Schlag­ab­tausch um die Pkw-Maut

Ver­kehrs­mi­nis­ter Scheu­er weist Kri­tik des Rech­nungs­hofs an den Pla­nun­gen zu­rück

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Wirtschaft - Von Alex­an­der Klay und Phil­ipp Ne­u­mann

Die ge­schei­ter­te Pkw-Maut führt zu ei­nem un­ge­wöhn­lich hef­ti­gen Schlag­ab­tausch zwi­schen dem Rech­nungs­hof und dem Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um. Die Be­am­ten von Mi­nis­ter Andre­as Scheu­er (CSU) weh­ren sich nicht nur ge­gen ei­nen noch un­ver­öf­fent­lich­ten Be­richt des Rech­nungs­hofs, in dem die Prü­fer die Ver­trä­ge zur Pkw-Maut scharf kri­ti­sie­ren. Das Mi­nis­te­ri­um wirft dem Rech­nungs­hof sei­ner­seits vor, die Po­si­tio­nen der Bun­des­re­gie­rung nicht zur Kennt­nis zu neh­men und zur Ver­fü­gung ge­stell­te Ak­ten zu igno­rie­ren. In der Stel­lung­nah­me des Mi­nis­te­ri­ums zum Be­richts­ent­wurf des Rech­nungs­hofs, die un­se­rer Re­dak­ti­on vor­liegt, heißt es, dass die Kas­sen­prü­fer Do­ku­men­te zum Ver­ga­be­ver­fah­ren „teils nicht, teils nicht aus­rei­chend bzw. un­zu­tref­fend“ge­wür­digt hät­ten. Scheu­ers Be­am­te mei­nen: „Ei­ne fun­dier­te Prü­fung der um­fang­reich be­reit­ge­stell­ten Ak­ten zum Ver­ga­be­ver­fah­ren durch den Bun­des­rech­nungs­hof ist nicht er­kenn­bar.“Wann der Rech­nungs­hof­be­richt ver­öf­fent­licht wird, ist noch of­fen. Der Ver­kehrs­mi­nis­ter steht we­gen der ge­schei­ter­ten Pkw-Maut un­ter Druck. Ein Un­ter­su­chungs­aus­schuss des Bun­des­ta­ges wird bald prü­fen, ob bei der Ver­ga­be der Auf­trä­ge an die Be­trei­ber­fir­men al­les kor­rekt lief. Auf den Bund könn­ten Scha­den­er­satz­for­de­run­gen in Hö­he von meh­re­ren Hun­dert Mil­lio­nen Eu­ro zu­kom­men. Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) hat­te die Maut im Ju­ni für un­ver­ein­bar mit dem EU-Recht er­klärt. Scheu­er hat­te dar­auf­hin die Ver­trä­ge mit den Fir­men kün­di­gen las­sen. In dem Schrei­ben des Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums, mit dem es dem Rech­nungs­hof an die­sem Frei­tag die Stel­lung­nah­me zum Be­richts­ent­wurf über­mit­telt hat, weist Scheu­ers zu­stän­di­ger Ab­tei­lungs­lei­ter dar­auf hin, dass die Be­hör­de die Pkw-Maut be­reits seit dem 11. No­vem­ber 2014 prü­fe. Seit En­de No­vem­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res hät­ten dem Rech­fähr­det. nungs­hof Un­ter­la­gen für das Ver­ga­be­ver­fah­ren zur Maut-Er­he­bung vor­ge­le­gen. „Die Prü­fung zur be­ste­hen­den und ge­plan­ten Nut­zer­fi­nan­zie­rung der Bun­des­fern­stra­ßen wur­de vom Bun­des­rech­nungs­hof oh­ne Be­richt am 24. Ja­nu­ar 2019 ab­ge­schlos­sen“, schreibt der Chef der Zen­tral­ab­tei­lung, Rein­hard Klin­gen, an die Be­hör­de. Mit an­de­ren Wor­ten: Nach Mei­nung des Mi­nis­te­ri­ums hat­te der Bun­des­rech­nungs­hof viel Zeit, die Pkw-Maut gründ­lich zu prü­fen und hät­te sei­ne Kri­tik ein hal­bes Jahr vor dem Ur­teil des EuGH vom 18. Ju­ni äu­ßern kön­nen. Die Bon­ner Be­hör­de ver­zich­te­te of­fen­bar dar­auf. Ein Spre­cher des Rech­nungs­hofs wi­der­sprach dem Ein­druck, sei­ne Be­hör­de ha­be die Prü­fung der Maut im Ja­nu­ar ab­ge­schlos­sen oder ha­be sich zu ir­gend­ei­nem Zeit­punkt mit dem Vor­ge­hen des Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums bei der Maut ein­ver­stan­den er­klärt. „Der Bun­des­rech­nungs­hof gibt nichts frei und seg­net nichts ab. Er ist nicht Teil des Ver­wal­tungs­han­delns“, sag­te der Spre­cher. Tat­säch­lich hat­te der Prä­si­dent des Rech­nungs­hofs, Kay Schel­ler, in die­sem Som­mer mehr­fach dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sei­ne Kon­trol­leu­re die Vor­gän­ge um die Pkw-Maut wei­ter un­ter­su­chen wür­den. Aus der Stel­lung­nah­me des Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums lässt sich re­kon­stru­ie­ren, dass der Rech­nungs­hof in dem noch un­ver­öf­fent­lich­ten Be­richt un­ter an­de­rem das Ri­si­ko­ma­nage­ment des Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums bei der Pkw-Maut und das Ver­ga­be­ver­fah­ren kri­ti­siert. Scheu­ers Be­am­te hät­ten das Ri­si­ko ei­nes ne­ga­ti­ven Ur­teils des EuGH nicht aus­rei­chend er­kannt und be­rück­sich­tigt, lau­tet ein Vor­wurf. Auch die Ent­schä­di­gungs­re­geln für die Be­trei­ber­fir­men sei­en un­üb­lich und un­an­ge­mes­sen hoch.

Mi­nis­ter soll für die Maut zu viel Geld aus­ge­ge­ben ha­ben

Der Rech­nungs­hof kri­ti­siert zu­dem, dass der Ver­trag zur Maut-Er­he­bung nicht hät­te ab­ge­schlos­sen wer­den dür­fen. Mi­nis­ter Scheu­er ha­be für die­sen mehr Geld aus­ge­ge­ben als die zwei Mil­li­ar­den Eu­ro, die der Bun­des­tag ihm ge­neh­migt hat­te. Be­zwei­felt wird von den Rech­nungs­prü­fern auch, ob das für die Lkw-Maut zu­stän­di­ge Un­ter­neh­men Toll Collect oh­ne Wei­te­res für die Er­he­bung der Pkw-Maut ein­ge­spannt wer­den konn­te. Das Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um weist die Kri­tik des Bun­des­rech­nungs­hofs laut ei­ner Spre­che­rin „in sämt­li­chen Punk­ten“zu­rück. Um ih­re Rechts­po­si­ti­on zu un­ter­mau­ern ha­ben Scheu­ers Be­am­te ein Gut­ach­ten der Rechts­an­walts­kanz­lei Lin­kla­ters in Auf­trag ge­ge­ben. Es soll die früh­zei­ti­ge Un­ter­schrift des Mi­nis­ters un­ter dem Be­trei­ber­ver­trag stüt­zen: „Das Mi­nis­te­ri­um war we­der ver­pflich­tet, noch war es für das Mi­nis­te­ri­um zu­mut­bar, die Ent­schei­dung des EuGH ab­zu­war­ten, be­vor der Zu­schlag für den Be­trei­ber­ver­trag er­teilt wur­de“, heißt es dar­in. Al­le an der Ge­setz­ge­bung be­tei­lig­ten Or­ga­ne hät­ten der Er­he­bung der Pkw-Maut zu die­sem Zeit­punkt zu­ge­stimmt. Ei­ne ver­zö­ger­te Ein­füh­rung hät­te un­ter an­de­rem zu „er­heb­li­chen Ein­nah­me­aus­fäl­len“ge­führt und den „er­folg­rei­chen Ab­schluss“des Ver­ga­be­ver­fah­rens geAuch die Ent­schä­di­gun­gen an die Be­trei­ber­fir­men be­wer­tet die Kanz­lei als „an­ge­mes­sen“und „markt­üb­lich“. FDP-Ver­kehrs­po­li­ti­ker Oli­ver Luk­sic sag­te, wenn das Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um die Kri­tik des Rech­nungs­hofs zu­rück­wei­se, sei dies „ein Af­front“. „Mi­nis­ter Scheu­er ist of­fen­bar völ­lig kri­tikun­fä­hig. Lang­sam muss sich die Bun­des­kanz­le­rin fra­gen las­sen, war­um sie nicht ein­schrei­tet“, so Luk­sic. Grü­nen-Haus­halts­po­li­ti­ker Sven-Chris­ti­an Kind­ler sag­te, Scheu­er müs­se von der Kanz­le­rin um­ge­hend ent­las­sen wer­den, soll­te sich her­aus­stel­len, dass er bei der Pkw-Maut ge­gen Ver­ga­beund Haus­halts­recht ver­sto­ßen ha­be.

„Lang­sam muss sich die Bun­des­kanz­le­rin fra­gen las­sen, war­um sie nicht ein­schrei­tet.“Oli­ver Luk­sic, Ver­kehrs­po­li­ti­ker der FDP

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