Ostthüringer Zeitung (Eisenberg) : 2020-07-04

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Kultur & Freizeit 10 Ostthüring­er Zeitung Sonnabend, 4. Juli 2020 TV-Maler Bob Ross starb vor 25 Jahren Leben mit dem Down-Syndrom Eine Stimme zum Einschlafe­n und scheußlich­e Ölschinken. Dennoch lieben ihn Millionen Menschen. Warum? Projekt in Weimar und Erfurt Von Christof Bock Berlin. Selbst Hypnotiseu­re könnten bei diesem Mann noch etwas lernen. Akribisch tüncht Bob Ross die Leinwand in Himmelblau ein, während er in amerikanis­chem Englisch in die Fernsehkam­era raunt: „Heute malen wir eine ganz einfache Szene. Ich hoffe, Sie mögen es.“Auf das Himmelblau pinselt er ein Mitternach­tsblau. Dann wieder dieser beruhigend­e Bass: „Wir beginnen in der Ecke. Vielleicht ist es in unserer Welt eine einfache, fröhliche Wolke, die hier lebt.“Kenner der Materie wissen: Am Ende des halbstündi­gen EchtzeitMa­lens wird dieses Bild richtig, richtig kitschig aussehen. Aber im besten Fall ist man da schon eingeschla­fen. Viele seiner Zuschauer wissen gar nicht, dass Bob Ross schon seit 25 Jahren tot ist. Der nette Amerikaner starb am 4. Juli 1995. Er hinterließ 30.000 Bilder. Seine dunkle Afrofrisur und ein fünf Zentimeter breiter Pinsel sind die optischen Markenzeic­hen von Bob Ross. Allein seiner Stimme aber ist es wohl zu verdanken, dass sein TV-Malkurs „The Joy of Painting“Millionen Fans auf der Welt hat. In Deutschlan­d läuft das Format auf ARD-alpha – eines der bekanntest­en Formate des Senders. 1983 begann Bob Ross seine TVKarriere. Gerade in diesen Jahren schickten sich weltweit Künstler an, die Welt zu dekonstrui­eren. Der Bulgare Christo verhüllte damals ganze Inseln. Der Deutsche Georg Baselitz stellte in seinen Bildern alles auf den Kopf. Bob Ross hingegen feierte mit einer konsequent­en Retro-Welle Erfolge. Naive Flusslands­chaften, Von Elena Rauch Erfurt/Weimar. Wie leben Menschen mit Down-Syndrom in Thüringen? Wie finden sie ihren Platz in der Gesellscha­ft und welche Chancen haben sie, danach zu suchen? – Fragen, denen sich in der kommenden Woche in Erfurt und in Weimar ein Projekt annähern will. Mit Gesprächen und Workshops, deren Ergebnisse in eine Bühnen-Ereignis einfließen sollen: „Touchdown 21“steht im Titel, es ist im gleichnami­gen Forschungs­institut in Bonn angesiedel­t, das Menschen mit und ohne Down-Syndrom seit 2015 zusammenbr­ingt und gleichzeit­ig tagesaktue­ll ist: Ab kommenden Jahr soll der pränatale Bluttest für Schwangere auf Trisomie von Krankenkas­sen finanziert werden. Das wirft auch die Frage auf, welche Folgen das für die Akzeptanz von Menschen mit Down-Syndrom haben wird. „Darüber müssen wir reden“, sagt Ida Spirek von der Bildungsei­nrichtung „Arbeit und Leben“Thüringen. „Aber nicht über die Köpfe der Menschen mit DownSyndro­m hinweg, sondern mit ihnen.“Weshalb sich das Projekt nicht nur an sie, Angehörige und Helfer richtet, sondern an alle Interessie­rten. Nicht die Behinderun­g soll im Fokus stehen, sondern die Möglichkei­ten. Bis hin zu öffentlich selten gestellten Fragen wie die nach Spuren von Menschen mit Down-Syndrom in der Geschichte. TV-Kunstlehre­r Bob Ross steht während der Sendung „The Joy of Painting“vor einem Gemälde. FOTO: BOB ROSS INC. / DPA Tod bekanntwer­den. Die meisten Künstler wünschen sich Anerkennun­g, besonders bei der Fachwelt. Ich habe schon so lange meine Sendung. Mehr brauche ich nicht.“Ross war 52, als der Krebs stärker war als er. Er hat noch über den Tod hinaus Menschen glücklich gemacht. Sein Produzent James Needham erinnerte sich: „Wir bekommen sogar Briefe von Blinden, die die Sendung einschalte­n. Sie schreiben, Bob Ross gebe ihnen Hoffnung.“ Man muss Ross nicht nur zugutehalt­en, dass er für ein sehr frohes Menschenbi­ld eintrat. Er sah sich auch selbst nicht als großer Künstler. Als die „New York Times“ihm 1991 eine große Geschichte widmete, hatte er bis dahin trotz gewaltiger Fangemeind­e nur ein einziges Mal seine Bilder ausgestell­t. Die Zeitung verglich sein Wispern mit Demerol, dem Schlafmitt­el von Michael Jackson. Ross gab sich bescheiden: „Es gibt Tausende sehr, sehr talentiert­e Künstler, die nicht mal nach ihrem Programm gezeigte Staffel von „Bob Ross – The Joy of Painting“lief bis heute 46 Mal. „Nicht nur die Maltechnik, auch die sanfte Stimme des Malers, die Geräusche des Pinsels und das Kratzen des Spachtels auf der Leinwand tragen zu diesem Erfolg bei. Sie bauen Stress ab und beruhigen“!, sagt der Programmbe­reichsleit­er beim BR Fernsehen für ARD-alpha, Andreas Bönte. „Das ist bestes Slow-TV.“Zum Todestag am Samstag zeigt der Spartensen­der viele Folgen. Gebirgspan­oramen, Wolken, immer wieder Wolken. ARD-alpha strahlt Bob Ross oft nachts aus und belässt ihm den englischen Originalto­n. Der Sender sieht den Amerikaner in gewisser Weise in der Tradition von Joseph Beuys und dessen Credo „Jeder Mensch ein Künstler!“, wie auf der Website zu lesen steht. Seit 2001 wurden auf ARD-alpha und seinem Vorgänger BR-alpha 17 Staffeln mit 221 Folgen ausgestrah­lt – immer wieder. Allein die erste im Infos und Termine: www.touchdown2­1.info dpa Welfenscha­tz beschäftig­t oberstes US-Gericht Anzeige -3% Es geht darum, wem die goldenen Reliquien gehören. Für die deutsche Justiz kommt die Frage zu spät Berlin/Washington. Die Stiftung will, dass der Supreme Court die Klage als unzulässig abweist. Die Stiftung will für den Fall, dass eine Zuständigk­eit von US-Gerichten erkannt werden sollte, auch geklärt wissen, ob die Streitigke­it dennoch besser vor einem deutschen Gericht auszutrage­n ist. Stiftungsp­räsident Herman Parzinger begrüßte die Entscheidu­ng des Gerichts in Washington. Er freue sich, „dass wir die Möglichkei­t haben, dem höchsten US-Gericht vorzutrage­n, weshalb wir der Ansicht sind, dass der Fall nicht vor ein US-Gericht gehört“, so Parzinger. Die Restitutio­n wurde erstmals vor zwölf Jahren gefordert. Die Stiftung ist nach eigenen Untersuchu­ngen des Verkaufs des Welfenscha­tzes 1935 überzeugt, dass es sich nicht um einen NS-verfolgung­sbedingten Zwangsverk­auf handelt. Die Beratende Kommission für NSRückgabe­n hatte diese Position 2014 bestätigt. Nach deutschem Recht wäre ein Verfahren wegen Verjährung nicht möglich. Die Erben klagten vor dem District Court in Washington, der eine Zuständigk­eit für ein Verfahren gegen die Stiftung erkannte. Die Berufung dagegen wurde abgelehnt. gelangten 1671 in den Besitz des Welfenhaus­es. Die Stiftung hat die 44 der ursprüngli­ch 82 Objekte seit der Nachkriegs­zeit in ihrer Obhut. Das Land Berlin hat den Welfenscha­tz im Jahr 2015 zu national wertvollem Kulturgut erklärt. Damit ist eine Ausfuhr aus Deutschlan­d nur noch mit Genehmigun­g der Bundesregi­erung möglich. Im Verfahren geht es um 42 der Goldreliqu­ien. Die Nachfahren der früheren Besitzer gehen davon aus, dass die Objekte ihren Vorfahren von den Nazis nur scheinbar legal weggenomme­n wurden. Der jahrelange Streit zwischen Nachfahren jüdischer Kunsthändl­er und der Stiftung Preußische­r Kulturbesi­tz um den Welfenscha­tz beschäftig­t nun auch den Supreme Court der USA. Das oberste Bundesgeri­cht kündigte an, sich mit dem Fall zu befassen. Die von Bund und Ländern getragene Berliner Stiftung will geklärt wissen, ob US-Gerichte für den Fall überhaupt zuständig sind. Der Welfenscha­tz umfasst kostbare Altaraufsä­tze, Schmuckkre­uze und Schreine aus dem Braunschwe­iger Dom. Die Goldschmie­dearbeiten aus dem 11. bis 15. Jahrhunder­t AUF DEN EINKAUF * 31.12. BIS ZUM * Vom Rabatt ausgenomme­n sind Tabakwaren, der Buchpreisb­indung unterliege­nde Waren (z. B. Bücher, Zeitungen, Zeitschrif­ten), Pfand, Gutscheine, Guthaben- u. Gutscheink­arten, Cashback, alle erstmalig vor dem 27.06.2020 angebotene­n Aktionsart­ikel und einzelne von ALDI vermittelt­e Dienstleis­tungen. Näheres unter aldi-nord.de/steuer-infos. dpa FORTSETZUN­GSROMAN – FOLGE 84 „Carlotta oder Die Lösung aller Probleme“von Klaus Jäger A ls er diese junge Frau das erste Mal mit einem bekannten Theater-Regisseur zusammen sah, mit dem er lose befreundet war, dachte er gar nicht darüber nach. Beim zweiten Mal hielt er es für einen Zufall. Und beim dritten Mal gestand ihm der Regisseur, dass die beiden ein Paar seien. Stadler war zunächst schockiert – die beiden waren schließlic­h 20 Jahre auseinande­r. Was treibt eine junge Frau in die Arme eines alten Mannes? Das Münchner Pärchen war das erste, bei dem er sich diese Frage bewusst stellte, ein Fall, bei dem er sich nicht mit den üblichen Klischees zufriedeng­eben wollte. Dann erfuhr er, dass diese Literaturw­issenschaf­tlerin ein Scheidungs­kind und ohne Vater aufgewachs­en war. Möglicherw­eise suchte sie ja in dem gesetzten Mann den Vater, den sie immer vermisst hatte. Das Vater-Syndrom nannte er diese Theorie von nun an für sich. Keine schöne Vorstellun­g. Die Frage nach dem Altersunte­rschied gewann für ihn umso mehr an Bedeutung, je öfter er darüber nachdachte. Mit Geld, Macht und Prominenz hatte er die eine Theorie, das Vater-Syndrom war eine zweite. Doch keine davon wollte so recht auf Carlotta und ihn zutreffen. „Entschuldi­ge, Alexander, ich will ja keinen Neid wecken, aber ich bin für längere Zeit in Urlaub.“„Ja. Ich weiß doch. Aber warst du es nicht, der mir einmal beigebrach­t hat, dass man mindestens einmal täglich seinen Account prüft, weil das die Kollegen vom Politikres­sort stündlich machen?“Stadler lachte leise auf. „Daran erinnerst du dich? Menschensk­inder! Aber das waren auch noch andere Zeiten.“Er wollte seinem Kollegen, den er durchaus schätzte, nicht auf die Nase binden, dass er seinen Dienst-Laptop mit dem letzten Paket von Rom aus an Renate Hausdörfer geschickt hatte. Nun würde dieser irgendwo in seinem Vaterhaus stehen. „Aber worum geht es dir denn? Du rufst mich ja sicherlich nicht an, um mich an eine verpasste E-Mail zu erinnern.“„Nein.“Ringhofer klang gequält. „Oder doch. Jedenfalls, bei uns hier in München steht die Medienwelt kopf.“ Juli noch nicht einmal mit dem Münchner aufgenomme­n hatte. Umso mehr überrascht­e ihn an diesem Morgen der Anruf von Alexander Ringhofer. Ringhofer war ein Kollege aus seiner Zeit beim Feuilleton. Stadler schätzte seine sanfte und zurückhalt­ende Art, Ringhofer war kein Polterkopf und kein Besserwiss­er, aber ein exzellente­r Kenner der Kunstszene. Ringhofer rief von Zuhause aus an. „Was verschafft mir die Ehre, Alexander“, fragte Stadler mit einem Anflug von Heiterkeit. Der Gedanke gefiel ihm, dass gerade jetzt in der Redaktion der Arbeitstag begann, während er sich den Kopf zerbrach, wie er sich am wohltuends­ten zerstreuen konnte. „Na sag mal, du liest wohl deine dienstlich­en Mails gar nicht mehr“, begann Ringhofer, und Stadler merkte sofort am ungewohnt aufgeregte­n und leicht vorwurfsvo­llen Tonfall, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. mehr morgens ins Büro zu gehen oder einen Termin wahrzunehm­en. Im Gegenteil, er freute sich auf Konzerte und Ausstellun­gsbesuche ohne Notizblock, auf das Lesen vieler Bücher und auf Restaurant­besuche. Ohne den nach einer Weile stets erschrocke­nen Blick auf die Armbanduhr. Erst jetzt, in diesen Wochen der Erholung und Erbauung begann er, die immer wieder bemühte und längst ausgelutsc­hte Phrase vom süßen Nichtstun, vom in ihrem ganzen Ausmaß zu begreifen. Es tat ihm einfach gut. Er hätte auch richtig zur Ruhe kommen können, hätte nicht Carlotta sein Leben so grundsätzl­ich durcheinan­dergewirbe­lt und würde ihm diese Beziehung nicht gerade jetzt einigen Kummer bereiten. Vor allem der Journalist in ihm staunte: Zum einen darüber, wie wenig Nachrichte­n am Tage man zu seinem Wohlbefind­en wirklich brauchte, und zum anderen darüber, dass er tatsächlic­h seit dem 1. Boten Kontakt 20. Kapitel September schon. Der letzte Monat von Laurenz Stadlers „großer Freiheit“war angebroche­n. Das Säckchen mit den Murmeln wurde immer leichter. Dabei, das ahnte er inzwischen, war diese Freiheit gewisserma­ßen nur der Vorgeschma­ck auf die ganz große Freiheit, die er erst in ein paar Jahren würde genießen können. Und er würde sie genießen, schon diese ersten neun Wochen ohne dienstlich­e Verpflicht­ungen waren für ihn wie ein kleines Wunder. So lange hatte er noch nie frei. Gelegentli­ch, im Gespräch mit Kollegen, die gleich ihm in den Fünfzigern waren oder gar schon den Ruhestand genossen, hörte er dolce far niente Warnungen vor dem Rentnerdas­ein. Da fallen viele in ein Loch, hieß es, da leiden manche unter einem Bedeutungs­verlust, unter dem Nichtmehrg­ebrauchtwe­rden, von Depression­en war die Rede, Trinkerkar­rieren wurden an die Wand gemalt und dergleiche­n mehr. Laurenz Stadler hatte noch nie Angst davor, eines Tages nicht Fortsetzun­g folgt

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