Dem Ruf der Frem­de ge­folgt

Die neue Aus­stel­lung im Mu­se­um für Stadt­ge­schich­te in Neu­stadt be­fasst sich mit der Aus­wan­de­rung von Thü­rin­gern nach Ame­ri­ka

Ostthüringer Zeitung (Pößneck) - - Orlatal - Von The­re­sa Wahl

Neu­stadt. Den Auf­bruch ins Un­be­kann­te wag­ten Tau­sen­de Deut­sche im 19. Jahr­hun­dert, als sie die Rei­se über den Gro­ßen Teich an­tra­ten, um auf ei­nem frem­den Kon­ti­nent ein neu­es – und so ih­re Hoff­nung – bes­se­res Le­ben zu be­gin­nen. Ei­ne Aus­stel­lung mit dem Ti­tel „Le­be wohl Hei­mat. Ame­ri­ka ruft – Aus­wan­de­rung aus Thü­rin­gen nach Ame­ri­ka im 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert“, die am Don­ners­tag­abend im Mu­se­um für Stadt­ge­schich­te in Neu­stadt er­öff­net wur­de, be­schäf­tigt sich mit Thü­rin­gern, die ge­nau die­sen Rie­sen­schritt gin­gen. Die Wan­der­aus­stel­lung war auf An­re­gung von Schü­lern und Leh­rern des Or­la­ta­l­gym­na­si­ums nach Neu­stadt ge­holt wor­den.

„Die Aus­wan­de­rung nach Ame­ri­ka wur­de in sei­ner Um­fäng­lich­keit noch nicht für Thü­rin­gen un­ter­sucht. Wir ha­ben den ers­ten Ver­such ge­star­tet, das ganz­heit­lich zu er­for­schen“, er­klär­te Micha­el Ne­u­mann, Ge­schichts­leh­rer am Sal­zagym­na­si­um in Bad Lan­gen­sal­za, was den An­stoß gab, sich mit die­sem The­ma zu be­fas­sen. Nach drei Jah­ren For­schung, die Micha­el Ne­u­mann und sei­ne Schü­ler ge­mein­sam mit His­to­ri­kern der Fried­rich-schil­ler-uni­ver­si­tät Je­na un­ter der wis­sen­schaft­li­chen Lei­tung von Pro­fes­sor Jörg Nag­ler durch­ge­führt ha­ben, kön­nen die Er­geb­nis­se nun in der Schau be­trach­tet wer­den.

Auf 27 Ta­feln wer­den die da­ma­li­gen Ver­hält­nis­se in den Thü­rin­ger Staa­ten, die Be­weg­grün­de der Aus­wan­de­rer, die Stra­pa­zen auf der Rei­se so­wie die An­kunft in der Neu­en Welt mit Tex­ten, Gra­fi­ken, ak­tu­el­lem Zah­len­ma­te­ri­al und his­to­ri­schen Do­ku­men­ten aus ver­schie­de­nen Thü­rin­ger Ar­chi­ven dar­ge­legt. Dar­über hin­aus wer­den Ein­zel­schick­sa­le von Thü­rin­gern, die nach Ame­ri­ka gin­gen, vor­ge­stellt.

Aus­wer­tun­gen der Aus­wan­der­er­da­ten­bank, die in­ner­halb des For­schungs­pro­jek­tes an­ge­legt wur­de, er­ga­ben, dass mehr als 70.000 Men­schen aus Thü­rin­gen nach Ame­ri­ka aus­wan­der­ten. Dar­un­ter wa­ren et­wa 9000 Men­schen, die aus dem da­ma­li­gen Groß­her­zog­tum Sach­senwei­mar-ei­se­nach, zu dem Neu­stadt ge­hör­te, auf­bra­chen.

Auch im Stadt­ar­chiv von Neu­stadt wür­den Aus­wan­de­rungs­ak­ten lie­gen, die al­ler­dings bis­her noch nicht um­fas­send aus­ge­wer­tet wor­den sei­en. „Aber nach ers­ten Sich­tun­gen der Qu­el­len sind im 19. und 20. Jahr­hun­dert meh­re­re Hun­dert Neu­städ­ter aus­ge­wan­dert, da­von sind zir­ka 20, teils mit Fa­mi­li­en, nach Nord­ame­ri­ka emi­griert oder ha­ben zu­min­dest ei­nen An­trag ge­stellt. Und das sind nur die ak­ten­kund­lich über­lie­fer­ten“, er­klär­te der Neu­städ­ter Kul­tur­amts­lei­ter Ron­ny Schwal­be wäh­rend sei­ner Er­öff­nungs­re­de. Al­lein von 1849 bis 1858 sei­en im Neu­städ­ter Kreis­bo­ten Na­men von fast 800 Ein­woh­nern des Neu­städ­ter Krei­ses ver­öf­fent­lich wor­den, die nach Ame­ri­ka aus­wan­dern woll­ten, da­von et­wa 70 aus Neu­stadt, er­läu­ter­te er wei­ter. „Es steckt al­so auch noch viel Po­ten­zi­al dar­in, die­se Aus­stel­lung als An­schub zu nut­zen, neu­gie­rig Ver­glei­che zu zie­hen und das um­fang­rei­che Neu­städ­ter Ma­te­ri­al mit dem be­reits aus­ge­wer­te­ten in Be­zie­hung zu setz­ten“, so Schwal­be.

Neu­gier hat­te die Schau auch bei Katrin Ib­scher-rei­ßig ge­weckt, die Eng­lisch- und Ge­schichts­leh­re­rin an der Re­gel­schu­le Oppurg ist. Sie zähl­te zu den Be­su­chern am Er­öff­nungs­abend. „Das The­ma Aus­wan­de­rung fin­den Schü­ler im­mer sehr in­ter­es­sant. Au­ßer­dem ist Mi­gra­ti­on in den ver­gan­gen Jah­ren wie­der in den Vor­der­grund ge­rückt, da­her ist es wich­tig, ei­nen Blick dar­auf zu wer­fen, dass auch vie­le Deut­sche mal Mi­gran­ten wa­ren“, sag­te sie. So wür­de sie ger­ne die Mög­lich­keit nut­zen, die Aus­stel­lung mit ih­rer neun­ten Klas­se be­su­chen.

Dass Gleich­alt­ri­ge die Schau aus­ge­ar­bei­tet ha­ben, war für die Neu­städ­ter Schü­le­rin­nen Ame­lie Rei­ßig und Pia Poß­ner in­ter­es­sant. Das Er­geb­nis fan­den sie ge­lun­gen. „Es ist sehr an­schau­lich und viel­fäl­tig ge­stal­tet. So kommt man dem The­ma viel nä­her, als wenn man sich nur et­was durch­le­sen wür­de“, mein­te die 18-jäh­ri­ge Ame­lie Rei­ßig.

Der per­sön­li­che Be­zug zur Aus­wan­de­rung be­weg­te Dietrich Schweit­zer, zur Ver­nis­sa­ge zu kom­men. „Es sind vie­le aus mei­ner Ver­wandt­schaft nach Ame­ri­ka aus­ge­wan­dert. Sie ha­ben sich in Mi­chi­gan und Chi­ca­go an­ge­sie­delt“, sag­te er. Die dar­ge­brach­ten In­hal­te der Aus­stel­lung sei­en gründ­lich re­cher­chiert, Hin­ter­grün­de und Zu­sam­men­hän­ge gut dar­ge­stellt wor­den, be­fand der Neu­städ­ter.

Die Aus­stel­lung kann bis zum . Ja­nu­ar  be­sucht wer­den

Pia Poß­ner und Ame­lie Rei­ßig be­trach­ten ei­ne der Ta­feln, die ne­ben Ak­ten aus dem Neu­städ­ter Stadt­ar­chiv in der Aus­stel­lung zu se­hen sind (Bil­der oben). Micha­el Ne­u­mann gab den Be­su­chern Er­läu­te­run­gen zur Schau. Fo­tos (): The­re­sa Wahl

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