Hartz-IV-Kür­zun­gen auf dem Prüf­stand

Ostthüringer Zeitung (Zeulenroda-Triebes) - - Erste Seite - Von An­ja Semmelroch

Am Bei­spiel ei­nes Falls aus Thü­rin­gen will das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt über die Grund­rech­te von Hartz-IV-Emp­fän­gern ent­schei­den. Mit ei­nem Ur­teil ist je­doch erst in ei­ni­gen Mo­na­ten zu rech­nen.

Hartz-IVEmp­fän­gern, die ih­re Pflich­ten ver­nach­läs­si­gen, wird auf Mo­na­te Geld ge­stri­chen – aber darf der Staat über­haupt Men­schen in Exis­tenz­not brin­gen, um Druck aus­zu­üben? Am mor­gi­gen Di­ens­tag nimmt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Leis­tungs­kür­zun­gen un­ter die Lu­pe, die im schlimms­ten Fall so weit ge­hen kön­nen, dass je­mand oh­ne Un­ter­stüt­zung da­steht. Zur Ver­hand­lung in Karls­ru­he wird Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD) er­war­tet. (Az. 1 BvL 7/16)

Die Über­prü­fung an­ge­sto­ßen hat das So­zi­al­ge­richt im thü­rin­gi­schen Go­tha. Die Rich­ter dort halten die Sank­tio­nen für ver­fas­sungs­wid­rig. Sie se­hen un­ter an­de­rem das vom Grund­ge­setz ga­ran­tier­te men­schen­wür­di­ge Exis­tenz­mi­ni­mum ver­letzt: Be­trof­fe­nen droh­ten Schul­den, Ob­dach­lo­sig­keit, Krank­heit und Hun­ger. Weil sie sich nicht ei­gen­mäch­tig über Ge­set­ze hin­weg­set­zen dür­fen, ha­ben sie ein Ver­fah­ren aus­ge­setzt, um die Vor­schrif­ten in Karls­ru­he vor­zu­le­gen. Der Ar­beits­lo­se, der in Go­tha ge­klagt hat, hat­te vom Job­cen­ter Er­furt ei­ne Stel­le als La­ger­ar­bei­ter an­ge­bo­ten be­kom­men. Er lehn­te ab, weil er lie­ber im Ver­kauf ar­bei­ten woll­te. Ei­nen Gut­schein über ei­ne Art Pro­be­prak­ti­kum in die­sem Be­reich ließ er spä­ter ver­fal­len. Das Job­cen­ter kürz­te ihm des­halb 2014 die mo­nat­li­che Grund­si­che­rung – erst um 30 Pro­zent um 117,30 Eu­ro, dann um 60 Pro­zent um 234,60 Eu­ro.

Hartz-IV-Emp­fän­ger sind ge­setz­lich ver­pflich­tet, sich ak­tiv um ein En­de ih­rer Hil­fe­be­dürf­tig­keit zu be­mü­hen. Kom­men sie dem oh­ne wich­ti­gen Grund nicht nach, dro­hen Leis­tungs­kür­zun­gen in meh­re­ren Stu­fen. Auch die Über­nah­me der Kos­ten für die Un­ter­kunft kann ge­stri­chen wer­den. Im äu­ßers­ten Fall fal­len sämt­li­che Leis­tun­gen weg. Jun­ge Men­schen un­ter 25 Jah­ren wer­den be­son­ders scharf sank­tio­niert. Al­lein 2017 ver­häng­ten die Job­cen­ter fast ei­ne Mil­li­on Sank­tio­nen. Da­von kann al­ler­dings mehr­fach die­sel­be Per­son be­trof­fen sein. In gut drei Vier­tel der Fäl­le hat­ten die Be­trof­fe­nen ei­nen Ter­min beim Job­cen­ter ver­säumt.

In der be­reits ver­öf­fent­lich­ten Ver­hand­lungs­glie­de­rung wer­fen die Rich­ter ei­ne Viel­zahl von Fra­gen auf. Bei­spiels­wei­se wol­len sie wis­sen, ob die Kin­der von Hartz-IV-Emp­fän­gern vor den Aus­wir­kun­gen der Leis­tungs­kür­zun­gen aus­rei­chend ge­schützt sind. Nach­fra­gen pro­vo­ziert auch, dass das Geld gleich für drei Mo­na­te ge­stri­chen wird auch wenn der Be­trof­fe­ne in­zwi­schen Bes­se­rung ge­lobt hat.

Heil sprach sich kurz vor Ver­hand­lungs­be­ginn für Ab­mil­de­run­gen bei den Hartz-IV-Sank­tio­nen aus. „Sank­tio­nen, die nicht hel­fen und Men­schen un­nö­tig ver­un­si­chern, soll­ten wir ab­schaf­fen. Ich bin et­wa da­für, dass man das Geld für die Woh­nung nicht mehr strei­chen kann“, sag­te er.

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