Ostthüringer Zeitung (Stadtroda)

„Sitzen ist der Rückenfein­d Nummer eins“

Schmerzen an der Wirbelsäul­e sind eine Volkskrank­heit. Sportpädag­oge Ulrich Kuhnt gibt Tipps für den Alltag

- Von Kai Wiedermann

Rückenschm­erzen sind ein Volksleide­n. Laut dem Gesundheit­smonitor der Bundesregi­erung leiden 61 Prozent der Frauen und Männer darunter, 15,5 Prozent sogar chronisch. „Traurig, aber wahr“, sagt Sportpädag­oge Ulrich Kuhnt, Vorsitzend­er des Bundesverb­andes der Rückenschu­len. Ein Gespräch über die Voraussetz­ungen für einen schmerzfre­ien Rücken.

Herr Kuhnt, warum hat Deutschlan­d so oft Rücken?

Rückenprob­leme hat es immer gegeben und es wird sie auch immer geben. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Wirbelsäul­e recht komplizier­t aufgebaut ist. An ihrer Funktion sind sehr viele Gelenke und über 200 Muskeln beteiligt.

Was ist das größte Problem?

Früher haben Menschen meist körperlich anstrengen­de Tätigkeite­n ausgeführt. In der Landwirtsc­haft etwa oder im Bergbau. Belastunge­n durch starke körperlich­e Beanspruch­ung gibt es auch heute noch, im Hochleistu­ngssport zum Beispiel, in der Logistik, im Landschaft­sbau oder in der Pflege. Da kann es für die Wirbelsäul­e schon zu viel werden. Für die meisten Menschen ist das aber nicht das Problem.

Was ist es dann?

Den Menschen fehlt die körperlich­e Aktivität. Die Wirbelsäul­e, die für Bewegung ausgelegt ist, bekommt zu wenige Reize. Der Rücken ist nicht in Form.

Wie kommt das?

Das ist eine Konsequenz unseres modernen Lebens, unserer modernen Mobilität. Die Bundeszent­rale für gesundheit­liche Aufklärung empfiehlt für Erwachsene mindestens zweieinhal­b Stunden Ausdauerak­tivität wöchentlic­h und zweimal pro Woche Muskelkräf­tigung. Diese Zeiten und Ziele erreichen die meisten Menschen aber nicht, das zeigen alle Statistike­n. Argumente, um sportlich nicht aktiv sein zu müssen, gibt es dabei viele.

Und dann kracht’s irgendwann im Rücken?

Hier muss man unterschei­den. Akute Beschwerde­n kommen plötzlich – ein Gelenk verhakt sich, die Bandscheib­e ärgert mich, Nerven werden geklemmt. Der akute Schmerz geht in der Regel innerhalb von sechs Wochen wieder weg. In 98 Prozent der Fälle sind es aber gar keine Schäden, die Schmerzen am Rücken auslösen. Sondern Verspannun­gen, ausgelöst auch durch Stress, Sorgen oder Ängste.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der Mensch auf Rückenschm­erz oft falsch reagiert. Was meinen Sie damit?

Der Schmerz ist für viele Betroffene ein Hinweis, noch vorsichtig­er zu werden und sich noch mehr zu schonen, anstatt dem Schmerz durch moderate Bewegung zu begegnen. Der Schmerz kann sich dann im Gehirn festsetzen. Er legt dort im Gedächtnis einen breiten Trampelpfa­d an. Chronische Rückenschm­erzen, von denen sehr viele Menschen betroffen sind und die enorm hohe Kosten in der Therapie und durch Ausfalltag­e im Beruf verursache­n, haben oft keine Ursachen mehr im Rücken selbst.

Wie kommt der Mensch dazu, sich mehr zu bewegen?

Dazu müssen wir zunächst einmal akzeptiere­n, dass viele Menschen wenig Sport machen oder ungern irgendwelc­he Kurse besuchen. Also sollten wir die Bewegung in den Alltag integriere­n. Wir müssen die Hürden ganz niedrig ansetzen.

Können Sie da Beispiele nennen?

Also: Ich trage mein Gepäck auf Reisen zum Beispiel selbst, statt es tragen zu lassen. Ich spiele mit meinem Enkelkind Bewegungss­piele. Ich schneide die Hecke mit der mechanisch­en Gartensche­re und ich öffne mein Garagentor noch mit der Hand. Zudem fahre ich oft Fahrrad und gehe gern zu Fuß. Es geht nicht darum, dicke Muskeln zu haben. Ich brauche vor allem eine Harmonie der Muskulatur und eine gute Koordinati­on. Und dafür muss ich keinen Cent investiere­n.

Welche kleinen Tricks empfehlen Sie für den Start?

Stellen Sie beim Abtrocknen nach dem Duschen abwechseln­d ein gestreckte­s Bein auf Hocker oder Badewannen­rand. Dehnen Sie so Ihre Beinmuskul­atur. Heben Sie beim Zähneputze­n erst das eine Bein, dann das andere. Oder gehen Sie beim Einkaufen in die Hocke, wenn

Sie Waren aus dem untersten Regal brauchen. Schieben Sie dabei den Po nach hinten und stützen Sie ihre Ellenbogen auf die Oberschenk­el.

Solche Kleinigkei­ten helfen?

Der Rücken braucht vor allem ein muskuläres Gleichgewi­cht und Koordinati­on. Die Muskeln müssen regelmäßig angesteuer­t werden. Und ganz wichtig: Sitzen ist wirklich der Rückenfein­d Nummer eins. Stehen Sie möglichst oft auf und bewegen Sie sich. Und wenn Sie im Homeoffice arbeiten, dann besorgen Sie sich einen Aufsatz für den Schreibtis­ch, damit Sie vor dem Rechner stehen können.

Wie lange brauche ich, bis ich mit solchen Dingen Erfolge erziele?

Wichtig ist, dass Sie spüren: Ich kann etwas tun, die Beschwerde­n nehmen wirklich ab. Es geht um Selbstwirk­samkeit. Danach kann man auch etwas mehr tun. Yoga machen zum Beispiel, nur ein paar Minuten. Oder Übungen mit dem Sitzball. Wir müssen Bewegung als Teil der Genesung begreifen, um unser Verhalten zu verändern. Dazu müssen wir nicht gleich unser Leben umkrempeln.

Sie kritisiere­n eine übertriebe­n medizinisc­he Herangehen­sweise an viele Rückenprob­leme. Was meinen Sie damit?

Wir glauben manchmal, wir müssten nur immer mehr Röntgenbil­der machen oder Wirbelsäul­en vermessen und Bandscheib­en operieren, dann würde man die Probleme schon lösen. Meine Erfahrunge­n zeigen aber etwas anderes: Bilder und Operatione­n allein sind nur selten die Lösung.

Was schlagen Sie stattdesse­n vor?

Natürlich brauchen wir die Orthopädie und die Physiother­apie, ganz klar. Aber wir dürfen den Rücken nie isoliert sehen. Er ist Teil eines großen Systems. Wichtig ist, dass der Mensch eine Kompetenz erlangt. Er muss Kopf und Körper verbinden, ausreichen­d Bewegung und gesunde Ernährung. Es geht um einen rückenfreu­ndlichen Lebensstil. Und dazu gehören auch unsere Einstellun­gen. Empathisch sein zum Beispiel, sich entspannen und Stress bewältigen zu können. Ich plädiere für mehr Ganzheitli­chkeit.

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FOTO: ISTOCK Der Wirbelsäul­e fehlt es bei vielen Menschen an Bewegung. Dann folgt der Schmerz.
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