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Ostthüringer Zeitung (Rudolstadt) - - Kultur & Freizeit - Von Jens Voigt

Ho­hen­war­te/Ru­dol­stadt. Vier Grad Luft­tem­pe­ra­tur, ein eher trü­ber und win­di­ger Mor­gen am Ho­hen­war­te-Stau­see, aber die Män­ner der Be­reit­schafts­po­li­zei sind me­teo­ro­lo­gi­sche Un­bill ge­wohnt. Sie be­la­den ihr Alu­mi­ni­um­boot; Ka­bel, Mo­ni­tor, Tauch­ro­bo­ter. Fah­ren zur Stau­mau­er, die Ka­me­ra sen­det Bil­der aus 50, 60, schließ­lich fast 70 Me­tern Tie­fe, noch nie wa­ren Mensch oder Tech­nik so weit un­ten. Doch was sie su­chen, bleibt er­neut un­ge­se­hen: Von Herbert Alt­hans, Rent­ner aus Je­na mit Gar­ten in Ru­dol­stadt, fehlt im Was­ser je­de Spur.

Gut ein Jahr ist seit die­sem letz­ten Tauch­gang ver­gan­gen, die Ak­te Alt­hans, un­ge­fähr zwei Zen­ti­me­ter dick, hängt im obers­ten Fach ei­nes Stahl­schranks in der Ru­dol­städ­ter Cot­ta­stra­ße 41. Hier, im Zim­mer von Kri­mi­nal­haupt­meis­ter Hen­ry Hoff­mann, kom­men die Er­mitt­lun­gen zu Lang­zeit­ver­miss­ten zur vor­läu­fi­gen Abla­ge. Aber fast nie zum Ab­schluss.

Ei­ne De­fi­ni­ti­on, wann ge­nau aus ei­nem ver­schwun­de­nen Men­schen ein Lang­zeit­ver­miss­ter wird, gibt es nicht. „Wenn al­le ope­ra­ti­ven Ar­bei­ten, al­so Su­che, Fahn­dung, Be­fra­gun­gen und Da­ten­über­prü­fung ab­ge­schlos­sen sind und wei­te­re Mo­na­te oh­ne neue Er­kennt­nis­se blei­ben“, fasst Hoff­mann den Über­gang va­ge zu­sam­men. Je­der Fall sei an­ders.

Bei­spiels­wei­se schnell sei der Selbst­mord ei­nes 58-jäh­ri­gen Man­nes aus dem Land­kreis be­stä­tigt wor­den, der 2012 auf Mon­ta­ge in Russ­land und dort in den Fluss Oka ge­sprun­gen war. Hoff­mann blät­tert durch die Ak­te, die Aus­sa­gen von an­de­ren Mon­teu­ren und Mit­be­woh­nern, aber auch DNA-Spu­ren und auf­ge­fun­de­ne Zi­ga­ret­ten­kip­pen ver­sam­melt. „Erst­klas­si­ge Ar­beit von den rus­si­schen Kol­le­gen“, kom­men­tiert der Er­mitt­ler. Am Frei­tod des Mon­teurs ge­be es kei­ne ernst­haf­ten Zwei­fel. Doch so­lan­ge des­sen Leich­nam nicht ge­fun­den und zwei­fels­frei iden­ti­fi­ziert wor­den sei, blei­be die Ak­te of­fen.

So ge­schieht es auch im Fall Alt­hans, des­sen Ver­schwin­den die wohl längs­te und um­fang­reichs­te Such­ak­ti­on der letz­ten Jah­re im Land­kreis aus­lös­te. Hub­schrau­ber, Hun­de, Tau­cher und teils meh­re­re Zü­ge Be­reit­schafts­po­li­zei wa­ren im Ein­satz, ins­ge­samt neun­mal wur­de am

und im Stau­see ge­sucht. Erst mit dem letz­ten Ein­satz der Tauch­ro­bo­ter bis auf den Grund hin­un­ter war end­lich aus­zu­schlie­ßen, dass der Rent­ner in der Tal­sper­re liegt – je­den­falls nach al­lem, was die Er­mitt­ler über Strö­mungs­ver­hal­ten und Tem­pe­ra­tur­ver­hält­nis­se dort wis­sen. Und nun? Lau­fen die Er­mitt­lun­gen so­zu­sa­gen auf Stand-by. „Wenn es Sich­tun­gen des Man­nes ge­ben soll­te, Hin­wei­se dar­auf, dass er an Kon­ten her­an will oder Do­ku­men­te be­an­tragt, wird wei­ter er­mit­telt“, er­klärt Hoff­mann. Und na­tür­lich auch dann, wenn ir­gend­wo mensch­li­che Über­res­te ge­fun­den wer­den. Was gar nicht so sel­ten vor­kommt.

Vor ein paar Wo­chen et­wa war bei Son­ne­berg ein Schä­del im Bo­den ent­deckt wor­den, des­sen Ab­kunft aber re­la­tiv schnell zu klä­ren war: Gleich ne­ben­an be­fand sich ein Fried­hof. Wenn

ab­ge­lau­fe­ne Grä­ber be­räumt wer­den, kä­me es schon mal zu sol­chen „Ver­la­ge­run­gen“, sagt Hoff­mann. Des­glei­chen, wenn et­wa Ärz­te-Haus­hal­te auf­ge­löst wer­den und die Pa­tho­lo­gie-Tro­phäe aus Stu­di­en­zei­ten zur Ent­sor­gung an­steht. Ob­gleich al­so ziem­lich si­cher ist, dass der Schä­del vom Son­ne­ber­ger Fried­hof ei­nem dort Be­stat­te­ten ge­hört, ge­bie­tet das Aus­schluss­prin­zip der Er­mitt­lun­gen, des­sen DNA mit al­len in der Da­ten­bank des Lan­des­kri­mi­nal­am­tes ge­spei­cher­ten Spu­ren von Lang­zeit­ver­miss­ten zu ver­glei­chen – auch mit je­nen, die an Toi­let­ten­ar­ti­keln von Herbert Alt­hans und per Spei­chel­pro­be von des­sen Sohn ge­si­chert wur­den.

Von den 16 Fäl­len aus dem Land­kreis, die in Hoff­manns Stahl­schrank ru­hen, sind neun be­reits auf An­trag von An­ge­hö­ri­gen ge­richt­lich für tot er­klärt wor­den – le­ben in­des als of­fe­nes Ver­fah­ren fort. Auch wenn zum Bei­spiel bei ei­nem zwölf­jäh­ri­gen Mäd­chen, das 1951 na­he Unterwellenborn ver­schwand, kaum mehr Hoff­nung auf Klä­rung zu Leb­zei­ten be­ste­hen kann, erst recht nicht bei der Se­nio­rin, die seit 1996 ver­misst wird und in­zwi­schen 109 Jah­re alt wä­re. Aber ein Mord, der hin­ter dem Ver­schwin­den ste­cken könn­te, ver­jäh­re nun ein­mal nicht, er­klärt Hoff­mann. „Und auch Kin­der und Kin­des­kin­der ha­ben ei­nen An­spruch dar­auf zu wis­sen, ob und wie ein Le­ben zu En­de ge­gan­gen ist“, fin­det der 58jäh­ri­ge Kri­mi­nal­po­li­zist. Zu­mal es Fäl­le gibt wie den ei­ner Frau An­fang vier­zig, die nach der Ver­miss­ten­mel­dung noch ein­mal in Wi­en und spä­ter in Rom Au­tos mie­te­te und seit­her of­fen­bar ab­ge­taucht ist.

Nach rund vier­zig Jah­ren im Di­enst hat Hen­ry Hoff­mann, der auch für an­de­re un­na­tür­li­che To­des­fäl­le so­wie ent­las­se­ne Se­xu­al­straf­tä­ter zu­stän­dig ist, noch gut an­dert­halb Jah­re vor sich. Wie­der ge­fun­den wur­de, so­lan­ge er die Fäl­le be­treut, noch kein Lang­zeit­ver­miss­ter aus der Re­gi­on, und wahr­schein­lich kann Hoff­mann bis zum Ru­he­stand ganz gut dar­auf ver­zich­ten. To­te hat er ge­nug ge­se­hen.

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