Ull­rich Er­zig­keit und die Frei­heit der Me­di­en

Ull­rich Er­zig­keit ge­währt Ein­bli­cke, wie in der DDR die Volks­wacht ent­stand: Von fünf­sei­ti­gen Hone­cker-Re­den, skur­ri­len Fern­schrei­ben und ver­sie­gel­ten Um­schlä­gen

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Erste Seite - Von Ti­no Zip­pel

Ge­ra. Der Ge­ra­er Ull­rich Er­zig­keit, der bis En­de 2013 Chef­re­dak­teur der Ost­thü­rin­ger Zei­tung war, fei­ert heu­te sei­nen 70. Ge­burts­tag. In der DDR ar­bei­te­te er als Re­dak­teur der Volks­wacht und blickt im In­ter­view zu­rück auf den All­tag der SED-Par­tei­zei­tung.

Herz­li­chen Glück­wunsch zum 70. Ge­burts­tag. Ha­ben Sie sich zu DDR-Zei­ten nicht dar­über ge­är­gert, dass Sie erst ei­nen Tag nach der Re­pu­blik­grün­dung ge­bo­ren wor­den sind?

Vie­len Dank für die Glück­wün­sche. Nein, ge­är­gert ha­be ich mich nicht. Im Ge­gen­teil. Die DDR hat sich ja im­mer selbst ge­fei­ert. Al­le am 7. Ok­to­ber 1949 Ge­bo­re­nen muss­ten stets zum Re­pu­blik­ge­burts­tag her­hal­ten, um die gu­te Ent­wick­lung des Lan­des zu de­mons­trie­ren. Das war nichts für mich.

Sie ha­ben 40 Jah­re die DDR er­lebt, nun fast 30 Jah­re das ge­ein­te Deutsch­land. Wel­che Zeit war schö­ner?

Als gro­ßes Glück ha­be ich emp­fun­den, dass die Gren­ze ge­fal­len ist. Ich bin in Un­ter­lo­quitz auf­ge­wach­sen, konn­te als Kind noch un­ge­hin­dert St­ein­bach an der Hai­de in Ober­fran­ken be­su­chen. Mit der zu­neh­men­den Grenz­si­che­rung lag dann selbst Probst­zel­la im Sperr­ge­biet. Wenn wir dort ein Fuß­ball-Aus­wärts­spiel hat­ten, brauch­ten wir ei­nen Son­der­stem­pel im Sport­aus­weis. Ich hat­te mich mit die­ser Ge­sell­schaft ar­ran­giert, auch wenn wir durch das Sys­tem der Be­spit­ze­lung un­ter der la­ten­ten Furcht lit­ten, ir­gend­wo et­was Fal­sches zu sa­gen oder zu tun.

Wo wa­ren Sie, als die Mau­er fiel?

Wäh­rend der his­to­ri­schen Pres­se­kon­fe­renz saß ich in der Re­dak­ti­on. Scha­bow­ski hat­te zwar ge­sagt, das Rei­se­ge­setz gel­te „ab so­fort“, das hieß in der DDR nor­ma­ler­wei­se „ir­gend­wann spä­ter“. Ich bin nach Hau­se und ha­be am spä­ten Abend die Ta­ges­the­men mit der Live-Schal­tung nach Ber­lin ge­se­hen. Bis da­to hat­te ich den Fall der Mau­er nicht für mög­lich ge­hal­ten.

Zur da­ma­li­gen Zeit ar­bei­te­ten Sie als Sport­chef bei der SEDBe­zirks­zei­tung „Volks­wacht“. Wie ka­men Sie da­zu?

Zum Be­ginn mei­nes Vo­lon­ta­ria­tes herrsch­te in der Sport­re­dak­ti­on Per­so­nal­man­gel. Als 19-Jäh­ri­ger aus dem länd­li­chen Raum hat­te ich nai­ve, ro­man­ti­sche Vor­stel­lun­gen vom Jour­na­lis­ten­be­ruf, die mehr vom West­fern­se­hen ge­prägt wa­ren. Ich hat­te nicht ge­dacht, dass die Be­richt­er­stat­tung so mit der Par­tei ver­bun­den ist. So ha­be ich al­les ge­tan, um in der Sport­re­dak­ti­on blei­ben zu kön­nen.

War die Ar­beit dort un­po­li­tisch?

Nein. Ein­mal jähr­lich hat zum Bei­spiel der Deut­sche Turn- und Sport­bund die gro­ße Li­nie vor­ge­ge­ben. Die Be­richt­er­stat­tung er­folg­te aber auch sach­be­zo­gen. Wenn der FC Carl Zeiss Je­na 0:1 ver­lo­ren hat, kam man am Er­geb­nis nicht vor­bei. An­ders als in der Wirt­schafts­be­richt­er­stat­tung, wenn über­er­füll­te Plä­ne be­ju­belt wur­den. Das konn­te kei­ner nach­prü­fen.

Gab es di­rek­te Ein­fluss­nah­me von oben?

Und wie! Wäh­rend heu­te Re­dak­tio­nen ganz in ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung ent­schei­den, muss­ten zu DDR-Zei­ten Re­dak­teu­re die Po­li­tik der Re­gie­ren­den aus po­li­tisch-ideo­lo­gi­schen Grün­den gut fin­den. Da­mit kei­ne öf­fent­li­che Kri­tik ar­ti­ku­liert wur­de, hat­ten Par­tei­en oder ge­sell­schaft­li­che Or­ga­ni­sa­tio­nen die Her­aus­ge­ber­schaft der Zei­tun­gen in­ne. Die Chef­re­dak­teu­re ha­ben sich bei der SED-Be­zirks­lei­tung ein­mal die Wo­che in gro­ßen Sit­zun­gen die po­li­ti­sche Li­nie ab­ge­holt, die sie in der Zei­tung durch­set­zen muss­ten.

Re­sul­tier­ten dar­aus Schreib­ver­bo­te?

Ja. Oft bis ins kleins­te De­tail. Wenn bei­spiels­wei­se die But­ter knapp war, durf­ten kei­ne Koch­re­zep­te mit But­ter ver­öf­fent­licht wer­den. Zu man­chen The­men ka­men chif­frier­te Fern­schrei­ben di­rekt vom Zen­tral­ko­mi­tee der SED.

Was wa­ren das für Bot­schaf­ten?

Ei­ne Nach­richt et­wa lau­te­te, dass wir für Ge­ra nicht mehr den Be­griff Stadt­zen­trum ver­wen­den durf­ten, son­dern nur noch „Zen­trum der Stadt“. Der Chef­re­dak­teur hat das in der Re­dak­ti­ons­kon­fe­renz ver­sucht zu er­klä­ren, was ihm aber nicht ge­lun­gen ist. Dar­an hal­ten muss­ten wir uns trotz­dem. Wie wür­den Sie heu­te re­agie­ren, wenn der Thü­rin­ger Mi­nis­ter­prä­si­dent an­ruft und an­wei­sen will, dass nicht mehr über Schwei­ne­fleisch be­rich­tet wird, weil es ge­ra­de knapp ist?

Dann wür­den wir la­chen und erst recht dar­über be­rich­ten.

Genau! In der DDR war es an­ders. Am Tag vor dem Start der So­jus-Ra­ke­te mit Sig­mund Jähn muss­te ein ver­trau­ens­wür­di­ger Ku­ri­er in Ber­lin zwei Brief­um­schlä­ge ab­ho­len, die streng ver­sie­gelt wa­ren. Am nächs­ten Tag wur­de mit­ge­teilt, wel­cher Um­schlag zur fest­ge­leg­ten Uhr­zeit ge­öff­net wer­den soll.

Was steck­te im Brief­um­schlag?

Al­le Tex­te und Fo­tos zum Welt­raum­flug. So­gar die Über­schrift. „Der ers­te Deut­sche im All, ein Bür­ger der DDR“war vor­ge­ge­ben.

Und was steck­te im zwei­ten Um­schlag?

Die Vi­ta des Er­satz­kos­mo­nau­ten. Die Re­dak­ti­on hat dies aber erst spä­ter er­fah­ren.

War­um ha­ben die DDR-Zei­tun­gen ganz­sei­ti­ge Po­li­ti­ker­re­den ab­ge­druckt?

Das war vor­ge­schrie­ben – und nicht nur für die SED-Zei­tun­gen. Das Wort der Par­tei soll­te al­le er­rei­chen, so die Theo­rie.

An manch ei­nem Tag wa­ren sechs von acht Zei­tungs­sei­ten mit Re­den ge­füllt. Das hat zwar kein Mensch ge­le­sen, die Re­dak­ti­on aber trotz­dem in ex­tre­me Auf­re­gung ver­setzt. Die Angst vor Druck­feh­lern war groß.

War Kür­zen er­laubt?

Nein. Nur ein­mal gab das SEDZen­tral­ko­mi­tee vor, dass die Volks­wacht ei­ne Hone­cker-Re­de auf drei Ta­ges­zei­tungs­sei­ten kür­zen soll­te. Die für ih­re Ängst­lich­keit be­kann­te Chef­re­dak­ti­on hat aber lie­ber Rüf­fel kas­siert, dass sie fünf statt drei Sei­ten da­für ein­ge­setzt hat­te, statt wo­mög­lich falsch zu kür­zen.

Wie ging die Re­dak­ti­on mit der ers­ten Flucht­wel­le im Som­mer 1989 um?

Die DDR-Me­di­en konn­ten die­se

we­gen des West­fern­se­hens schwer igno­rie­ren. In der Re­dak­ti­on gab es wi­der­stre­ben­de Be­we­gun­gen. Man­che ha­ben sich vom Her­aus­ge­ber für Ge­gen­pro­pa­gan­da ein­span­nen las­sen, wie schlecht es Flücht­lin­gen im Wes­ten er­geht. Die Par­tei hat be­son­ders li­ni­en­treue ei­ge­ne Funk­tio­nä­re in die Re­dak­ti­on ge­setzt, die auch an­de­re Bei­trä­ge ent­spre­chend auf­ge­motzt ha­ben. Be­son­de­re Ver­ach­tung ern­te­ten die Zei­tun­gen da­mals für ei­nen zen­tral aus Ber­lin ge­steu­er­ten Kom­men­tar, des­sen Schluss­satz über die DDRFlücht­lin­ge lau­te­te: „Wir wei­nen ih­nen kei­ne Trä­ne nach.“

Die Men­schen zo­gen im Herbst 1989 vor die Re­dak­ti­on und rie­fen „Lü­gen­pres­se“.

Die Leu­te hat­ten recht. Die Me­di­en

hat­ten zwar nicht nur Un­wahr­hei­ten ge­schrie­ben, aber ge­lo­gen durch We­glas­sen. Sie ha­ben die Pro­ble­me in der Ge­sell­schaft igno­riert und Schein­wel­ten auf­ge­baut.

Heu­te ru­fen die Men­schen wie­der „Lü­gen­pres­se“.

Aber ab­so­lut un­be­rech­tigt. Ei­ne di­rek­te Ein­fluss­nah­me des Staa­tes auf die Me­di­en gibt es heu­te nicht mehr. Die Ru­fe be­rüh­ren mich sehr, weil der Vor­wurf an die öf­fent­li­chen Me­di­en falsch ist.

Wie er­klä­ren Sie sich die Ru­fe?

Letzt­lich be­ruht die Un­zu­frie­den­heit doch zum gro­ßen Teil auf der Mi­gra­ti­ons­po­li­tik. Die AfD-An­hän­ger sind ge­gen ei­ne mo­de­rat-mensch­li­che Li­nie. Sie be­zeich­nen als Lü­ge, dass vie­le

Me­di­en das The­ma je­doch mensch­lich, hilfs­be­reit kom­men­tie­ren. Un­ter­drückt wird die an­de­re Mei­nung aber ge­ra­de nicht, wie un­schwer an ver­öf­fent­lich­ten Le­ser­brie­fen zu er­ken­nen ist.

Wie war das zu DDR-Zei­ten?

Es wä­re kein Le­ser­brief ge­gen die po­li­ti­sche Li­nie der Par­tei er­schie­nen. Heu­te wer­den Jour­na­lis­ten auf übels­te Wei­se be­schimpft, weil ein Teil der Ge­sell­schaft de­ren Mitt­ler­rol­le nicht an­er­kennt. Die­ser Teil möch­te, dass die Me­di­en ih­re Mei­nung un­re­flek­tiert wie­der­ge­ben, qua­si als ei­ge­nes Sprach­rohr. Ich wun­de­re mich auch über die Wahl­pla­ka­te der AfD, dass sie die Wen­de voll­enden will. Wo­hin soll die Wen­de ge­hen? Für mehr Frei­heit und De­mo­kra­tie ste­hen die rech­ten Pa­ro­len nicht.

Zu­rück zur Wen­de 1989: Wie hat die Re­dak­ti­on ab dem 10. No­vem­ber ge­ar­bei­tet?

Ei­ni­ge woll­ten zwar wei­ter auf Pro­pa­gan­da set­zen, aber aus mei­ner Sicht war die Ver­ei­ni­gung Deutsch­lands nicht auf­zu­hal­ten. Aus dem be­son­de­ren Zu­sam­men­halt mit den Sport­lern her­aus war die Sport­re­dak­ti­on in die­sen Ta­gen ers­ter An­lauf­punkt für die Le­ser­kri­tik. Wir ha­ben die The­men an­ge­packt, an die sich an­de­re nicht her­an­ge­traut ha­ben.

Wel­che wa­ren das?

Wir ha­ben bei­spiels­wei­se ei­ne Ab­hör­sta­ti­on ent­tarnt oder über ei­ne Sta­si-Post­stel­le be­rich­tet, die aus in­ner­deut­schen Post­sen­dun­gen Geld und Wert­ge­gen­stän­de ent­nom­men hat. Den Bei­trag woll­te die Chef­re­dak­ti­on zu­nächst nicht ver­öf­fent­li­chen. Wir ha­ben ein Ul­ti­ma­tum ge­setzt, dass wir kün­di­gen, wenn der Bei­trag nicht er­scheint. Am nächs­ten Tag stand der Ar­ti­kel in der Zei­tung und ging um die Welt.

Wie sind Sie Chef­re­dak­teur ge­wor­den?

Selbst im Ja­nu­ar 1990 gab es noch wi­der­stre­ben­de Strö­mun­gen. Die ei­nen woll­ten ei­ne so­zia­lis­ti­sche Ta­ges­zei­tung, die an­de­ren ei­ne par­tei­un­ab­hän­gi­ge Zei­tung. Zu­nächst hat die Re­dak­ti­on ei­nen Chef­re­dak­teur auf Li­nie der SED-PDS ge­wählt. Der hat nach nur zehn Ta­gen hin­ge­wor­fen, weil die Men­schen in Ge­ra für strik­te Ve­rän­de­run­gen de­mons­trier­ten. Die zwei­te Wahl hat mir die Mehr­heit ge­bracht, aus der Volks­wacht wur­den die un­ab­hän­gi­gen Ost­thü­rin­ger Nach­rich­ten und spä­ter die Ost­thü­rin­ger Zei­tung, die ich bis zum Ren­ten­ein­tritt lei­ten durf­te.

Wel­cher jour­na­lis­ti­sche Traum blieb auf der Stre­cke?

Von den Olym­pi­schen Spie­len zu be­rich­ten. 1988 hat­te ich den An­trag ge­stellt, mit nach Seo­ul zu rei­sen. Aber am Tag der Ein­klei­dung für die Jour­na­lis­ten stand plötz­lich mein Na­me nicht mehr auf der Lis­te. Bis heu­te weiß ich nicht war­um. Nach der Wen­de ha­be ich als Chef­re­dak­teur na­tür­lich den Sport­re­por­tern den Vor­tritt ge­las­sen.

FOTO: TI­NO ZIP­PEL

Ull­rich Er­zig­keit, frü­he­rer OTZ-Chef­re­dak­teur, vorm ehe­ma­li­gen Re­dak­ti­ons­ge­bäu­de der Volks­wacht in Ge­ra.

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