Muss die Bun­des­wehr nach Sy­ri­en?

Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Kramp-Kar­ren­bau­er for­dert in­ter­na­tio­na­le Si­cher­heits­zo­ne in dem Bür­ger­kriegs­land. SPD re­agiert ver­är­gert

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Politik - Von M. Back­fisch, T. Braune, C. Kerl und M. San­ches

Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin An­ne­gret-Kramp-Kar­ren­bau­er (CDU) will ei­ne Si­cher­heits­zo­ne in Nord­sy­ri­en. Eu­ro­pa – auch Deutsch­land – sol­len mit­ma­chen. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) be­zeich­ne­te die Idee am Diens­tag als „sehr viel­ver­spre­chend, auch wenn noch vie­le Fra­gen of­fen sind“. Der Ko­ali­ti­ons­part­ner SPD sprach hin­ge­gen von man­geln­der Ab­stim­mung und gab sich ver­är­gert. Die Ant­wor­ten auf die wich­tigs­ten Fra­gen:

Was ge­nau for­dert Kramp-Kar­ren­bau­er?

Die Mi­nis­te­rin setzt sich für die Schaf­fung ei­ner „in­ter­na­tio­nal kon­trol­lier­ten Si­cher­heits­zo­ne“in Nord­sy­ri­en ein. Da­bei will sie auch Russ­land und die Tür­kei mit­ein­be­zie­hen. Die Si­cher­heits­zo­ne hat zwei Zie­le: Zum ei­nen soll die Kam­pa­gne ge­gen die Ter­ror­mi­liz „Is­la­mi­scher Staat“(IS) wie­der auf­ge­nom­men wer­den. Zum an­de­ren soll die Re­gi­on so sta­bi­li­siert wer­den, dass ein zi­vi­ler Auf­bau und ei­ne frei­wil­li­ge Rück­kehr von Flücht­lin­gen mög­lich ist. Kramp-Kar­ren­bau­er hat je­doch nicht er­läu­tert, wer die Si­cher­heits­zo­ne er­rich­ten soll: die UN, die Na­to, die EU oder ei­ne eu­ro­päi­sche Ko­ali­ti­on der Wil­li­gen.

Was wür­de das für die Bun­des­wehr be­deu­ten?

Gleich nach Amts­ein­füh­rung trat Kramp-Kar­ren­bau­er da­für ein, den Ein­satz der Bun­des­wehr in der Re­gi­on zu ver­län­gern, auch da­mals im Som­mer zu­nächst ge­gen den Wi­der­stand der SPD. Ihr ers­ter Trup­pen­be­such führ­te sie in den Irak. Mehr­fach be­ton­te die Mi­nis­te­rin vor Ort, dass die Ter­ror­mi­liz IS noch nicht be­siegt sei. Am En­de setz­te sie sich durch. Ih­re heu­ti­ge Ar­gu­men­ta­ti­on baut dar­auf auf. Die Bun­des­wehr ist schon mit 445 Sol­da­ten in der Re­gi­on. Sie bil­den ira­ki­sche Sol­da­ten und die kur­di­schen Pe­schmer­ga im Kampf ge­gen den IS aus. Von Jor­da­ni­en aus flie­gen deut­sche Tor­na­dos Auf­klä­rungs­flü­ge – sie lie­fern den al­li­ier­ten Streit­kräf­ten die Bil­der für An­grif­fe. Gleich­zei­tig hilft die Bun­des­wehr mit ei­nem Tank­flug­zeug. Es spricht viel da­für, dass die in­ter­na­tio­na­len Part­ner bei ei­nem Ein­satz in Sy­ri­en mehr ver­lan­gen wür­den. Zum Bei­spiel Kampf­ein­hei­ten, min­des­tens aber ein ro­bus­tes Man­dat. Die Bun­des­wehr wä­re da­zu fä­hig, sie hat es in Af­gha­nis­tan un­ter Be­weis ge­stellt. Das ge­heim­nis­um­wit­ter­te Kom­man­do Spe­zi­al­kräf­te hat im Raum Kun­dus zu­letzt im Jahr 2008 Ter­ro­ris­ten ge­jagt und fest­ge­setzt. Für ein ro­bus­tes Man­dat müss­te das deut­sche Kon­tin­gent er­höht und ver­stärkt wer­den.

Was hät­ten die Kur­den von ei­ner in­ter­na­tio­na­len Si­cher­heits­zo­ne?

Die Kur­den wür­den ei­ne in­ter­na­tio­nal kon­trol­lier­te Si­cher­heits­zo­ne be­grü­ßen. Sie er­hof­fen sich da­durch ei­nen Ab­zug der tür­ki­schen Trup­pen und hu­ma­ni­tä­ren Schutz. Die­ses Kon­zept ei­ner Si­cher­heits­zo­ne un­ter­schei­det sich dia­me­tral von dem der Tür­ken. Der tür­ki­sche Staats­chef Re­cep Tay­yip Er­do­gan zeig­te sich zu­min­dest of­fen für ein Vie­rer-Tref­fen mit den eu­ro­päi­schen Na­to-Part­nern Frank­reich, Deutsch­land und Großbritan­nien, dürf­te sei­ne Sol­da­ten aber nicht kurz­fris­tig aus Sy­ri­en ab­zie­hen. Auch die kur­di­sche Selbst­ver­wal­tung in Nord­sy­ri­en wird der Prä­si­dent nicht to­le­rie­ren.

Wie rea­lis­tisch ist ein sol­cher Ein­satz?

Auf dem Pa­pier klingt die Idee gut. Doch die in­ter­na­tio­na­le Be­reit­schaft, Trup­pen für ei­nen Ein­satz in dem Bür­ger­kriegs­land zu stel­len, dürf­te sich in Gren­zen hal­ten. Das gilt vor al­lem auch für Deutsch­land.

Wie re­agie­ren die Re­gie­rungs­par­tei­en?

Kanz­le­rin Mer­kel und Uni­ons­frak­ti­ons­chef Ralph Brink­haus (CDU) stell­ten sich am Diens­tag in ei­ner Sit­zung der Uni­ons­frak­ti­on hin­ter die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin und CDU-Che­fin AKK. Der Ge­dan­ke, in Nord­sy­ri­en Schutz­zo­nen zu er­rich­ten, sei sehr viel­ver­spre­chend, auch wenn noch vie­le Fra­gen of­fen sei­en, so Mer­kel. „Die Idee ist es al­le­mal wert, dass man ver­sucht, sie um­zu­set­zen“, sag­te die Kanz­le­rin nach An­ga­ben von Teil­neh­mern. Sie kün­dig­te an, sie wer­de bei ei­nem Tref­fen mit dem fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Ma­cron, dem bri­ti­schen Pre­mier Bo­ris John­son und mit Re­cep Tay­yip Er­do­gan über den Vor­schlag Kramp-Kar­ren­bau­ers spre­chen. Not­wen­dig für ei­ne Schutz­zo­ne wä­re aber ein UNMan­dat, er­klär­te die Bun­des­kanz­le­rin.

In der SPD ist das Be­frem­den über AKK groß. Frak­ti­ons­chef Rolf Müt­zenich rüg­te den Plan der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin. „Das ist kei­ne Initia­ti­ve der Bun­des­re­gie­rung, son­dern ei­ne per­sön­lich ge­hal­te­ne Idee ei­nes Ka­bi­netts­mit­glieds.“Kramp-Kar­ren­bau­er müs­se sich fra­gen las­sen, ob Deutsch­land den von Er­do­gan an­ge­streb­ten „Be­völ­ke­rungs­aus­tausch“zu­las­ten der Kur­den im tür­kisch-sy­ri­schen Grenz­ge­biet po­li­tisch ak­zep­tie­ren wol­le. Müt­zenich und wei­te­re SPD-Spit­zen zeig­ten sich ir­ri­tiert dar­über, dass AKK am Sonn­tag­abend beim Ko­ali­ti­ons­gip­fel kein Wort über ih­re Plä­ne ver­lo­ren hat­te. Erst am Mon­tag schick­te sie Au­ßen­mi­nis­ter Hei­ko Maas ei­ne va­ge SMS oh­ne in­halt­li­che De­tails. „Von SMS­Di­plo­ma­tie hal­te ich we­nig. Dar­aus wird schnell ei­ne SOS-Di­plo­ma­tie“, kri­ti­sier­te Maas sei­ne Ka­bi­netts­kol­le­gin. Um ei­ne mög­li­che Ko­ali­ti­ons­kri­se ab­zu­wen­den, tra­fen sich am Di­ens­tag­nach­mit­tag Mer­kel, AKK, Maas und Vi­ze­kanz­ler Olaf Scholz (SPD) zu ei­nem Ge­spräch.

Was sagt die Op­po­si­ti­on?

Lin­ke-Frak­ti­ons­che­fin Sah­ra Wa­genk­necht sprach von ei­nem „aber­wit­zi­gen Vor­schlag“. Grü­nen-Che­fin An­na­le­na Ba­er­bock sag­te un­se­rer Re­dak­ti­on: „Der Vor­stoß von An­ne­gret Kram­pKar­ren­bau­er wirft mehr Fra­gen auf, als er Ant­wor­ten gibt.“Nicht nur die Grü­nen ver­mu­ten, AKK ha­be ein au­ßen­po­li­ti­sches Ablen­kungs­ma­nö­ver ge­star­tet, um ih­re ge­schwäch­te Po­si­ti­on in der CDU zu stär­ken. FDP-Chef Christian Lind­ner kri­ti­sier­te die „Pro­fi­lie­rungs­be­mü­hun­gen ein­zel­ner Ka­bi­netts­mit­glie­der“. In der Sa­che zeig­te er sich of­fen.

FO­TO: DPA PA

Vor dem Ein­satz: Bun­des­wehr­sol­da­ten auf dem Flug­ha­fen der af­gha­ni­schen Stadt Kun­dus.

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Kramp-Kar­ren­bau­er und Hei­ko Maas.

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