Un­glaub­lich und die pu­re Freu­de

Ostthüringer Zeitung (Eisenberg) - - Kultur & Freizeit - Andre­as Schott über Ris­se im Be­ton, Ir­ri­ta­tio­nen bei den Lin­ken und ver­sorg­te Au­gen

Er­eig­nis­reich war die Wo­che, und der Herbst hat sich auch schon mal ge­mel­det. Ris­se im Be­ton beim Neu­bau der Stadt­ro­da­er Münz­brü­cke sorg­ten für Auf­re­gung. Doch Ent­war­nung kam prompt von amt­li­cher Sei­te: Die Trag­fä­hig­keit sei zu hun­dert Pro­zent ge­währ­leis­tet, es han­de­le sich nur um ei­nen „op­ti­schen De­fekt“...

Hof­fent­lich han­delt es sich beim The­ma Bür­ger­bus Stadt­ro­da auch nur um ei­nen „op­ti­schen De­fekt“, wenn ei­ne Par­tei, in dem Fall Die Lin­ke, zur För­de­rung ei­nes Bür­ger­bus­ses ver­meint­lich un­ter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ver­tritt. So teil­te das von Mi­nis­te­rin Birgit Kel­ler (Lin­ke) ge­führ­te Mi­nis­te­ri­um für In­fra­struk­tur und Land­wirt­schaft mit, nur för­dern zu wol­len, wenn der ört­li­che Nah­ver­kehr und das Ta­xi­ge­wer­be kei­ne Ein­wän­de ha­ben. Letz­te­re ha­ben aber Ein­wän­de an­ge­mel­det.

Nun flüch­tet sich das Mi­nis­te­ri­um in ei­ne Bür­ger­bus­stu­die um die Rechts­la­ge zu er­kun­den. Ein Blick in be­nach­bar­te Bun­des­län­der, ein Tref­fen auf Mi­nis­ter­ebe­ne, wür­de viel­leicht auch schon hel­fen. Denn dort wer­den Bür­ger­bus­se schon seit Jah­ren be­trie­ben und ge­för­dert. Noch da­zu könn­te das Land Geld für die Stu­die spa­ren.

Da­ge­gen stellt sich der Lin­ken-Kreis­ver­band, al­so die Ba­sis, mit al­ler Kon­se­quenz hin­ter den Bür­ger­bus. Und das zu­recht, bin ich der Mei­nung. Denn die­ser ver­meint­lich „op­ti­sche De­fekt“, der sich durch un­ter­schied­li­che Stand­punk­te trotz glei­cher Par­tei­far­be zieht, muss rasch re­pa­riert wer­den. Seit über zwei Jah­ren ha­ben en­ga­giert eh­ren­amt­lich tä­ti­ge Men­schen mit Herz ein vor­zeig­ba­res Pro­jekt, das vor al­lem äl­te­re Men­schen dank­bar nut­zen, ins Lau­fen ge­bracht. Wenn das schei­tern soll­te, hät­te die Po­li­tik ein wei­te­res Glaub­wür­dig­keits­pro­blem. Und wer sich das zu nut­ze ma­chen wird...

In Hermsdorf wird man heu­te ein tie­fes Au­f­at­men hö­ren, weil es wie­der ei­nen Au­gen­arzt in der Stadt gibt. Um­ständ­li­che und lang­wie­ri­ge Fahr­ten mit dem Nah­ver­kehr ge­hö­ren für äl­te­re Herms­dor­fer Ein­woh­ner of­fen­bar der Ver­gan­gen­heit an. Denn jetzt wer­den die Au­gen fast vor der Haus­tür ver­sorgt. Sch­kö­len. Je­den Tag wer­den im Sch­kö­le­ner Bio­mas­se­kraft­werk 100 Ton­nen Holz ver­brannt – mit Hil­fe der so ge­won­ne­nen Wärme wird Dampf er­zeugt, der Tur­bi­nen an­treibt. Auf die­se Wei­se ent­steht ei­ne dau­er­haf­te Strom­leis­tung von 5,36 Me­ga­watt. Hin­zu kom­men 15 Me­ga­watt Wär­me­leis­tung, die gleich nach ne­ben­an zur Ge­mü­se­pro­duk­ti­on Sch­kö­len flie­ßen.

Mit ihr steht das BKS Bi­oKraft­werk Sch­kö­len Gm­bH qua­si in sym­bio­ti­scher Be­zie­hung. Für den To­ma­ten­an­bau ist es ga­ran­tiert im­mer warm ge­nug – und das Kraft­werk hat ei­nen Groß­ab­neh­mer für sei­ne Leis­tung.. Doch es gibt ei­nen Wer­muts­trop­fen: Das Holz für das Kraft­werk kommt über­wie­gend aus Sach­sen-An­halt. „Fast zu 100 Pro­zent“, wie Kraft­werksGe­schäfts­füh­rer Ma­rio Schweins­berg sagt.

Mehr ein­hei­mi­sches Holz wä­re wün­schens­wert

Ei­gent­lich soll­te auch des­halb Land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Birgit Kel­ler (Lin­ke) an­rei­sen, um sich die Sch­kö­le­ner Sym­bio­se ge­nau­er zu be­trach­ten. Weil die Mi­nis­te­rin er­krankt ist, hat sie nur zwei Ver­tre­ter ge­schickt, die die In­for­ma­tio­nen im Nord­os­ten des Frei­staa­tes auf­neh­men.

Wäh­rend­des­sen rat­tert ein Las­ter samt An­hän­ger auf das Ge­län­de und fährt fein säu­ber­lich auf ei­ne Lkw-Waage. Die Lie­fer­men­ge müs­se über­prüft wer­den, ehe die Stäm­me in den gro­ßen Häcks­ler wan­dern, der sich auf dem weit­räu­mi­gen Ge­län­de be­fin­det. Auf fünf Hekt­ar la­gern Tau­sen­de Stäm­me. „Wir nut­zen hier fast al­le Holz­ar­ten“, so Schweins­berg. Die Heiz­wer­te sei­en durch­aus un­ter­schied­lich – rech­net man al­ler­dings die Dich­te her­aus, dann fal­le der Un­ter­schied nicht mehr so auf.

Et­wa 40 000 Ton­nen Holz wer­den in Sch­kö­len für den Ei­gen­ver­brauch je­des Jahr ge­häck­selt, noch ein­mal et­wa die Hälf­te für an­de­re klei­ne­re Heiz­kraft­wer­ke in der Um­ge­bung. Ge­häck­selt wird das Holz, da­mit der Dampf­er­zeu­ger mit ho­mo­ge­nem Brenn­ma­te­ri­al ge­füt­tert wer­den kann – hier herr­schen im Feu­er 1000 Grad.

Kaum 100 Me­ter wei­ter kann man zwi­schen die lan­gen Ran­ken der To­ma­ten­pflan­zen an ein weiß la­ckier­tes Rohr grei­fen, das zwi­schen dem sat­ten Grün und Rot der Früch­te ent­lang­läuft. Es ist lau­warm – und auch die Um­ge­bungs­tem­pe­ra­tur liegt deut­lich über der au­ßer­halb des gro­ßen Glas­baus. 8,8 Hekt­ar Gr­und­flä­che hat das wohl größ­te Ge­wächs­haus Thü­rin­gens. Ge­pflanzt wird ab der ers­ten Ja­nu­ar-Wo­che, ge­ern­tet bis in den No­vem­ber hin­ein, er­läu­tert Stand­ort­lei­ter Thomas Hen­ni­ger.

Auf je­dem der 88 000 Qua­drat­me­ter wach­sen pro Jahr im Schnitt 56 Ki­lo­gramm To­ma­ten, sagt Lu­kas Scholz. Er ist Pro­ku­rist beim Ge­mü­se­ring Thü­rin­gen, zu dem das Sch­kö­le­ner Ge­wächs­haus ge­hört. Ge­lie­fert wer­den un­ter­schied­lichs­te Sor­ten je nach Nach­fra­ge. „Die hier sind für Kauf­land, die­se Rei­hen hier für Te­gut und da hinten für Rewe“, sagt Hen­ni­ger. Ge­ra­de wenn es nicht mehr warm drau­ßen ist, braucht es die Wärme aus dem Heiz­kraft­werk ne­ben­an. „Und wir sind sehr zu­frie­den da­mit“, lobt Scholz. Der Partner sei über­aus zu­ver­läs­sig.

Das mag da­her kom­men, dass das Heiz­kraft­werk ne­ben­an bis zu 8400 St­un­den im Jahr läuft – 8760 St­un­den wä­ren das gan­ze Jahr. Doch hin und wie­der muss ge­war­tet wer­den, er­klärt Ma­rio Schweins­berg in­mit­ten des oh­ren­be­täu­ben­den

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