or­ga­ni­sier­tes Ver­bre­chen in Deutsch­land Die mie­sen Ge­schäf­te der Le­bens­mit­tel-Ma­fia

Kri­mi­nel­le Grup­pen zwin­gen Gas­tro­no­men, ge­pansch­te Pro­duk­te ab­zu­kau­fen. Bun­des­re­gie­rung ist alar­miert

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Politik -

„Kri­mi­nel­le Grup­pen stel­len bil­lig Oli­ven­öl her, eti­ket­tie­ren es um, ver­kau­fen das Öl teu­er im eu­ro­päi­schen Aus­land.“Fa­b­ri­zio Rel­la, Fi­nanz­po­li­zist in Ita­li­en

Von Chris­ti­an Unger Ber­lin. An ei­nem spä­ten Fe­bru­ar­tag 2016 ist Gui­sep­pe S. in ei­nem Au­to un­ter­wegs nach Deutsch­land. Er ist am Te­le­fon und spricht über sei­ne Plä­ne. Er wol­le stär­ker in Deutsch­land in­ves­tie­ren. Et­wa mit Oli­ven­öl und Wein han­deln. Ty­pisch ita­lie­ni­sche Pro­duk­te. Ge­ra­de sei er auf dem Weg, um mög­li­che Kun­den zu tref­fen. Au­ßer­dem wol­le Gi­u­sep­pe S. Geld aus frü­he­ren Lie­fe­run­gen nach Deutsch­land ab­ho­len. Was S. nicht weiß: Die ita­lie­ni­schen Si­cher­heits­be­hör­den hö­ren mit. Sie ha­ben den Wa­gen ver­wanzt. Denn für die Er­mitt­ler ist Gi­u­sep­pe S. ein rang­ho­hes Mit­glied des Fa­rao-Ma­rin­co­la-Clans der ka­la­bri­schen ’Ndran­ghe­ta, ei­ner der schlag­kräf­tigs­ten Ma­fia-Grup­pen Ita­li­ens. Ein Kon­takt­mann von Gi­u­sep­pe S. war Ma­rio L., ein jah­re­lang be­kann­ter Pro­mi-Wirt aus Stutt­gart. Ihm ge­hör­te das Da Ma­rio, ei­ne Piz­ze­ria, die vie­le Ma­le auch die CDULand­tags­frak­ti­on be­lie­fer­te. Zeit­wei­se soll Ma­rio L. laut Er­mitt­lungs­ak­ten fast 150 Re­stau­rants in Süd­deutsch­land be­ses­sen ha­ben. An ei­nem Ja­nu­ar­mor­gen 2018 neh­men Fahn­der der Po­li­zei Ma­rio L. fest. Die Ope­ra­ti­on „Sti­ge“der deut­schen und ita­lie­ni­schen Si­cher­heits­be­hör­den geht in die of­fe­ne Pha­se. „Sti­ge“ist ita­lie­nisch für den Un­ter­welt­fluss Styx, ins­ge­samt 169 Per­so­nen neh­men die Er­mitt­ler an die­sem Tag fest. Vor we­ni­gen Wo­chen ver­ur­teil­te ein ita­lie­ni­sches Ge­richt Ma­rio L. zu fast elf Jah­ren Haft. Auch er ist laut Ge­richt Mit­glied der ’Ndran­ghe­ta. Die Ma­fia-Grup­pe aus Ka­la­bri­en ist laut Ex­per­ten wie San­dro Mat­tio­li seit Jah­ren auch in Deutsch­land ak­tiv, in­ves­tiert in Im­mo­bi­li­en, Re­stau­rants, Ho­tels, han­delt mit Ko­ka­in und Schwarz­ar­bei­tern. Und die ’Ndran­ghe­ta wäscht Geld. Auch in Deutsch­land. Mat­tio­li setzt sich seit vie­len Jah­ren in sei­nem Ver­ein „Ma­fia? Nein Dan­ke!“ge­gen die Ma­chen­schaf­ten kri­mi­nel­ler Grup­pen ein. Mit vie­lem ver­bin­det man Ma­fia­grup­pen: Dro­gen­schmug­gel, Han­del mit Im­mo­bi­li­en oder auch Waf­fen. Je­des Jahr führt die deut­sche Po­li­zei mehr als 500 Ver­fah­ren ge­gen or­ga­ni­sier­te kri­mi­nel­le Ban­den, da­von meist nur ein gu­tes Dut­zend ge­gen die ita­lie­ni­sche Ma­fia, die ’Ndran­ghe­ta, die Ca­mor­ra, die Co­sa Nos­tra. Und ein Ge­schäfts­zweig der Ma­fia fin­det kaum Be­ach­tung: der Han­del mit Le­bens­mit­teln. Die so­ge­nann­te Agro-Ma­fia. „Der Le­bens­mit­tel­markt ist sehr at­trak­tiv für die Ma­fia“, sagt Mi­che­le Ric­car­di, der an der Uni­ver­si­tät von Mailand zur or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät forscht, un­se­rer Re­dak­ti­on. „Die Ma­fia kann ei­nen gan­zen Wirt­schafts­zweig kon­trol­lie­ren, von der Feld­wirt­schaft über den Ein­zel­han­del bis zur Ver­sor­gung von Re­stau­rants.“Netz­wer­ke wür­den nicht nur nach Deutsch­land rei­chen, son­dern auch nach Spa­ni­en, En­g­land oder Ru­mä­ni­en. Ein Bericht der Po­li­zei in Ba­denWürt­tem­berg zur or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät aus dem Jahr 2016 zi­tiert aus Un­ter­su­chun­gen des ita­lie­ni­schen Bau­ern­ver­ban­des und For­schun­gen des In­sti­tuts Eu­ris­pes in Rom. Dem­nach hat die Agro-Ma­fia „in Ita­li­en seit der Wirt­schafts­kri­se deut­lich an Be­deu­tung zu­ge­nom­men“. Der Um­satz stieg „kon­ti­nu­ier­lich an und be­trägt ak­tu­ell rund 15 Mil­li­ar­den Eu­ro“. Ric­car­di be­rich­tet, dass Ma­fia­Grup­pen in Sü­dita­li­en gro­ße Le­bens­mit­tel­märk­te un­ter ih­rer Herr­schaft ha­ben. Sie be­sit­zen zu­dem Im­port-Ex­port-Fir­men für den Trans­port der Wa­ren. „Die­se Märk­te und Fir­men funk­tio­nie­ren als Lo­gis­tik auch für an­de­re Ge­schäf­te et­wa mit Dro­gen oder Waf­fen.“Re­stau­rants und Le­bens­mit­tel­ge­schäf­te die­nen dann wie­der­um da­zu, das Geld zu wa­schen. Fa­b­ri­zio Rel­la von der ita­lie­ni­schen Guar­dia di Fi­nan­za hebt im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on her­vor: „Kri­mi­nel­le Grup­pen stel­len bil­lig Oli­ven­öl her, eti­ket­tie­ren es um, ver­kau­fen das Öl teu­er im eu­ro­päi­schen Aus­land.“Teil­wei­se wür­den die Ma­fia-Grup­pen so­gar Sub­ven­tio­nen von der EU er­hal­ten. „Mit­hil­fe von ge­fälsch­ten An­trä­gen für Agrar­wirt­schaft“, sagt Rel­la von der ita­lie­ni­schen Fi­nanz­po­li­zei. „In­no­va­ti­ons­raum“für or­ga­ni­sier­te kri­mi­nel­le Und auch die Bun­des­re­gie­rung warnt vor den il­le­ga­len Ma­chen­schaf­ten der Le­bens­mit­tel-Ma­fia. Für or­ga­ni­sier­te Kri­mi­nel­le stel­le „der Han­del mit min­der­wer­ti­gen Agrar­er­zeug­nis­sen und Le­bens­mit­teln ein Be­tä­ti­gungs­feld dar, in dem ho­he Ge­win­ne er­zielt wer­den kön­nen“, schreibt das von Horst See­ho­fer ge­führ­te In­nen­mi­nis­te­ri­um in sei­ner Ant­wort auf ei­ne An­fra­ge der Grü­nen im Bun­des­tag, die un­se­rer Re­dak­ti­on vor­liegt. „Das Ent­de­ckungs­ri­si­ko so­wie die Straf­an­dro­hung für die Agie­ren­den sind ver­gleichs­wei­se ge­ring.“So­wohl in Er­mitt­lungs­ver­fah­ren als auch aus Ana­ly­sen der ita­lie­ni­schen Si­cher­heits­be­hör­den konn­te die Bun­des­re­gie­rung Wis­sen über die Ak­ti­vi­tä­ten der Agro-Ma­fia in Deutsch­land ge­win­nen. Die kri­mi­nel­len Ban­den wür­den dem­nach „ge­fälsch­te oder min­der­wer­ti­ge Agrar­er­zeug­nis­se oder Le­bens­mit­tel in den Ver­trieb brin­gen“und „Gas­tro­no­mie­be­trie­be zur Ab­nah­me“nö­ti­gen, schreibt das In­nen­mi­nis­te­ri­um. Die­se Straf­ta­ten rech­net die Bun­des­re­gie­rung der ita­lie­ni­schen or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät zu – der IOK. Und auch die Re­gie­rung schreibt, dass die Po­li­zei bei Kon­trol­len und in Er­mitt­lun­gen her­aus­ge­fun­den hat, dass die Ma­fia ih­re In­fra­struk­tur des Le­bens­mit­tel­han­dels „zum Trans­port an­de­rer il­le­ga­ler Gü­ter“nutzt. Zu­meist Rausch­gift, wel­ches in le­ga­ler La­dung ver­steckt wird. Wie hoch der Scha­den durch die il­le­ga­len Ma­fia-Ge­schäf­te mit Le­bens­mit­teln in Deutsch­land ist, kann die Bun­des­re­gie­rung nicht sa­gen. Die Si­cher­heits­be­hör­den kön­nen das Aus­maß der Straf­ta­ten oft nur schät­zen, das Dun­kel­feld ist rie­sig. Auch Ex­per­ten wie Mat­tio­li und Ric­car­di ken­nen kei­ne Zah­len. Sie las­sen sich nur er­ah­nen. Si­cher­heits­leu­te schät­zen, dass die ’Ndran­ghe­ta mit all ih­ren „Ge­schäfts­zwei­gen“jähr­lich ei­nen welt­wei­ten Um­satz zwi­schen 50 und 100 Mil­li­ar­den Eu­ro er­zielt. Der mitt­ler­wei­le ver­ur­teil­te Gi­u­sep­pe S., des­sen Te­le­fon die ita­lie­ni­sche Po­li­zei ab­hör­te, soll in sei­nen Hei­mat­or­ten in Ka­la­bri­en laut den Er­mitt­lern ein Mo­no­pol auf­ge­baut ha­ben. Ihm ge­hör­ten Fi­sche­rei­flot­ten, meh­re­re Fir­men so­wie ei­ne Ba­de­an­stalt. Die in­nen­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Grü­nen, Ire­ne Mi­ha­lic, for­dert nun von der Bun­des­re­gie­rung ei­nen stär­ke­ren Ein­satz im Kampf ge­gen die Ma­fia-Struk­tu­ren in Deutsch­land. „Der Kampf ge­gen die or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät ist kein Sprint, son­dern ein Ma­ra­thon, da­her müs­sen die Si­cher­heits­be­hör­den un­be­dingt per­so­nell und ma­te­ri­ell in die La­ge ver­setzt wer­den, auch lang­wie­ri­ge und kom­ple­xe Er­mitt­lun­gen durch­zu­füh­ren“, sagt Mi­ha­lic un­se­rer Re­dak­ti­on. Aus Sicht des Ma­fia-For­schers Ric­car­di von der Uni­ver­si­tät Mailand soll­ten sich die Si­cher­heits­be­hör­den in Eu­ro­pa im Kampf ge­gen die Ma­fia stär­ker auf die il­le­ga­len Geld­strö­me kon­zen­trie­ren. „Die Be­hör­den müs­sen stär­ker in De­likt­fel­dern wie Do­ku­men­ten­fäl­schung, Steu­er­be­trug und Kor­rup­ti­on er­mit­teln.“Ge­ra­de Deutsch­land ist laut Ric­car­di an­fäl­lig für Kor­rup­ti­on. Denn: In kei­nem eu­ro­päi­schen Land ist der An­teil des Bar­geld­ge­schäfts so hoch wie hier. Die Deut­schen zah­len drei von vier Ein­käu­fen in bar. Und Bar­geld hin­ter­lässt we­ni­ger Spu­ren als et­wa Bank­ge­schäf­te oder Kre­dit­kar­ten­zah­lun­gen. Deutsch­land, so sa­gen es Ex­per­ten, ist auch aus die­sen Grün­den ein „In­no­va­ti­ons­raum“für or­ga­ni­sier­te Kri­mi­nel­le. Bei ei­ner Ta­gung des Bun­des Deut­scher Kri­mi­nal­be­am­ter (BDK) zum The­ma Geld­wä­sche tra­fen sich in der ver­gan­ge­nen Wo­che Staats­an­wäl­te, Wis­sen­schaft­ler und Po­li­zis­ten bei Köln und dis­ku­tier­ten über die Ak­ti­vi­tä­ten der or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­nel­len. Ei­nen Vortrag hielt dort auch der be­kann­te ita­lie­ni­sche Ma­fia-Jä­ger Ro­ber­to Scar­pi­na­to. Er präg­te schon vor Jah­ren den Satz: „Wä­re ich Ma­fio­so, wür­de ich in Deutsch­land in­ves­tie­ren.“Viel ge­än­dert, sagt er, ha­be sich dar­an bis heu­te nicht. Mit­ar­beit: Chris­ti­ne Holt­hoff

FOTO: DPA PIC­TU­RE-AL­LI­AN­CE

po­li­zis­ten durch­su­chen ein Eis­ca­fé in Duis­burg. Le­bens­mit­tel­han­del und Gas­tro­no­mie wer­fen pro­fit ab – und die­nen der Geld­wä­sche.

FOTO: DPA

In­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer ist zu­stän­dig für die Be­kämp­fung der or­ga­ni­sier­ten kri­mi­na­li­tät.

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