin­dern?

Ich kämp­fe, und ich über­zeu­ge. Sie wa­ren ge­gen die gro­ße Ko­ali­ti­on. Was ge­fällt Ih­nen am Ko­ali­ti­ons­ver­trag nicht?

Der Ko­ali­ti­ons­ver­trag ist völ­lig frei von Re­for­men.

Et­was kon­kre­ter bit­te!

Wir müs­sen ganz be­son­ders un­se­re So­zi­al­ge­setz­ge­bung re­for­mie­ren. Hand in Hand da­mit ge­hen müs­sen Ar­beits­markt­re­for­men. Je­der muss von sei­ner Ar­beit le­ben kön­nen. Das ist heu­te nicht der Fall. Auch ist Deutsch­land zwar nicht das ärms­te Land Eu­ro­pas, aber das mit dem höchs­ten Ri­si­ko, arm zu wer­den. Im­mer mehr Men­schen aus dem Mit­tel­stand glei­ten in Ar­mut ab.

Franz Mün­te­fe­ring sagt, Op­po­si­ti­on sei Mist. Heißt: In der Re­gie­rung kann man im­mer noch am meis­ten um­set­zen!

Mit der CDU kön­nen wir vie­le so­zi­al- und um­welt­po­li­ti­sche Din­ge, die uns wich­tig sind, nicht um­set­zen. Wir hät­ten den Ko­ali­ti­ons­ver­trag ab­leh­nen müs­sen und der AfD nicht die Rol­le der stärks­ten Op­po­si­ti­ons­par­tei zu­spie­len dür­fen!

Ob Groko oder nicht: Die SPD kommt in Um­fra­gen nicht oder kaum über 20 Pro­zent. Wie wol­len Sie die Par­tei aus dem Elend be­frei­en?

Wir ma­chen der­zeit den Rie­sen­feh­ler, dass wir uns als Par­tei nur über die Ko­ali­ti­on mit der Uni­on de­fi­nie­ren. Des­we­gen müs­sen wir ne­ben der Re­gie­rungs­ar­beit ein neu­es SPD-Grund­satz­pro­gramm schrei­ben. So­lan­ge die Men­schen nicht mehr den Un­ter­schied zur CDU er­ken­nen, wer­den sie uns nicht wäh­len.

Die Mer­kel-Tak­tik, die CDU im­mer wei­ter nach links zu rü­cken und da­mit die SPD zu mar­gi­na­li­sie­ren, hat al­so funk­tio­niert?

Ja, das hat funk­tio­niert, weil wir als Par­tei nicht stark ge­nug wa­ren. Wir hät­ten ja auch wei­ter nach links rü­cken kön­nen, aber das ha­ben wir lei­der nicht ge­macht!

Man hat Sie schon die Sah­ra Wa­genk­necht der SPD ge­nannt. Der Ver­gleich hat mich sehr über­rascht, aber das soll wohl be­deu­ten, dass ich po­li­tisch in­ner­halb der SPD links ste­he – und das mag ja auch sein. Ich for­mu­lie­re Zie­le, und wenn die links sind, dann bin ich eben links!

Aber wird die SPD nicht kom­plett über­flüs­sig, wenn sie noch wei­ter nach links rutscht. Da ist ja schon die Lin­ke.

Nein, die Lin­ke wä­re dann über­flüs­sig! Wich­ti­ger ist für mich aber die Auf­ga­be, dass wir als SPD end­lich un­ser Ver­hält­nis zu den Lin­ken und zu den Grü­nen klä­ren. Wir müs­sen doch end­lich ein­mal mit die­sen bei­den Par­tei­en re­den und klä­ren, ob es ei­ne Mehr­heit jen­seits der gro­ßen Ko­ali­ti­on ge­ben kann. Ich möch­te das!

Aber ist die SPD-Ba­sis nicht manch­mal ganz wo­an­ders als Sie ver­mu­ten, näm­lich nicht weit links. Bes­tes Bei­spiel ist die Flücht­lings­po­li­tik. Vie­le Wie wol­len Sie das al­les be­zah­len?

Wenn wir den Bü­ro­kra­tis­mus ab­bau­en, muss das gar nicht teu­rer wer­den! Und wir schen­ken den Men­schen Frei­heit und Ver­trau­en.

Wäh­rend bei­spiels­wei­se Ber­lins Re­gie­ren­der Bür­ger­meis­ter Mül­ler Hartz IV durch ein so­li­da­ri­sches Grund­ein­kom­men er­set­zen will, schla­gen Sie ein be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men vor. Dann bräuch­te man kein Hartz IV mehr. . .

. . .Vor­sicht! Das Grund­ein­kom­men wird nicht al­le Be­dar­fe de­cken. In Hol­land et­wa wird es nur für Rent­ner be­zahlt. Wir brau­chen al­so zu­dem noch ei­ne so­zia­le Ab­si­che­rung.

Schä­men Sie sich als So­zi­al­de­mo­kra­tin für ih­ren Hartz-IVKanz­ler Schrö­der? Vie­len gilt er in­zwi­schen als Re­form­kanz­ler, der Deutsch­land wie­der fit ge­macht hat.

Ich möch­te mich da­für ent­schul­di­gen, dass die So­zi­al­de­mo­kra­tie bis heu­te Men­schen im Stich lässt. Der Mensch kann sich im be­ste­hen­den Sys­tem nicht frei be­stimmt ent­wi­ckeln. Er wird ge­gän­gelt und be­vor­mun­det. Da­für ent­schul­di­ge ich mich.

Sie be­haup­ten, das der­zei­ti­ge SPD-Grund­satz­pro­gramm sei neo­li­be­ral be­ein­flusst. Was wür­den Sie denn än­dern?

Wir ha­ben un­se­re Al­ters­ver­sor­gung für pri­va­te Ver­si­che­rer ge­öff­net. Das muss zu­rück­ge­nom­men wer­den. Kein Äl­te­rer soll­te bei der Ren­te vom Staat im Stich ge­las­sen wer­den. Statt­des­sen will die gro­ße Ko­ali­ti­on die pri­va­te Vor­sor­ge auch noch stär­ken. Das ist der völ­lig fal­sche Weg.

Nicht nur die Um­fra­ge­wer­te der SPD sind im Kel­ler, son­dern auch Stim­mung und Um­gangs­for­men. Andrea Nah­les hat Mar­tin Schulz den Tipp ge­ge­ben, er müs­se Sig­mar Ga­b­ri­el kil­len, sonst wür­de der ihn kil­len. Wol­len Sie jetzt po­li­tisch Andrea Nah­les kil­len?

Solch ein Stil ist un­er­träg­lich. Ich kil­le nie­man­den, son­dern ich stel­le mich de­mo­kra­tisch zur Wahl. Ich wer­de bei den De­le­gier­ten des Bun­des­par­tei­ta­ges sehr da­für wer­ben, dass wir so nicht mit­ein­an­der um­ge­hen. Das kos­tet die SPD näm­lich mas­siv an Glaub­wür­dig­keit. So kann man nicht So­li­da­ri­tät und ei­ne bes­se­re Welt pro­pa­gie­ren.

Po­li­tik oh­ne Rän­ke­spie­le und Hin­ter­häl­tig­keit, die gibt es doch gar nicht!

Es gibt al­les, wenn man es mög­lich macht! Je­der in der SPD kann da­zu sei­nen Bei­trag leis­ten. Aber na­tür­lich ge­hört da­zu auch die Be­reit­schaft zum sport­li­chen, de­mo­kra­ti­schen Wett­be­werb um die bes­ten Ide­en.

Noch mal nach­ge­fragt: Wir ha­ben schon jetzt die höchs­ten Steu­er­ein­nah­men und die höchs­te Um­ver­tei­lungs­quo­te. Wenn Sie die SPD noch wei­ter nach links rü­cken: Wie wol­len Sie denn al­le Ih­re schö­nen Ver­spre­chun­gen fi­nan­zie­ren? Ich deu­te den Be­griff Um­ver­tei­lung an­ders als Sie!

Al­so nicht als den pro­zen­tua­len An­teil am Steu­er­auf­kom­men?

Es geht um die Um­ver­tei­lung von Ein­kom­mens­ver­hält­nis­sen. Wir ha­ben in Deutsch­land so viel Reich­tum wie nie und so viel Ar­mut wie nie. Ich möch­te so um­ver­tei­len, den Men­schen so viel Ein­kom­men ge­wäh­ren, dass sie mög­lichst we­nig auf das So­zi­al­sys­tem an­ge­wie­sen sind.

Wie soll das ge­hen? Sie müss­ten mas­siv Steu­ern er­hö­hen. . .

. . .wie man an der Steu­er­schrau­be dreht, wird man se­hen. Man kann den Spit­zen­steu­er­satz er­hö­hen oder ei­ne Ver­mö­gens­steu­er ein­füh­ren. Wich­tig ist, dass de­fi­ni­tiv um­ver­teilt wird.

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