Im­mer mehr Kon­ten­ab­fra­gen

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Politik - FO­TO: DPA

Ber­lin.

Andre­as Scheu­er

Die Zahl der Zu­grif­fe von Be­hör­den auf Kon­ten von Bür­gern ist in den ers­ten neun Mo­na­ten des Jah­res ge­stie­gen. Wie die „Welt am Sonn­tag“be­rich­te­te, be­ant­wor­te­te das Bun­des­zen­tral­amt für Steu­ern 688.608 An­fra­gen. Das sei­en 100.000 mehr als in den ers­ten neun Mo­na­ten 2018. Mit dem Ver­fah­ren sol­len Steu­er­be­trug und So­zi­al­miss­brauch ver­folgt wer­den. Da­ten­schüt­zer for­dern ei­ne Über­prü­fung der recht­li­chen Grund­la­ge. (dpa) Ei­ner­seits aus Miss­trau­en von Ab­ge­ord­ne­ten ge­gen­über John­son und den Hard­li­nern un­ter den Br­ex­it-Be­für­wor­tern. Ei­nem Teil des Par­la­ments ging es wohl auch dar­um, den Pro­zess auf­zu­hal­ten. An­de­re Ab­ge­ord­ne­te woll­ten John­son ei­nen Denk­zet­tel ver­pas­sen: Zu den wich­tigs­ten Initia­to­ren des An­trags ge­hör­ten To­ry-Ab­ge­ord­ne­te, die sich mit John­son über­wor­fen hat­ten. Ge­mein­sam mit La­bour­Po­li­ti­kern brach­ten sie den Ver­ta­gungs­an­trag ein – 322 Ab­ge­ord­ne­te stimm­ten da­für, 306 da­ge­gen. Die An­trag­stel­ler äu­ßer­ten die Be­fürch­tung, dass Br­ex­it­Hard­li­ner den De­al jetzt an­neh­men könn­ten, aber in den nächs­ten Ta­gen ent­spre­chen­de Ge­set­ze blo­ckie­ren. Be­fürch­tun­gen gibt es auch, dass Groß­bri­tan­ni­en nach der Über­gangs­zeit in den No-De­al-Br­ex­it rutscht – wenn bis da­hin kei­ne neu­en Ver­trä­ge ver­ein­bart sind.

Wie hat John­son re­agiert?

Ge­wohnt wi­der­sprüch­lich. Nach der Ge­set­zes­la­ge war klar: Weil am Sams­tag kein be­schlos­se­ner Ver­trag vor­lag, muss­te er Man­fred We­ber, EVP-Frak­ti­ons­chef

die EU um ei­ne Ver­schie­bung des Aus­tritts­ter­mins bit­ten. Nach der Par­la­ments­ent­schei­dung er­klär­te der Pre­mier, er hal­te am Aus­tritts­da­tum 31. Ok­to­ber fest. Am Sams­tag­abend te­le­fo­nier­te er mit EU-Rats­prä­si­dent Do­nald Tusk und kün­dig­te doch ei­nen An­trag an. Der war aber ei­ne Pro­vo­ka­ti­on, denn er be­stand aus drei Schrei­ben: der Ko­pie des Ge­set­zes­tex­tes, der ihn zu dem Schritt zwingt, oh­ne Un­ter­schrift. Da­zu ei­ne Er­läu­te­rung des bri­ti­schen EU-Bot­schaf­ters, der er­klär­te, der An­trag sei be­wusst nicht un­ter­zeich­net wor­den. Und dann schrieb John­son ei­nen Brief an Tusk („De­ar Do­nald“), in dem er klar­stell­te, dass er ge­gen die Ver­schie­bung des Br­ex­it-Ter­mins sei.

Wird die EU ver­län­gern?

Sehr wahr­schein­lich ja. Auf dem EU-Gip­fel hat­te bei den Re­gie­rungs­chefs Ei­nig­keit dar­über ge­herrscht, dass man lie­ber ver­län­gern wer­de, als ei­nen har­ten Br­ex­it zu ris­kie­ren. Nur Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron ließ am Wo­che­n­en­de durch Ver­trau­te Be­den­ken ge­gen ei­ne Aus­tritts­ver­schie­bung an­mel­den. Rats­prä­si­dent Tusk kün­dig­te an, er wer­de die Re­gie­rungs­chefs kon­sul­tie­ren. Aber: Das wer­de ei­ni­ge Ta­ge dau­ern, wie EU-Chef­un­ter­händ­ler Mi­chel Bar­nier am Sonn­tag klar­stell­te. Nach In­for­ma­tio­nen un­se­rer Re­dak­ti­on sol­len erst wei­te­re Ab­stim­mun­gen im Un­ter­haus ab­ge­war­tet wer­den. Wür­de der Ver­trag schnell an­ge­nom­men, müss­te der Aus­tritts­ter­min nicht ver­scho­ben wer­den. Kippt der Ver­trag, gibt es mög­li­cher­wei­se Be­we­gung in Rich­tung Neu­wahl oder Re­fe­ren­dum. Dann wä­re ei­ne Ver­län­ge­rung kein Pro­blem. Ein EU-Di­plo­mat sag­te un­se­rer Re­dak­ti­on: „Wir blei­ben fle­xi­bel. Wir stel­len uns auf al­le Op­tio­nen ein.“

Wie groß der Frust ist, zei­gen Re­ak­tio­nen aus dem EU-Par­la­ment. Der Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­te Rein­hard Bü­tik­o­fer nennt die Ab­stim­mung in London „das bru­tals­te Ver­sa­gen ei­ner gan­zen po­li­ti­schen Klas­se in ei­nem EU­Land seit Jahr­zehn­ten“. Für ei­ne Schei­dung am 31. Ok­to­ber muss das EU-Par­la­ment spä­tes­tens am Don­ners­tag dem Ver­trag zu­stim­men. Nächs­ter Ab­stim­mungs­ter­min wä­re da­nach erst Mit­te No­vem­ber. In die­sem Sze­na­rio müss­te der Aus­tritt auf den 1. De­zem­ber ver­scho­ben wer­den.

Hat der Ver­trag noch ei­ne Chan­ce?

Ja. Ge­nau wird man es in den nächs­ten Ta­gen wis­sen. John­sons kon­ser­va­ti­ve Frak­ti­on hat die Ab­stim­mung am Sams­tag ab­ge­setzt, weil sie nur un­ver­bind­lich ge­we­sen wä­re. Statt­des­sen sol­len jetzt die ent­spre­chen­den Ge­set­ze im Eil­tem­po durch­ge­peitscht wer­den. Nach dpa-In­for­ma­tio­nen könn­te es schon heu­te zur Ab­stim­mung über den Br­ex­it kom­men, dies gilt aber als un­wahr­schein­lich. Au­ßen­mi­nis­ter Do­mi­nic Ra­ab sag­te, die Re­gie­rung se­he min­des­tens 320 Ab­ge­ord­ne­te auf ih­rer Seite, 318 wä­ren not­wen­dig. Der Pre­mier hat­te vor den Ab­ge­ord­ne­ten emo­tio­nal für den „groß­ar­ti­gen Ver­trag“ge­wor­ben. La­bour-Chef Je­re­my Cor­byn lehnt das Ab­kom­men ab und meint, der Ver­trag sei noch schlech­ter als der ur­sprüng­lich von The­re­sa May aus­ge­han­del­te. Klar ist jetzt auch: Geg­ner des Aus­tritts und Be­für­wor­ter ei­ner wei­te­ren Ver­zö­ge­rung wit­tern Mor­gen­luft. John­son hat mit dem Ver­trag die Un­ter­stüt­zung der nord­iri­schen DUP, die die Re­gie­rung bis­her mit­ge­tra­gen hat, ver­lo­ren: Sie fürch­tet, Nord­ir­land wer­de ab­ge­kop­pelt.

Was pas­siert, wenn der Ver­trag schei­tert?

Dann gibt es zwei Mög­lich­kei­ten. Die EU stimmt zü­gig ei­ner Ver­schie­bung des Aus­tritts zu, der Ter­min wür­de wohl um drei Mo­na­te ver­legt. Leh­nen die EU­Re­gie­rungs­chefs ab, kä­me es zum Chaos-Br­ex­it. Der droht auch aus ei­ner an­de­ren Rich­tung: John­sons Re­gie­rung hat die Op­ti­on durch­ge­spielt, dass der Ver­län­ge­rungs­an­trag kurz vor dem 31. Ok­to­ber zu­rück­ge­zo­gen wird. John­sons Mi­nis­ter Micha­el Go­ve mach­te klar, dass mit der Op­ti­on ei­nes Chaos-Br­ex­its wei­ter­hin ge­ar­bei­tet wird. Der Aus­tritt wer­de auf je­den Fall am 31. Ok­to­ber voll­zo­gen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.