Der Un­voll­ende­te

Seit Jah­ren ar­bei­tet CDU-Lan­des- und Frak­ti­ons­chef Mohring auf sein Ziel hin, Mi­nis­ter­prä­si­dent zu wer­den

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Thüringen - Von El­mar Ot­to

Er­furt.

Schmal ist er ge­wor­den. Mi­ke Mohring, der im Ju­ni be­kannt gab, den Krebs be­siegt zu ha­ben, hat enorm ab­ge­nom­men. Aber ein po­li­ti­sches Leicht­ge­wicht wird er nie sein.

Mohring sitzt im Raum der Lan­des­pres­se­kon­fe­renz im Thü­rin­ger Land­tag, der Hemd­kra­gen lo­cke­rer als frü­her, aber die dunk­len Haa­re dicht nach­ge­wach­sen. Es ist die ob­li­ga­to­ri­sche Be­fra­gung durch die Jour­na­lis­ten im Vor­feld der Par­la­ments­sit­zung im Sep­tem­ber, und man merkt dem CDU-Frak­ti­ons­chef an, dass er sein zen­tra­les Ziel nie aus den Au­gen ver­lo­ren hat: Der 47-Jäh­ri­ge will Mi­nis­ter­prä­si­dent wer­den.

Da­zu ge­hört die Atta­cke auf den po­li­ti­schen Geg­ner. Und die be­herrscht Mohring wie eh und je. Es geht um die Ab­schaf­fung der Stra­ßen­aus­bau­bei­trä­ge und der Christ­de­mo­krat pol­tert, die rot-rot-grü­ne Lan­des­re­gie­rung schaf­fe mit ih­rer No­vel­le nur „neue Un­ge­rech­tig­kei­ten“. Das sei „kein se­riö­ser Po­li­tik­an­satz“. Die Ko­ali­ti­on ha­be „Er­war­tun­gen ge­weckt, die sie nicht er­füllt“.

Es sind wohl ge­setz­te Na­del­sti­che. Mohring si­gna­li­siert da­mit: Die kön­nen es nicht, es ist Zeit für ei­nen Wech­sel. Auf den ar­bei­tet er seit Jah­ren hin. Die gut sie­ben Mo­na­te, die er sich ge­gen sei­ne le­bens­be­droh­li­che Krank­heit wehr­te, ha­ben zwar al­les in sei­nem Le­ben re­la­ti­viert, und sei­nen größ­ten Kampf hat er in die­sem Jahr schon ge­won­nen. Aber nun scheint er bei al­ler Ent­spannt- und Ge­las­sen­heit wie­der fo­kus­siert. Die Freu­de an der Kon­fron­ta­ti­on ist zu­rück und das po­li­ti­sche Ge­schäft be­greift er wie­der als das, was es für ihn auch im­mer ein we­nig war: ein Spiel – das er ge­win­nen will. Die­ser Leit­ge­dan­ke zieht sich be­harr­lich durch sei­ne Kar­rie­re.

Sein Ehr­geiz und sei­ne an­ge­bo­re­ne Rhe­to­rik lie­ßen den ge­bür­ti­gen Apol­da­er mit der Schü­ler­grup­pe des Neu­en Fo­rums im Herbst 1989 De­mons­tra­tio­nen or­ga­ni­sie­ren, zum Chef des Neu­en Fo­rums im Kreis auf­stei­gen und spä­ter in die CDU wech­seln. 1995 führ­te er die Kreis­tags­frak­ti­on, vier Jah­re spä­ter ge­lang ihm der Sprung in den Land­tag. Da­mals war er der zweit­jüngs­te in der Frak­ti­on und die Uni­on re­gier­te in Thü­rin­gen mit ab­so­lu­ter Mehr­heit. Mohring hat­te zwar sein Ju­ra-Stu­di­um zu die­ser Zeit nicht ab­ge­schlos­sen, aber das zü­gel­te nicht sei­nen Drang et­was be­we­gen zu wol­len. Schnell ver­schaff­te er sich bei alt­ge­dien­ten Par­la­men­ta­ri­ern Re­spekt, avan­cier­te zum fi­nanz­po­li­ti­schen Spre­cher. Mohring är­ger­te die ei­ge­nen Leu­te, in dem er ei­nen ri­gi­de­ren Spar­kurs ein­for­der­te. Das nerv­te die eta­blier­ten Kol­le­gen. Aber der da­ma­li­ge Mi­nis­ter­prä­si­dent Bern­hard Vo­gel (CDU) er­kann­te früh, das po­li­ti­sche Ta­lent des jun­gen Man­nes und för­der­te ihn.

Auch Vo­gels Nach­fol­ger als Re­gie­rungs- und Par­tei­chef, Die­ter Alt­haus (CDU), wuss­te um die Qua­li­tä­ten Mohrings. Im Jahr 2000 wur­de er Mit­glied im Lan­des­vor­stand, 2004 Ge­ne­ral­se­kre­tär, 2008 Frak­ti­ons­chef. Ei­gent­lich lief da­mals schon al­les auf Mohring als künf­ti­gen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten hin­aus. Alt­haus hät­te nach der Bun­des­tags­wahl 2013 ein Amt in Ber­lin an­neh­men sol­len. Doch dann mach­te 2009 Alt­haus‘ Ski­un­fall die­se Plä­ne zu­nich­te. Was folg­te war ein Wahl­de­ba­kel, Alt­haus trat zu­rück und Chris­ti­ne Lie­ber­knecht wur­de Re­gie­rungs­che­fin. Auch beim Rin­gen um den Par­tei­vor­sitz zog Mohring ge­gen Lie­ber­knecht den Kür­ze­ren. Für ihn blieb nur der Chef­pos­ten in der Frak­ti­on. Die führt er jetzt seit mehr als elf Jah­ren.

Wer Mohring kennt, weiß, dass die­ser Still­stand für ihn auch Rück­schritt be­deu­te­te. Des­halb sucht er sich an­de­re Spiel­wei­sen, macht an ei­ner pri­va­ten Uni­ver­si­tät sei­nen Ab­schluss in in­ter­na­tio­na­lem Wirt­schafts­und Steu­er­recht und pro­fi­liert sich auf der bun­des­po­li­ti­schen Büh­ne: wird 2005 Chef der Uni­ons­fi­nanz­po­li­ti­ker und 2013 Vor­sit­zen­der der Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den­kon­fe­renz. Sei­nen Sitz im Bun­des­vor­stand büßt er zeit­wei­lig wie­der ein, was auch dar­an ge­le­gen ha­ben dürf­te, dass er die Vor­sit­zen­de und Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel zu häu­fig at­ta­ckier­te. Ihr Kurs war Mohring von je her nicht kon­ser­va­tiv ge­nug.

2014 folgt die his­to­ri­sche Zä­sur. Die CDU er­lei­det ei­ne schmerz­li­che Wahl­nie­der­la­ge. Mohring flir­tet kurz mit der AfD, um viel­leicht doch noch Mi­nis­ter­prä­si­dent zu wer­den – ent­ge­gen der An­sa­gen der Bun­des­par­tei. Aber nach 24 Jah­ren, in de­nen die Uni­on in Thü­rin­gen stets mit re­gier­te, muss sie sich schließ­lich erst­mals mit der Op­po­si­ti­ons­rol­le be­gnü­gen. Doch aus­ge­rech­net das fes­tigt am En­de Mohrings Vor­herr­schaft in der Lan­des­par­tei.

Zwar ist es schwer, das Image des Spie­lers ab­zu­schüt­teln. Nicht sel­ten wird da­mit von Kon­kur­ren­ten sei­ne cha­rak­ter­li­che Eig­nung für das Amt des Lan­des­va­ters in Zwei­fel ge­zo­gen. Auch sein aus­ge­präg­tes Ego und der wei­ter­hin man­gel­haft aus­ge­präg­te Mann­schafts­geist blei­ben ein The­ma. Aber mit dem ehe­ma­li­gen Land­tags­prä­si­den­ten Chris­ti­an Ca­ri­us hat zu­letzt ei­ner sei­ner größ­ten po­li­ti­schen Wi­der­sa­cher frus­triert der frei­staat­li­chen Po­li­tik den Rü­cken ge­kehrt und ist in die Pri­vat­wirt­schaft ge­wech­selt. Kri­ti­ker wie den Vor­sit­zen­den der Jun­gen Uni­on, Ste­fan Gruh­ner, hat er als Chef der Par­tei­pro­gramm­kom­mis­si­on für die Land­tags­wahl mit ein­ge­bun­den. Oder sie ha­ben sich wie der Wirt­schafts­po­li­ti­ker Ma­rio Voigt als Pro­fes­sor für di­gi­ta­le Trans­for­ma­ti­on und Po­li­tik ne­ben dem Man­dat neue Be­tä­ti­gungs­fel­der ge­sucht.

Seit 2014 steht Mohring un­an­ge­foch­ten an der Spit­ze der Lan­des­par­tei. Im Mai wird er mit mehr als 90 Pro­zent zum Spit­zen­kan­di­da­ten ge­wählt. Das liegt nicht un­be­dingt in ers­ter Li­nie dar­an, dass er al­le Zweif­ler über­zeu­gen konn­te. Viel­mehr wis­sen auch je­ne, die Vor­be­hal­te ha­ben, dass Ge­schlos­sen­heit wich­tig ist. Schließ­lich schrickt den Wäh­ler kaum et­was mehr ab als of­fen aus­ge­tra­ge­ner in­ner­par­tei­li­cher Streit.

Mitt­ler­wei­le hat es Mohring bis ins CDU-Prä­si­di­um ge­schafft, den engs­ten Füh­rungs­zir­kel der Bun­des­par­tei. Die­se wich­ti­ge Po­si­ti­on und das Of­fen­ba­ren sei­ner Krebs­er­kran­kung ha­ben sei­nen Be­kannt­heits­grad in die Hö­he schnel­len las­sen. Er ist ge­frag­ter Ge­sprächs­part­ner in bun­des­deut­schen Talk­shows. Das hat sei­ne Beliebthei­t ge­stei­gert, aber nicht in dem Ma­ße, dass er es mit dem lin­ken Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Bo­do Ra­me­low auf­neh­men könn­te.

En­de Au­gust lan­det Mohring bei der Fra­ge, wie zu­frie­den die Thü­rin­ger mit sei­ner Ar­beit sind, so­gar nur auf Rang vier. Auch bei ei­ner Di­rekt­wahl hät­te Ra­me­low mit 49 Pro­zent ge­gen­über Mohring mit 29 Pro­zent die Na­se deut­lich vorn. Zu­dem könn­te ihm ein Ko­ali­ti­ons­part­ner feh­len: Die AfD schei­det aus. Bei der ko­ali­ti­ons­wil­li­gen FDP ist nicht si­cher, ob sie den Sprung über die Fünf-Pro­zen­tHür­de schafft. Und SPD und Grü­ne wür­den lie­ber Rot-Ro­tG­rün fort­set­zen.

Mohring will die CDU bei der Land­tags­wahl am 27. Ok­to­ber wie­der zur stärks­ten po­li­ti­schen Kraft im Frei­staat ma­chen. Aber den De­mo­sko­pen zu­fol­ge könn­te sei­ne Par­tei auch auf Platz zwei oder drei lan­den. Die jüngs­ten Wah­len in Sach­sen und Bran­den­burg ha­ben nicht ge­ra­de für Rü­cken­wind ge­sorgt.

Er brau­che Po­li­tik nicht mehr, um sich et­was zu be­wei­sen, sag­te Mohring vor ei­ni­gen Wo­chen. „Ich ha­be mein Le­ben zu­rück­ge­won­nen.“Es ist ein Satz der zeigt, dass sich sei­ne Prio­ri­tä­ten ver­scho­ben ha­ben. Er zeigt aber auch: Der eins­ti­ge Heiß­sporn hat ei­ne Ent­wick­lung durch­lau­fen. Ei­gent­lich wä­re da­mit die Zeit reif, um den Chef­ses­sel in der Staats­kanz­lei zu über­neh­men. Ge­lingt das nicht, wür­de Mohring da­mit leich­ter fer­tig wer­den als noch vor ei­nem Jahr. Aber sei­ne Mis­si­on blie­be da­mit vor­erst un­voll­endet. ■ Wir por­trä­tie­ren in die­ser Se­rie die Spit­zen­kan­di­da­ten der nach den Um­fra­gen gro­ßen drei Par­tei­en. Nächs­te Wo­che stel­len wir Björn Hö­cke vor, da­nach Bo­do Ra­me­low. Im Ok­to­ber plant die OTZ ei­ne gro­ße In­ter­view-Se­rie mit den Spit­zen­kan­di­da­ten von Lin­ke, CDU, AfD, Grü­nen, SPD und FDP zu ih­ren Vor­ha­ben in Ost­thü­rin­gen.

FO­TO: MAR­TIN SCHUTT/DPA

Mi­ke Mohring be­such­te wäh­rend sei­ner Som­mer­tour Blan­ken­hain (Wei­ma­rer Land). Als CDU-Spit­zen­kan­di­dat will er sei­ne Par­tei wie­der zur stärks­ten Kraft in Thü­rin­gen ma­chen.

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