Ne­tan­ja­hu am Schei­de­weg

Is­ra­el wählt ein neu­es Par­la­ment. Der Pre­mier­mi­nis­ter kann ent­we­der wei­ter­re­gie­ren – oder muss mit ei­ner An­kla­ge we­gen Kor­rup­ti­on rech­nen

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Politik - Von Ma­rei­ke Eng­hu­sen

We­ni­ge Ta­ge vor den is­rae­li­schen Par­la­ments­wah­len zeich­net sich ein Kopf-an-KopfRen­nen der bei­den größ­ten Par­tei­en ab. Es ist be­reits das zwei­te Mal in die­sem Jahr, dass die Is­rae­lis an die Ur­nen ge­ru­fen wer­den. Im April wa­ren die Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen ge­schei­tert, Neu­wah­len an­be­raumt wor­den. Wie bei der ers­ten Run­de be­stimmt Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu auch in die­sem Wahl­kampf Schlag­zei­len und De­bat­ten: Er ist seit die­sem Som­mer der am längs­ten re­gie­ren­de Pre­mier­mi­nis­ter in der Ge­schich­te des Lan­des. Er gilt als Meis­ter der öf­fent­li­chen Ins­ze­nie­rung eben­so wie der In­tri­ge hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren, Freun­de wie Fein­de be­schrei­ben ihn als das größ­te po­li­ti­sche Ta­lent sei­ner Ge­ne­ra­ti­on.

Doch nun könn­ten nicht nur sei­ne Ta­ge an der Macht, son­dern auch sei­ne Ta­ge in Frei­heit ge­zählt sein: Denn Ne­tan­ja­hu wer­den Kor­rup­ti­on und Un­treue vor­ge­wor­fen, we­ni­ge Wo­chen nach den Wah­len muss er sich ei­ner ers­ten An­hö­rung stel­len, ei­ne an­schlie­ßen­de An­kla­ge gilt als si­cher. Die meis­ten Ex­per­ten ge­hen da­von aus, dass ein­zig ein auf ihn zu­ge­schnit­te­nes Im­mu­ni­täts­ge­setz ihn vor ei­ner Ver­ur­tei­lung und ei­ner mög­li­chen Haft­stra­fe schüt­zen könn­te. Ne­tan­ja­hu be­strei­tet ve­he­ment, ein sol­ches zu pla­nen. In je­dem Fall müss­ten Ne­tan­ja­hus Li­kud-Par­tei und sei­ne Ver­bün­de­ten am Di­ens­tag min­des­tens 61 von 120 Sit­zen er­obern, um ein sol­ches Ge­setz durch die Knes­set, das is­rae­li­sche Par­la­ment, zu brin­gen. Ob ih­nen das ge­lingt, ist laut Um­fra­gen al­les an­de­re als si­cher.

Ne­tan­ja­hu steht am Schei­de­weg sei­ner Lauf­bahn: ei­ne wei­te­re Amts­zeit, auf­se­hen­er­re­gen­de Auf­trit­te auf dem in­ter­na­tio­na­len Par­kett – oder ein be­schä­men­der Ab­gang von der po­li­ti­schen Büh­ne, wo­mög­lich mit ei­ner dro­hen­den Frei­heits­stra­fe. Ent­spre­chend hart kämpft er um je­de Stim­me. Er sorg­te bei­na­he täg­lich mit neu­en An­kün­di­gung da­für, dass er die Me­di­en do­mi­niert. So ver­such­te er, ein Ge­setz durch­zu­set­zen, das Ka­me­ras in Wahl­lo­ka­len er­laubt hät­te, an­geb­lich,

um Be­trug vor­zu­beu­gen. Die Ab­stim­mung schei­ter­te. Am ver­gan­ge­nen Di­ens­tag folg­te der nächs­te Auf­schlag: Ne­tan­ja­hu ver­sprach, im Fal­le ei­nes Wahl­siegs das Jor­d­an­tal zu an­nek­tie­ren. Gro­ße Tei­le der in­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft se­hen es als Teil ei­nes zu­künf­ti­gen Pa­läs­ti­nen­ser­staa­tes, wäh­rend is­rae­li­sche Po­li­ti­ker und Mi­li­tär­fach­leu­te seit Lan­gem dar­auf be­ste­hen, dass Is­ra­el aus stra­te­gi­schen Grün­den dort mi­li­tä­risch prä­sent sein muss. Als wahr­schein­li­cher gilt, dass die An­kün­di­gung der Li­kud-Par­tei die nö­ti­gen zu­sätz­li­chen Stim­men von klei­ne­ren, rech­te­ren Par­tei­en brin­gen soll. Die Op­po­si­ti­on wirft dem Re­gie­rungs­chef vor, nichts ge­gen die von Pa­läs­ti­nen­sern ab­ge­feu­er­ten Ra­ke­ten aus dem Ga­za-Strei­fen zu un­ter­neh­men. „Wir wer­den wahr­schein­lich ge­zwun­gen sein, ei­nen Krieg in Ga­za zu be­gin­nen“, sag­te Ne­tan­ja­hu dar­auf­hin.

Ob es rei­chen wird, ist un­ge­wiss. Wie schon bei der Wahl im April dürf­ten sich Ne­tan­ja­hus Li­kud-Par­tei und die Blau-Wei­ßPar­tei sei­nes Her­aus­for­de­rers Ben­ny Gantz ein knap­pes Ren­nen lie­fern: In den letz­ten Um­fra­gen liegt Blau-Weiß ein bis zwei Sit­ze vor dem Li­kud. Doch selbst wenn das Wah­l­er­geb­nis am En­de so aus­fällt, wird des­halb nicht zwangs­läu­fig Ben­ny Gantz, ehe­ma­li­ger Ar­mee­chef und Po­lit­neu­ling, die neue Re­gie­rung an­füh­ren. Meist er­teilt der Prä­si­dent dem­je­ni­gen den Auf­trag zur Re­gie­rungs­bil­dung, des­sen Par­tei die meis­ten Sit­ze hat. Da­zu muss der Par­tei­chef auch be­le­gen, dass er die bes­ten Chan­cen auf ei­ne Ko­ali­ti­ons­bil­dung hat. Gantz dürf­te das schwer­fal­len.

Die bes­ten Chan­cen auf ei­ne Mehr­heit hat wohl ei­ne Ko­ali­ti­on der na­tio­na­len Ei­nig­keit, wie man in Is­ra­el ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on aus Li­kud und Blau-Weiß nennt. Für ei­ne sol­che wirbt Ben­ny Gantz, na­tür­lich un­ter sei­ner Füh­rung. Vie­le sä­ku­lar oder mo­de­rat re­li­giö­se Is­rae­lis hof­fen auf ei­ne der­ar­ti­ge Ko­ali­ti­on: Denn sie wä­re nicht auf die Stim­men der bei­den ul­tra­or­tho­do­xen Par­tei­en an­ge­wie­sen – und könn­te da­mit Ge­set­ze be­schlie­ßen, die die di­ver­sen Pri­vi­le­gi­en der Streng­gläu­bi­gen be­schnei­den und sie zur öko­no­mi­schen und ge­sell­schaft­li­chen In­te­gra­ti­on be­we­gen. Al­ler­dings ha­ben so­wohl Ne­tan­ja­hu als auch Gantz aus­ge­schlos­sen, mit­ein­an­der zu re­gie­ren. Um ei­ner gro­ßen Ko­ali­ti­on den Weg zu bah­nen, müss­te al­so ei­ner von ih­nen ab­tre­ten – oder aber bei­de müss­ten ih­re Wahl­kampf­ver­spre­chen ver­ges­sen. Es gä­be wohl kaum ei­nen is­rae­li­schen Wäh­ler, den das über­ra­schen wür­de.

„Wir wer­den wahr­schein­lich ge­zwun­gen sein, ei­nen Krieg in Ga­za zu be­gin­nen.“Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu, Is­ra­els Mi­nis­ter­prä­si­dent

FO­TO: A. AWAD/RTR

Ar­bei­ter in­stal­lie­ren ein Wahl­pla­kat der Li­kud-Par­tei mit Pre­mier­mi­nis­ter Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu in der Mit­te.

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