Kann die Kanz­le­rin ihr Er­be noch re­geln?

Die CDU strei­tet in­tern über ih­re Füh­rung. Der Par­tei­tag in Leip­zig in gut zwei Wo­chen wird ein his­to­ri­scher sein

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Politik - Von Kers­tin Müns­ter­mann

Es ist der Lor­dMount­bat­ten-Raum, in dem sich die Kanz­le­rin zu den Füh­rungs­de­bat­ten in der CDU äu­ßert. „Wir le­ben in De­mo­kra­ti­en, da muss ich auch mit Kri­tik um­ge­hen“, sagt An­ge­la Mer­kel auf die Fra­ge, wie sie auf die Dis­kre­panz re­agier­te, dass sie in In­di­en ge­fei­ert wer­de, wäh­rend es in Deutsch­land star­ke Kri­tik an ih­rer Per­son ge­be. Mer­kel fährt fort: „Ich freue mich, dass ich in Deutsch­land auch für mei­ne Ar­beit sehr viel Un­ter­stüt­zung ha­be. Und die auch je­den Tag er­fah­re.“Mehr gab es bis Diens­tag nicht von der Re­gie­rungs­che­fin, we­der zu den Land­tags­wah­len in Thü­rin­gen noch zu der CDUK­ri­se.

Nun ist der Na­me des Raums nicht un­be­dingt Pro­gramm, Lord Lou­is Mount­bat­ten war In­di­ens letz­ter Vi­ze­kö­nig und mon­ar­chis­ti­sche Ver­hal­tens­wei­sen sind der ost­deut­schen Frau im Kanz­ler­amt tat­säch­lich fremd. Doch wenn man mit Mer­kel im Aus­land un­ter­wegs ist, er­lebt man ei­ne Re­gie­rungs­che­fin, der in­ter­na­tio­nal sehr viel Re­spekt ent­ge­gen­ge­bracht wird. Re­spekt, auf­grund ih­rer lang­jäh­ri­gen in­ter­na­tio­na­len Er­fah­rung und ei­ner macht­be­wuss­ten, den­noch em­pa­thi­schen Per­sön­lich­keit.

Rött­gens kri­tik ist harsch

Zu Hau­se hält man sich in der CDU in die­sen Ta­gen wahr­lich nicht an ein stren­ges Hof­ze­re­mo­ni­ell. ExFrak­ti­ons­chef Fried­rich Merz warf der Re­gie­rung nach Thü­rin­gen vor, ein „grot­ten­schlech­tes Er­schei­nungs­bild“zu lie­fern, ge­paart mit dem Vor­wurf der Un­tä­tig­keit an die Adres­se Mer­kels. Auch der CDUAu­ßen­po­li­ti­ker Nor­bert Rött­gen hält der Re­gie­rung in vie­len Po­li­tik­be­rei­chen ei­ne pu­re Selbst­be­schäf­ti­gung vor. Die gro­ße Ko­ali­ti­on stel­le sich im Grun­de im­mer nur die Fra­ge, wie sie im Amt blei­ben kön­ne, kri­ti­siert er. Maß­stab müs­se aber sein, sich den Pro­ble­men zu stel­len, die die Men­schen be­un­ru­hi­gen, und auch Eu­ro­pa hand­lungs­fä­hi­ger zu ma­chen. Die „New York Ti­mes“hat­te Rött­gen zu­vor mit den

Wor­ten zi­tiert, Deutsch­land sei ein „To­tal­aus­fall“. Er kön­ne kei­ne Eu­ro­pa­po­li­tik er­ken­nen. Der Au­ßen­mi­nis­ter sei ein Aus­fall, die Kanz­le­rin wis­se al­les, tue aber nichts.

Nun hat Rött­gen, eben­so wie Merz, mit der Kanz­le­rin ei­ne Rech­nung of­fen: Sie warf ihn 2012 aus ih­rer Re­gie­rung. Doch wäh­rend die Kri­tik von Merz an Mer­kel ab­perlt, trifft Rött­gens Kri­tik zu­min­dest ei­nen po­li­tisch kri­ti­schen Punkt: Mer­kels Lei­den­schaft ist die Au­ßen­a­ber vor al­lem die Eu­ro­pa­po­li­tik. Ihr gro­ßer Wunsch für das En­de ih­rer Amts­zeit ist, dass die EU ge­schlos­sen in ei­ner Welt auf­tritt, die zu­neh­mend von dem Zwei­kampf zwi­schen den USA und Chi­na ge­prägt wird. Mer­kels ste­tes Rin­gen um den Mul­ti­la­te­ra­lis­mus, um in­ter­na­tio­na­le Ab­spra­chen und Ab­kom­men ist die gro­ße Er­zäh­lung ih­rer letz­ten Amts­zeit.

„Wir be­schäf­ti­gen uns im­mer nur mit un­se­ren Fra­gen statt mit den Fra­gen der Men­schen.“Nor­bert Rött­gen, CDU-Au­ßen­ex­per­te

Amts­mü­de je­den­falls ist Mer­kel nicht, die In­di­en-Rei­se be­weist das Ge­gen­teil. Man be­kommt eher den Ein­druck, dass hier ei­ne Re­gie­rungs­che­fin um den Fort­be­stand der gro­ßen Ko­ali­ti­on kämpft, aus Sor­ge um In­sta­bi­li­tät im Land und um die deut­sche Rats­prä­si­dent­schaft im zwei­ten Halb­jahr 2020, die sie noch er­le­ben will.

Ihr ist sehr be­wusst, dass es in der Par­tei durch die Tren­nung von Par­tei­vor­sitz und Kanz­ler­amt ein Macht­va­ku­um gibt. Doch sie zieht an­de­re Schlüs­se als ih­re Kri­ti­ker. Rich­tig ist: Seit Kramp-Kar­ren­bau­er die Füh­rung der CDU von Mer­kel über­nom­men hat, hält sich die Kanz­le­rin in Par­tei­sachen de­mons­tra­tiv zu­rück. Ein­ge­weih­te sa­gen, sie be­fürch­te, je­de öf­fent­li­che Un­ter­stüt­zung für ih­re Wun­sch­nach­fol­ge­rin kön­ne kon­tra­pro­duk­tiv sein. Und au­ßer­dem: Die Ver­ant­wor­tung für die CDU hat aus ih­rer Sicht na­tür­lich die neue Che­fin – Feu­er­pro­be in­klu­si­ve. Doch was pas­siert, wenn die Din­ge so aus dem Ru­der lau­fen, dass es Mer­kels po­li­ti­sches Er­be aus ih­rer Sicht be­schä­di­gen könn­te? Es wird wild spe­ku­liert in die­sen Ber­li­ner Ta­gen.

Ein Blick zu­rück: Mer­kel tritt nach Wahl­ver­lus­ten in Bay­ern und Hes­sen vom CDU-Vor­sitz zu­rück. Ein denk­wür­di­ger Tag, in des­sen Ver­lauf Merz wie­der aus dem Nichts auf der Bild­flä­che er­scheint und CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Kramp-Kar­ren­bau­er und Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn ih­ren Hut in den Ring wer­fen. Es folgt ein span­nen­der Aus­wahl­pro­zess, der im Ham­bur­ger Par­tei­tag kul­mi­niert. Mer­kel hält ei­ne Ab­schieds­re­de und wird von der Par­tei ge­fei­ert. Die ers­te Re­de nach ihr hält da­mals Aspi­ran­tin Kramp-Kar­ren­bau­er. Die­se pro­fi­tiert von der Eu­pho­rie.

Ein Jahr da­nach steht nun wie­der ein Par­tei­tag an. Und die, die sich in der CDU gut aus­ken­nen, sa­gen: Es wird er­neut ein his­to­ri­scher. Und die Prot­ago­nis­ten des jet­zi­gen Macht­kampfs, al­len vor­an Kram­pKar­ren­bau­er wird in Leip­zig wie­der die Re­de ih­res Le­bens hal­ten müs­sen. Eben­so wie ihr da­ma­li­ger Her­aus­for­de­rer Merz, der in Ham­burg 2018 die Re­de sei­nes Le­bens ver­geigt hat. Merz, so hat er es jetzt selbst an­ge­kün­digt, wird ei­nen neu­en rhe­to­ri­schen An­lauf neh­men, um die gro­ßen pro­gram­ma­ti­schen Li­ni­en der CDU zu zie­hen; um even­tu­ell ei­nen Par­tei­tag in sei­ne Rich­tung zu dre­hen und die Fra­ge nach der Füh­rung und/oder der Kanz­ler­kan­di­da­tur zu stel­len. Aus­ge­rech­net Leip­zig, wo die CDU 2003 ih­re Par­tei­che­fin Mer­kel eu­pho­risch fei­er­te. Leip­zig, wo Mer­kel nicht vom En­de her dach­te, son­dern al­le Zwei­fel fah­ren und ei­nen ziem­lich ra­di­ka­len Um­bau des So­zi­al­sys­tems be­schlie­ßen ließ – der wäh­rend ih­rer Kanz­ler­schaft al­ler­dings nie kam. Wird Mer­kel im Kampf um ihr Er­be vi­el­leicht ein letz­tes Mal al­le über­ra­schen?

Bis­lang ist in Leip­zig vor­ge­se­hen, dass Mer­kel ein Gruß­wort spricht. Doch es wird in Par­tei­krei­sen auch nicht aus­ge­schlos­sen, dass sie – wenn es hart auf hart kommt – in Ab­läu­fe ein­greift, et­wa mit ei­ner pro­gram­ma­ti­schen Re­de. Freun­de wie Kri­ti­ker at­tes­tie­ren ihr, dass es ihr ge­lin­gen könn­te, die CDU noch mal strah­len zu las­sen. Es gibt sie, die­se Sehn­sucht nach der letz­ten gro­ßen An­sa­ge. Und auch wenn Mer­kel sich zu­letzt nicht als die­je­ni­ge er­wie­sen hat, die AKK den ro­ten Tep­pich ins Kanz­ler­amt aus­rollt, so hat die per­sön­li­che Sym­pa­thie der bei­den Frau­en für­ein­an­der wei­ter Be­stand. Wenn AKK die Dra­ma­tik die­ser Ta­ge durch­hält, wä­re sie wei­ter­hin die Wun­sch­nach­fol­ge­rin. Soll­te mit Merz hin­ge­gen ei­ner an ih­re Stel­le tre­ten, der mit sei­ner De­fi­ni­ti­on des Kon­ser­va­tis­mus und ei­ner gänz­lich an­de­ren Per­sön­lich­keits­struk­tur auf­war­tet, hät­te das En­de von Mer­kels Kanz­ler­schaft ei­nen fah­len Bei­ge­schmack. Das will sie nicht.

FO­TO:DPA

auf­recht im aus­land: Bun­des­kanz­le­rin an­ge­la mer­kel (CDU) wird bei ih­rer an­kunft in Neu-De­lhi mit mi­li­tä­ri­schen Eh­ren be­grüßt. In­ter­na­tio­nal ge­nießt die Re­gie­rungs­che­fin ho­hes an­se­hen, da­heim wird ih­re Füh­rung kri­ti­siert.

FO­TO:GET­TY

Un­ter Druck: CDU-Che­fin an­ne­gret kramp-kar­ren­bau­er

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