„Das ist das En­de der al­ten Bun­des­re­pu­blik“

Trotz feh­len­der Mehr­hei­ten im neu­en Land­tag re­giert Mi­nis­ter­prä­si­dent Ra­me­low erst ein­mal nor­mal wei­ter

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Thüringen - Von Mar­tin De­bes

Der Mon­tag­mit­tag im Land­tag. Der Mi­nis­ter­prä­si­dent hat ge­ra­de mit sei­ner Lin­ke-Frak­ti­on ge­tagt. Nun isst Bo­do Ra­me­low schnell in der Kan­ti­ne noch et­was mit den Ge­nos­sen, be­vor die nächs­te Be­spre­chung be­ginnt.

Es wirkt, auf den flüch­ti­gen Blick, wie der Be­ginn ei­ner nor­ma­len Ar­beits­wo­che für den Re­gie­rungs­chef. Am Abend wird er zur „Ga­la der Bes­ten“der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer auf der Er­fur­ter Mes­se re­den, am Diens­tag tagt das Ka­bi­nett, am Frei­tag ist Bun­des­rat in Ber­lin.

Doch na­tür­lich ist nichts nor­mal. Im neu ge­wähl­ten Land­tag, der sich bis zum 26. No­vem­ber kon­sti­tu­ie­ren muss, hat Ra­me­lows rot-rot-grü­ne Lan­des­re­gie­rung kei­ne Mehr­heit mehr. An die­sem Um­stand wür­de sich auch nichts än­dern, soll­te die FDP nach Ver­kün­dung des end­gül­ti­gen Wah­l­er­geb­nis­ses doch nicht im Par­la­ment sit­zen. Das­sel­be gilt erst recht für ei­ne CDU-ge­führ­te Re­gie­rung.

Was tun? Erst ein­mal ab­war­ten und Lan­des­ver­fas­sung le­sen. Er blei­be ja, sagt Ra­me­low, nach­dem er in der Kan­ti­ne sein Ta­blett weg­ge­bracht hat, bis zur Kon­sti­tu­ie­rung des neu­en Land­tags im Amt. Da­nach wer­de er die Ge­schäf­te mit dem jet­zi­gen Ka­bi­nett wei­ter­füh­ren. Al­le Re­gie­rungs­mit­glie­der hät­ten sich schon da­zu be­reit er­klärt. „In­so­fern re­giert Rot-Rot-Grün wei­ter, bis ein neu­er Mi­nis­ter­prä­si­dent vom Land­tag ge­wählt wird.“

Doch von wem? CDU und FDP ver­wei­gern ihm ja je­de Un­ter­stüt­zung. Mag sein, sagt Ra­me­low. Sei­ne Lin­ke ha­be den­noch bei­de Par­tei­en ein­ge­la­den, das Schrei­ben lie­ge auch bei CDU-Lan­des­chef Mi­ke Mohring auf dem Tisch. Zu­mal: Der Eichs­fel­der Land­rat Wer­ner Hen­ning sei ja „nicht der ein­zi­ge klu­ge Christ­de­mo­krat“, der neue We­ge ge­hen wol­le. „Auch der säch­si­sche Alt­mi­nis­ter­prä­si­dent Kurt Bie­den­kopf hat mich per­sön­lich wis­sen las­sen, dass er ei­ne Kurs­kor­rek­tur sei­ner Par­tei im Ver­hält­nis zur Lin­ken in Thü­rin­gen für rich­tig hält“, sagt Ra­me­low. Alt­mi­nis­ter­prä­si­dent Böh­mer aus Sach­sen-An­halt ha­be sich ähn­lich öf­fent­lich ge­äu­ßert.

kein Ein­zel­ge­spräch mit mohring

Al­ler­dings will sich der Mi­nis­ter­prä­si­dent nicht al­lein mit Mohring zum Ge­spräch tref­fen. „Wenn er über Mög­lich­kei­ten und For­men ei­ner Zu­sam­men­ar­beit spre­chen will, was ich im­mer noch hof­fe, dann wird er das mit mei­ner Par­tei­vor­sit­zen­den Su­san­ne Hen­nig-Well­sow und mir tun müs­sen“, sagt er. Es wer­de „kein se­pa­ra­tes Ge­spräch des CDU-Vor­sit­zen­den mit mir über ei­ne mög­li­che struk­tu­rel­le Ko­ope­ra­ti­on“ge­ben. Der Grund? „Nach­dem Mi­ke Mohring mei­ne SMS, in dem ich ihm mei­ne Be­reit­schaft für ein ver­trau­li­ches Ge­spräch si­gna­li­siert hat­te, in ei­ner Fern­seh­sen­dung öf­fent­lich breit ge­tre­ten hat, hat sich die­ses An­ge­bot von selbst er­le­digt.“

Den­noch gibt sich der Mi­nis­ter­prä­si­dent op­ti­mis­tisch. Er sei, sagt er, be­reit für Neu­es. „Wir er­le­ben ge­ra­de das En­de der al­ten Bun­des­re­pu­blik“, sagt er. „Das ist jetzt die St­un­de des Land­tags, in dem sich ei­ne neue Re­gie­rung Mehr­hei­ten su­chen muss.“

Der „Drei­klang Bür­ger, Re­gie­rung und Par­la­ment“müs­se neu de­fi­niert wer­den – und zwar mit dem kla­ren Fo­kus auf den Bür­ger. Für Ra­me­low be­deu­tet dies vor al­lem: Mehr di­rek­te De­mo­kra­tie. „Be­gin­nen soll­ten wir mit ei­ner par­tei- und frak­ti­ons­über­grei­fen­den De­bat­te über un­se­re Lan­des­ver­fas­sung“, wie­der­holt Ra­me­low sei­nen Ver­schlag vom Wahl­abend. Ein zen­tra­les The­ma sei die Ab­schaf­fung der Klau­sel, die Volks­be­geh­ren zum Haus­halt un­ter­bin­de. „Aber auch den CDU-Vor­schlag, Ge­set­ze dem Volk zur Ent­schei­dung vor­zu­le­gen, hal­te ich für dis­kus­si­ons­wür­dig“, sagt er.

kein ko­ali­ti­ons­ver­trag nö­tig

Wenn die Ver­fas­sungs­de­bat­te auf ei­nem gu­ten Weg sei, will sich der

Mi­nis­ter­prä­si­dent „so bald wie mög­lich“im Land­tag zur Wie­der­wahl stel­len. „Ei­ne neue rot-rot-grü­ne Re­gie­rung wür­de dann vor­ab nur mög­li­che Hand­lungs­fel­der be­stim­men, aber mög­li­cher­wei­se kei­nen for­ma­len Ko­ali­ti­ons­ver­trag ab­schlie­ßen.“Das müs­se man aber noch mit den Part­nern er­geb­nis­of­fen be­spre­chen.

So ähn­lich hat­te es schon der lin­ke Staats­kanz­lei­chef in ei­nem lan­gen The­sen­pa­pier be­schrie­ben. Nun war­tet Ben­ja­min Hoff in der Land­tags­kan­ti­ne ne­ben Ra­me­low und drän­gelt ein we­nig. Der nächs­te Ter­min war­tet. Thü­rin­gen muss ja wei­ter­re­giert wer­den, ir­gend­wie.

FO­TO: MAR­TIN SCHUTT / DPA

Bo­do Ra­me­low (Die Lin­ke), mi­nis­ter­prä­si­dent von thü­rin­gen und Spit­zen­kan­di­dat sei­ner par­tei, steht mit ei­nem kaf­fee­be­cher in der Hand in ei­nem Wahl­stu­dio im Land­tag.

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