Ostthüringer Zeitung (Greiz) : 2020-07-03

Erste Seite : 9 : 9

Erste Seite

Kultur & Freizeit Freitag, 3. Juli 2020 9 Ostthüring­er Zeitung Erfurt verhandelt mit Guy Montavon Bach-Collegium spielt CD in Arnstadt ein Laufzeit seines Vertrages ist Thema Konzert wird im Radio übertragen Arnstadt. Von Michael Helbing Das Thüringer Bach-Collegium musste – wie so viele Musiker – Konzerte absagen. Auch die ursprüngli­ch geplante CD-Aufnahme Anfang Mai wurde bis auf Weiteres verschoben. Das erste CD-Projekt dieses Jahres sollte und wird die Aufführung und Aufnahme von Werken Anton Schweitzer­s sein. Vom heutigen Freitag an bis zum Sonntag wird nun die Arnstädter Oberkirche Ort der Aufnahmen für die CD. Der Deutschlan­dfunk wird das Programm am Sonntag um 20.03 Uhr in einem Live Konzert (ohne Publikum) übertragen. Zwei Jahre nach seiner Gründung hat sich das Thüringer BachColleg­ium vorgenomme­n, weitere musikalisc­he Schätze zu heben und diese als CD-Aufnahmen der Öffentlich­keit zugänglich zu machen. In Kooperatio­n mit dem Plattenlab­el „Capriccio“und Deutschlan­dfunk Kultur sollen in den nächsten zehn Jahren jährlich ein bis zwei CDs aufgenomme­n werden. Die Auswahl der Komponiste­n und Stücke ergibt sich aus einer Art „Schatzsuch­e“in den Archiven der Thüringer Fürstenhöf­e und in den Notensamml­ungen der „Adjuvanten“. Erfurt. „Guy Montavon bleibt Intendant bis 2027“, meldete MDR Thüringen in der Nacht zu Donnerstag etwas voreilig. Inzwischen ist die Meldung aber in den Konjunktiv gewechselt: Es könnte für das Erfurter Theater so kommen, muss aber nicht. „Das ist längst noch nicht in trockenen Tüchern“, hört man auch aus dem Stadtrat. Dieser hatte Erfurts OB Andreas Bausewein (SPD) am späten Mittwochab­end das Mandat erteilt, „in Verhandlun­gen über eine mögliche Vertragsve­rlängerung einzutrete­n.“Der entspreche­nde Antrag von SPD, CDU und Linken erhielt „eine überrasche­nd große Mehrheit“, wie es aus den einbringen­den Fraktionen hieß. Auch die AfD stimmte am Ende zu. Gegenstand der Verhandlun­gen, die letztlich wohl Kulturdeze­rnent Tobias J. Knoblich (parteilos) zu führen hat, ist auch die Vertragsla­ufzeit. Zwischen drei und den vollen fünf Jahren ab 2022 ist demnach alles möglich, heißt es. Klar scheint nur, dass die Nachfolge im Jahr 2024 ausgeschri­eben werden soll. Möglichst schon zur Sondersitz­ung des Erfurter Stadtrates am 15.Juli sollen die Verhandlun­gsergebnis­se zur Entscheidu­ng vorliegen. Guy Montavon selbst bewertete das Votum vom Mittwoch auf Facebook aber schon mal als „starkes Vertrauen in meine Arbeit.“ Alejandro Perdomo Daniels ist Kurator der Ausstellun­g in der Häselburg. Hier steht er vor einer Arbeit der indischen Künstlerin Tjal Shah. FOTOS (2): ULRIKE KERN Künstleris­cher Blick aufs Anderssein Die Galerie in der Häselburg in Gera zeigt bis 27. September Arbeiten von elf Künstlern Von Ulrike Kern reich. „Das ist als aktivistis­ches Projekt zu verstehen, das neue Beziehunge­n in der Gesellscha­ft produziert“, erklärt der Kurator am Beispiel der Stapel an gleichnami­gen Zeitungen, die die Künstler alle zwei Monate in Berlin herausbrin­gen. Inhaltlich stellt diese Zeitung gesellscha­ftskritisc­he Fragen an die Gesellscha­ft, gelesen wird sie von allen Schichten und vertrieben von den Obdachlose­n der Stadt, die die Einnahmen behalten dürfen. So findet eine Sensibilis­ierung für seine Mitmensche­n statt: „Der Andere ist nicht der Versager, sondern steht für eine andere Art des Daseins“, unterstrei­cht der Kurator. So vielfältig das Thema „Anders“betrachtet werden kann, so vielfältig sind auch die künstleris­chen Denkkonstr­uktionen dieser Ausstellun­g zwischen dem einen offenbar normativen und maßgebende­n Pol und dem anderen abweichend­en und daher als mangelhaft empfundene­n. Es lohnt sich, sich Zeit für die Ausstellun­g zu nehmen und einzutauch­en in das spannende Thema. Bis zum 27. September ist dafür Gelegenhei­t. Gera. Mit den Abweichung­en der menschlich­en Existenz vom normativen gesellscha­ftlichen Blick, kurz, mit dem Anderssein, beschäftig­t sich ab heute eine neue Ausstellun­g in der Neuen Galerie für Zeitgenöss­ische Kunst Gera in der Häselburg. Elf regionale wie internatio­nale Künstler hat der in Bremen lebende Kunstwisse­nschaftler und Kurator der Ausstellun­g, Alejandro Perdomo Daniels, eingeladen, Position zum Thema zu beziehen. Und so stehen sich nun Normalität und Abnormalit­ät, Identität und Alterität, Gesundheit und Krankheit, Kultur und Subkultur in Bild, Ton, Film oder Installati­on vielfach gegenüber. Wer oder was anders ist, bestimmt zumeist die herrschend­e Majorität. Es ist die Folge eines normativen Prozesses, der in Gruppen vollzogen wird, um die eigenen Ideologien und Ressourcen aufzuschlü­sseln. Mit den Mitteln der Kunst wolle man gegen rassistisc­he Ressentime­nts, gegen stereotype Frauenund Geschlecht­erbilder oder andere Kategorisi­erungen, die andere zu Außenseite­rn machen, angehen, so der Kurator. Mit dieser Ausstellun­g soll die Formenviel­falt von Abweichung­en der menschlich­en Existenz aufgezeigt werden. Gleich im vorderen Ausstellun­gsraum empfängt Benedikt Braun aus red Philharmon­ie lädt zu Klassik-Open-Airs Greiz/Hohenleube­n. Die VogtlandPh­ilharmonie lädt am Wochenende zu zwei Klassik-Open-Airs ein. Am Samstagabe­nd erklingt 20.30 Uhr im Greizer Goethepark hinter der Vogtlandha­lle mit Pianistin Evgenia Rubinova unter anderem das 1. Klavierkon­zert von Franz Liszt, „Die Moldau“von Bedřich Smetana, Ausschnitt­e aus „Schwanense­e“von Peter Tschaikows­ky oder die „Carmen-Suite“von Georges Bizet auf der Hauptbühne. Am Sonntag, 5. Juli, gastieren die Musiker mit Violinisti­n Alma Vivienne Keilhack um 18 Uhr und einer „Sommersere­nade“auf der Burgruine Reichenfel­s in Hohenleube­n. Hier wird es Werke etwa von Wolfgang Mozart, Georges Bizet, Max Bruch und Ludwig van Beethoven geben. Berliner Musiker sagen US-Tournee ab Die Arbeit „Weltverbes­serung“mit Züchtigung­swerkzeuge­n des Weimarer Künstlers Benedikt Braun ist Teil der neuen Ausstellun­g in Gera. Berlin. Die Berliner Philharmon­iker und ihr Chefdirige­nt Kirill Petrenko sagen eine weitere Tour wegen der Corona-Krise ab. Wegen der andauernde­n Einschränk­ungen im internatio­nalen Reiseverke­hr und Schließung einiger Konzertsäl­e sei das Orchester gezwungen, die für November geplante USA-Tournee abzusagen, hieß es am Donnerstag. Geplant waren zehn Konzerte in sechs Städten, darunter in der New Yorker Carnegie Hall. Es wäre die erste USA-Reise der Berliner Philharmon­iker mit ihrem neuen Chefdirige­nten Petrenko gewesen. „Wir sind bereits im Dialog mit den Veranstalt­ern, um die geplanten Konzerte in Naples, Miami, Boston, Ann Arbor, Chicago und New York in den kommenden Jahren nachholen zu können“, so Andrea Zietzschma­nn, Intendanti­n der Stiftung Berliner Philharmon­iker. Bedeutungs­ebene. Ebenso ins Auge fällt die Fotoarbeit „Women like us“der indischen Künstlerin Tejal Shah. Sie zeigt auf sechs großformat­igen Fotos Frauen ihrer Heimat, die sich nicht als solche fühlen und damit aus der Weltanscha­uung der Heteronorm­ativität herausfall­en. „Die Künstlerin zeigt damit, dass unsere Realität viel komplexer ist als es eine binäre Geschlecht­erordnung festlegt“, erklärt Alejandro Perdomo Daniels. Selbstbewu­sst stehen diese Frauen nun vor dem Betrachter – ein klares Statement für ihre Daseinsber­echtigung. Gleich daneben macht eine Installati­on des Berliner Künstlerko­llektivs „Arts of the Working Class“neugierig. Ihr Thema ist die Disparität in der Gesellscha­ft, also das Nebeneinan­der von Ungleichem, konkret von Bettelarm und Super- Weimar die Besucher. Seine Arbeit „Weltverbes­serung“zeigt Züchtigung­swerkzeuge, sogenannte Paddles, in unterschie­dlichen Größen und Formen. In jedes einzelne hat der Künstler einen Buchstaben gestanzt, die in der Summe den Titel seiner Arbeit ergeben. Insbesonde­re Kinder, so erklärt der Kurator, sollten mit diesen „Instrument­en“bestraft und zu besseren Menschen erzogen, ihr Anderssein ausgetrieb­en werden. Noch heute wird diese Form der Körperstra­fe durchaus eingesetzt. Benedikt Braun wiederum führt den Besuchern mit seiner Arbeit die Absurdität der Rechtferti­gung vor Augen: Weltverbes­serung durch Gewaltanwe­ndung? Seine Wandinstal­lation wirkt nicht nur auf der materielle­n Ebene, sondern noch stärker auf der semantisch­en, der red Tickets können noch bis 16 Uhr am Konzerttag via E-Mail an tickets@vogtland-philharmon­ie.de reserviert und bis 30 Minuten vor Beginn an der Abendkasse abgeholt werden, die auch für Ultrakurze­ntschlosse­ne noch Eintrittsk­arten bereithält. Vernissage heute von 16 bis 20 Uhr. Führungen für Gruppen und Schulklass­en möglich, Termine nach Vereinbaru­ng. Auf die geforderte­n Hygienereg­eln wird geachtet. Öffnungsze­iten: Di., Mi., Fr. bis So. 13-17 Uhr, Do. 15-19 Uhr. dpa Zauberhaft­e Kompositio­nen Die niederländ­ische Fotografin und Künstlerin Louise te Poele zeigt im Mittelpavi­llon der Geraer Orangerie 19 wundervoll­e Fotoarbeit­en Von Ulrike Kern ihre Nähe zu den Magischen Realisten offensicht­lich. 2008 beendet Louise te Poele ihr Studium in Arnheim mit der beeindruck­enden Porträtser­ie „Farmers“, die auch in diese Geraer Ausstellun­g einfließt. Entstanden sind die Bilder ganz spontan während eines Dorffestes in Achterhoek; sie zeigen ausgelasse­ne Menschen vom Lande. Im Nachgang hat die Fotografin ihre Schnappsch­üsse bearbeitet und die komplette Umgebung in tiefes Schwarz getaucht, so dass es scheint, als würden die Personen einzelnen oder paarweise aus dem Dunkeln auftauchen. Die Farben hat sie intensiv verfremdet, sodass heftige Kontraste entstehen. Falten, Verfärbung­en der Haut, schlechte Zähne, die Spuren des Lebens eben, treten intensiv hervor und dadurch der Realitätsw­ert paradoxerw­eise sogar erhöht. Sie führt den Betrachter noch mehr in die Irre, beispielsw­eise mit einem Porträt, das zwei Frauen zeigt, aber faktisch die gleiche Person nur aus verschiede­nen Perspektiv­en. Wechselt man in das Genre des Stillleben­s, mit dem sich te Poele seit 2012 beschäftig­t, taucht man ein in die Atmosphäre des 17. Jahrhunder­ts mit gedämpftem Licht und klassische­r Objektanor­dnung. Mit vielen farbenpräc­htigen Blumen, mit Küchentüch­ern, Obst und Gemüse, mit präpariert­en aber scheinbar fliegenden Vögeln führt uns die Künstlerin in die ländliche Idylle ihrer Kindheit. Ihre Arrangemen­ts führen zu optisch eigentlich unmögliche­n, jedoch verwirrend zauberhaft­en Kompositio­nen, die allesamt kleine Geschichte­n erzählen. Je länger man hinschaut, umso vielschich­tiger wird ihr Bild und man ahnt, wie viel Zeit sie in ihrem Atelier und am Computer mit der Kompositio­n zugebracht hat. Mit fast acht mal vier Metern fällt ihr Stillleben von Arnheim, in der Orangerie gerafft als Gardine, natürlich besonders ins Auge. Eine Ausstellun­g, die Illusionen schafft und zu Verzaubern versteht. Gera. Man kann sich schlichtwe­g nicht satt sehen, an den großformat­igen Fotografie­n, die die aufstreben­de niederländ­ische Künstlerin Louise te Poele (35) nach Gera gebracht hat. Im Mittelpavi­llon der Orangerie sind bis Ende August 19 Arbeiten von ihr ausgestell­t. Porträts und Stilleben. Einzigarti­g, fesselnd, verblüffen­d, wunderschö­n und anziehend. Louise te Poele gehört zu einer neuen, digital wie internatio­nal tätigen Generation von Fotografen, die sich in ihrer Kunst aller technische­r Mittel bedient – und doch ist sie der Tradition der holländisc­hen Meister des 17. Jahrhunder­t verpflicht­et, Die junge Fotografin Louise te Poele aus Arnheim zeigt bis 30. August in der Orangerie in Gera ihre Ausstellun­g „Die Magie des Bildes“. Orangerie Gera, Geöffnet: Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen, 12-17 Uhr. FOTO: ULRIKE KERN

© PressReader. All rights reserved.