Hö­ckes Kampf

Wie der Thü­rin­ger AfD-Vor­sit­zen­de im Land­tags­wahl­kampf auch um die Vor­herr­schaft in der Par­tei strei­tet

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Thüringen - Von Mar­tin De­bes

Der ver­gan­ge­ne Mitt­woch im Thü­rin­ger Land­tag, im Bü­ro des AfD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den. Be­vor Björn Hö­cke das Ge­spräch mit dem ZDF-Re­por­ter ab­bricht, sagt er: „Wir wis­sen nicht, was kommt … Dann ist klar, dass es mit mir kein In­ter­view mehr für Sie ge­ben wird.“

Ob dies ei­ne Dro­hung sei, fragt der Re­por­ter nach. Nein, ant­wor­tet Hö­cke und fügt kurz dar­auf an: „Viel­leicht wer­de ich auch mal ei­ne in­ter­es­san­te per­sön­li­che, po­li­ti­sche Per­son in die­sem Lan­de.“

Da­mit war der neu­es­te Eklat um den um­strit­tens­ten AfD-Po­li­ti­ker Deutsch­lands per­fekt. An­lass dies­mal: Ein Jour­na­list hat­te nach­ge­fragt, war­um man­che Sät­ze Hö­ckes wie aus Hit­lers „Mein Kampf“klin­gen – und war­um er be­wusst mit Be­grif­fen wie „Le­bens­raum“spie­le; Be­grif­fen, die von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ver­gif­tet wur­den.

Das war of­fen­kun­dig zu viel. Der Frak­ti­ons­spre­cher ver­lang­te ei­nen Neu­start des In­ter­views, was der Re­por­ter ab­lehn­te. Am Sonn­tag­abend stell­te das ZDF das Vi­deo voll­stän­dig ins Netz. Seit­dem hat die nächs­te De­bat­te dar­über be­gon­nen, wie rechts­ex­trem die AfD ist. Und in ih­rem Zen­trum steht, wie­der ein­mal, der Mann, der sei­ne Lan­des­par­tei in die Thü­rin­ger Wahl am 27. Ok­to­ber führt – und der sei­ne Bun­des­par­tei ab­wech­selnd spal­tet oder vor sich her­treibt.

Björn Hö­cke, 47, ist West­deut­scher, ein West­fa­le, der in Rhein­land-Pfalz auf­wächst und in Hes­sen als Leh­rer ar­bei­tet. 2008 zieht er nach Thü­rin­gen, nur ein paar Ki­lo­me­ter über die Gren­ze, in das al­te Pfarr­haus von Born­ha­gen, ei­nem klei­nen Dorf im ka­tho­li­schen Eichs­feld. Dort lebt er mit sei­ner Frau nebst den vier ge­mein­sa­men Kin­dern und pen­delt ins hes­si­sche Bad Soo­den-Al­len­dorf, wo er Ge­schich­te und Sport un­ter­rich­te­te. Schon da­mals pflegt er Kon­takt zu Rechts­kon­ser­va­ti­ven wie dem hes­si­schen CDURe­ne­ga­ten Hei­ner Hof­som­mer, aber auch zu Rechts­ex­tre­mis­ten wie Thors­ten Hei­se, dem heu­ti­gen NPD-Bun­des­vi­ze, der im Nach­bar­dorf ei­nen Neo­na­ziVer­sand­han­del be­treibt und Zeit­schrif­ten her­aus­gibt.

Im Jahr 2013 ge­hört Hö­cke zu den Mit­be­grün­dern der AfD. Rasch er­kämpft er sich den Lan­des­vor­sitz und führt die Par­tei im Herbst 2014 in den Land­tag. Sei­ne Mis­si­on hat­te er da schon ver­kün­det: Er sei an­ge­tre­ten, um den „Mehl­tau“po­li­ti­scher Kor­rekt­heit „weg­zu­räu­men.“

Hö­cke über­nimmt die Lei­tung der Land­tags­frak­ti­on und reist mit ihr bald ins be­nach­bar­te Sach­sen-An­halt. Dort, in dem Ört­chen Schnell­ro­da, hat der frü­he­re Bun­des­wehr-Of­fi­zier Götz Ku­bit­schek ein In­sti­tut ge­grün­det, das er ge­ra­de zur in­tel­lek­tu­el­len Zen­tra­le der so­ge­nann­ten Neu­en Rech­ten aus­baut.

Ku­bit­schek und Hö­cke ver­fol­gen den Plan, die AfD, die als Eu­ro-kri­ti­sche Pro­fes­so­ren­par­tei ge­star­tet war, zu ei­ner völ­kisch-na­tio­na­lis­ti­schen Be­we­gung um­zu­for­men. Im März 2015 ver­öf­fent­licht der Thü­rin­ger AfD-Chef die „Er­fur­ter Re­so­lu­ti­on“, die im Kern von Ku­bit­schek stam­men soll. Sie ist ein An­griff auf die „Tech­no­kra­ten“ un­ter Lu­cke. Die AfD müs­se ei­ne „Wi­der­stands­be­we­gung ge­gen die wei­te­re Aus­höh­lung der Sou­ve­rä­ni­tät und der Iden­ti­tät Deutsch­lands wer­den“.

Die Re­so­lu­ti­on ist die Ge­burts­stun­de des „Flü­gels“, der rasch zum Netz­werk und Ba­sis al­ler Rechts­na­tio­na­lis­ten in der Par­tei wird. Auf dem Bun­des­par­tei­tag im Som­mer 2015 in Es­sen ver­bün­det sich Hö­cke mit Frau­ke Pe­try, um Lu­cke zu ver­ja­gen, nur um da­nach mit ihr um die Vor­herr­schaft in der Par­tei zu strei­ten. Ne­ben­her kommt ihm ein Drit­tel sei­ner bis da­hin elf­köp­fi­gen Frak­ti­on ab­han­den. Drei Ab­ge­ord­ne­te ver­las­sen un­ter Pro­test die Par­tei, spä­ter wird noch ein vier­ter Ab­ge­ord­ne­ter ge­hen.

Spä­tes­tens ab dem Flücht­lings­herbst 2015 zeigt Hö­cke of­fen, wie er wirk­lich denkt. Er warnt vor „In­va­so­ren“, spricht vom „afri­ka­ni­schen Aus­brei­tungs­typ“und will An­ge­la Mer­kel in „der Zwangs­ja­cke“aus dem Kanz­ler­amt ab­füh­ren.

Wäh­rend­des­sen hält sich Hö­cke aus Ber­lin fern, geht nicht in den Bun­des­vor­stand, kan­di­diert nicht für den Bun­des­tag. Er will die Par­tei von hin­ten, von der Pro­vinz her­aus füh­ren. Auf den jähr­li­chen Kyff­häu­ser-Tref­fen des „Flü­gels“de­mons­triert er sei­ne Macht, der­weil selbst im Wes­ten im­mer mehr Lan­des­ver­bän­de nach rechts­au­ßen kip­pen. Frü­he­re Rechts­ex­tre­mis­ten wie der Bran­den­bur­ger Lan­des­chef Andre­as Kal­bitz wer­den zu Hö­ckes engs­ten Ver­bün­de­ten.

Ne­ben­her or­ga­ni­siert der thü­rin­gi­sche AfD-Chef um sich her­um ei­nen bi­zar­ren Per­so­nen­kult. Der „Flü­gel“ver­kauft Sam­mel­tas­sen und be­druck­te Beu­teln und cho­reo­gra­fiert die Auf­trit­te Hö­ckes. Das al­les bil­det ei­nen of­fen­kun­di­gen Kon­trast von dem Bild, das der Po­li­ti­ker von sich ent­wirft. Er sei, so sagt er stän­dig, von Na­tur aus „zu­rück­hal­tend“, „be­schei­den“und über­haupt ein Mensch, dem jed­we­des Macht­stre­ben völ­lig fremd sei.

Doch da­ge­gen steht sein Han­deln, wie sein ge­mein­sa­mer Auf­tritt mit Rechts­ex­tre­mis­ten und dem Pe­gi­da-Grün­der Lutz Bach­mann bei der De­mons­tra­ti­on in Chem­nitz vor ei­nem Jahr. Und da­ge­gen ste­hen sei­ne Wor­te. Im Ja­nu­ar 2017, in Dres­den, be­zeich­net er kurz vor dem Ho­lo­caust-Ge­denk­tag das Ge­den­ken an die Ver­bre­chen des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus als „däm­li­che Be­wäl­ti­gungs­kul­tur“und for­dert ei­ne „er­in­ne­rungs­po­li­ti­sche Wen­de um 180 Grad“.

Die Re­de ist ein Skan­dal, auch in der AfD. Bun­des­che­fin Pe­try nutzt ihn, um ein Par­tei­aus­schluss­ver­fah­ren ge­gen Hö­cke ein­zu­lei­ten. Doch sie ver­liert den Kampf ge­gen ihn und ih­re zahl­rei­chen an­de­ren Geg­ner – und ver­lässt die Par­tei. Ihr Nach­fol­ger Alex­an­der Gau­land ist re­gel­mä­ßig Gast auf den „Flü­gel“-Tref­fen. Hö­cke, sagt er, sei ein ver­kann­ter Na­tio­nal­ro­man­ti­ker.

Die Dresd­ner Re­de, für die sich Hö­cke so­gar teil­wei­se ent­schul­digt, ver­folgt ihn üb­ri­gens bis ins hei­mat­li­che Born­ha­gen. Ein lin­kes Ak­ti­ons­bünd­nis er­rich­tet im Nach­bar­gar­ten sei­nes Hau­ses ei­nen Nach­bau des Ber­li­ner Ho­lo­caust-Mahn­mals, das Hö­cke in rou­ti­nier­ter Dop­pel­deu­tig­keit als „Mahn­mal der Schan­de“be­zeich­net hat­te. Der Po­li­ti­ker ver­klagt die Ak­ti­vis­ten, hat aber kei­nen Er­folg – auch weil sich ih­re Be­haup­tung, Hö­cke aus­ge­spit­zelt zu ha­ben, als Bluff her­aus­stellt.

In­zwi­schen ist die AfD zu gro­ßen Tei­len die Wi­der­stands­be­we­gung ge­wor­den, wie sie die „Er­fur­ter Re­so­lu­ti­on“vor gut vier Jah­ren 2015 kon­zi­pier­te. Doch das ist Hö­cke nicht ge­nug, er sieht sich im­mer noch von Ver­rä­tern und „Feind­zeu­gen“um­ge­ben. Im Ju­li kün­dig­te er die nächs­te Atta­cke auf Ber­lin an: „Nach­dem hier am 27. Ok­to­ber in Thü­rin­gen Ge­schich­te ge­schrie­ben wor­den ist, […] wer­de ich mich zum ers­ten Mal mit gro­ßer Hin­ga­be und gro­ßer Lei­den­schaft der Neu­wahl des Bun­des­vor­stan­des hin­ge­ben.“

In der neu­es­ten Um­fra­ge vor der Land­tags­wahl in Thü­rin­gen steht die AfD bei 25 Pro­zent, das ist ihr bes­ter Wert. Das reicht bei­lei­be nicht, um die Re­gie­rung zu über­neh­men. Aber es könn­te rei­chen, um al­le an­de­ren der­zeit denk­ba­ren Ko­ali­tio­nen zu blo­ckie­ren – und das Land in die Un­re­gier­bar­keit zu stür­zen. Dies wä­re, aus Hö­ckes Sicht, wo­mög­lich der nächs­te Schritt, um ei­ne „in­ter­es­san­te per­sön­li­che, po­li­ti­sche Per­son in die­sem Lan­de“zu wer­den. Der Bun­des­vor­stand wird nur we­ni­ge Wo­chen nach dem Wahl­ter­min in Thü­rin­gen neu ge­wählt.

FO­TO: CHRIS­TI­AN ESSLER/AC­TION PRESS

An der Front­li­nie: Zwi­schen Pe­gi­da-An­hän­gern, Pro-Chem­nitz-Un­ter­stüt­zern und an­de­ren AfD-Po­li­ti­kern steht Björn Hö­cke beim so­ge­nann­ten Trau­er­marsch am . Sep­tem­ber  in der ers­ten Rei­he.

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