„Je­der, der sich die Fä­hig­keit er­hält, Schö­nes zu er­ken­nen, wird nie alt wer­den.“Franz Kaf­ka, Schrift­stel­ler Alt, äl­ter, groß­ar­tig

Der Herbst des Le­bens kann ei­ne be­son­ders wert­vol­le Zeit sein.

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Zuhause - Von Ju­dith Hyams

Je­der möch­te lan­ge le­ben, aber kei­ner will alt wer­den. Die­ser Wi­der­spruch be­glei­tet vie­le Men­schen durch ihr gan­zes Le­ben. Da­bei war Äl­ter­wer­den nie so viel­sei­tig wie heu­te.

Äl­ter denn je

Aus frü­he­rer Per­spek­ti­ve grenzt die heu­ti­ge Le­bens­er­war­tung an ein Wun­der: so alt wur­de derMen­sch­nochnie.Noch­wer im 19. Jahr­hun­dert ge­bo­ren wur­de, konn­te sich glück­lich schät­zen, äl­ter als 50 Jah­re zu wer­den. Heu­te er­rei­chen im­mer mehr Men­schen die ma­gi­sche 100-Jah­re-Gren­ze. So wer­den im Jahr 2017 ge­bo­re­ne Mäd­chen durch­schnitt­lich 93 Jah­re, Jun­gen kom­men auf eben­falls stol­ze 89 Jah­re. Und auch wenn For­scher sich un­ei­nig sind, wie weit die ma­xi­ma­le Le­benspan­ne aus­dehn­bar ist, geht man der­zeit von durch­schnitt­lich 115 Jah­ren aus. Bis­lang be­schrän­ken sich die Mög­lich­kei­ten, ein ho­hes Al­ter zu er­rei­chen al­ler­dings auf die west­li­chen In­dus­trie­län­der – we­gen der bes­se­ren Er­näh­rung, Bil­dung, Hy­gie­ne und Me­di­zin.

Ei­ne klas­se Ziel­grup­pe

Vie­le Äl­te­re ge­hö­ren heu­te nicht zum al­ten Ei­sen, son­dern zu ei­ner sehr ak­ti­ven Be­völ­ke­rungs­schicht mit Geld und Ein­fluss. Sie sind al­so idea­le Kun­den – Mo­tor­rä­der et­wa wer­den heu­te be­vor­zugt von Ü-50-Men­schen ge­kauft. Das zei­gen schon die ver­schie­de­nen Eu­phe­mis­men, die sich die Wer­be­in­dus­trie aus­denkt, um die in die Jah­re ge­kom­me­ne Ziel­grup­pe an­zu­spre­chen: Von „sil­ver“oder „best agers“ist da die Re­de, von „em­pty nes­ters“(weil die Kin­der be­reits aus dem Haus sind), da gibt es „jun­ge Al­te“, „äl­te­re Er­wach­se­ne“oder „Who­o­pies“(well-off peop­le, zu Deutsch: gut be­tuch­te al­te Leu­te).

Von der An­ti-Aging-Cre­me bis zur Kreuz­fahrt nur für Se­nio­ren, vom Smar­tho­me bis zum gro­ßen und ein­fach zu be­die­nen­den Han­dy – es wird ge­forscht, pro­du­ziert und vor al­lem auch: ver­kauft. Hilf­reich ist da üb­ri­gens der Si­mu­la­ti­ons­over­all „Age-Ex­plo­rer“, der die Bei­ne schwer macht und den Blick und das Ge­hör be­ein­träch­tigt. Er soll den For­schern hel­fen zu ver­ste­hen, wie sich kör­per­li­che Ein­schrän­kun­gen an­füh­len kön­nen – und so bei der Ent­wick­lung neu­er Pro­duk­te hel­fen.

Alt­sein heu­te

Wann ist man über­haupt alt? Tat­sa­che ist, dass Alt­sein heu­te et­was völ­lig an­de­res be­deu­tet als noch vor ei­ni­gen Jahr­zehn­ten. Lan­ge Zeit galt, dass man mit dem Ren­ten­ein­tritt auch gleich das Al­ten­teil er­reicht hat­te – mit­samt Pan­tof­feln, Lehn­stuhl und Kreuz­wort­rät­sel. Mitt­ler­wei­le ist auch die so­zia­le Grup­pe der Äl­te­ren so he­te­ro­gen und selbst­be­stimmt wie der Rest der Ge­sell­schaft. Und vie­le Men­schen wer­den noch­mal rich­tig ak­tiv. Sie bre­chen zu Aben­teu­er­rei­sen auf, zie­hen noch­mal in die Groß­stadt um, ler­nen Fremd­spra­chen oder be­gin­nen so­gar noch ein Stu­di­um. So greift heu­te we­ni­ger die ob­jek­ti­ve Zu­schrei­bung, als viel­mehr die sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mung des Ein­zel­nen – und wenn sich ein 75Jäh­ri­ger fühlt wie 50, dann ist das eben sei­ne per­sön­li­che Wahr­heit. Tat­säch­lich hat sich das Alt­sein fun­da­men­tal ver­än­dert. Der ehe­ma­li­ge UNO-Ge­ne­ral­se­kre­tär Ko­fi Ann­an et­wa sprach von ei­nem Al­ters­boom und sag­te: „Wir be­fin­den uns mit­ten in ei­ner stil­len Re­vo­lu­ti­on, die weit über Be­völ­ke­rungs­sta­tis­ti­ken hin­aus­geht und weit­rei­chen­de öko­no­mi­sche, so­zia­le, kul­tu­rel­le, psy­cho­lo­gi­sche und geis­ti­ge Aus­wir­kun­gen mit sich bringt.“So bie­tet der De­mo­gra­fi­sche Wan­del auch Chan­cen – nicht zu­letzt, weil sich vie­le Äl­te­re eh­ren­amt­lich en­ga­gie­ren.

Bin ich (noch) schön?

Es ist ein ech­tes Pa­ra­dox: Alt­sein ist zwar zu­neh­mend po­si­tiv be­setzt, alt aus­se­hen will aber nie­mand. Bo­tox und Lif­ting, An­ti-Age-Pro­duk­te und per Fil­ter ge­glät­te­te Sel­fies ver­tu­schen die Spu­ren des Al­ters – Run­zeln und Fal­ten sind ziem­lich out. Die­ser Wi­der­spruch ist schwer aus­zu­hal­ten, vor al­lem wenn es um die un­ter­schied­li­che Be­wer­tung grau­en Haa­res bei Män­nern und Frau­en geht: Schlä­fen à la Ge­or­ge Cloo­ney gel­ten als se­xy, wäh­rend vie­len Frau­en im­mer noch sug­ge­riert wird, dass sie mit grau­en Haa­ren un­sicht­bar wer­den. So wä­re ein va­ria­ti­ons­rei­che­res At­trak­ti­vi­täts­ide­al in der Ge­sell­schaft ganz schön. Vor­erst aber hilft ei­ne Hal­tung, die mit dem Al­ter glück­li­cher­wei­se im­mer mehr zu­nimmt: Nicht mehr al­len ge­fal­len zu müs­sen. Wem es wurscht ist, was an­de­re über die ei­ge­nen kör­per­li­chen Ver­falls­er­schei­nun­gen dan­ken, lebt deut­lich ent­spann­ter.

Bes­ser al­tern

Alt wer­den wir (hof­fent­lich) al­le, wie wir alt wer­den kann sich je nach Le­bens­stil je­doch sehr un­ter­schei­den. Be­son­ders hilf­reich, um sich auch im Al­ter wohl in der ei­ge­nen Haut zu füh­len, ist kör­per­li­che Be­tä­ti­gung. Be­we­gung näm­lich hat sich als wirk­sams­te Mög­lich­keit er­wie­sen, die Al­te­rung zu ver­lang­sa­men. Und da­für muss man nicht jahr­zehn­te­lang trai­niert ha­ben – auch wer im Al­ter mit ei­nem re­gel­mä­ßi­gen Aus­dau­er­trai­ning be­ginnt, ver­bes­sert sein Her­zK­reis­lauf-Sys­tem in­ner­halb kur­zer Zeit. Der po­si­ti­ve Ef­fekt: Re­ak­ti­on und Kurz­zeit­ge­dächt­nis ver­bes­sern sich, die Ko­or­di­na­ti­ons­fä­hig­keit steigt, Un­fall- und Ver­let­zungs­ge­fahr sin­ken. Auch so­zia­le Kon­tak­te hel­fen da­bei, ge­sund und fit zu blei­ben – eben­so wie die ei­ge­ne Ein­stel­lung: Je po­si­ti­ver man dem ei­ge­nen Al­tern be­geg­net, des­to woh­ler fühlt man sich auch. Und viel­leicht hilft auch der Rat des fran­zö­si­schen Schau­spie­lers und Chan­son-Sän­gers Yves Montand, der sag­te: „Hu­mor, Zärt­lich­keit und Auf­müp­fig­keit sind die bes­ten Mit­tel ge­gen das Al­tern“.

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