Spit­zen­me­di­zin braucht Spit­zen­pfle­ge

Pfle­ge lie­fert täg­lich neue Schlag­zei­len. Pfle­ge­di­rek­to­rin Chris­tia­ne Jäh­nert wünscht sich Re­spekt für den -St­un­den-Di­enst

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Erste Seite - Von Hanno Mül­ler

Wer­be­pla­ka­te ih­rer Kli­nik zei­gen Chris­tia­ne Jäh­nert als Berg­stei­ge­rin. „Nüscht für Lu­chen, wir brau­chen Hel­den“lau­tet da­zu das ak­tu­el­le Mot­to der Zen­tral­kli­nik Bad Ber­ka. Hier über­nahm sie vor ei­nem Jahr das Amt der Pfle­ge­di­rek­to­rin. Wie in der Frei­zeit­klet­te­rei sei es auch in ih­rem Be­ruf: man kom­me schon mal an die ei­ge­nen Gren­zen und müs­se sich auf sei­ne Mit­strei­ter ver­las­sen kön­nen, sagt die sport­li­che Mitt­fünf­zi­ge­rin. In punc­to Pfle­ge heißt das für sie: Kei­ne Spit­zen­me­di­zin oh­ne Spit­zen­pfle­ge. En­ga­giert, zu­ver­läs­sig, selbst­be­wusst mit Wis­sens­drang und Spaß an der Ar­beit – so sieht sie sich und so wünscht sie sich auch ih­re Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen.

Jäh­nert ist ge­bür­ti­ge Thü­rin­ge­rin. In der DDR er­schwer­te man ihr als Kind so­ge­nann­ter In­tel­li­genz-El­tern trotz bes­ter No­ten das Stu­die­ren. Sie ent­schied sich für „den Um­weg“über die Pfle­ge und hat es nie be­reut. Über 25 Jah­re stand sie selbst am Pa­ti­en­ten­bett, ehe sie in den 2000ern auf die Lei­tungs­ebe­ne wech­sel­te. Die Schlag­zei­len rund um die Pfle­ge, ver­bun­den mit ei­nem viel­fach ne­ga­ti­ven Bild ih­res Be­ru­fes, är­gern sie. „Pfle­ge ist ge­sell­schaft­lich be­dau­ert. Das ist nicht das, was ich mir wün­sche“, sagt sie. Aus­wir­kun­gen ha­be das nicht zu­letzt auf die At­trak­ti­vi­tät des Be­ru­fes. Zu ih­rer Zeit brauch­te man mög­lichst ei­nen Durch­schnitt von un­ter 1,5, um ge­nom­men zu wer­den. In­zwi­schen lä­gen Be­wer­ber mit­un­ter weit dar­über. Nicht im­mer kä­men die in die Kli­ni­ken, die hoff­nungs­voll und zu­ver­sicht­lich Spaß am Be­ruf ha­ben.

Her­aus­for­dernd war Pfle­ge schon im­mer. Pfle­ge­rin­nen und Pfle­ger sei­en qua­si 24 St­un­den bei den Pa­ti­en­ten. Sie be­rei­ten auf Ope­ra­tio­nen vor, hal­ten den so­zia­len Kon­takt und soll­ten da­bei auch mit den Ärz­ten auf Au­gen­hö­he kom­mu­ni­zie­ren. In der Ver­gan­gen­heit sei die Auf­ent­halts­dau­er von Pa­ti­en­ten län­ger ge­we­sen, Kon­tak­te wa­ren so in­ten­si­ver. Ein Blind­darm ver­brach­te gut 14 Ta­ge im Kran­ken­haus. In­zwi­schen sei­en sta­tio­nä­re Be­hand­lun­gen auf die not­wen­digs­ten Akut­maß­nah­men be­schränkt. Oft wech­sel­ten Pa­ti­en­ten schon nach we­ni­gen Ta­gen in die An­schluss­be­hand­lun­gen. Ärz­te hät­ten we­ni­ger Zeit. Mensch­li­che Zu­wen­dung, Für­sor­ge und so­zia­les Auf­fan­gen lie­ßen sich in der zu­neh­mend an­ony­men Hek­tik heu­ti­ger Klin­ken nur mit viel En­ga­ge­ment rea­li­sie­ren, sagt Chris­tia­ne Jäh­nert.

Um­so schlim­mer, wenn da­zu noch stän­dig „Stör­feu­er“von au­ßen auf die Kli­nik­pfle­ge ein­pras­sel­ten. Im Zu­ge neu­er Ver­gü­tungs­mo­del­le für die Pfle­ge wür­den sich die Kli­ni­ken ge­ra­de ge­gen­sei­tig die Leu­te ab­wer­ben. Haus­rech­te wür­den nicht mehr ein­ge­hal­ten, Wer­be­fly­er qua­si bis in die Sta­tio­nen ge­streut und schon mal Prä­mi­en von meh­re­ren Tau­send Eu­ro für ei­nen Wech­sel in Aus­sicht ge­stellt. Auch in Bad Ber­ka kom­men die ag­gres­si­ven Avan­cen in­zwi­schen an. Hier wün­sche sie sich mehr En­ga­ge­ment der Po­li­tik, um die Bran­che zu be­frie­den, sagt Jäh­nert.

Da­bei hat die Pfle­ge­che­fin auch die Kol­le­gen an­de­rer Pfle­ge­be­rei­che im Blick. „Kli­ni­ken be­kom­men na­he­zu al­le Aus­ga­ben für zu­sätz­li­che Pfle­ge­stel­len voll­um­fäng­lich von den Kas­sen er­stat­tet. Dies führt im Mo­ment zu rie­si­gen Staub­sau­ger­ef­fek­ten aus die­sen Be­rei­chen her­aus in die Kli­ni­ken.“In­ner­halb des Ge­sund­heits­we­sens schnei­det man sich da­mit ins ei­ge­ne Fleisch“, sagt Jäh­nert.

Je­der Pfle­ger, der aus Al­ten­hei­men und am­bu­lan­ten Pfle­ge­ein­rich­tun­gen zu den Kli­ni­ken ab­wan­de­re, feh­le an der bis­he­ri­gen Ar­beits­stel­le und er­schwert die Nach­ver­sor­gung. Statt den teil­wei­se öf­fent­lich ge­führ­ten, ag­gres­si­ven Ab­wer­be­kam­pa­gnen Ein­halt zu ge­bie­ten, dre­he sich die Spi­ra­le im­mer wei­ter.

Pla­kat-Pro­tes­te ei­ni­ger Kol­le­gen beim jüngs­ten Be­such von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) in der Zen­tral­kli­nik rich­te­ten sich nach Mei­nung von Chris­tia­ne Jäh­nert vor al­lem an die Po­li­tik, sich ei­ner wei­te­ren Kom­mer­zia­li­sie­rung und Pri­va­ti­sie­rung des Ge­sund­heits­we­sens kri­tisch ge­gen­über zu stel­len. Im ei­ge­nen Hau­se be­mü­he man sich um ein gu­tes und ver­trau­ens­vol­les Ar­beits­kli­ma. Wenn ihr Kol­le­gen zu ver­ste­hen gä­ben, dass sie gern in Bad Ber­ka ar­bei­ten, freue sie das. Eher zum Haa­re­rau­fen fin­det sie da­ge­gen die teils lan­gen War­te­zei­ten für aus­län­di­sche Kol­le­gen auf ei­ne Zu­las­sung. Ei­nen Sy­rer, der in sei­ner Hei­mat vier Jah­re stu­diert ha­be, kön­ne sie des­halb nur als Hilfs­kraft be­schäf­ti­gen.

Wich­tig ist Chris­tia­ne Jäh­nert, dass in den Dis­kus­sio­nen über die Kran­ken­häu­ser die Pfle­ge nicht stän­dig al­lein im Fo­kus steht. Zur Kran­ken­hus­be­hand­lung ge­hö­ren das dia­gnos­ti­sche Team eben­so wie Me­di­zin­tech­nik oder Ärz­te. „Kran­ken­haus ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Zu­sam­men­spiel von ganz vie­len Ak­teu­ren“, sagt die Pfle­ge­di­rek­to­rin.

Auch für das ei­ge­ne Selbst­ver­ständ­nis hat Chris­tia­ne Jäh­nert ei­nen Pfle­ge­leit­fa­den ver­fasst. In ih­rem ganz­heit­li­chen Mo­dell um­fasst Pfle­ge nicht nur Wa­schen, Klei­den und Es­sen rei­chen, son­dern auch Or­ga­ni­sa­ti­on, Ko­or­di­na­ti­on und Ko­ope­ra­ti­on, das Mit­ein­an­der von me­di­zi­ni­schem Per­so­nal, Pa­ti­en­ten und An­ge­hö­ri­gen. „Die Pfle­ge ist rund um die Uhr beim Pa­ti­en­ten. Ge­nau­er kann man ei­nen Pa­ti­en­ten nicht ken­nen­ler­nen und be­ur­tei­len “, sagt Jäh­nert. Je­der Kran­ke kom­me mit sei­ner ei­ge­nen Le­bens­ge­schich­te, sei­nen all­täg­li­chen und so­zia­len Er­fah­run­gen.

In den we­ni­gen Ta­gen sei­nes Auf­ent­hal­tes müs­se man ihn ir­gend­wie er­rei­chen, ganz egal, ob er ei­nen an­de­ren kul­tu­rel­len Hin­ter­grund hat, aus bäu­er­li­chen oder aka­de­mi­schen Um­feld ab­stam­me oder viel­leicht un­ter De­menz lei­de.

Wie aber kommt Pfle­ge wie­der in ein an­de­res, po­si­ti­ve­res Fahr­was­ser? Der ers­te Schritt für sie wä­re ei­ne Art grü­ner Tisch, an dem Ge­sund­heits­po­li­tik und Ak­teu­re vor Ort ge­mein­sam dar­über nach­den­ken, was wirk­lich gut ist für die Pfle­ge, sagt Chris­tia­ne Jäh­nert. Es ge­he da­bei nicht al­lein um ei­ne bes­se­re Be­zah­lung und schon gar nicht um Ge­set­zes­dik­ta­te aus Berlin wie et­wa die Pfle­ge­per­so­nal­un­ter­gren­zen. „Qua­li­tät muss sich be­zahl­bar ma­chen,

Pfle­ge han­delt 24 St­un­den am Bett der Pa­ti­en­ten

nicht Bü­ro­kra­tie oder Di­enst nach Sche­ma F“, sagt die Pfle­ge­di­rek­to­rin. War­um soll­te ei­ne Sta­ti­on, die zwar ei­ne Schwes­ter we­ni­ger auf­bie­tet, da­für aber mit drei Hilfs- oder Ser­vice­kräf­ten gut und wohl durch­dacht auf­ge­stellt ist, nicht eben­so gut ar­bei­ten kön­nen. An die­ser Stel­le er­hof­fe sie sich, dass ge­nau­er hin­ge­se­hen und eva­lu­iert wird. Statt des­sen kä­men ab Ja­nu­ar 2020 neue Be­rei­che hin­zu – für Jäh­nert „oh­ne Sinn und Ver­stand“.

Auch we­gen sol­cher Vor­ga­ben „von ganz oben“er­war­tet Jäh­nert von der Lan­des­po­li­tik ein ei­ge­nes Pro­fil bei der Gestal­tung

ei­nes Um­fel­des, das vor al­lem die Be­dürf­nis­se der Bür­ger in der Re­gi­on be­rück­sich­tigt. Sie selbst ste­he für ei­ne Pfle­ge, die den Rü­cken frei hat, um auf dem neu­es­ten Stand der me­di­zi­ni­schen Er­kennt­nis­se gu­te Ar­beit zum Woh­le der Pa­ti­en­ten zu ma­chen. Dann wür­den viel­leicht auch wie­der mehr jun­ge Men­schen In­ter­es­se am Be­ruf fin­den.

Beim Klet­tern heißt es, Ge­bir­ge sind stum­me Meis­ter und ma­chen schwei­gen­de Schü­ler. Wo Per­so­nal und Pa­ti­en­ten spü­ren, dass die Be­hand­lung das best­mög­li­che Er­geb­nis bringt, müs­se man nicht vie­le Wor­te ma­chen.

Es geht nicht nur um bes­se­re Be­zah­lung

FO­TO: HANNO MÜL­LER

Chris­tia­ne Jäh­nert ist Pfle­ge­di­rek­to­rin in der Zen­tral­kli­nik Bad Ber­ka (ZBB). Hier steht sie ge­ra­de im win­ter­gar­ten­ar­ti­gen Licht­hof der Kli­nik, die seit der Wen­de auf­wen­dig mo­der­ni­siert und aus­ge­baut wur­de. Mit  Fach­kli­ni­ken und Fach­ab­tei­lun­gen ge­hört die ZBB zu den gro­ßen Thü­rin­ger Kli­ni­ken.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.