Der sinn­lo­se Tod der Ju­lia Gru­ner

Zwei Ta­ge nach ih­rem . Ge­burts­tag wird ei­ne Frau in Kams­dorf an­ge­fah­ren – Zwei Wo­chen da­nach stirbt sie – Spu­ren­su­che im Le­ben ei­nes be­son­de­ren Men­schen

Ostthüringer Zeitung (Rudolstadt) - - Landkreis Saalfeld-rudolstadt - Von Tho­mas Spa­nier

Zwi­ckau/Kams­dorf. Dies ist die Ge­schich­te zwei­er be­son­de­rer Frau­en, die das Schick­sal mit­ein­an­der ver­bun­den hat. Die ei­ne möch­te Tier­ärz­tin wer­den, doch das Le­ben gibt ihr auf, Mut­ter zu sein mit Haut und Haar. Der an­de­ren ge­ben die Ärz­te, nach­dem sie auf der Welt ist, nur we­ni­ge Wo­chen zu le­ben. Sie kämpft sich durch, lä­chelt al­le Un­bill weg und stirbt schließ­lich mit 34, weil sie zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort war. Und weil sich ei­ne jun­ge Mut­ter aus Kams­dorf ans Lenk­rad ih­res Au­tos setz­te, nach­dem sie ih­ren Be­zie­hungs­frust in Al­ko­hol er­tränkt hat­te.

Chro­no­lo­gisch: Ar­ne, ein re­bel­li­sches Mäd­chen mit Jun­gen­na­me, wächst in den 1970er Jah­ren in ei­nem Dorf im thü­rin­gi­schen Teil des Vogt­lands auf. Der Va­ter ist Bau­er, die Mut­ter de­pres­siv. Nach der Schu­le be­ginnt sie ei­ne Aus­bil­dung in der Land­wirt­schaft, will spä­ter stu­die­ren. Als es in der Fa­mi­lie mal wie­der es­ka­liert, flieht sie in die Ar­me ei­nes Jun­gen. Sie wird schwan­ger, bringt mit 18 ein Kind zur Welt. Am 17. Ok­to­ber 1984 wird Ju­lia ge­bo­ren. Ar­nes Glück ist voll­kom­men, bis die Ärz­te ei­ne Wo­che nach der Ge­burt Ne­ben­ge­räu­sche am Her­zen ver­neh­men. Der klei­nen Ju­lia fehlt die Lun­gen­ar­te­rie, die Herz­schei­de­wand hat Lö­cher. Fünf Herz­feh­ler wer­den ins­ge­samt dia­gnos­ti­ziert. Die Le­bens­er­war­tung: ma­xi­mal ein Jahr.

Wäh­rend die Klei­ne in die Leip­zi­ger Uni­k­li­nik kommt, geht der Va­ter des Kin­des prag­ma­tisch an die Sa­che. „Lass uns ein neu­es Kind ma­chen!“sagt er. Doch Ar­ne hat sich längst in ihr Ba­by ver­liebt. Sie holt Ju­lia, ent­ge­gen dem ärzt­li­chen Rat, aus der Kli­nik, wo sie bis zum Hals in Ex­kre­men­ten lag, nach Hau­se, füt­tert sie müh­sam zwölf­mal am Tag und schmeißt den Va­ter des Kin­des schließ­lich raus. „Ab da hat sich al­les um Ju­lia ge­dreht“, sagt Ar­ne. „Mei­ne Auf­ga­be war es eben, Ju­li­as Ma­ma zu sein“. Das Kind ist nicht „krip­pen­fä­hig“, wie es im DDR-Be­hör­den­deutsch heißt. Sie wer­de nie lau­fen und spre­chen kön­nen, pro­gnos­ti­zie­ren die Ärz­te. Ar­ne und Ju­lia le­ben von Kin­der­geld und Pfle­ge­geld, mit vier Jah­ren be­kommt Ju­lia ei­ne Schwes­ter. Auch die Be­zie­hung zu Jo­sis Va­ter schei­tert, nun sind die Mä­dels zu dritt.

Ju­lia ist ein schwa­ches und zar­tes We­sen, aber im­mer hell­wach. Ihr Blut ist so dick, dass die Haut blau schim­mert. Im Win­ter braucht sie fünf Ano­raks, um nicht zu frie­ren. Sie muss je­de kör­per­li­che An­stren­gung mei­den, um­so mehr regt sich der Geist. Sie kann schon mit vier Jah­ren le­sen, „ein Sprach­ta­lent“, wie Ar­ne sagt. Be­vor sie 30 Jah­re spä­ter stirbt, hat sie sie­ben Spra­chen er­lernt.

Sie kommt in ei­ne Spe­zi­al­schu­le in der Nä­he ih­rer Hei­mat­stadt Zwi­ckau, mit klei­nen Klas­sen, fin­det Freun­de und Ge­fal­len am Lernen. Sie will wis­sen, was die Welt im In­ners­ten zu­sam­men­hält. „Ju­lia konn­te dir zu der Zeit die Ent­fer­nung zwi­schen Er­de und Mond auf­sa­gen, aber was ei­ne Sem­mel ge­kos­tet hat, wuss­te sie net“, sagt Ar­nes zwei­ter Mann, der das Mäd­chen bis zum zwölf­ten Le­bens­jahr auf den Schul­tern durch die Ge­gend trägt. Spä­ter schläft er im Au­to vor der Dis­ko, um das le­bens­lus­ti­ge Mäd­chen, das in­zwi­schen zum Gym­na­si­um geht, nach durch­t­anz­ter Nacht wie­der si­cher nach Hau­se zu brin­gen.

Als sie 16 ist, wird sie wie je­des Jahr am Herz­zen­trum in Leip­zig mit ei­nem Ka­the­ter un­ter­sucht. Die Me­di­zin hat Fort­schrit­te ge­macht. Der Pro­fes­sor fin­det Stümp­fe der Lun­gen­ar­te­rie und sieht die Chan­ce, Ju­lia ein nor­ma­les Le­ben zu er­mög­li­chen. Zwei Ope­ra­tio­nen lässt der Teen­ager über sich er­ge­hen, die zwei­te dau­ert 13 St­un­den. Sie be­kommt ei­ne künst­li­che Lun­gen­ar­te­rie, der Kreis­lauf wird re­gu­liert. Als sie auf­wacht, be­trach­tet sie als Ers­tes ih­re Fin­ger­nä­gel. Sie sind ro­sig statt blau. Noch auf der In­ten­siv­sta­ti­on hört sie „Rammstein“. Ein Lied der Band, „Son­ne“, wird spä­ter auf ih­rer Bei­set­zung ge­spielt wer­den.

Be­vor sie zum zwei­ten Mal ope­riert wird, ge­rät sie zu Pfings­ten 2001 in Leip­zig in das Wa­ve Go­tik Tref­fen, das größ­te Mu­sikund Kul­tur­fes­ti­val der Schwar­zen Sze­ne in Deutsch­land. Sie ist fas­zi­niert da­von. Ein paar Kla­mot­ten, Schmin­ke und Haar­far­be, schon ist sie nicht mehr das Mäd­chen mit dem Herz­feh­ler, auf das al­le Rück­sicht neh­men müs­sen, son­dern Teil ei­ner gro­ßen Be­we­gung. Es wird ihr Le­ben ver­än­dern. Ar­ne ist im­mer an ih­rer Sei­te.

2004, Ju­lia ist 19, lernt sie bei ei­nem klei­ne­ren Got­hic-Fes­ti­val ei­nen Saal­fel­der ken­nen. Andre­as L. ist 17 Jah­re äl­ter, er nimmt sie mit in sein Zelt. Mit dem Abitur­zeug­nis in der Hand, zieht sie aus dem Elf­ge­schos­ser in Zwi­ckau-Pla­nitz aus und zu ihm an die Saa­le. Sie wer­den ein Paar für die nächs­ten zehn Jah­re. Sie ge­nießt die neu ge­won­ne­ne Le­bens­qua­li­tät oh­ne Ein­schrän­kun­gen. An der Sa­belSchu­le macht sie fünf Be­rufs­ab­schlüs­se in drei Jah­ren, spä­ter kom­men noch zwei wei­te­re hin­zu. Sie kra­xelt auf 2000 Me­ter ho­he Ber­ge in Süd­ost­asi­en, will un­be­dingt im Stahl­werk Thü­rin­gen in Unterwellenborn ar­bei­ten. Schließ­lich be­kommt sie dort ei­ne Stel­le als Di­s­po­nen­tin im Leit­stand. Vier Schich­ten sind ihr ge­ra­de recht. „Wenn das Le­ben dir Zi­tro­nen gibt, mach Li­mo­na­de draus“, ist ihr Mot­to. Sie liebt das Le­ben, das ei­gent­lich längst vor­bei sein soll­te. Ar­ne schaut von Zwi­ckau aus zu. „Ich bin stolz auf mich, weil ich noch da bin. Und weil ich noch ich bin“, schreibt Ju­lia auf Face­book. Nie­mand kann es so nach­füh­len wie ih­re Mut­ter. Nach zehn Jah­ren trennt sich Ju­lia von Andre­as. Sie wa­ren in un­ter­schied­li­chen Le­bens­pha­sen.

Der Über­gang ist flie­ßend. Über den Mo­dell­sport­ver­ein lernt sie ei­nen Kams­dor­fer ken­nen, Mar­cus M.. Bei­de sind im Tier­schutz­ver­ein, mö­gen Kat­zen. Sie zieht zu ihm. Ju­lia be­treibt ne­ben­bei ein Nail-Art-Stu­dio, be­wirt­schaf­tet ei­nen Klein­gar­ten, er­nährt sich zum Teil ve­gan und be­schäf­tigt sich mit ei­ner Fort­bil­dung zur Tier­heil­prak­ti­ke­rin. Sie küm­mert sich um ver­letz­te Fle­der­mäu­se. „Bru­no“ist das jüngs­te Ex­em­plar. Ihm muss­te der rech­te Flü­gel am­pu­tiert wer­den, da­mit er nicht stirbt. Ju­lia Gru­ner packt ihn in ih­ren Mer­ce­des und bringt ihn ins Fle­der­maus­zen­trum nach Han­no­ver. Es ist der 17. Ok­to­ber 2018, ihr 34. Ge­burts­tag. Nach­dem „Bru­no“ver­sorgt ist, fährt sie zu ih­rem Freund, der in der Nä­he von Pa­der­born auf Lehr­gang ist. Zu­sam­men fah­ren sie am nächs­ten Tag nach Leip­zig, wo sein Au­to steht, und von dort ei­nen Tag spä­ter mit zwei Au­tos nach Hau­se nach Kams­dorf.

Ge­gen 21.30 Uhr kom­men sie Am Wei­dig an, ei­ner frisch sa­nier­ten Stra­ße mit Park­buch­ten zu bei­den Sei­ten. Ju­lia Gru­ner stellt ihr Au­to ab, holt vom Rück­sitz noch ein Kis­sen. Auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te steht Mar­cus M. an sei­nem Au­to. Er sieht zu, wie ein Da­cia sei­ne Frau er­wischt, den Mer­ce­des aus­hebt und mit vol­ler Ge­schwin­dig­keit wei­ter­fährt. In­stink­tiv rennt er dem Da­cia hin­ter­her, der in der Sack­gas­se Am Wei­dig ab­biegt. Er trifft ei­ne 38jäh­ri­ge An­woh­ne­rin, de­ren Sohn auf dem Bei­fah­rer­sitz hockt. Wäh­rend er die Un­fall­spu­ren an ih­rem Wa­gen sieht und den Al­ko­hol in ih­rem Atem riecht, be­strei­tet sie je­de Un­fall­be­tei­li­gung. Er nimmt sie mit zum Ort des Ge­sche­hens, wo sie zu­sam­men­bricht.

Die Po­li­zei stellt spä­ter ei­nen Wert von 1,95 Pro­mil­le Al­ko­hol bei der Un­fall­ver­ur­sa­che­rin fest. Be­zie­hungs­pro­ble­me sol­len der Aus­lö­ser ge­we­sen sein, wes­halb sich die Al­ten­pfle­ge­rin be­trank und da­nach ins Au­to setz­te. Brems­spu­ren gibt es am Un­fall­ort nicht.

Ju­lia Gru­ner kam mit dem Ret­tungs­dienst und star­ken Schmer­zen in die Thü­rin­genK­li­nik nach Saal­feld, wo man in der Not­auf­nah­me ei­nen Schien­bein­bruch und Ver­let­zun­gen im Rip­pen­be­reich dia­gnos­ti­zier­te. Acht Ta­ge spä­ter holt Mar­cus M. sei­ne Freun­din, die auf­grund di­ver­ser Er­eig­nis­se ei­ne Aver­si­on ge­gen Kran­ken­häu­ser hat, aus der Kli­nik in Saal­feld ab. Im­mer wie­der er­bricht sie die Schmerz­mit­tel, be­kommt drei Ta­ge spä­ter mas­si­ve ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me. In der Nacht zum 31. Ok­to­ber ruft er den Not­arzt. Mit ei­nem He­li­ko­pter wird Ju­lia ge­gen 7 Uhr von Saal­feld aus ins Herz­zen­trum nach Leip­zig ver­legt, wo sie kurz nach 11 Uhr ver­stirbt. Die ge­naue Ur­sa­che ih­res To­des ist Ge­gen­stand ge­richts­me­di­zi­ni­scher Gut­ach­ten.

Die Po­li­zei in Saal­feld er­mit­telt laut Pres­se­spre­che­rin Hei­di Son­nen­schmidt we­gen des Ver­dachts der fahr­läs­si­gen Tö­tung ge­gen die 38-jäh­ri­ge Un­fall­ver­ur­sa­che­rin. Es ste­hen noch Ver­neh­mun­gen an, die Fahr­zeu­ge sind be­reits un­ter­sucht. Auch ob bei der me­di­zi­ni­schen Be­hand­lung in der Thü­rin­gen-Kli­nik wo­mög­lich Feh­ler ge­macht wur­den, ist Ge­gen­stand der Un­ter­su­chun­gen. Ent­spre­chen­de Straf­an­zei­gen wur­den er­stat­tet.

Ar­ne D., die ih­re Toch­ter am vo­ri­gen Frei­tag in Zwi­ckau-Pla­nitz zu­sam­men mit 60 Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen, Freun­den, Be­kann­ten und Kol­le­gen zu Gr­a­be ge­tra­gen hat, wünscht sich, dass es zu ei­nem Pro­zess we­gen des Un­falls kommt. „Ich wür­de gern als Ne­ben­klä­ge­rin auf­tre­ten, um der Un­fall­ver­ur­sa­che­rin zu sa­gen, sie mö­ge um ih­res Kin­des Wil­len ihr Le­ben in den Griff krie­gen“, sagt die 53-Jäh­ri­ge. „Das hät­te Ju­le ge­wollt. Dann war es we­nigs­tens nicht um­sonst, dass sie ge­stor­ben ist“.

Sie ha­be 16 Jah­re lang da­mit ge­rech­net, dass mit ih­rer Toch­ter et­was Schlim­mes pas­siert – so wie die Ärz­te es pro­gnos­ti­zier­ten. Dass Ju­lia jetzt auf die­se Wei­se ums Le­ben kommt, sei ab­surd. Sie selbst kom­me sich vor, als ha­be sie jah­re­lang in der To­des­zel­le ge­ses­sen und sei dann be­gna­digt wor­den, um vor dem Ge­fäng­nis von ei­nem Fels­bro­cken er­schla­gen zu wer­den.

Was sie von ih­rer Toch­ter lernen kön­ne? „Kraft und Lebensfreude“, sagt Ar­ne. „Sie war der stärks­te Mensch, den ich ken­ne“.

Das Le­ben lie­ben, das vor­bei sein soll­te

Fo­tos (): Tho­mas Spa­nier

Bil­der von Ju­lia Gru­ner er­in­nern im Wohn­zim­mer ih­rer El­tern in Zwi­ckau an die le­bens­lus­ti­ge jun­ge Frau, die Op­fer ei­nes Ver­kehrs­un­falls in Kams­dorf wur­de und jetzt mit  Jah­ren ver­starb.

Die Un­fall­stel­le in der Kams­dor­fer Sied­lung. In der Park­bucht rechts hat­te Ju­lia Gru­ner ihr Au­to ab­ge­stellt. Als sie noch ein Kis­sen von der Rück­bank ho­len woll­te, wur­de sie von ei­nem Da­cia er­fasst.

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