Mi­nis­ter bringt  Mil­lio­nen Eu­ro nach Je­na

Letz­ter Bau­ab­schnitt am Uni­k­li­ni­kum

Ostthüringer Zeitung (Bad Lobenstein) - - Thüringen - Von Micha­el Groß

Mi­chel­le Höh­ne (19), Bun­des­frei­wil­li­gen­dienst­leis­ten­de aus Saal­feld: Mir tun die An­ge­stell­ten leid, die sich am Sonn­tag in den La­den stel­len müs­sen. Zu­mal im Ad­vent je­der selbst ge­nug zu tun hat und sich si­cher über freie Zeit in Fa­mi­lie freut. Es ist ja auch die Fra­ge, ob man die be­sinn­li­che Zeit un­be­dingt mit Shop­ping zu­brin­gen muss. Hannes Wolf (41), Ci­ty­ma­na­ger aus Je­na: Die jet­zi­ge Re­ge­lung ist ein gu­ter Kom­pro­miss. Der Ein­zel­han­del braucht ver­kaufs­of­fe­ne Sonn­ta­ge. Sie sind Ge­le­gen­heit, an ei­nem be­son­de­ren Tag zu zei­gen, was man drauf hat. Im Wett­be­werb mit On­li­ne-Han­del und an­de­ren Bun­des­län­dern hel­fen sie auch. Ha­rald Dolz (68), Rent­ner aus Zeu­len­ro­da-Trie­bes: Wenn es nach mir gin­ge, wür­de ich ver­kaufs­of­fe­ne Sonn­ta­ge ganz ab­schaf­fen. Ich bin Rent­ner und ha­be auch un­ter der Wo­che viel Zeit. Aber auch Be­rufs­tä­ti­ge kön­nen ja bei­spiels­wei­se den Sams­tag zum Shop­pen nut­zen. Mir tun die Ver­käu­fe­rin­nen leid, die am Sonn­tag ran müs­sen. Ma­nu­el Hop­fe ( 28), Er­zie­her aus Pößneck: Ich brau­che kei­ne ver­kaufs­of­fe­nen Sonn­ta­ge. Mein Job er­laubt es, be­quem nach der Ar­beit bis zum re­gu­lä­ren La­den­schluss ein­kau­fen ge­hen zu kön­nen. Die jet­zi­ge Re­ge­lung ist völ­lig aus­rei­chend: Wenn wie in Pößneck der Weih­nachts­markt nur an ei­nem Wo­che­n­en­de ge­öff­net hat. Zu­rück nach Est­land. Mit ei­nem Bun­des­tags­kol­le­gen hat sich der Thü­rin­ger An­fang der Wo­che auf den Weg ge­macht, um her­aus­zu­fin­den, war­um die Es­ten bei den di­gi­ta­len The­men schein­bar viel wei­ter sind als die Bun­des­re­pu­blik. Sein Fa­zit da­zu ist knapp, aber den­noch ein­präg­sam: „Ei­gent­lich ha­ben wir auch hier­zu­lan­de al­le Mög­lich­kei­ten, wie sie in Est­land vor­han­den sind.“Ein­zi­ges Pro­blem: „Wir nut­zen sie nicht.“

Die E-Re­si­denz Est­lands be­rech­tigt Men­schen in dem Land Un­ter­neh­men zu grün­den, oh­ne selbst im Land an­we­send sein zu müs­sen. Die Er­öff­nung von Bank­kon­ten wird mit der E-Re­si­denz eben­falls mög­lich und zahl­rei­che wei­te­re Ver­wal­tungs­ak­te. Ein prä­gnan­tes Bei­spiel: Wer mit dem Au­to zu schnell ge­fah­ren ist, der kann über sein Smart­pho­ne auf die­se „Straf­zet­tel“zu­grei­fen, ihn ein­se­hen und ge­ge­be­nen­falls be­zah­len – al­les di­gi­tal, al­les oh­ne Pa­pier.

„Vor al­lem geht es schnell“, macht der Li­be­ra­le deut­lich. Auch Steu­er­er­klä­run­gen oder die An­mel­dung des Wohn­sit­zes funk­tio­nie­ren in Est­land di­gi­tal – so, wie fast der kom­plet­te Staat.

Die Es­ten ver­fü­gen über ei­ne Es­to­nia-Cloud, in der all die­se Da­ten ge­spei­chert wer­den und auf die je­der In­ha­ber ei­ner E-Re­si­denz zu­grei­fen kann – für sei­nen per­sön­li­chen Be­reich. Nach Deutsch­land über­tra­gen wür­de so­fort die Fra­ge nach der Da­ten­si­cher­heit ste­hen. Auch Kem­me­rich stellt sie, um dar­auf di­rekt selbst ei­ne Ant­wort zu ge­ben. „Na­tür­lich sind die Da­ten si­cher.“Elf Jah­re liegt es zu­rück, dass das est­ni­sche Sys­tem letzt­mals von Ha­ckern über­wun­den wer­den konn­te – und seit­her, sagt Kem­me­rich, sei vor al­lem in die Si­cher­heit in­ves­tiert wor­den.

Für Thü­rin­gen trans­fe­riert er vor al­lem den Cloud-Ge­dan­ken. Dar­in sol­len dann An­ge­bo­te des Staa­tes ge­spei­chert und so di­gi­tal be­reit­ge­stellt wer­den. „Ver­pflich­tend“, wie Kem­me­rich sagt und das schon mal ganz oben auf die Agen­da für den nächs­ten Land­tags­wahl­kampf im kom­men­den Jahr stellt. Die Ein­füh­rung ei­ner sol­chen „di­gi­ta­len Wol­ke“soll aber nicht nur für die Lan­des­ebe­ne ver­pflich­tend sein. „Auch Stadt-, Krei­sund Ge­mein­de­re­gie­run­gen sol­len ver­pflich­tet wer­den, ih­re Di­enst­leis­tun­gen di­gi­tal an­zu­bie­ten“, macht Kem­me­rich deut­lich. Und was sagt er den Skep­ti­kern? Er rät, sich von den Es­ten ein Bild zu ma­chen. „Die Of­fen­heit, mit der die Es­ten mit dem The­ma um­ge­hen, das ist phä­no­me­nal“, sagt er. Da­von, sagt er, könn­ten die Deut­schen lernen.

Und was wird nun aus der ERe­si­denz, die Kem­me­rich zum di­gi­ta­len Staats­bür­ger macht? Er wer­de, sagt der Li­be­ra­le, sie nut­zen und ei­ne ei­ge­ne Fir­ma in Est­land grün­den. Wie ge­nau die­se sich auf­stellt, das sein aber bis­her nicht ab­seh­bar. Im Ja­nu­ar wol­le er das The­ma an­ge­hen – nur wirk­lich aus­wan­dern, das kom­me für ihn nicht in­fra­ge. Je­na. Mit ei­nem Scheck in Hö­he von 36 Mil­lio­nen Eu­ro reis­te am Frei­tag Thü­rin­gens Wis­sen­schafts­mi­nis­ter Wolf­gang Tie­fen­see (SPD) in Je­na an. Es ist der För­der­be­scheid des Lan­des für den vor­erst letz­ten Bau­ab­schnitt des neu­en Uni­ver­si­tätsKIi­ni­kums in Je­na-Lo­be­da. Die Kos­ten für den so­ge­nann­ten Neu­bau A5 be­lau­fen sich ins­ge­samt auf rund 49 Mil­lio­nen Eu­ro.

Das Ge­bäu­de wird an der Stel­le er­rich­tet, wo bis­lang das al­te Kli­nik­ge­bäu­de stand. Im Ge­gen­satz zu den bis­her er­rich­te­ten Häu­sern in Lo­be­da kann erst zum Schluss mit dem Bau be­gon­nen wer­den, weil das Bau­feld noch nicht zur Ver­fü­gung stand. Im Som­mer soll das al­te Ge­bäu­de ab­ge­ris­sen sein und der Neu­bau be­gin­nen, der zwei Jah­re spä­ter voll­endet wird.

Der Neu­bau soll in­te­griert wer­den in die rings­um be­ste­hen­den Kom­ple­xe, al­so mit ih­nen auch di­rekt ver­bun­den sein. Auf sie­ben Ebe­nen wer­den sich in dem neu­en Ge­bäu­de 470 Räu­me be­fin­den. So ent­ste­hen hier ei­ne neue In­ten­siv­sta­ti­on für Herz­er­kran­kun­gen so­wie ei­ne neue Heim­statt für die Haut­kli­nik, ein Schlaf­la­bor und die Kli­ni­ken für Ger­ia­trie und Strah­len­the­ra­pie. Auch Räu­me für 66 Bet­ten der All­ge­mein­pfle­ge und der Ger­ia­trie so­wie für 28 Son­der­bet­ten sind ge­plant.

Tie­fen­see un­ter­zeich­ne­te ges­tern den Ver­trag zwi­schen dem Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Je­na und dem Ge­ne­ral­auf­trag­neh­mer des Bau­vor­ha­bens, der BAM Deutsch­land AG.

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