Star­ke Män­ner wei­nen nicht

Häu­fig blei­ben De­pres­sio­nen un­er­kannt – mit fa­ta­len Fol­gen. Die Sui­zid­ra­ten sind deut­lich hö­her als bei Frau­en

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Ratgeber - Von Ve­re­na Mül­ler

Ber­lin.

Al­les fing an mit Schlaf­stö­run­gen. Vie­le Ta­ge schon hat­te Se­bas­ti­an Keck kaum ge­schla­fen, wach­te mor­gens mit Herz­ra­sen auf, da­zu kam der Brech­wür­ge­reiz. Ir­gend­wann hat­te er Angst, gar nicht mehr zur Ru­he zu kom­men. Pa­nik­at­ta­cken über­ka­men ihn. Er glaub­te, ver­rückt zu wer­den.

Keck ist In­ha­ber ei­ner gut lau­fen­den Mar­ke­ting­agen­tur. Er hat ei­ne Frau und ei­ne klei­ne Toch­ter. Al­les scheint per­fekt. „Aber nur nach au­ßen“, sagt Keck heu­te. Die neue Ver­ant­wor­tung als Va­ter, gleich­zei­tig in der Agen­tur der bis da­hin größ­te Kun­de – er ver­sucht, al­les rich­tig zu ma­chen, kei­ne Schwä­che zu zei­gen. Er raucht im­mer mehr, um sich zu be­ru­hi­gen, wird aber von Tag zu Tag dünn­häu­ti­ger. Bis es ei­nen Mo­nat spä­ter nicht mehr geht. Er lässt sich in die „Klapp­se“ein­wei­sen, wie er es nennt, ob­wohl er nie zu de­nen ge­hö­ren woll­te, die „es nicht ge­schafft ha­ben“. Die Dia­gno­se: ge­ne­ra­li­sier­te Angst­stö­rung und De­pres­si­on.

Die tie­fe Angst zu ver­sa­gen ist ei­nes der häu­figs­ten Pro­ble­me, mit dem Pa­ti­en­ten zu Björn Süf­ke in die Pra­xis in Bie­le­feld kom­men. Süf­ke ist Män­ner­the­ra­peut. Er sagt, er hat sich auf die psy­chi­schen Lei­den „des im­mer als stark gel­ten­den Ge­schlechts“spe­zia­li­siert. Selbst wenn sich die klas­si­schen Ste­reo­ty­pe lang­sam auf­lös­ten und man sich de­ren be­wusst sei, steck­ten die in vie­len noch sehr tief drin, „zu tief“. Mäd­chen sei­en von klein auf noch im­mer oft die Prin­zes­sin­nen, Jungs die Ra­cker. Spä­ter, so Süf­ke, dre­he sich bei vie­len Män­nern noch im­mer al­les dar­um, stän­dig leis­ten zu müs­sen, die Fa­mi­lie zu ver­sor­gen, den funk­tio­nie­ren­den Ma­cher zu ge­ben.

Zwar lei­den auch vie­le Frau­en un­ter so­zia­li­sa­ti­ons­be­ding­ten Ängs­ten. Sie füh­len sich nicht schön oder be­liebt ge­nug. „Die ha­ben aber mehr ge­lernt, dar­über zu spre­chen. Und vor al­lem, sich Hil­fe zu su­chen, be­vor es zu spät ist“, so der The­ra­peut. Vie­le Män­ner kä­men erst, „wenn das Kind schon in den Brun­nen ge­fal­len ist“. Die Le­bens­ge­fähr­tin trennt sich oder die kör­per­li­chen Be­schwer­den wer­den so stark, dass der Arzt sie schickt. Die meis­ten ver­dräng­ten, wie stark sie et­wa un­ter dem Leis­tungs­druck lit­ten, sagt Süf­ke. Häu­fig un­be­wusst. Ge­füh­le kön­ne man so stark ab­spal­ten, dass man nichts da­von wahr­nimmt. „Bis ir­gend­wann Murks raus­kommt.“Al­so Ag­gres­sio­nen, Ge­walt und an­ti­so­zia­les Ver­hal­ten, Flucht in die Ar­beit, in Al­ko­hol oder Dro­gen, bis hin zum Sui­zid.

„Vie­le der Be­trof­fe­nen wis­sen nicht, dass da­hin­ter ei­gent­lich ei­ne De­pres­si­on steckt“, sagt Anne-Ma­ria Möl­ler-Leim­küh­ler von der Lud­wig-Ma­xi­mi­li­an­sU­ni­ver­si­tät Mün­chen. Selbst Ärz­te wür­den die Krank­heit bei Män­nern deut­lich sel­te­ner er­ken­nen als bei weib­li­chen Lei­dens­ge­nos­sin­nen, er­klärt die Pro­fes­so­rin, die sich seit vie­len Jah­ren mit den Ge­schlech­ter­un­ter­schie­den bei psy­chi­schen Krank­hei­ten be­schäf­tigt. Der Grund: Vie­le zei­gen nicht die ty­pi­schen An­zei­chen ei­ner De­pres­si­on, sind nie­der­ge­schla­gen und an­triebs­los. Im Ge­gen­teil, sie nei­gen eher zu Ak­tio­nis­mus, der häu­fig die de­pres­si­ven Sym­pto­me über­la­gert. Die Wis­sen­schaft­le­rin geht da­von aus, dass die Krank­heit bei Män­nern sys­te­ma­tisch un­ter­dia­gnos­ti­ziert wird – auch, weil vie­le Ärz­te durch ih­re ei­ge­nen Ste­reo­ty­pe ge­lei­tet wür­den. Hin­zu kommt, dass Män­ner deut­lich we­ni­ger we­gen psy­chi­scher Pro­ble­me zum Arzt ge­hen.

Laut der Stif­tung Deut­sche De­pres­si­ons­hil­fe wird in Deutsch­land je­des Jahr bei 5,3 Mil­lio­nen Men­schen ei­ne De­pres­si­on dia­gnos­ti­ziert. Mehr als je­de zehn­te Frau ist dem­nach da­von­be­trof­fen–mehrals­dop­pelt so vie­le wie Män­ner. An­ders sieht es hin­ge­gen bei den Sui­zi­den aus. Et­wa drei Vier­tel der jähr­lich knapp 10.000 Sui­zi­de in Deutsch­land wer­den von Män­nern be­gan­gen, meist in­fol­ge ei­ner de­pres­si­ven Krank­heit. Ei­ne Fol­ge, die aus Sicht von Möl­ler-Leim­küh­ler in vie­len Fäl­len ver­hin­dert wer­den könn­te.

Schul­ter­zu­cken – das sei häu­fig die ers­te Re­ak­ti­on sei­ner Pa­ti­en­ten auf die Fra­ge, wie es ih­nen geht, so The­ra­peut Süf­ke. Sie wüss­ten es oft ein­fach nicht. Angst, Trau­er und Schmerz zu spü­ren, sei ih­nen ab­trai­niert wor­den. „Da muss erst mal der Zu­gang neu ge­legt wer­den.“Süf­ke nutzt da­zu das „Prin­zip der lie­be­vol­len Kon­fron­ta­ti­on“. Er füh­re sei­nen Pa­ti­en­ten „krass“vor Au­gen, wie die ih­re Ge­füh­le ab­wehr­ten. Gleich­zei­tig be­geg­ne er ih­nen mit „viel Ein­fühl­sam­keit“, in­dem er ih­nen das Ge­fühl ge­be, „den gan­zen Scheiß“auch zu ken­nen. „Jetzt müs­sen wir ler­nen, da­mit um­zu­ge­hen“, sagt er.

Auch Se­bas­ti­an Keck konn­te an­fangs in der Kli­nik nicht sa­gen, was es war, wovor er Angst hat­te. „Das war ein gro­ßes Knäu­el, das lang­sam ent­wirrt wer­den muss­te.“Vie­les hat­te sich an­ge­staut. Der Va­ter hat­te im­mer Här­te ein­ge­for­dert, die er wie­der­um von sei­nem Va­ter über­nom­men hat­te. Mit der Ge­burt sei­ner Toch­ter sei das Fass, so der 37Jäh­ri­ge, über­ge­lau­fen. Zwölf Jah­re hat­te er nicht ge­weint, in der The­ra­pie je­den Tag.

Über sei­ne Zeit in der Kli­nik hat Keck ein Buch ge­schrie­ben, „Mei­ne be­schis­se­ne Angst“. Er woll­te mit dem Ta­bu bre­chen. Vie­le in der The­ra­pie hät­ten ei­ne so gro­ße Scham emp­fun­den, dass sie den Auf­ent­halt vor ih­rer Fa­mi­lie ver­heim­lich­ten. Man­che grif­fen auch zum Be­griff „Burn-out“, der zwar nicht bei der Kran­ken­kas­se ge­führt wird, ih­nen aber das Ge­fühl gibt, nur so viel ge­leis­tet zu ha­ben, bis sie aus­ge­brannt wa­ren. Auch sei­ne El­tern hät­ten bis heu­te ein Pro­blem da­mit, dass der er­folg­rei­che Sohn plötz­lich ein­bricht. „Zur Be­ru­hi­gung ha­ben die den Bür­ger­meis­ter her­an­ge­zo­gen, der ja eben­falls ein Burn-out hat­te.“

So­zio­lo­gin Möl­ler-Leim­küh­ler ist den­noch zu­ver­sicht­lich. Die vor­an­schrei­ten­de Frau­en­eman­zi­pa­ti­on wei­che Ge­schlech­ter­nor­men wei­ter auf, vie­le psy­chi­sche Lei­den wür­den so ge­lin­dert. „Das Ge­hirn“, so die Pro­fes­so­rin, „wirkt im­mer so, wie man es auf Dau­er be­nutzt.“

FO­TO: SHUT­TER­STOCK

Et­wa drei Vier­tel der jähr­lich knapp . Sui­zi­de in Deutsch­land wer­den von Män­nern be­gan­gen.

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