Ei­sern im Reich der Mit­te

Tri­ath­let Chris­ti­an Alt­stadt aus Je­na will die Sai­son in Chi­na krö­nen. Es ist das fünf­te Lang­dis­tanz-Ren­nen in die­sem Jahr

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Sport - Von Steffen Eß

An­hui.

Die Nacht auf Sonn­tag hat er noch ge­bannt am Fern­se­her zu­ge­bracht, um mit den Deut­schen auf Ha­waii mit­zu­fie­bern und dem ei­nen oder an­de­ren auch mit­zu­lei­den. Zwei Ta­ge spä­ter hat sich Chris­ti­an Alt­stadt selbst auf­ge­macht. Der Flug ging zum ent­ge­gen­ge­setz­ten En­de der Er­de. Im Süd­os­ten Chi­nas will der Jena­er Tri­ath­let an die­sem Sonn­tag sei­ne Sai­son krö­nen. Es könn­te ei­ne glän­zen­de wer­den.

Ei­ner geht noch. Ei­ner muss es noch sein. Seit Wo­chen hat sich der 32-Jäh­ri­ge auf den Show­down in Chi­na ge­freut. Auf Ein­la­dung der Chal­len­geSe­rie als Aus­rich­ter von Lan­gund Mit­tel­dis­tanz­ren­nen ist der sport­li­che Trip nach Fer­n­ost nicht nur für ihn als Tri­ath­le­ten Neu­land. Der für den LTV Er­furt star­ten­de Jena­er ist dort selbst Teil ei­ner Pre­mie­re.

Das Ren­nen der Chal­len­geSe­rie bil­det den ers­ten in­ter­na­tio­na­len Tri­ath­lon über­haupt in dem Rie­sen­reich. Ent­spre­chend eu­pho­risch und in schwär­me­ri­scher Art prei­sen die Or­ga­ni­sa­to­ren die Wett­be­wer­be beim An­hui-Chal­len­ge über die Lan­gund Mit­tel­dis­tanz an.

An­hui, das ist ei­ne Pro­vinz im Süd­os­ten Chi­nas. Der Tri­ath­lon star­tet in Guang­de, ei­ner Stadt um­säumt von zwei Flüs­sen. Im Wu­li­an­gxi Ri­ver gilt es für Alt­stadt auch, die ers­te Etap­pe, die 3,8 Ki­lo­me­ter Schwim­men, hinter sich zu brin­gen. Dem Krau­len durch den „ma­le­ri­schen Stadt­fluss“, wie es die Renn­lei­tung an­kün­digt, schießt sich ei­ne „land­schaft­lich reiz­vol­le Rad­stre­cke“über 180 Ki­lo­me­ter an, ge­spickt mit ein paar Hö­hen­me­tern. Ein fla­cher Ma­ra­thonS­tadt­kurs bie­te eben­so ein „ein­zig­ar­ti­ges Er­leb­nis“.

„Es wird ein klei­nes Aben­teu­er“, ahn­te Chris­ti­an Alt­stadt im Vor­feld und sah sich am ers­ten Abend da­rin be­stä­tigt. Die Su­che nach ei­nem west­lich ori­en­tier­ten Re­stau­rant, um er­näh­rungs­tech­nisch vor dem Wett­kampf auf Num­mer si­cher zu ge­hen, ge­stal­te­te sich bei­spiels­wei­se schwie­rig. Vor al­lem, weil Ta­xi­fah­rer nicht mal an­satz­wei­se eng­lisch ver­stan­den. Mit lee­rem Bauch aber muss­te kei­ner ins Bett. Und sonst lässt der Auf­takt kei­ne Wün­sche of­fen. „Alles ist su­per or­ga­ni­siert. Wir als Pro­fis wur­den mit Hin­ga­be emp­fan­gen. Din­ner, klas­se Ho­tel, so­gar Ge­schen­ke. Man gibt sich hier un­glaub­lich viel Mü­he. Ich bin wirk­lich po­si­tiv über­rascht“, schil­dert der Thü­rin­ger sei­ne ers­ten Ein­drü­cke.

Um­so mehr ist der Ei­sen­mann ge­spannt, in­wie­weit das Ren­nen selbst dem Schwär­men der Or­ga­ni­sa­to­ren stand­hält. Der Ziel­be­reich im Sta­di­on sei rie­sig, so Alt­stadt. Dort wünscht er sich ei­nen „rich­tig schö­nen Ab­schluss“. Was nichts an­de­res be­deu­tet, als dass er un­ter den gut drei Hand­voll Pro­fis so weit vorn wie mög­lich lan­den will. Er ist der über­haupt ein­zi­ge Deut­sche.

Ein biss­chen Un­ge­wiss­heit schwingt mit. Denn das letz­te lan­ge Ren­nen beim Aus­tria Tri­ath­lon in Po­ders­dorf in Ös­ter­reich ist nicht das ge­we­sen, was sich der Jena­er vor­ge­stellt hat­te. „Bei Ki­lo­me­ter 30 war dann Fei­er­abend. Ich bin ex­plo­diert“, sagt er mit Blick zu­rück. Auf der Lauf­stre­cke kam der Ein­bruch, es ge­nüg­te zum neun­ten Platz. Doch die Er­kennt­nis wuchs, dass er sich über­nom­men hat­te.

Po­ders­dorf ist in die­sem Jahr das vier­te bein­har­te Ren­nen für den Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler ge­we­sen nach dem Sieg beim Is­ra­man An­fang in Is­ra­el und dem Chal­len­ge in Roth (12.). Ge­ra­de vier Wo­chen zu­vor war er Zwei­ter beim Ost­see­man ge­wor­den. Mit­ten­drin lag noch der Sprint von Stot­tern­heim bei sei­nem LTV-Heim­ren­nen, das er über die olym­pi­sche Dis­tanz (1,5 – 40 – 10) ge­won­nen hat­te. „Man braucht mehr Er­ho­lung“, zog Chris­ti­an Alt­stadt nach Po­ders­dorf sei­nen Schluss dar­aus, dass man vor al­lem men­tal mehr Zeit für Er­ho­lung braucht, als er sich im Som­mer ein­ge­räumt hat­te.

Um 100 Pro­zent im Kopf fit zu sein, hat er sich die gut sie­ben Wo­chen zum Re­ge­ne­rie­ren und zur Vor­be­rei­tung auf die Reise nach Chi­na ge­nom­men. Vor dem fünf­ten Wett­kampf über die Mam­mut­dis­tanz in­ner­halb von neun Mo­na­ten (!) zieht er nicht zu­letzt noch zu­sätz­li­chen Auf­trieb aus dem Dop­pel­sieg von Jan Fro­de­no und An­ne Haug auf Ha­waii vor ei­ner Wo­che. „Wahn­sinn“, sag­te er in ei­ner ers­ten Re­ak­ti­on.

Der Sieg des ers­ten deut­schen Olym­pia­sie­gers im Tri­ath­lon ist für Chris­ti­an Alt­stadt kei­ne Über­ra­schung ge­we­sen. „Jan Fro­de­no ist der bes­te Tri­ath­let der Welt – in al­len drei Dis­zi­pli­nen oh­ne Schwä­che“, fin­det der Thü­rin­ger. In der Nacht vorm Fern­se­her hat­te er in­des auch ein „Ren­nen für sich“ge­se­hen. Ab­ge­se­hen von Se­bas­ti­an Ki­en­le, der im­mer stark lie­fe­re, hät­ten die zahl­rei­chen an­de­ren Deut­schen al­le Pro­ble­me ge­habt. „Ha­waii ist ein­fach ein au­ßer­ge­wöhn­li­ches, my­then­be­haf­te­tes Ren­nen. Dort pas­siert im­mer Un­vor­her­ge­se­he­nes. Tra­gö­di­en spie­len sich ab. Aber eben­so wird Ge­schich­te ge­schrie­ben“, meint Chris­ti­an Alt­stadt.

Es klingt bei­na­he so, als woll­te er sich den Traum von Ha­waii selbst ein­mal er­fül­len.

Erst mal aber heißt es: Ei­sern sein im Reich der Mit­te.

FO­TO: IN­GO KUTSCHE

Kraft tan­ken vorm Show­down: Chris­ti­an Alt­stadt freut sich auf die Pre­mie­re beim An­hui-Chal­len­ge.

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