Wie ein Jazz-Mu­si­ker die Grei­zer auf die Stra­ße brach­te

30 J M  mel­de­te Ru­dolf Kuhl ei­ne De­mons­tra­ti­on in Greiz an, die über­ra­schend ge­neh­migt wur­de – zum ers­ten Mal. Mit Ha­rald Sei­del er­in­nert er sich

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Aus Der Region - Von To­bi­as Schu­bert ■ Am Mon­tag soll in der Stadt­kir­che des his­to­ri­schen FO­TO: SAMM­LUNG KUHL

Greiz.

Im Jour­na­lis­mus gilt, dass man mit Be­grif­fen wie „his­to­risch“vor­sich­tig um­ge­hen soll­te. Es gibt aber Fäl­le, an de­nen man nicht da­ran vor­bei­kommt. Der 28. Ok­to­ber 1989 ist ei­ner da­von, denn es war ein his­to­ri­scher Tag. Es fand die ers­te an­ge­mel­de­te und ge­neh­mig­te De­mons­tra­ti­on der DDR statt.

Spricht man mit den Grei­zern Ru­dolf Kuhl, der die De­mons­tra­ti­on an­mel­de­te, und Ha­rald Sei­del, der 1989 mit zu den trei­ben­den Kräf­ten ge­hör­te, dann wird schnell klar, dass man die Ge­schich­te des Er­eig­nis­ses nicht er­zäh­len kann, oh­ne die Grei­zer Jazz-Sze­ne und vor al­lem die Band Me­dia Nox zu er­wäh­nen. Nicht nur wa­ren in die­ser For­ma­ti­on Sei­del und Kuhl ge­mein­sam mit vie­len an­de­ren Ak­teu­ren Mit­glied – et­wa der Schrift­stel­ler Gün­ter Ull­mann. Zu­dem war die Mu­sik ei­ne der trei­ben­dem Kräf­te, die da­zu führ­ten, dass sich Kuhl und sei­ne Mit­strei­ter in den 1980er-Jah­ren im­mer mehr für ei­ne bes­se­re DDR ein­setz­ten – wie bei an­de­ren DDR-Bür­ger­recht­lern auch, war der Sys­tem­um­sturz kein Ziel, son­dern die Ver­bes­se­rung der Le­ben­si­tua­ti­on mit frei­en Wah­len, Mei­nungs­frei­heit und der Ab­schaf­fung der Zen­sur.

Aus Rats wird Me­dia Nox

Letz­te­res spiel­te schon bei der Band­grün­dung ei­ne Rol­le, wie Kuhl er­zählt. Da­mals noch als Rock-Beat-Quar­tett woll­te sich die Grup­pe ei­gent­lich Rats nen­nen – eng­lisch für Rat­ten. Doch eng­li­sche Be­grif­fe wa­ren nicht er­laubt, fran­zö­si­sche auch nicht, so dass man schließ­lich bei Latein lan­de­te. Aus Rats wur­de Me­dia Nox oder Mit­ter­nacht, denn: „Wenn die Nacht am Dun­kels­ten ist, be­ginnt der Tag“, er­klärt Kuhl. Spie­len durf­ten die Mu­si­ker nicht lan­ge – ge­grün­det 1965 und um­be­nannt im Früh­jahr 1966, gab es schon im Sep­tem­ber 1966 das Spiel­ver­bot nach ei­nem Auf­tritt in Els­ter­berg. „Über­gro­ße Laut­stär­ke, vor­wie­gen­des Spiel von West­ti­teln, Nicht­be­ach­tung der ein­fachs­ten Re­geln ei­ner ge­pfleg­ten ein­heit­li­chen Klei­dung de Spie­ler und der oft bis ans Hys­te­risch gren­zen­de eng­li­sche Ge­sang tru­gen da­zu bei, dass die­se Ver­an­stal­tung Ge­füh­le und Ge­wohn­hei­ten der Be­su­cher weck­te, die mit un­se­rem so­zia­lis­ti­schen Le­ben nicht ver­ein­bar sind“, heißt es in ei­nem Funk­tio­närs­be­richt.

Die Er­fah­run­gen setz­ten sich fort. Als man 1968 nach dem Ein­marsch der Trup­pen des War­schau­er Ver­trags mit selbst ge­bas­tel­ten Ab­zei­chen Sym­pa­thi­en mit der Tsche­cho­slo­wa­kei be­kun­de­te, weil man sich in der Hoff­nung auf ei­ne Öff­nung der DDR ent­täuscht sah, wur­de dies na­tür­lich The­ma bei ei­ner er­neu­ten Ein­stu­fung für ei­ne Spiel­erlaub­nis, die zu­erst un­ter Aus­schluss der Öf­fent­lich­keit statt­fin­den soll­te. Erst Man­fred „Ibra­him“Böh­me ha­be da­für ge­sorgt, dass es an­ders wur­de. Auch wenn Ha­rald Sei­del und

Ru­dolf Kuhl wis­sen, dass Böh­me, der so­gar schon als Mi­nis­ter­prä­si­dent der DDR ge­han­delt wur­de, höchst um­strit­ten ist – es gilt als si­cher, dass er als In­of­fi­zi­el­ler Mit­ar­bei­ter der Sta­si die Men­schen be­spit­zel­te, auch wenn Böh­me das bis zu sei­nem Tod ab­stritt – für die Ge­schich­te von Me­dia Nox und die der De­mons­tra­ti­on 1989 müs­se der

Na­me ge­nannt wer­den.

1969 wird Kuhls Be­wer­bung für ein Stu­di­um ab­ge­lehnt, als er mit ei­nem Schrei­ben ans Zen­tral­ko­mi­tee ge­gen die Aus­bür­ge­rung von Wolf Bier­mann pro­tes­tiert, gab es 1976 er­neut Spiel­ver­bot für die Jena­er Jazz­ta­ge. Im­mer wie­der sei man auch bei der Sta­si vor­ge­la­den wor­den. Es sind nur ein paar Re­pres­sa­li­en, die für die Ge­men­ge­la­ge sorg­ten, aus der erst Un­zu­frie­den­heit und spä­ter der Ge­dan­ke für die De­mons­tra­ti­on ent­stand. „Wir ha­ben ein­fach Mu­sik ge­spielt, die uns ge­fal­len hat“, sagt Sei­del. Den­noch sei man da­für be­straft wor­den. Da­zu kam an­de­res, er­gänzt Kuhl: un­freie Wah­len, Grenz­kon­trol­len, bei de­nen aus der Tsche­cho­slo­wa­kei mit­ge­brach­te Bü­cher von Ca­mus, Kaf­ka oder Sart­re be­schlag­nahmt wur­den, das Ver­bot von Ko­pie­ren für den pri­va­ten Ge­brauch und der vor­aus­ei­len­de Ge­hor­sam in den Be­hör­den, den man in Greiz als be­son­ders schlimm emp­fun­den ha­be.

Auf Frie­dens­ge­be­te folgt De­mo

Als im Ja­nu­ar 1988 nach ei­ner De­mons­tra­ti­on in Ber­lin der Op­po­si­tio­nel­le Ste­phan Krawc­zyk mit sei­ner Frau Freya Klier erst ver­haf­tet und dann ab­ge­scho­ben wer­den, tra­fen sich in Greiz En­de Ja­nu­ar rund 15 Men­schen mit Ker­zen vor der Stadt­kir­che. Im Sep­tem­ber 1989 kur­sier­te bei ei­ner Le­sung im Paul-Ger­hard­tHaus zum ers­ten Mal der Auf­ruf des Neu­en Fo­rums, in der gan­zen DDR gin­gen bald Tau­sen­de Men­schen auf die Stra­ßen. Auch in Greiz woll­te man nicht feh­len. Beim ers­ten öf­fent­li­chen Frie­dens­ge­bet An­fang Ok­to­ber 1989 wur­de der ge­plan­te Ver­an­stal­tungs­ort im Lu­ther­haus in der Ge­richts­stra­ße zu klein, man zog in die Stadt­kir­che um, wo­hin zu Frie­dens­ge­be­ten in der Fol­ge im­mer mehr Men­schen ka­men. Ir­gend­wann wer­den Ru­fe laut, dass man auf die Stra­ße ge­hen soll­te.

Wann ge­nau er den Ent­schluss fass­te, ei­ne De­mo an­zu­mel­den, weiß Kuhl heu­te nicht mehr. Er soll bei ei­nem Frie­dens­ge­bet ge­fal­len sein, die im­mer mon­tags statt­fan­den, zwei oder drei Wo­chen vor dem 28. Ok­to­ber. „Es war ei­ne spon­ta­ne Ent­schei­dung“, sagt Kuhl, für die es meh­re­re Grün­de gab – zwei Haupt­stra­ßen, die über­quert wer­den soll­ten, der Wunsch, den Men­schen die Angst zu neh­men, weil Kuhl als Ver­ant­wort­li­cher auf­trat. Erst als er es per­sön­lich in der Be­hör­de mach­te, wur­de der An­trag an­ge­nom­men, mit der Pri­vat­per­son Ru­dolf Kuhl als An­mel­der.

Der Rest ist Ge­schich­te. Die

Ge­neh­mi­gung kam drei Ta­ge vor dem Ter­min, in­zwi­schen war man aber auch be­reit, oh­ne sie los­zu­zie­hen. Am Tag selbst zo­gen rund 10.000 Men­schen – die Schät­zun­gen va­ri­ie­ren zwi­schen 8000 und 12.000 – durch die Stadt und pro­tes­tier­ten ge­gen den Staat. Und der An­mel­der und sei­ne Mit­strei­ter: „Wir wa­ren sehr stolz und glück­lich. Al­les blieb fried­lich, nichts pas­sier­te“, er­in­nert sich Sei­del. Kurz dar­auf fällt die Mau­er.

Auch wenn sie die po­li­ti­sche Wen­de da­mals gar nicht un­be­dingt ge­wollt hat­ten, sind Sei­del und Kuhl froh, dass es sie gab. „Ob­wohl heu­te nicht al­les per­fekt ist, bin ich froh, dass es so ge­kom­men ist“, meint Ha­rald Sei­del und fin­det bei sei­nem Ju­gend­freund Zu­stim­mung: „Ich möch­te nicht wie­der zu­rück in die DDR, aber es gibt auch hier noch viel zu tun.“

FO­TO: GERULF LENZ

Tau­sen­de zo­gen am . Ok­to­ber  in Greiz, Auch da­mals war der Um­welt­schutz schon wich­tig, wie die Ban­ner zei­gen,

Die Band Me­dia Nox mit Ru­dolf Kuhl (links) und den an­de­ren Ak­teu­ren.

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