Das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis Thü­rin­gens

Edi­tio­nen­por­tal an der Uni­ver­si­täts- und Lan­des­bi­blio­thek frei­ge­schal­tet. Für gro­ße For­schungs­do­ku­men­ta­tio­nen und klei­ne Ver­ei­ne ge­eig­net

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Thüringen - Von Tho­mas Stridde ■ www.thulb.uni-je­na.de

Je­na.

„Ganz schön haa­rig im Ton­fall, was ich hier so ge­le­sen ha­be!“– Micha­el Lör­zer, der kom­mis­sa­ri­sche Di­rek­tor der Thü­rin­ger Uni­ver­si­täts- und Lan­des­bi­blio­thek ThULB, hat so­eben wäh­rend des Zei­tungs­ge­sprächs ne­ben­bei Ori­gi­nal-Brie­fe von Zeiss-Mit­be­grün­der Ernst Ab­be auf den Bild­schirm ge­ru­fen. Die­se Schrift­stü­cke von Ab­be und Carl Zeiß sind als Samm­lung ein Bei­spiel für die ers­ten An­ge­bo­te des „Edi­tio­nen­por­tals Thü­rin­gen“, das in die­sen Ta­gen frei­ge­schal­tet wor­den ist.

Das On­li­ne-Platt­form-Pro­jekt ist seit 2017 – ge­för­dert durch die Staats­kanz­lei des Frei­staats -- un­ter Fe­der­füh­rung des His­to­ri­schen In­sti­tuts der Uni er­ar­bei­tet wor­den; für Ent­wick­lung und Be­trieb des Por­tals ist die ThULB ver­ant­wort­lich. Die Form, wie hier his­to­ri­sche Qu­el­le­ne­di­tio­nen prä­sen­tiert und ver­netzt wer­den, das sei „in Deutsch­land ein­ma­lig“, sagt Micha­el Lör­zer. Zu den wei­te­ren ers­ten Edi­tio­nen ge­hö­ren bei­spiels­wei­se auch die „Er­fur­ter Chro­nik“, das „Jena­er Mar­ty­ro­lo­gi­um“oder Rei­se­ta­ge­buchDo­ku­men­te zum Her­ba­ri­um Haus­knecht. Wie Micha­el Lör­zer und Pro­jekt-Ko­or­di­na­tor Mar­tin Prell vom His­to­ri­schen In­sti­tut er­läu­tern, fin­den po­ten­zi­ell aber nicht nur gro­ße wis­sen­schaft­li­che Do­ku­men­ta­tio­nen Platz auf dem Por­tal, son­dern auch Edi­tio­nen von Ein­rich­tun­gen mit klei­nem Be­stand. „Al­so auch dem klei­nen Ver­ein, der sagt, wir ha­ben da ei­nen Schatz, dem stel­len wir die Platt­form zur Ver­fü­gung“, sagt Micha­el Lör­zer. Bei­spiel: Die Fuchs­turm­ge­sell­schaft sei eben­so will­kom­men, so sie ih­re Do­ku­men­te ein­brin­gen woll­te.

Da­bei ste­he den In­ter­es­sen­ten nicht nur das Por­tal an sich zur Ver­fü­gung, es sei­en auch al­le Tools – al­so al­le di­gi­ta­len Werk­zeu­ge – ver­füg­bar, um das Ein­pfle­gen ins Sys­tem ab­zu­neh­men. Es müss­ten le­dig­lich die Do­ku­men­te im Word-For­mat nie­der­ge­schrie­ben wer­den; „wir di­gi­ta­li­sie­ren das dann“, sagt Micha­el Lör­zer. Ja, es ge­be be­stimm­te nö­ti­ge Struk­tu­ren für die Word-Do­ku­men­te. „Das ma­chen wir aber al­les, oh­ne die Leu­te mit Vor­ga­ben zu gän­geln“, wie Mar­tin Prell sagt.

Kurz­um: Es sei wich­tig zu wis­sen, dass nicht nur Me­t­a­da­ten sicht­bar wer­den, son­dern Voll­tex­te und da­zu im­mer die Tran­skrip­ti­on al­ter Hand­schrif­ten in laut­ge­rech­te Latein­schrift. Zum Ein­satz kommt zum Bei­spiel ein Web-Ser­vice für die au­to­ma­ti­sier­te Hand­schrif­ten-Er­ken­nung. Nach Micha­el Lör­zers Wor­ten ist ak­tu­ell mit der Auf­nah­me von elf wei­te­ren Edi­ti­ons­pro­jek­ten auf das Por­tal zu rech­nen, die noch zwi­schen „Be­an­tra­gung und Ab­schluss“schwe­ben.

Ein Pro­jekt, des­sen För­de­rung bei der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft DFG be­an­tragt ist, dreht sich bei­spiels­wei­se um 1000 Brie­fe, die deut­sche Ame­ri­ka-Aus­wan­de­rer zwi­schen dem 19. und 21. Jahr­hun­dert ge­schrie­ben ha­ben und nun bei der For­schungs­bi­blio­thek Go­tha Di­rek­tor Micha­el Lör­zer

auf­be­wahrt wer­den. Part­ner der Gotha­er in Wa­shing­ton D.C. ha­ben Brie­fe aus der Ge­gen­rich­tung ge­sam­melt.

In die­sem Zu­sam­men­hang macht Micha­el Lör­zer auf das In­ter­es­se der Por­tal-Ver­wal­tung an „Lai­en-Wis­sen­schaft­lern“ auf­merk­sam – Men­schen, die et­wa als Pen­sio­nä­re geis­tig fit blei­ben wol­len und al­te Schrif­ten ent­zif­fern hel­fen. Lör­zer: „Sol­che Leu­te sind Gold wert.“

Und wel­che Stär­ken hat das Por­tal ge­gen­über den be­kann­ten Such­ma­schi­nen? Es sei­en Qu­el­len ver­füg­bar, auf die Goog­le nicht zu­grei­fen kön­ne – eben das „Thü­rin­ger Ge­dächt­nis“, wie Mar­tin Prell sagt. „Ich kann ge­zielt su­chen. Und ich ha­be nicht so viel Bei­fang.“

Für Mar­tin Prell bie­tet das Por­tal „die Rie­sen­chan­ce, auf Be­stän­de auf­merk­sam zu ma­chen“, zu­mal doch im­mer mehr dies gel­te: Was on­li­ne nicht auf­find­bar ist, exis­tiert nicht.

Und ja, ge­gen den Zwei­fel des Nut­zers an der prä­sen­tier­ten Edi­ti­on ist nach Micha­el Lör­zers Be­schrei­bung die Au­then­ti­zi­tät ge­setzt: Dem tran­skri­bier­ten Text sei im­mer das Di­gi­ta­li­sat der Ur-Schrift ge­gen­über­ge­stellt.

FO­TOS (): THO­MAS STRIDDE/THULB

Bei­spiel für das Edi­tio­nen­por­tal Thü­rin­gen, wie es für Nut­zer auf dem Bild­schirm sicht­bar wird: die Ta­ge­bü­cher des Bo­ta­ni­kers Carl Haus­knecht, die er wäh­rend zwei­er Rei­sen durch das Os­ma­ni­sche Reich und Per­si­en ver­fass­te.

Pro­jekt­lei­ter Mar­tin Prell

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