Fah­rer müs­sen Nacht auf der A 9 ver­brin­gen

Schnee­fall sorgt für Stau und ei­ne lan­ge Nacht auf der Au­to­bahn . Der Schlei­zer Stadt­brand­meis­ter über Ver­nunft und Lkw-Schnee­ket­ten

Ostthüringer Zeitung (Zeulenroda-Triebes) - - Erste Seite - Von Martin Lü­cke

Rie­sen-Stau und Zu­g­aus­fäl­le: Der Win­ter­ein­bruch hat den Ver­kehr in Ost­thü­rin­gen mas­siv be­ein­träch­tigt.

Herms­dorf/Ge­ra. Auf der A9 bei Herms­dorf hat­te sich ein zeit­wei­se rund 50 Ki­lo­me­ter lan­ger Stau auch ges­tern Mor­gen noch nicht voll­stän­dig auf­ge­löst. Die Fah­rer Dut­zen­der Last­wa­gen muss­ten die Nacht zu Don­ners­tag in ih­ren Fahr­zeu­gen auf der Au­to­bahn ver­brin­gen, wie ei­ne Spre­che­rin der Au­to­bahn­po­li­zei sag­te. Ein­satz­kräf­te des Tech­ni­schen Hilfs­werks und des Deut­schen Ro­ten Kreu­zes ver­teil­ten war­me De­cken und hei­ße Getränke. Zu den Ver­kehrs­be­hin­de­run­gen auf der A 9 war es am Mitt­woch ge­kom­men, weil Dut­zen­de Last­wa­gen an ei­ner Stei­gung ins Rut­schen ge­ra­ten wa­ren und da­nach quer stan­den. Der Stau ha­be sich ges­tern auch des­halb nur zö­ger­lich auf­ge­löst, weil vie­le Fah­rer erst hät­ten ge­weckt wer­den müs­sen, sag­te die Spre­che­rin.

Auch im re­gio­na­len Bahn­ver­kehr kam es zu wit­te­rungs­be­ding­ten Aus­fäl­len. So blieb ges­tern Mor­gen die Stre­cke zwi­schen Ge­ra und Je­na-Göschwitz ge­sperrt, wie ei­ne Spre­che­rin der Deut­schen Bahn sag­te. Grund da­für sei­en um­ge­stürz­te Bäu­me und ab­ge­bro­che­ne Äs­te auf ei­ni­gen Gleis­ab­schnit­ten. Nach An­ga­ben der Er­fur­ter Bahn muss­te auch die Stre­cke zwi­schen Zeu­len­ro­da-Trie­bes und Hof ge­sperrt wer­den.

Ein Funk­ge­rät knis­tert laut, der Schlei­zer Stadt­brand­meis­ter Ron­ny Schu­berth be­stä­tigt kurz die Ver­bin­dung und gibt An­wei­sun­gen durch, wie sei­ne Leu­te nun auch die letz­ten Aus­läu­fer des Rie­sen­staus auf der A 9 räu­men sol­len. Star­ker Schnee­fall und lie­gen­ge­blie­be­ne Last­wa­gen hat­ten seit Mitt­woch­abend Tei­le des Stre­cken­ab­schnitts zwi­schen Herms­dor­fer Kreuz und baye­ri­scher Lan­des­gren­ze lahm­ge­legt. Schu­berth sitzt im Ein­satz­fahr­zeug der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr Schleiz ir­gend­wo zwi­schen den An­schluss­stel­len Schleiz und Bad Lo­ben­stein. Seit dem frü­hen Don­ners­tag­mor­gen sind er und sei­ne Kol­le­gen so­wie das tech­ni­sche Hilfs­werk, die Au­to­bahn­po­li­zei und Stra­ßen­wär­ter im Ein­satz, um den im Zu­stän­dig­keits­be­reich der Schlei­zer Wehr et­wa 30 Ki­lo­me­ter lan­gen Stau auf­zu­lö­sen. „So, jetzt bin ich be­reit“, sagt Schu­berth. Für den er­fah­re­nen Feu­er­wehr-Ver­ant­wort­li­chen ist es nicht der ers­te Stau die­ser Art, da­her hat er ein paar Tipps für das Über­le­ben auf der Au­to­bahn im Win­ter. Ha­ben Sie ei­nen Stau die­ser Län­ge und Dau­er schon ein­mal er­lebt? Ja, wir ha­ben sol­che Staus schon ge­habt. Ich weiß nicht ge­nau, ob es das Jahr 2010 mit dem Schnee­bruch war, aber wir hat­ten auf un­se­rem Ab­schnitt der Au­to­bahn 9 auch schon ein­mal ei­nen 48-St­un­den-Stau. An­schei­nend blo­ckier­ten Last­wa­gen die Fahr­bahn. Wie kann das pas­sie­ren? Das Grund­pro­blem war das Wet­ter. Die Last­wa­gen ka­men ur­säch­lich an ei­nem Berg bei Trip­tis beid­sei­tig zum Ste­hen und lei­der sind mas­sen­haft Lkw auch auf die drit­te Spur ge­fah­ren und dort ste­cken ge­blie­ben. Da­mit ka­men we­der Pkw noch Rä­um­diens­te durch. Wenn dann ein­mal al­les steht und es wei­ter schneit, dann ist es halt vor­bei. Was kön­nen die Ein­satz­kräf­te da ma­chen? Die La­ge muss erst ein­mal im Zen­trum der Po­li­zei ana­ly­siert und er­kannt wer­den. Es nimmt et­was Zeit in An­spruch, bis klar ist, was los ist. Die Po­li­zei er­reicht in so ei­nem Fall auch nicht so schnell den Ort des Ge­sche­hens. Ge­gen 22 Uhr am Mitt­woch­abend lief der Ver­kehr im Be­reich Trip­tis ei­gent­lich wie­der. Aber dann stau­te es sich lei­der von der An­schluss­stel­le Dit­ters­dorf aus auf, und in die­sem Mo­ment ha­ben sich die Fah­rer schla­fen ge­legt. Das war das nächs­te grö­ße­re Pro­blem. Wie vie­le Fah­rer muss­ten durch Klop­fen ans Fens­ter ge­weckt wer­den? Hun­der­te. Es ist schwer ein­zu­schät­zen, denn die Po­li­zei hat ge­weckt, das THW, die Feu­er­wehr. Ei­gent­lich stand je­der Lkw mit aus­ge­schal­te­tem Licht da. Die Fah­rer schlie­fen. Das ist ein nor­ma­ler Vor­gang. Die Lk­wFah­rer ha­ben ih­re Lenk­zei­ten und die nut­zen ei­nen sol­chen Stau, um so­fort ih­re Kar­te zu ste­cken und zu schla­fen. Wie re­agie­ren die Men­schen nach ei­ner Nacht im Au­to auf die Ein­satz­kräf­te? Es gibt sehr un­ter­schied­li­che Re­ak­tio­nen. Ei­ner­seits wol­len man­che Fah­rer ei­ne ein­mal be­gon­ne­ne Pau­sen­zeit gern auch durch­zie­hen. Die be­schwe­ren sich dann, weil sie noch ei­ne Vier­tel­stun­de ste­hen blei­ben wol­len. An­de­re kom­men völ­lig über­mü­det aus ih­rer Ka­jü­te und wis­sen über­haupt nicht so rich­tig, wo sie sind. Es gibt aber auch vie­le, die mit Dau­men hoch den Ein­satz­kräf­ten si­gna­li­sie­ren: „Ey Leu­te, es ist toll, dass ihr das macht.“ Könn­ten sich Lkw-Fah­rer mit Schnee­ket­ten selbst hel­fen? Die we­nigs­ten ha­ben die­se Schnee­ket­ten und wir re­den von ganz an­de­ren Di­men­sio­nen. Das Pro­blem ist hier schlicht das ers­te Fahr­zeug. Wenn sich die Rä­der der ers­ten Fahr­zeu­ge nicht mehr dre­hen, kön­nen die da­hin­ter tun und las­sen, was sie wol­len. Dann geht es für nie­man­den mehr vor­wärts. Wie ist die Feu­er­wehr auf­ge­stellt, wenn jetzt ir­gend­wo ein Haus brennt? Wir ha­ben grund­sätz­lich für sol­che Ein­sät­ze nur ei­nen ge­rin­gen An­teil der Kräf­te ge­bun­den, weil wir na­tür­lich noch an­de­re Auf­ga­ben ha­ben. Die Feu­er­wehr Schleiz ist hier mit neun Mann vor Ort. Aber auch von ei­nem Stau geht ei­ne Ge­fahr für die Men­schen aus. Wir hat­ten über den Land­kreis an­ge­fan­gen ei­ne Stau­ver­sor­gung der Fest­sit­zen­den zu or­ga­ni­sie­ren, aber weil es dann wie­der an­roll­te, un­ter­blieb dies. Ei­ne Ver­sor­gung ist nur mög­lich, wenn der Stau ste­hen bleibt. Wenn wir die Fahr­zeu­ge in Be­we­gung brin­gen, wie in die­sem Fall seit früh in der Nacht, dann macht das kei­nen Sinn. Die Hel­fer er­rei­chen die Fahr­zeu­ge schließ­lich nur zu Fuß. Mei­ne Ka­me­ra­den ha­ben hier heu­te zum Teil schon zwi­schen 15 und 17 Ki­lo­me­ter hin­ter sich. Was soll­ten Ver­kehrs­teil­neh­mer im Win­ter un­be­dingt im Au­to ha­ben, wenn sol­ches Wet­ter er­war­tet wird? Grund­sätz­lich soll­ten sie erst ein­mal Ver­nunft im Au­to ha­ben. Als Zwei­tes auf je­den Fall aus­rei­chend Kraft­stoff. Wenn die Ge­fahr be­steht, dass es zu ei­nem Stau kommt, soll­te man nicht mit ei­nem Vier­tel­tank auf die Au­to­bahn fah­ren. Wir ha­ben heu­te ei­ni­ge be­tan­ken müs­sen. Zu­letzt soll­te man Din­ge da­bei ha­ben, die wär­men: ei­ne De­cke, hei­ße Getränke. Man muss sich ein Stück weit sel­ber ver­sor­gen, denn die Ver­kehrs­teil­neh­mer ha­ben kei­nen An­spruch, im Stau ver­sorgt zu wer­den. Wenn, dann ist es ei­ne Ges­te der Ret­tungs­kräf­te, die wie ich an­ge­deu­tet ha­be, or­ga­ni­sa­to­risch höchst schwie­rig ist.

FO­TO: JENS HEN­NING / DPA

Spä­ter Mitt­woch­abend an der An­schluss­stel­le Herms­dorf-Süd: Hier ste­hen die Lkw in Zwei­er­rei­he, wei­ter süd­lich wa­ren drei Fahr­bah­nen dicht.

FO­TO: MARTIN LÜ­CKE

Nur lang­sam lös­te sich der Stau im Lau­fe des Don­ners­tags auf. Ret­tungs­kräf­te er­reich­ten die Fahr­zeu­ge nur aus der Ge­gen­rich­tung.

FO­TO: PE­TER CISSEK Der Schlei­zer Stadt­brand­meis­ter Ron­ny Schu­berth.

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