Kommt die Br­ex­it-Wen­de in letz­ter Mi­nu­te?

EU-Kom­mis­si­ons­chef Juncker und der bri­ti­sche Pre­mier John­son wol­len sich über­ra­schend tref­fen – doch in Brüs­sel wächst die Frus­tra­ti­on

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Politik - Von Chris­ti­an Kerl

Lon­don/Brüs­sel.

Neue Ent­wick­lung im Br­ex­it-Streit: Lenkt der bri­ti­sche Pre­mier Bo­ris John­son doch noch ein, um ei­ne Ver­stän­di­gung mit der EU über den Aus­tritts­ver­trag zu er­rei­chen und den Cha­os-Br­ex­it am 31. Ok­to­ber zu ver­hin­dern? Bri­ti­schen Di­plo­ma­ten zu­fol­ge be­rei­tet John­son ei­ne Kom­pro­miss-Of­fen­si­ve in Brüs­sel vor.

Sie soll al­ler­dings erst kurz vor oder nach dem Par­tei­tag sei­ner kon­ser­va­ti­ven To­ry-Par­tei be­gin­nen, der für den 30. Sep­tem­ber bis 2. Ok­to­ber ge­plant ist. Rund um die­sen Ter­min wer­de es den lan­ge er­war­te­ten Al­ter­na­tiv­vor­schlag aus Lon­don ge­ben, wie nach dem EU-Aus­tritt die heik­le Gren­ze zwi­schen Ir­land und dem bri­ti­schen Nord­ir­land ga­ran­tiert of­fen ge­hal­ten wer­den kann – oh­ne dass ganz Groß­bri­tan­ni­en eng an die EU ge­bun­den bleibt, was John­son ve­he­ment ab­lehnt. Ers­te Schrit­te sind of­fen­bar ge­macht. Am Mon­tag will sich John­son über­ra­schend mit EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker in Lu­xem­burg tref­fen. Wie ernst meint es der Pre­mier?

Be­am­te auf EU-Sei­te sind zu­rück­hal­tend: Nicht dass man dem ge­schmei­di­gen John­son ei­ne sol­che Vol­te nicht zu­trau­en wür­de. Aber die Zeit wer­de jetzt schon knapp, warnt EU-Chef­ver­hand­ler Mi­chel Bar­nier. Und das Ver­trau­en in den neu­en bri­ti­schen Pre­mier ist in Brüs­sel be­reits nach sie­ben Wo­chen rui­niert. Ist das Gan­ze ei­ne Fin­te, mit der John­son nur Zeit schin­den will, um dann bra­chi­al den No-Deal-Br­ex­it durch­zu­peit­schen? Kom­mis­si­ons­be­am­te zu­cken mit den Schul­tern: Was sich der­zeit ab­spie­le, sei je­den­falls ent­täu­schend, heißt es.

Zwei­mal in der Wo­che reist jetzt ei­ne klei­ne Trup­pe bri­ti­scher Br­ex­it-Ver­hand­ler nach Brüs­sel in die EU-Zen­tra­le, mit dem of­fi­zi­el­len Ziel, die Blo­cka­de beim ei­gent­lich fer­tig aus­ge­han­del­ten Br­ex­it-Ver­trag auf­zu­bre­chen. Vor­an eilt Chef­un­ter­händ­ler Da­vid Frost, ein un­auf­fäl­li­ger, freund­li­cher Be­am­ter, der Bot­schaf­ter in Dä­ne­mark war und da­vor im di­plo­ma­ti­schen Di­enst vie­le EU-Haupt­städ­te ken­nen­lern­te. Der 55-jäh­ri­ge John­son-Be­ra­ter ist erst seit

En­de Ju­li in dem Job. Be­glei­tet wird Frost nur von drei, vier Hel­fern. Vie­le Mit­ar­bei­ter hat er nicht mehr. Der Pre­mier hat die Trup­pe, die zu Mays Zei­ten 100 Be­am­te um­fass­te, erst dras­tisch ver­klei­nert – und dann im Schrumpf­team je­ne Fach­leu­te, die das Ab­kom­men mit der EU ausgehande­lt hat­ten, in der Mehr­zahl aus­ge­tauscht. Die Ex­per­ti­se ist weg, was auf EU-Sei­te den Ein­druck be­för­dert, dass die Ver­hand­lun­gen mit we­nig Ernst be­trie­ben wer­den, vi­el­leicht

auch nur zum Schein. Frost reist buch­stäb­lich mit leich­tem Ge­päck nach Brüs­sel; das EU-Ge­bäu­de be­tritt er läs­sig mit ei­nem klei­nen Ruck­sack über der Schul­ter, sei­ne we­ni­gen Be­glei­ter er­schei­nen mit­un­ter völ­lig un­be­schwert. Das passt ins Bild: Denn auch in­halt­lich ha­ben die Bri­ten bis­lang we­nig da­bei. Sie wei­ger­ten sich wei­ter­hin, kon­kre­te und be­last­ba­re Vor­schlä­ge zu ma­chen, wie die Blo­cka­de auf­ge­löst wer­den kön­ne, klag­te die­se Wo­che Gast­ge­ber Bar­nier.

Der Fran­zo­se und sei­ne en­gen Mit­ar­bei­ter sit­zen mit dem Be­such aus Lon­don vie­le St­un­den im Ber­lay­mont-Ge­bäu­de zu­sam­men, an man­chen Ta­gen geht es nur um Ver­fah­rens­fra­gen. Der Um­gang sei höf­lich, be­rich­ten Ein­ge­weih­te, aber man kom­me nicht vor­an.

Statt­des­sen sol­len die Bri­ten zwi­schen­durch nicht nur den Ver­zicht auf die um­strit­te­ne Back­stop-Klau­sel ver­langt ha­ben, son­dern so­gar von frü­he­ren Zu­sa­gen et­wa zur künf­ti­gen Si­cher­heits-Ko­ope­ra­ti­on ab­ge­rückt sein. „Die Frus­tra­ti­on nimmt zu“, heißt es. „Oh­ne Vor­schlag kön­nen wir nicht ver­han­deln“. Die EU-Un­ter­händ­ler hät­ten jetzt am liebs­ten schrift­li­che, ver­bind­li­che An­ge­bo­te aus Lon­don. Die aber wird es so schnell nicht ge­ben, John­son fürch­tet ei­ne Re­vol­te da­heim, wenn er sich zu früh fest­legt.

Be­tei­lig­te war­nen vor zu viel Op­ti­mis­mus

Den­noch, auch aus Sicht von EU-Di­plo­ma­ten ist die La­ge nicht gänz­lich hoff­nungs­los. Si­gna­le der bri­ti­schen Re­gie­rung in Brüs­sel, Lon­don und zu­letzt in Du­blin zei­gen Um­ris­se ei­ner mög­li­chen Lö­sung, wie das Grenz­pro­blem zwi­schen Ir­land und Nord­ir­land ge­klärt und der Deal ge­än­dert wer­den könn­te – wenn man woll­te. Die um­strit­te­ne Back­stop-Lö­sung wür­de auf Nord­ir­land be­grenzt, mit Zoll­uni­on und EU-Bin­nen­markt­re­geln. Das üb­ri­ge Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich aber blie­be au­ßen vor. Kon­trol­len an der in­ner­i­ri­schen EU-Gren­ze wür­den weit­ge­hend ent­fal­len. Der Preis: Zwi­schen dem bri­ti­schen Nord­ir­land und Groß­bri­tan­ni­en müss­ten Wa­ren­kon­trol­len ein­ge­führt wer­den.

Im­mer­hin, es ist ein ers­ter Schritt. In Brüs­sel war­nen Be­tei­lig­te al­ler­dings vor zu viel Op­ti­mis­mus. Miss­trau­isch macht ein­ge­weih­te Di­plo­ma­ten, dass die John­son-Re­gie­rung in ei­ni­gen Haupt­städ­ten heim­lich noch ei­nen ganz an­de­ren Weg son­diert: Mi­ni-Han­dels­ver­trä­ge mit ein­zel­nen EU-Staa­ten. Mit den So­lo-De­als wür­de Lon­don gern die Fol­gen ei­nes Cha­os­Brex­it ab­mil­dern.

FO­TO: DPA PA

Der­bri­ti­sche­Pre­mier­Bo­ris­John­son­ver­lässt­sei­nen­Lon­do­ner­Amts­sitz.Am­Mon­tag­reis­ternach­Lu­xem­burg.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.