Von Mäu­sen und Men­schen

War­um die Ost­maus brau­ner, die West­maus di­cker ist. Sei­te 

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Erste Seite - Von Ul­ri­ke von Les­z­c­zyn­ski

Ber­lin. Sie­ben sat­te Kat­zen. Ema­nu­el Heit­lin­ger seufzt lei­se. Er hat sonst nichts ge­gen Mie­zen, schon gar nicht auf ei­nem Bau­ern­hof. Doch die­se sie­ben Samt­pfo­ten ha­ben über Nacht sei­ne Grund­la­gen­for­schung sa­bo­tiert. Heit­lin­ger steht in der Vor­rats­kam­mer ne­ben Ge­trei­de­sä­cken, Pflau­men und Äp­feln. Ein Ort, von dem er sich viel ver­sprach für die Wis­sen­schaft. Nun blickt er auf elf Mau­se­fal­len – al­le leer.

Heit­lin­ger ist Bio­lo­ge und Pro­fes­sor an der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni­ver­si­tät. Auf Mäu­se­jagd geht er von Be­rufs we­gen. 30 Jah­re nach dem Mau­er­fall sucht er nach Ost- und West­mäu­sen. In ei­ner Zo­ne, in der sie sich be­geg­nen: Bran­den­burg.

Heit­lin­ger fühlt sich ge­ra­de ein biss­chen Bran­den­burg. So, wie es Ka­ba­ret­tist Rai­nald Gre­be in ei­nem süf­fi­san­ten Lied be­schreibt, das zu ei­nem Hit wur­de, al­ler­dings in Ber­lin. „Es ist nicht al­les Cha­nel in Bran­den­burg“, singt Gre­be. „Die Kat­zen ho­len al­les weg“, sagt der Land­wirt auf dem Bau­ern­hof in Neu­hart­manns­dorf. Dann steigt er auf sei­nen Tre­cker. Heit­lin­ger sam­melt sei­ne elf Mau­se­fal­len ein und steigt in sei­nen Trans­por­ter mit der Auf­schrift „Leib­niz-In­sti­tut für Zoo- und Wild­tier­for­schung“.

In Bran­den­burg wirft die­ses Au­to kei­ne gro­ßen Fra­gen auf. Auch dann nicht, wenn die UniTeams an Haus­tü­ren klin­geln. Sie fra­gen, ob sie im Pfer­de­stall, im Kel­ler oder auf dem Kom­post Mau­se­fal­len auf­stel­len dür­fen. Le­bend­fal­len. Für die For­schung. In Bran­den­burg sa­gen dann vie­le: „Ja, mach. Geh' ma hin­ter.“Nur die Ökos, die aus Ber­lin in den Speck­gür­tel ge­zo­gen sind, sa­gen: „Nein. Wir sind Ve­ga­ner.“

Heit­lin­ger, 39 Jah­re, Typ hei­te­rer Op­ti­mist, stammt aus dem Wes­ten, aus Karls­ru­he. Bran­den­burg emp­fin­det er in Sa­chen Ost-, West- und Mischm­aus­for­schung als ein­fa­ches Ter­rain – im Sin­ne von freund­li­chem Des­in­ter­es­se. Ganz an­ders sei das in Bay­ern ge­lau­fen, be­rich­tet er. Da ha­be die Po­li­zei die wis­sen­schaft­li­che Mäu­se­jagd für die neu­es­te Ma­sche ei­ner Gau­ner­ko­lon­ne mit Ber­li­ner Au­to­kenn­zei­chen ge­hal­ten.

Ganz ein­fach zu er­klä­ren ist die Mäu­se-Ge­schich­te ja auch nicht. Sie er­in­nert ein we­nig an die Ost- und West­go­ten-Epi­so­de im Film Feu­er­zan­gen­bow­le mit Heinz Rüh­mann. Die Haus­maus, Mus mus­cu­lus, hat zu­min­dest auch ei­ne lan­ge Völ­ker­wan­de­rung hin­ter sich. Die be­gann schon vor rund 500.000 Jah­ren in Asi­en.

Da Haus­mäu­se spä­ter dem Men­schen – oder bes­ser sei­nen Vor­rats­kam­mern – folg­ten, nahm Mus Mus­cu­lus un­ter­schied­li­che Rou­ten. Ost­mäu­se zo­gen über die kar­gen Wei­ten Russ­lands gen Wes­ten. West­mäu­se be­vor­zug­ten die son­ni­ge Mit­tel­meer­re­gi­on und ge­lang­ten als blin­de Schiffs­pas­sa­gie­re bis in die USA und nach Aus­tra­li­en. „Wenn sich Ar­ten welt­weit aus­brei­ten, müs­sen sie sich ir­gend­wo wie­der be­geg­nen“, sagt Ema­nu­el Heit­lin­ger. Bei den Mäu­sen eben in Bran­den­burg.

Und nicht nur dort. Die deut­sche Haus­maus-Be­geg­nungs­zo­ne ver­läuft von Wis­mar über die Mü­ritz-Re­gi­on, schlägt ei­nen Bo­gen um den Ber­li­ner Os­ten, reicht wei­ter nach Sach­sen und führt ent­lang der tsche­chi­schen Gren­ze bis hin­un­ter nach Bay­ern. Dass die­se Li­nie an man­chen Stel­len ver­däch­tig dem Ei­ser­nen Vor­hang folgt, hält Heit­lin­ger für ei­ne Lau­ne der Na­tur. „Für die Evo­lu­ti­on sind 40 Jah­re nur ein Wim­pern­schlag“, sagt er. Ganz so eng sol­le man das mit den Gren­zen oh­ne­hin nicht se­hen. „Es gibt auch säch­si­sche West­mäu­se.“

Die lan­ge Tren­nung hat die Ost- und West­ex­em­pla­re ge­ne­tisch aber so ver­än­dert, dass sie heu­te als zwei Un­ter­ar­ten gel­ten: Mus mus­cu­lus mus­cu­lus als Ost-Va­ri­an­te ist klei­ner und brau­ner. Mus mus­cu­lus do­mesti­cus im Wes­ten wächst et­was grö­ßer und grau­er her­an. In ei­nem zehn bis zwan­zig Ki­lo­me­ter brei­ten Strei­fen ver­mi­schen sich bei­de Un­ter­ar­ten wie­der. „Die­se Gren­ze ist re­la­tiv sta­bil“, be­rich­tet Heit­lin­ger.

Es ist vor al­lem die­se Misch­zo­ne, die For­scher fas­zi­niert. Noch ein Zu­fall: Ein Teil der Kol­le­gen kommt aus dem Os­ten, aus Tsche­chi­en, und forscht be­reits seit 20 Jah­ren. Auch an der Mischmaus, die wis­sen­schaft­lich Hy­brid­maus heißt.

Wos­si-Haus­mäu­se, das ha­ben Heit­lin­ger und sei­ne Kol­le­gen her­aus­ge­fun­den, ver­meh­ren sich we­ni­ger stark. Manch­mal auch gar nicht. Da­für könn­te es sein, dass ihr Im­mun­sys­tem fit­ter ist, ver­mut­lich durch we­ni­ger Pa­ra­si­ten.

Es gilt aber auch: Wenn sie es ver­mei­den kön­nen, paa­ren sich Ost- und West­mäu­se nicht. Das lie­ge vor al­lem am In­stinkt der Weib­chen, er­läu­tert der For­scher. Rie­che ei­ne West­maus am Rand ei­nes Misch­ge­biets ei­nen West­mäu­se­rich, be­vor­zu­ge sie den. Die Ost­m­aus­frau ma­che das auf der an­de­ren Sei­te des Zo­nen­rand­ge­biets ge­nau­so. Nur Mäu­se­ri­che, ob nun Ost oder West, die neh­men al­les. Auch das ist Evo­lu­ti­on.

Ema­nu­el Heit­lin­ger hat mit sei­nem Trans­por­ter in­zwi­schen ein ed­les Ge­stüt an­ge­steu­ert. In der Sat­tel­kam­mer hän­gen Öl­ge­mäl­de, doch auf dem Bo­den – ein­deu­tig Mäu­se­kot. Und es gibt ei­nen Stand­ort­vor­teil: kei­ne Kat­zen. Doch die Mäu­schen wa­ren schlau, auch die elf Fal­len hier sind leer. Viel­leicht sind die Ge­stüts-Wos­si-Mäu­se bes­se­res ge­wohnt als Ha­fer­flo­cken.

An der Kom­pos­tier­an­la­ge in Werns­dorf sagt Land­wir­tin Chris­ti­na Ra­be: „Al­so für mich ist ne Maus ne Maus.“Will­kom­men als stil­le Mit­ar­bei­te­rin. „Wenn sie nicht grad mei­ne Kür­bis­se an­frisst.“Mäu­se­for­schung, Le­bend­fal­le? Ein Kom­pos­tKun­de ist ir­ri­tiert. „Die fang' ich mit der Schlag­fal­le. Tot.“

Ein lan­ges Le­ben ist Heit­lin­gers Haus­mäu­sen auch nicht ver­gönnt. Ein paar Ta­ge Fett­le­be in der Feld­for­schungs­sta­ti­on na­he Ebers­wal­de, dann wer­den sie se­ziert. „Geht nicht an­ders“, sagt Heit­lin­ger be­dau­ernd. „Ich mag Mäu­se.“Aber um den Pa­ra­si­ten­be­fall für Stu­di­en zu er­for­schen, müs­se er ih­nen in den Darm schau­en.

Doch auch in Frei­heit ist das Haus­maus-Da­sein nicht ge­ra­de be­schau­lich. Oft währt es nur ein paar Mo­na­te, schon ei­ne kal­te Nacht kann für ein 25Gramm-Mäu­schen Le­bens­ge­fahr be­deu­ten. Und Feind ist so ziem­lich je­der: Kat­ze, Greif­vo­gel, so­gar ein Huhn – und die Schlag­fal­le in so man­cher Vor­rats­kam­mer nicht zu ver­ges­sen. (dpa)

FO­TO: PATRICK PLEUL/DPA

Ema­nu­el Heit­lin­ger, Bio­lo­ge und Pro­fes­sor an der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni­ver­si­tät, be­trach­tet ei­ne Gelb­hals­maus oder ei­ne Wald­maus in ei­nem Plas­tik­beu­tel – genau wird er es spä­ter her­aus­fin­den.

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