Dich­ter Gün­ter Ku­nert mit  Jah­ren ge­stor­ben

Ge­bür­ti­ger Ber­li­ner schuf um­fas­sen­des Oeu­vre aus Ly­rik und Pro­sa. In sei­nem Le­ben und Werk spie­gelt sich deut­sche Nach­kriegs­ge­schich­te

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Kultur & Freizeit - FO­TO: SOEREN STACHE/DPA

Kais­bors­tel.

Gün­ter Ku­nert, ei­ner der gro­ßen zeit­ge­nös­si­schen Dich­ter, ist tot. Er starb am Sams­tag­abend in sei­nem Haus im schles­wig-hol­stei­ni­schen Kais­bors­tel im Al­ter von 90 Jah­ren, wie die Wit­we und ein en­ger Freund der Fa­mi­lie, der Bild­hau­er Man­fred Sih­le-Wis­sel, am Sonn­tag be­stä­tig­ten. Er sei an den Fol­gen ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung Zu­hau­se ge­stor­ben, sag­te die Wit­we Eri­ka Hinckel.

Der ge­bür­ti­ge Ber­li­ner schuf ein um­fas­sen­des Werk mit Ly­rik als Schwer­punkt. Aber auch Pro­sa – dar­un­ter zwei Ro­ma­ne, ei­ne Au­to­bio­gra­fie, Rei­se­be­schrei­bun­gen und Es­says – hat der Au­tor ge­schrie­ben, eben­so Film­dreh­bü­cher und Hör­spie­le. Sein lang­jäh­ri­ger Ver­le­ger Micha­el Krü­ger be­zeich­ne­te Ku­nert ein­mal als „ei­nen der be­deu­tends­ten Ly­ri­ker der Nach­kriegs­zeit“und Dich­ter in der Tra­di­ti­on Hein­rich Hei­nes. We­ni­ger be­kannt sei Ku­n­erts sa­ti­ri­sche Ader, die vor al­lem in den kur­zen Pro­sa­skiz­zen zum Vor­schein kom­me und in die­ser Hin­sicht die Tra­di­ti­on Tuchol­s­kys fort­set­ze.

In Ku­n­erts Le­ben und Werk spie­gelt sich die Ge­schich­te Deutsch­lands im 20. Jahr­hun­dert: Ge­bo­ren 1929 in Ber­lin noch zur Zeit der Wei­ma­rer Re­pu­blik, wuchs er in der Na­zi­zeit auf – ver­un­glimpft als so­ge­nann­ter Halb­ju­de, sei­ne Mut­ter war Jü­din. In der DDR wur­de Ku­nert, der nach dem Zwei­ten Welt­krieg auf den So­zia­lis­mus setz­te und vom SEDStaat zu­neh­mend ent­täuscht wur­de, lan­ge be­spit­zelt. 1976 ge­hör­te Ku­nert zu den ers­ten Un­ter­zeich­nern Gün­ter Ku­nert im Fe­bru­ar  bei der Vor­stel­lung sei­nes letz­ten Ro­mans „Die zwei­te Frau“. ei­nes Pro­tes­tes ge­gen die Aus­bür­ge­rung des Lie­der­ma­chers Wolf Bier­mann aus der DDR.

1979 ließ die DDR den un­be­que­men Dich­ter in den Wes­ten. In Schles­wig-Hol­stein auf dem Lan­de fand er ein neu­es Zu­hau­se – in ei­ner ehe­ma­li­gen Dorf­schu­le in Kais­bors­tel. Dort leb­te er mehr als 40 Jah­re. Rund 70 Jah­re lang hat der un­ge­mein pro­duk­ti­ve Au­tor pu­bli­ziert. 1950 er­schien Ku­n­erts ers­ter Ge­dicht­band „Weg­schil­der und Mauer­in­schrif­ten“, 2019 der kri­ti­sche DDR-Ro­man „Die zwei­te Frau“– das Ma­nu­skript war be­reits 45 Jah­re zu­vor ent­stan­den, Ku­nert hat­te es aus Sor­ge, ins Ge­fäng­nis zu müs­sen un­ter Ver­schluss ge­hal­ten, dann ver­ges­sen und erst im ho­hen Al­ter zu­fäl­lig im Kel­ler wie­der­ent­deckt.

Sein Blick auf die Welt war nüch­tern, desil­lu­sio­niert, oh­ne Hoff­nung – auch we­gen des Raub­baus an der Er­de, des Kli­ma­wan­dels und wach­sen­der Über­be­völ­ke­rung. Die Mensch­heit steue­re auf ei­nen End­punkt hin, sag­te er in ei­nem In­ter­view zu sei­nem 90. Ge­burts­tag im Früh­jahr. Pes­si­mist sei er nicht, viel­mehr Rea­list. Schrei­ben be­deu­te­te für ihn Selbst­ver­stän­di­gung und ei­nen Akt der in­ne­ren Be­frei­ung. Es sei auch ein Ver­such mit der Um­welt, in der man lebt, fer­tig zu wer­den: „Ich ha­be nie für Le­ser ge­schrie­ben“, sag­te Ku­nert im ho­hen Al­ter. Er ha­be nie an Ge­dich­ten Geld ver­dient.

Mit sei­ner ers­ten Frau Ma­ri­an­ne war Ku­nert 50 Jah­re ver­hei­ra­tet. Nach ih­rem Tod, Ku­nert war schon über 80, hei­ra­te­te er ein zwei­tes Mal und wid­me­te Eri­ka sei­nen DDR-Ro­man „Die zwei­te Frau“.

Be­reits zu Leb­zei­ten hat Ku­nert ein Gr­ab auf dem Jü­di­schen Fried­hof Ber­lin-Wei­ßen­see ge­kauft. Dort wur­de sei­ne ers­te Frau be­er­digt. Ku­nert woll­te dort auch bei­ge­setzt wer­den. (dpa)

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