Ganz Ohr

Mp3-er­fin­der Kar­lheinz Bran­den­burg will jetzt in Ilmenau das ziel­ge­rich­te­te Hin­hö­ren und Weg­hö­ren er­mög­li­chen

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Thüringen - Von Ger­lin­de Som­mer

Wer den Na­men Kar­lheinz Bran­den­burg hört, der denkt an den mp3-play­er. Bran­den­burg ist welt­weit ge­fragt als Wis­sen­schaft­ler und klu­ger Kopf für Nutz­wer­ti­ges. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren war sei­ne wis­sen­schaft­li­che Ba­sis­sta­ti­on Ilmenau. Jetzt steht der Mann, der 1954 in Er­lan­gen ge­bo­ren wur­de, al­ters­hal­ber vor ei­ner Zä­sur: Mit­te 2019 hat Bran­den­burg sei­ne Auf­ga­be als In­sti­tuts­lei­ter am Fraun­ho­ferin­sti­tut für Di­gi­ta­le Me­dien­tech­no­lo­gie IDMT, an des­sen Grün­dung er maß­geb­lich be­tei­ligt war, ab­ge­ge­ben. An der Tech­ni­schen Uni ist der Pro­fes­sor Lehr­stuhl­in­ha­ber für Elek­tro­ni­sche Me­dien­tech­nik noch bis En­de März 2020 of­fi­zi­ell Fach­ge­biets­lei­ter. „Und dann ge­hen Sie in Ru­he­stand? Das kann ich mir gar nicht vor­stel­len“, be­gin­ne ich un­ser Ge­spräch im Il­me­n­au­er Fraun­ho­fer-ge­bäu­de.

Bran­den­burg lacht. Er ha­be nicht vor, sich als Pen­sio­nist auf die Zu­schau­er­bank zu­rück­zu­zie­hen. Er will wei­ter for­schen. Könn­te gut sein, dass ei­ne von die­sen jetzt so oft an­ge­spro­che­nen Sprun­gin­no­va­tio­nen dem­nächst von ihm kommt. Und in die­sem Zu­sam­men­hang lohnt es sich, ganz ge­nau hin­zu­hö­ren.

Vor we­ni­gen Wo­chen wur­den die „Bran­den­burg Labs“ge­grün­det. „Ich bin jetzt mal wie­der En­tre­pre­neur“, sagt Bran­den­burg. Un­ter­neh­mer und Fir­men­grün­der al­so. Ei­ner, der et­was Neu­es vor­hat. „Es gibt schon seit ewi­gen Zei­ten den Traum, das Hö­ren so zu un­ter­stüt­zen, dass die Um­ge­bungs­ge­räu­sche zu­rück­ge­drängt wer­den“, er­läu­tert Bran­den­burg. „Fast je­des Jahr“– und zwar seit Jahr­zehn­ten – sei je­mand ge­kom­men, der mein­te, das Pro­blem ge­löst zu ha­ben. „Aber es hat nie ge­stimmt.“Bran­den­burg aber ist auf ei­nem gu­ten Weg: Sei­ne Mit­ar­bei­ter spre­chen in die­sem Zu­sam­men­hang von „PAR­TY“. Hin­ter dem Akro­nym steht der Be­griff „Per­so­na­li­zed Au­di­to­ry Rea­li­ty“. Da­bei geht es um psy­cho­akus­ti­sche Ef­fek­te. Bran­den­burg er­klärt das so: „Es ist wie mit ei­ner Bril­le: Die set­zen Sie auf und se­hen bes­ser. In un­se­rem Fall set­zen Sie die Kopf­hö­rer auf – und hö­ren bes­ser.“Es geht dar­um, ge­ziel­ter zu hö­ren und sich zu­gleich we­ni­ger stö­ren las­sen zu müs­sen vom Um­ge­bungs­lärm. Wenn es rund­her­um zu laut ist, et­wa bei ei­ner Zug­fahrt, „wird die Um­ge­bung lei­ser. Das ist das alt­be­kann­te Noi­se Can­cel­ling. Ich kann auch ein­stel­len, dass die Durch­sa­ge noch durch­kom­men soll. Wenn ich mich un­ter­hal­te, soll trotz al­ler Um­ge­bungs­ge­räu­sche hör­bar sein, was sie durch­sa­gen. Oder wenn ich ir­gend­wo bin, wo mir der Ge­räusch­pe­gel der Spre­chen­den zu laut ist, ich aber die Hin­ter­grund­mu­sik hö­ren möch­te, kann ich ge­nau das ein­stel­len. Und zwar ...“– und nun kommt der ei­gent­li­che Clou – „so, dass es gar nicht so klingt, als hät­te ich Kopf­hö­rer auf“, macht Bran­den­burg

deut­lich. „Ent­fer­nungs­hö­ren, Rich­tungs­hö­ren – das wirkt al­les ganz nor­mal“, um­reißt Bran­den­burg das Ziel: „Es soll et­was sein für al­le Men­schen und es soll sich an­hö­ren wie in der Wirk­lich­keit“, sagt er – und nennt sein Vor­ha­ben „die gro­ße Idee“. Bran­den­burg baut auf bis­he­ri­ge For­schun­gen auf, aber das, was ihm vor­schwebt, wird den­noch et­was ganz Neu­es sein.

Ist es al­so ei­ne Sprun­gin­no­va­ti­on? „Ja. Die­se ,Aug­men­tier­te Rea­li­tät’, die ich da mit mir füh­re, oh­ne im nor­ma­len Le­ben ge­stört zu wer­den, hat ei­ne neue Qua­li­tät“, sagt er.

Mit Fleiß und Licht­or­gel

Mit In­ter­es­se hat Bran­den­burg zur Kennt­nis ge­nom­men, dass das Bun­des­bil­dungs

und -for­schungs­mi­nis­te­ri­um jetzt Sprun­gin­no­va­tio­nen in be­son­de­rer Wei­se auf dem Weg zur Markt­fä­hig­keit un­ter­stüt­zen will. Das An­sin­nen sei ver­ständ­lich, der Weg aber ge­wiss nicht ein­fach, denn: „Bei al­le­dem, was nach­her als gro­ßer Durch­bruch oder Pa­ra­dig­men­wech­sel an­ge­se­hen wird, gibt es ei­ne eng ver­knüpf­te Ei­gen­schaft – und zwar: Die Leute ka­pie­ren das zu dem Zeit­punkt nicht.“In­so­fern sei er „skep­tisch, wie man das be­för­dern kann?“

Wenn Bran­den­burg das fest­stellt, dann ist das ein Vor­be­halt, der sich mit der Ge­schich­te von mp3 be­grün­den lässt. Da sei es ih­nen auch nicht an­ders ge­gan­gen: Die Fir­ma Grun­dig, da­mals noch ein Schwer­ge­wicht, ha­be vor al­len an­de­ren Fir­men vor­ge­führt be­kom­men, was da­mals in der Ent­wick­lung war. Und Grun­dig hat nicht er­kannt, was sich dar­aus hät­te ma­chen las­sen. Die Re­ak­ti­on sei viel­mehr ge­we­sen: Das braucht ei­gent­lich nie­mand...

Kar­lheinz Bran­den­burg war nicht nur ein gu­ter Schü­ler am Hu­ma­nis­ti­schen Gym­na­si­um mit Latein und Grie­chisch so­wie na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Haupt­fä­chern in der Ober­stu­fe; er hat sich auch früh für mehr als nur sei­ne No­ten in­ter­es­siert – und mach­te den­noch sein Abitur mit 1,0. Als Jun­ge las er Bü­cher über gro­ße Er­fin­der. „Das fand ich toll. Aber ich hät­te nie ge­dacht, dass man mich ei­nes Tages da­zu­zäh­len wür­de. Zu­dem war ich Elek­tro­nik­bast­ler; ha­be mei­ne Ver­stär­ker selbst zu­sam­men­ge­baut und an Klas­sen­ka­me­ra­den Licht­or­geln ver­kauft...“

Elek­tro­tech­nik und Ma­the­ma­tik la­gen als Stu­di­en­fä­cher na­he, auch aus dem Be­reich In­for­ma­tik nahm Bran­den­burg vie­les mit. Mit zwei Di­plo­men schloss er ab.

Man darf sich den jun­gen Bran­den­burg aber nicht als Nerd oder Stre­ber vor­stel­len: „Ich ha­be ak­tiv Ju­gend­ar­beit ge­macht.“Wich­tig sei das ge­we­sen, „um kei­nen Tun­nel­blick zu ent­wi­ckeln und um be­stimm­te so­zia­le Fä­hig­kei­ten zu ent­wi­ckeln“, stellt Bran­den­burg im Rück­blick fest. Er emp­fiehlt da­her auch dem heu­ti­gen aka­de­mi­schen Nach­wuchs ein En­ga­ge­ment ab­seits von Schu­le und Stu­di­um.

Wenn es mehr Res­sour­cen gä­be ... Wenn Bran­den­burg sich auf dem Feld der For­schung et­was wün­schen dürf­te, dann dies: „Fort­schrit­te bei der Spei­che­rung elek­tri­scher Ener­gie wür­den uns mas­siv hel­fen in den nächs­ten Jahr­zehn­ten.“Zur Wis­sen­schafts­land­schaft sagt er: „Im welt­wei­ten Maß­stab geht es uns nicht schlecht. Das Sys­tem funk­tio­niert nach wie vor, auch wenn man bei der täg­li­chen Ar­beit über Jahr­zehn­te an der Uni nie das Ge­fühl los wird, dass die Mit­tel im­mer we­ni­ger wer­den. Re­al stimmt das nicht, aber es könn­te ein­fach noch viel mehr ge­hen, wenn es mehr Res­sour­cen gä­be“, sagt Bran­den­burg. „In Ilmenau kämp­fen wir seit Jah­ren da­ge­gen, dass die Zahl der Pro­fes­so­ren wei­ter ver­rin­gert wird, statt dass wir auf­bau­en.“Um­so mehr wür­digt er das „En­ga­ge­ment der jun­gen Kol­le­gen, die oft Ar­beits­be­din­gun­gen auf­fan­gen, die nicht so toll sind“.

Zu­rück zu „PAR­TY“: Wenn al­les gut läuft, wird in we­ni­ger als ei­nem hal­ben Jahr­zehnt die Pro­fi­an­wen­dung des ge­ziel­ten Hin- und Weg­hö­rens mög­lich sein. Zu wel­chem Preis – und wann für je­den? Das sind Fra­gen, die sich erst spä­ter und un­ter Ein­be­zie­hung der In­dus­trie be­ant­wor­ten las­sen, macht Bran­den­burg deut­lich.

Er hat bis da­hin noch viel zu tun.

„Ich bin jetzt mal wie­der En­tre­pre­neur“

Kar­lheinz Bran­den­burg Wis­sen­schaft­ler

FO­TO: HE­LEN AHMAD / DPA

Ein­fach mal die Oh­ren schlie­ßen? Das geht nicht. Aber jetzt will ein Il­me­n­au­er For­scher das ge­ziel­te Hin- und Weg­hö­ren mög­lich ma­chen.

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