Schin­ken ist im Grun­de nichts an­de­res als Mu­mi­en­ge­we­be

Deutsch­lands be­kann­tes­ter Kri­mi­nal­bio­lo­ge Mark Ben­ecke be­geis­tert mit ma­ka­brem Hu­mor mehr als  Zu­schau­er in Ge­ra

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Politik - Von Ul­ri­ke Mer­kel

Ge­ra.

Das übel zu­ge­rich­te­te Ge­sicht ei­ner äl­te­ren Da­me er­scheint groß auf der Lein­wand. Durch die Platz­wun­den, Hä­ma­to­me und Schwel­lun­gen sind ih­re Ge­sichts­zü­ge kaum zu er­ken­nen. Sie sei nicht tot, be­ru­higt Mark Ben­ecke sein Pu­bli­kum. Nichts­des­to­trotz sind die Vor­trä­ge des Köl­ner Kri­mi­nal­bio­lo­gen nichts für Zart­be­sai­te­te.

Am Sonn­tag­abend sprach er im aus­ver­kauf­ten Ge­ra­er Kul­tur- und Kon­gress­zen­trum über „Blut­spu­ren“. Die ers­te Lek­ti­on, die er den mehr als 1000 Zu­schau­ern über sei­nen Job als Sach­ver­stän­di­ger für bio­lo­gi­sche Spu­ren lehrt, lau­tet: „Den­ken ist das Letz­te, was wir brau­chen. Den­ken ist schlecht.“Denn, wer den­ke, zie­he fal­sche Gr­und­an­nah­men zur Beur­tei­lung der Spu­ren­la­ge her­an. Das kön­ne zu fal­schen Schlüs­sen und schlimms­ten­falls zu Fehl­ur­tei­len füh­ren. Was zäh­le, sei­en al­lein Mes­sun­gen.

Das be­weist Mark Ben­ecke fan­ta­sie­reich an­hand ei­nes fo­to­gra­fisch do­ku­men­tier­ten Bum­mels über den Ge­ra­er Herb­strummel. Die Ab­bil­dun­gen la­chen­der Clowns und ängst­lich drein­schau­en­der Ge­sich­ter auf den Fahr­ge­schäf­ten, die selt­sam auf­ge­häng­ten Ku­schel­fla­min­gos ei­ner Los­bu­de oder der klei­ne Wer­be­teu­fel, der Cham­pi­gnons zu fol­tern scheint, auf ei­ner Grill­stand­ta­fel, könn­ten für Men­schen mit Psy­cho­sen leicht zum Ort des Grau­ens wer­den. Ih­re Schil­de­run­gen des Rum­mels wür­den sich kom­plett von dem un­ter­schei­den, was nor­ma­le Be­su­cher zu er­zäh­len hät­ten, ist sich der pro­mo­vier­te Bio­lo­ge si­cher.

Mark Ben­ecke ist wohl der be­kann­tes­te Kri­mi­nal­bio­lo­ge in Deutsch­land. Sein Köl­ner Spe­zi­al­la­bor, in dem auch sei­ne aus Nord­thü­rin­gen stam­men­de Frau Ines tä­tig ist, be­ar­bei­tet ge­wöhn­lich 20 Fäl­le par­al­lel und ist welt­weit ge­fragt.

Auch bei sei­ner kur­zen Blut­spu­ren-Kun­de in Ge­ra weiß er mit Fach­wis­sen zu ver­blüf­fen: „Die meis­ten Mör­der, die zum Mes­ser grei­fen, ver­let­zen sich selbst“, sagt er. Sie rutsch­ten bei der Tat vom Griff ab – ei­ne gu­te Aus­gangs­la­ge für die Kri­mi­nal­tech­nik. Zu­vor er­klär­te er ganz nüch­tern: Schin­ken ist im Grun­de nichts an­de­res als Mu­mi­en­ge­we­be; und die in Thü­rin­gen ver­brei­te­te Brat­wurst sei Lei­che in Lei­chen­darm – Tier­lei­che.

Mark Ben­ecke ist An­hän­ger der Got­hic-Sze­ne und liebt ma­ka­bren Hu­mor. Pas­send da­zu kön­nen die Zu­schau­er, die wie er teil­wei­se schwarz ge­klei­det sind, in der Pau­se di­cke Fauch­scha­ben in die Hand neh­men. Den Tie­ren wür­de das nichts aus­ma­chen, er­klärt Ben­ecke. Sie sei­en nach ei­ner Tour so­gar die „Cools­ten“im hei­mi­schen Ter­ra­ri­um. Oben­drein räumt er mit ei­ni­gen Kri­mi­my­then auf: „Bei Lei­chen wach­sen die Fin­ger­nä­gel nicht wei­ter, sonst wur­de die ver­meint­li­che Lei­che le­bend be­gra­ben.“Und die „Spu­si, die Spu­ren­si­che­rung“, ken­ne im rea­len Le­ben auch nie­mand. Bei der Po­li­zei spre­che man schlicht von der Kri­mi­nal­tech­nik.

Et­was er­nüch­ternd meint er ge­gen En­de sei­nes Vor­tra­ges noch: „80 bis 90 Pro­zent al­ler Häft­lin­ge ha­ben ei­ne an­ti­so­zia­le Per­sön­lich­keit.“Die­se psy­chi­sche Stö­rung sei nur bei Kin­dern the­ra­pier­bar, al­ler­dings darf man sie bei Kin­dern nicht dia­gnos­ti­zie­ren.

FO­TO: UL­RI­KE MER­KEL

Kri­mi­nal­bio­lo­ge Mark Ben­ecke im aus­ver­kauf­ten Kul­tur- und Kon­gress­zen­trum.

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