„Kli­ma­pa­ket dis­kri­mi­niert In­län­der“

Sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­sch­mer fürch­tet um die deut­sche Wett­be­werbs­fä­hig­keit. Er will al­le Re­gu­lie­run­gen auf den Prüf­stand stel­len

Ostthüringer Zeitung (Schmölln) - - Debatte - Von Jo­chen Gau­ge­le

Sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­sch­mer ver­misst Dy­na­mik in Deutsch­land – und ei­ne ent­schei­dungs­freu­di­ge Bun­des­re­gie­rung. 30 Jah­re nach dem Mau­er­fall for­dert der Cdu-po­li­ti­ker ei­nen neu­en Auf­bruch und rührt da­bei auch an Ta­bus.

als die mau­er fiel, wa­ren sie 14 Jah­re alt. Wel­che er­in­ne­rung ha­ben sie an die­se Zeit?

micha­el Kret­sch­mer: Wir wa­ren ei­ne Grup­pe von jun­gen Leu­ten, die 1989 kon­fir­miert wur­den und auch zu den Frie­dens­ge­be­ten ge­gan­gen sind. Das war ei­ne un­glaub­lich auf­re­gen­de Zeit. Wir ha­ben ge­merkt, es kommt vie­les ins Wan­ken und löst sich im­mer mehr auf. Und die­ser trau­ri­ge, pein­li­che Günter Scha­bow­ski, der mit sei­ner Pres­se­kon­fe­renz aus Ver­se­hen die Gren­ze öff­ne­te, war der Hö­he­punkt. Da hat je­der ge­merkt: Ernst neh­men kann man die­se Leu­te nicht mehr. Es wa­ren auch Zei­ten von gro­ßer Un­si­cher­heit und gro­ßer Sor­ge. Trotz­dem war da so ei­ne Zu­kunfts­ge­wandt­heit. Die wün­sche ich mir jetzt auch.

„Wir müs­sen die staat­li­che Steue­rungs­wut über­win­den.“

Was mei­nen sie da­mit?

Die Deut­schen in Ost und West sind zu­sam­men­ge­wach­sen, ha­ben drei Jahr­zehn­te er­folg­rei­cher ge­mein­sa­mer Ge­schich­te. Wir ha­ben ei­ne ost­deut­sche Bun­des­kanz­le­rin, sind Fuß­ball­welt­meis­ter ge­wor­den. Und jetzt fan­gen auf ein­mal die­se Dis­kus­sio­nen an über Deut­sche ers­ter und zwei­ter Klas­se oder dar­über, was noch nicht er­reicht wor­den ist. Lin­ke und AFD ver­su­chen, al­les mies­zu­ma­chen. Ich sa­ge: Kommt, lasst uns mit Schwung nach vorn ge­hen.

Wenn die ein­heit ei­ne er­folgs­ge­schich­te ist – war­um wen­den sich dann gera­de im os­ten so vie­le Bür­ger von den Volks­par­tei­en ab und den po­li­ti­schen rän­dern zu?

Es gibt Men­schen in den neu­en Län­dern, die sich nicht rich­tig mit­ge­nom­men füh­len. Sie ver­mis­sen Wert­schät­zung für ih­ren Le­bens­weg und ih­re Leis­tun­gen. Und sie ver­mis­sen ei­ne hand­lungs­fä­hi­ge Re­gie­rung in Berlin. Die Grund­ren­te ist ver­spro­chen wor­den, und es wird höchs­te Zeit, dass sie kommt. Es geht aber auch um ganz Grund­sätz­li­ches. Deutsch­land kann mehr.

Was for­dern sie?

Der Staat muss sich zu­rück­neh­men. Wenn 1990 schon so viel re­gu­liert ge­we­sen wä­re wie heu­te, dann wä­ren wir nicht so weit ge­kom­men. Un­se­re Auf­ga­be be­steht dar­in, Deutsch­land ei­ne neue Dy­na­mik zu ver­lei­hen. Das geht nur mit In­no­va­ti­on und Frei­heit. Wir müs­sen al­le staat­li­chen Re­gu­lie­run­gen auf den Prüf­stand stel­len. Das fängt an beim Ar­beits­zeit­ge­setz. Star­re täg­li­che Höchst­ar­beits­zei­ten ent­spre­chen nicht der Ar­beits­welt des 21. Jahr­hun­derts. Bü­ro­kra­tie und Vor­schrif­ten läh­men das Hand­werk und den Mit­tel­stand. Wir müs­sen die staat­li­che Steue­rungs­wut über­win­den, wenn wir im in­ter­na­tio­na­len Wett­be­werb be­ste­hen wol­len.

ge­ben sie da­mit der Bun­des­re­gie­rung von an­ge­la mer­kel die Haupt­schuld an den schwa­chen Wah­l­er­geb­nis­sen der CDU im os­ten?

In Sach­sen ha­ben wir zu­ge­hört – und dar­aus kon­kre­te Po­li­tik ge­macht. Was jetzt in Deutsch­land not­wen­dig ist, liegt doch auf der Hand. Wir soll­ten uns an den eu­ro­päi­schen Rah­men hal­ten und kei­ne zu­sätz­li­che Re­gu­lie­rung schaf­fen. Ich emp­fin­de das Kli­ma­pa­ket an vie­len Stel­len als In­län­der-dis­kri­mi­nie­rung. In der EU ist es ver­bo­ten, Bür­ger an­de­rer Mit­glied­staa­ten zu dis­kri­mi­nie­ren. Das ist der Grund, war­um un­se­re Pkw-maut ge­schei­tert ist. Die In­län­der-dis­kri­mi­nie­rung ist nicht ver­bo­ten, aber sie ist genau­so falsch.

es gibt das in­ter­na­tio­na­le Kli­ma­ab­kom­men von pa­ris. Was soll dis­kri­mi­nie­rend sein an den deut­schen Kli­ma­schutz­plä­nen?

Wir ha­ben be­reits ei­nen eu­ro­päi­schen Han­del mit Co2-zer­ti­fi­ka­ten – war­um ma­chen wir noch ei­nen na­tio­na­len? Au­ßer­dem er­hö­hen wir mas­siv die Luft­ver­kehrs­steu­er und ver­teu­ern da­mit ein­sei­tig Rei­sen von deut­schen Flug­hä­fen aus. Und muss der Koh­le­aus­stieg wirk­lich so schnell er­fol­gen, dass wir die Ver­sor­gungs­si­cher­heit ge­fähr­den?

Ich kann nicht ver­ste­hen, war­um wir über die Re­ge­lun­gen hin­aus­ge­hen, die uns die EU vor­gibt. Wir ha­ben die­sen ge­mein­sa­men Markt, und wir soll­ten uns auf die ge­mein­sa­men Vor­schrif­ten be­schrän­ken.

doch die CDU de­bat­tiert über ih­re Füh­rung – und die Jun­ge Uni­on will die par­tei­mit­glie­der über den nächs­ten Kanz­ler­kan­di­da­ten ent­schei­den las­sen. stim­men sie beim par­tei­tag in Leip­zig für ei­ne Ur­wahl?

Ich wün­sche mir, dass wir in Leip­zig über die gro­ßen Fra­gen spre­chen und ei­nen Weg be­schrei­ben für die nächs­ten Jah­re. Ich hof­fe, dass man den Leip­zi­ger Par­tei­tag mit In­hal­ten und ei­ner Auf­bruch­stim­mung in Er­in­ne­rung be­hält.

sie plä­die­ren für ein schär­fe­res par­tei­pro­fil.

Die CDU ist ei­ne Par­tei der Frei­heit, der so­zia­len Markt­wirt­schaft, der eu­ro­päi­schen In­te­gra­ti­on und der trans­at­lan­ti­schen Part­ner­schaft. Es ist un­se­re Auf­ga­be, das aus­zu­fül­len. Da­bei gibt es Po­ten­zi­al nach oben.

Kann die par­tei­vor­sit­zen­de an­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er, die in den ei­ge­nen rei­hen un­ter Be­schuss ge­ra­ten ist, noch Kanz­ler­kan­di­da­tin wer­den?

Die Fra­ge der Kanz­ler­kan­di­da­tur stellt sich jetzt nicht. Wenn es so weit ist, wer­den wir ei­ne Ent­schei­dung tref­fen.

FOTO: RE­TO KLAR / FUN­KE FOTOSERVIC­E

„muss der Koh­le­aus­stieg wirk­lich so schnell er­fol­gen?“: micha­el Kret­sch­mer in der säch­si­schen staats­kanz­lei.

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