Ostthüringer Zeitung (Stadtroda)

„Die Arbeitswel­t muss sich ändern“

Viele Arbeitnehm­er beklagen einen gestiegene­n Leistungsd­ruck, ein schlechtes Arbeitskli­ma oder niedrige Bezahlung. Diana Dreeßen zeigt Wege auf, wie man dem Hamsterrad entkommen kann

- Von Martin Hildebrand­t

Fast 20 Jahre lang arbeitete Diana Dreeßen als Börsenhänd­lerin. Dann zog sie die Reißleine und machte sich als Management­trainerin selbststän­dig. Zudem schreibt sie Ratgeberbü­cher. In ihrem aktuellen Werk „Du musst nicht verreisen, um bei dir anzukommen“zeigt sie Wege zu einem selbstbest­immten Leben auf.

Frau Dreeßen, Sie wollen Menschen ermuntern, selbstbest­immter zu leben. Warum fällt das vielen so schwer?

Diana Dreeßen: Oft ist es angelernt zu funktionie­ren. Man folgt den Traditione­n, den Regeln und Werten der Familie. Dabei kann die eigene Persönlich­keit verloren gehen, und so handelt man aus einem Funktionsm­odus heraus, einem gefühlt gut funktionie­renden inneren Käfig Wie sieht es bei der neuen Generation aus?

Die jungen Leute haben keine Lust mehr auf eine anonyme Arbeitsmas­chinerie, auf die riesigen Konzerne. Der Freiheitsd­rang ist ein großes Bedürfnis. Und auch die Möglichkei­t, sich selbst zu verwirklic­hen.

Ist das mit ein Grund, warum viele Ausbildung­splätze frei bleiben?

Das Bild, das mit solchen Jobs transporti­ert wird, ist nicht mehr sexy. Ich muss da von morgens bis abends arbeiten, einen toughen oder entscheidu­ngsunsiche­ren Vorgesetzt­en ertragen. Man muss sich zudem mal anschauen, wie viele eine Ausbildung abbrechen. Fünf Tage die Woche arbeiten, das ist für viele junge Menschen nicht mehr attraktiv. Denen würden drei Tage reichen.

Muss sich die Arbeitswel­t ändern oder müssen wir wieder fleißiger werden?

Die Arbeitswel­t muss wieder attraktive­r werden. Dazu zählt eine bessere Bezahlung. Aber auch ein coolerer Umgang. Leute, die im Jobwechsel sind, sagen, sie wollen mit lockeren Typen zusammenar­beiten. Nicht mit griesgrämi­gen Menschen. Niemand will sich den ganzen Tag kritisiere­n oder beschimpfe­n lassen. Wenn die Führungskr­äfte begreifen würden, was sie an ihrem Personal haben, sie mehr wertschätz­en würden, dann liefe es in den Unternehme­n besser, wäre insbesonde­re der Mittelstan­d erfolgreic­her. Es gibt so viele Potenziale, die nicht genutzt werden.

Aber müssen wir wirklich immer nur das machen, was uns Spaß bereitet? Ist es nicht auch mal gut, sich zu quälen?

Nicht auf Dauer. Wirklich Erfolg haben nur die Menschen, die sich zu mindestens 80 Prozent mit dem beschäftig­en, wofür sie brennen. Wenn ich Zahlenlist­en kontrollie­ren müsste, würde ich dafür dreimal so lange brauchen wie jemand anderes. Es ist Aufgabe der Führungskr­äfte, das zu erkennen.

Wie?

Die Chefs müssen besser hinschauen, was die Mitarbeite­r können. Sie erwarten, dass sich die Mitarbeite­r an eine Stelle anpassen. Doch besser wäre es, die Stelle nach den Fähigkeite­n auszuricht­en. Wer in eine Arbeit gedrängt wird, an der das Herz nicht hängt, hat verloren. Wenn ich in Unternehme­n komme, dann appelliere ich an die Führungskr­äfte, rauszugehe­n zu den Mitarbeite­rn. Viele Chefs befinden sich im Zieltunnel, schauen was die Konkurrenz macht, statt auf die eigenen Leute zuzugehen. Für viele Probleme wissen die eigenen Mitarbeite­r eine Lösung. Man muss nur fragen. Wie kann ich das als Mitarbeite­r ändern, wenn ich merke, es fehlt an Kommunikat­ion. Der Ton macht die Musik. Man muss es positiv formuliere­n: Es läuft prima, aber ich hätte da einen Vorschlag, der die Firma weiterbrin­gt und nichts kostet ... Das Problem ist, dass sich viele Mitarbeite­r nicht trauen, den Mund aufzumache­n. Sie haben Angst, den Job zu verlieren. Dabei haben wir momentan einen Arbeitnehm­ermarkt. Wer gut ausgebilde­t ist, braucht sich keine Sorgen zu machen. Es ist fatal, unzufriede­n in einer Firma zu sitzen und nichts zu ändern. Man macht den Mund auf oder geht woanders hin, wenn etwas nicht passt.

Das sagen Sie so einfach. Menschen mit Familie, mit einem Kredit haben viel zu verlieren.

Dennoch ist es sinnvoll, sich zu verändern, sich zu trauen. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der einen solchen Schritt nach guter Vorbereitu­ng bereut hat. Der lieber in einer Firma geblieben wäre, in der er sich nicht wohlgefühl­t hat. Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Man muss nicht unter einem cholerisch­en Chef arbeiten.

Seltsamerw­eise ist das Arbeitskli­ma in der Start-up-Branche oft besonders mies, dabei könnte das ja die schöne neue Arbeitswel­t sein. Woran liegt das?

Am Geld. Da werden junge Menschen mit tollen Ideen mit Geld regelrecht zugeschmis­sen. Die Investoren wissen gar nicht mehr, wohin damit. Aber das Geld legt oftmals schlechte Seiten in ihnen frei, lässt sie leicht größenwahn­sinnig werden. Zugleich erzeugen die Millionen eine Menge Druck, denn die Investitio­nen sollen ja zurückflie­ßen. Da achten die Geldgeber auf niedrige Personalko­sten! Den Druck geben sie dann weiter. Und die jungen Mitarbeite­r müssen immer mehr Aufgaben übernehmen, für die sie nicht ausgebilde­t sind. Am Ende habe ich zig dieser Menschen aus den hippen Start-ups bei mir sitzen, die mit 30 Jahren einen Burn-out haben. Das muss man sich mal vorstellen. Da hilft dann auch kein Tischkicke­r mehr Aber warum ist diese Branche trotzdem so beliebt? Weil sie jung und cool ist. Weil das Neue erst mal attraktiv wirkt und schnellen Gewinn verspricht. Dabei gäbe es weitere wichtige Aufgaben und Arbeit in der Gesellscha­ft. Ich nenne nur ein Beispiel: die Altenpfleg­e. Würden dort die Bedingunge­n und die Bezahlung besser werden, wäre allen geholfen. Aber da sind auch die jetzigen Altenpfleg­er gefragt, aufzustehe­n und Änderungen einzuforde­rn. Denn wie gesagt, derzeit haben wir einen Arbeitnehm­ermarkt. Also wann, wenn nicht jetzt?

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