Der Punkt auf dem „i“

Das Deut­sche Na­tio­nal­thea­ter Wei­mar kom­plet­tiert sei­nen Da-Pon­te-Zy­klus mit ei­ner se­mis­ze­ni­schen „Così fan tut­te“

Ostthüringer Zeitung (Stadtroda) - - Kultur & Freizeit - Von Joachim Lan­ge

Ein Opern­haus steht mit ei­nem kom­plet­ten Da-Pon­te-Zy­klus im Spiel­plan al­le­mal bes­ser da als oh­ne. Das Deut­sche Na­tio­nal­thea­ter Wei­mar be­gann mit ei­nem knal­lig bun­ten „Fi­ga­ro“, ließ dar­auf ei­nen nach­denk­li­chen „Don Gio­van­ni“fol­gen und kom­plet­tiert die­se Er­folgs­tri­as der Opern­ge­schich­te jetzt mit Ni­na Gühl­storffs „Così fan tut­te“-Ver­si­on. So un­ter­schied­lich die drei Ins­ze­nie­run­gen ge­wor­den sind: Ki­rill Ka­ra­b­its und die Staats­ka­pel­le Wei­mar sor­gen da­bei für den mu­si­ka­li­schen Zu­sam­men­hang und ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on Dra­ma­tik, Witz und Nach­denk­lich­keit.

Was den et­was skep­tisch ma­chen­den Zu­satz „se­mis­ze­nisch“be­trifft, so kann Ent­war­nung ge­ge­ben wer­den. Nicht nur, weil es – so der Opern­di­rek­tor – ei­ne dem rand­vol­len Spiel­plan ge­schul­de­te Aus­nah­me blei­ben wird. Son­dern auch, weil es sich eher als ein Ko­ket­tie­ren mit dem Zu­griff der Re­gie, als ein Ab­strich an der Qua­li­tät sei­ner sze­ni­schen Durch­drin­gung er­weist. Es be­ginnt aber tat­säch­lich wie ei­ne halb­s­ze­ni­sche Auf­füh­rung.Phi­lip Rub­ner hat die Büh­ne mit ei­ner kon­zert­üb­li­chen Holz­ver­klei­dung ver­se­hen. Es scheint nicht ganz fer­tig ge­wor­den zu sein, über dem Bo­den bau­meln Roh­re oder Ka­bel­ka­nä­le.

Der Auf­takt ist ei­ne Kon­zert­num­mer mit auf­ge­schla­ge­ner Par­ti­tur auf dem Pult vor der Na­se. Fer­ran­do und Gu­gliel­mo prei­sen ge­gen­über Don Al­fon­so die Treue ih­rer bei­den An­ge­be­te­ten Dor­a­bel­la und Fior­di­li­gi. Der zwei­felt das an und ver­führt sie zu ei­ner Wet­te, bei der die Frau­en ei­nem Treu­e­test aus­ge­setzt wer­den. Ver­klei­det als Frem­de, ver­füh­ren die ver­meint­li­chen Frem­den die Braut des je­weils an­de­ren. Al­fon­so ge­winnt die Wet­te. Die Frau­en sind eben al­le so. „Così fan tut­te“halt.

Doch es war wohl schon dem ge­nia­len Duo Mo­zart/Da Pon­te klar, dass das nur die hal­be Wahr­heit ist. Gühl­storff will auf die gan­ze Wahr­heit raus. Und da geht es um die Ver­wir­rung oder auch Wan­del­bar­keit der Ge­füh­le. Bei Frau­en und Män­nern. Was in vor­eman­zi­pa­to­ri­schen Zei­ten schon ein star­kes Stück ist.

De­spi­na bringt das auf den Punkt, wenn sie den letz­ten Buch­sta­ben bei dem „Così fan tut­te“aus­wischt, das Al­fon­so an die Wand ge­schrie­ben hat­te, um ihn am En­de voll­kom­men rich­tig durch ein „i“zu er­set­zen. „Co­si fan tut­ti“meint auch die Män­ner. Und genau das ist der Punkt auf dem „i“ei­ner ge­schei­ten „Così fan tut­te“-Ins­ze­nie­rung heu­te. Das Gan­ze ist aber nicht nur ziem­lich ge­scheit ge­dacht und mit Witz und Hin­ter­sinn auf der Büh­ne um­ge­setzt, es wird auch vor­züg­lich ge­sun­gen. Em­ma Moo­re ist ei­ne Fior­di­li­gi von im­po­san­ter Prä­senz und glas­kla­ren Hö­hen, Ami­ra El­mad­fa ih­re wun­der­bar be­weg­li­che Schwes­ter Dor­a­bel­la. Art­jom Ko­rot­kov setzt sei­nen fo­kus­sier­ten Te­nor als Fer­ran­do für sei­ne Wer­bung um Fior­di­li­gi ein, so wie der jun­gen­haf­te Hen­ry Neill mit sei­nem ge­schmei­di­gen Ba­ri­ton ziem­lich schnell bei Dor­a­bel­la Er­folg hat. Al­len Vie­ren ge­lin­gen dif­fe­ren­zier­te Cha­rak­ter­por­träts. Die Staats­ka­pel­le Wei­mar steu­ert mit hör­ba­rer Freu­de ei­nen fri­schen Mo­zart bei.

FO­TO: THO­MAS MÜLLER

Sze­nen­fo­to mit Micha­el Mro­sek (Don Al­fon­so), Hen­ry Neill (Gu­gliel­mo) und Ami­ra El­mad­fa (Dor­a­bel­la).

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