Schon­frist für Ver­kehrs­sün­der

In Thü­rin­gen wird die Straf­ver­fol­gung nach dem neu­en Buß­geld­ka­ta­log aus­ge­setzt

Ostthüringer Zeitung (Zeulenroda-Triebes) - - Erste Seite - Von Ge­rald Mül­ler

In Thü­rin­gen wird die Straf­ver­fol­gung ent­spre­chend des neu­en Buß­geld­ka­ta­logs der Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung vor­erst au­ßer Kraft ge­setzt. Das teil­te ei­ne Spre­che­rin des Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums mit und be­rief sich auf ei­ne Aus­sa­ge aus dem In­nen­mi­nis­te­ri­um. Kon­trol­len von Po­li­zei und Ord­nungs­be­hör­den wür­den zwar wei­ter­hin statt­fin­den, die Be­ar­bei­tung von Ver­stö­ßen wer­de aber auf­ge­scho­ben, bis die Recht­mä­ßig­keit des Buß­geld­ka­ta­logs ge­klärt sei. Noch am Don­ners­tag er­klär­te In­fra­struk­tur­mi­nis­ter Ben­ja­min-im­ma­nu­el Hoff (Lin­ke), dass er kei­nen Grund da­für se­he, die Re­ge­lun­gen „nun zu­guns­ten von Ra­sern zu­rück­zu­neh­men“. Das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um hat­te die Län­der zu­vor auf­ge­for­dert, die seit mehr als zwei Mo­na­ten gel­ten­den neu­en Buß­geld­be­stim­mun­gen nicht an­zu­wen­den. Bis auf Wei­te­res soll­ten wie­der die al­ten Buß­geld­hö­hen und Ge­schwin­dig­keits­grenz­wer­te gel­ten. Für Sank­tio­nen, die nach In­kraft­tre­ten der Re­form am 28. April be­reits nach den stren­ge­ren Re­geln ver­hängt wur­den, wird der­zeit bun­des­weit an ei­ner Lö­sung ge­ar­bei­tet.

Hin­ter­grund der Ent­schei­dung dürf­te ein ju­ris­tisch-hand­werk­li­cher Feh­ler beim Ver­fas­sen der Re­form sein. Die­ser hat nach Auf­fas­sung von Ver­kehrs­rechts­ex­per­ten min­des­tens die Un­wirk­sam­keit der ver­schärf­ten Fahr­ver­bo­te zur Fol­ge. Al­ler­dings hat­te Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er (SCU) oh­ne­hin auf ei­ne Über­ar­bei­tung der Re­form ge­drun­gen und von ei­ner „Un­wucht, die es zu kor­ri­gie­ren gilt“, ge­spro­chen. Da­mit wa­ren vor al­lem die Fahr­ver­bots­re­ge­lun­gen ge­meint, ge­gen die es auch in der Be­völ­ke­rung teils hef­ti­gen Pro­test ge­ge­ben hat­te: Da­nach sol­len Fahr­ver­bo­te be­reits bei ein­ma­li­gen Tem­po-über­schrei­tun­gen um 21 km/h in­ner­orts und 26 km/h au­ßer­orts zum vor­über­ge­hen­den Ent­zug des Füh­rer­scheins füh­ren kön­nen. Dass die Re­form nun oh­ne­hin über­ar­bei­tet wer­den muss, dürf­te Scheu­er zum An­lass neh­men, auf ei­ne Än­de­rung die­ses um­strit­te­nen Teils der Re­ge­lun­gen hin­zu­wir­ken.

Ki­lo­me­ter­lan­ge Al­le­en ge­bet­tet in ma­le­ri­scher Land­schaft – die Stra­ßen im Land­kreis Meck­len­bur­gi­sche Se­en­plat­te ver­lei­ten of­fen­bar zum Au­to­fah­ren mit Blei­fuß. 612 Füh­rer­schei­ne hat der Kreis al­lein in die­sem Mai ein­ge­zo­gen. Ein mas­si­ver An­stieg. Ein Jahr zu­vor wa­ren es ge­ra­de ein­mal 251 Fahr­ver­bo­te, be­rich­tet der Ra­dio­sen­der NDR 1 MV. Grund ist of­fen­bar der neue Buß­geld­ka­ta­log. Die­ser sieht seit En­de April ei­nen Mo­nat Fahr­ver­bot bei deut­lich ge­rin­ge­ren Ge­schwin­dig­keits­ver­stö­ßen vor.

Die neu­en Re­geln sor­gen bun­des­weit für Auf­re­gung. Wer in­ner­orts mit 21 St­un­den­ki­lo­me­tern zu viel ge­blitzt wird, ist den Lap­pen los, au­ßer­orts ab 26. Zu­vor droh­te Fahr­ver­bot im Ort ab 31 Ki­lo­me­tern pro St­un­de zu viel, 41 au­ßer­orts.

Jetzt kön­nen Au­to­fah­rer, die es mit dem Tem­po­li­mit nicht so ge­nau neh­men, vor­erst auf­at­men. We­gen ei­nes Form­feh­lers bei der Neu­fas­sung der Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung (STVO) im Früh­jahr hat das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um die Län­der auf­ge­for­dert, den neu­en Buß­geld­ka­ta­log au­ßer Kraft zu set­zen. We­gen ei­nes „feh­len­den Ver­wei­ses auf die not­wen­di­ge Rechts­grund­la­ge“sei­en die vor­ge­se­he­nen Fahr­ver­bo­te wahr­schein­lich nich­tig, hieß es aus dem Haus von Mi­nis­ter Andre­as Scheu­er (CSU). Recht­li­che Be­den­ken hat­te zu­vor auch der Au­to­fah­rer­club ADAC ge­äu­ßert.

In Meck­len­burg-vor­pom­mern ha­be ein Stra­ßen­ver­kehrs­amt dem Sen­der zu­fol­ge be­reits an­ge­fan­gen, ein­ge­zo­ge­ne Füh­rer­schei­ne zu­rück­zu­ge­ben. Da­mit könn­ten nun be­trof­fe­ne Au­to­fah­rer im gan­zen Bun­des­land rech­nen.

Auch Bay­ern, Bran­den­burg, Hamburg, Nie­der­sach­sen, Nord­rhein-west­fa­len, Rhein­land-pfalz, Sach­sen und Schles­wig-hol­stein wol­len zum al­ten Buß­geld­ka­ta­log zu­rück­keh­ren. „Lau­fen­de noch of­fe­ne, al­so noch nicht mit Be­scheid ab­ge­schlos­se­ne Ver­fah­ren, so­wie auch zu­künf­ti­ge wer­den ab so­fort nach dem al­ten Buß­geld­ka­ta­log be­ar­bei­tet“, hieß es aus der Ham­bur­ger Ver­kehrs­be­hör­de.

Bun­des­län­der wa­ren für stren­ge­re Fahr­ver­botsre­geln

Das Saar­land hat­te am Don­ners­tag als ers­tes Bun­des­land die neu­en Re­geln au­ßer Kraft und da­mit ein Zei­chen mit Si­gnal­wir­kung ge­setzt. Saar-ver­kehrs­mi­nis­te­rin Anke Rehlin­ger (SPD) sitzt der Ver­kehrs­mi­nis­ter­kon­fe­renz vor. Ihr Wort hat Ge­wicht. Der Vor­stoß wird in Berlin gern ge­se­hen, denn Bund und Län­der konn­ten sich nicht auf ei­ne Li­nie ei­ni­gen.

Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Scheu­er hat­te sich schon Mit­te Mai an den neu­en Re­geln ge­rie­ben, blitz­te da­mals aber bei Rehlin­ger ab. Der Csu-po­li­ti­ker rieb sich an „er­heb­li­chen Un­ge­reimt­hei­ten im Sank­ti­ons­ge­fü­ge“durch die neu­en Fahr­ver­botsre­geln. Die nächs­te Sank­ti­ons­stu­fe mit zwei Mo­na­ten Fahr­ver­bot grei­fe jetzt erst ab 51 km/h zu viel in­ner­orts und 61 au­ßer­orts. Scheu­er reg­te an, im Ge­gen­zug für ei­ne Rück­kehr zur al­ten Re­gel beim Fahr­ver­bot das Buß­geld an­zu­he­ben: von 80 auf 100 Eu­ro.

Ne­ben den stren­ge­ren Re­geln bei Tem­po­ver­stö­ßen ging es bei der Stvo-no­vel­le vor al­lem um mehr Schutz für Fahr­rad­fah­rer. Die­se Vor­schrif­ten sol­len wei­ter­hin wirk­sam sein.

Der Streit um das ver­schärf­te Fahr­ver­bot für Ra­ser ent­wi­ckelt un­ter­des­sen das Zeug für ei­ne Po­lit­pos­se. Die­se nahm ih­ren Lauf im Fe­bru­ar, als der Bun­des­rat über die an­ste­hen­de No­vel­le der Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung be­riet. Die Län­der­kam­mer brach­te über 100 Än­de­rungs­an­trä­ge ein. Dar­un­ter: die um­strit­te­ne Re­ge­lung, dass der Füh­rer­schein schon ab 21 St­un­den­ki­lo­me­tern zu viel weg ist. Die Län­der wa­ren sich oh­ne Ge­gen­stim­me ei­nig.

Nur Thü­rin­gen ent­hielt sich, weil sich dort ge­ra­de ei­ne neue Lan­des­re­gie­rung fin­den muss­te.

War­um Scheu­er nicht schon hier ein­griff? Das Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um hät­te nur das Ge­samt­pa­ket ab­leh­nen kön­nen. Dann wä­ren die gro­ßen Fort­schrit­te der Re­form für die Si­cher­heit von Fahr­rad­fah­rern ge­fähr­det ge­we­sen, sag­te Scheu­er. Als die Kri­tik an der dras­tisch ver­schärf­ten Fahr­ver­bots­re­gel schließ­lich An­fang Mai öf­fent­lich hoch­koch­te, bat Scheu­er sei­ne Län­der­kol­le­gen für ei­ne Neu­re­ge­lung bis zum Herbst um Un­ter­stüt­zung.

Doch die wink­ten ab, sie hat­ten sich ja ge­ra­de erst für die Ver­schär­fung aus­ge­spro­chen. Die neue Re­ge­lung sol­le sich zu­nächst in der Pra­xis be­weh­ren, hat­te Saar-mi­nis­te­rin Rehlin­ger un­se­rer Re­dak­ti­on ge­sagt. Nun folgt der Wir­bel um den Form­feh­ler in der Ver­ord­nung, die Scheu­er selbst ver­kün­det hat­te.

Das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um will jetzt schnell ei­nen Vor­schlag für ei­nen rechts­si­che­ren Buß­geld­ka­ta­log er­ar­bei­ten. Die­ser soll ein „fai­res An­ge­bot an die Län­der für Ver­kehrs­si­cher­heit“sein und die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit wah­ren. Für die nach dem neu­en Buß­geld­ka­ta­log ge­ahn­de­ten Fäl­le wer­de an ei­ner bun­des­ein­heit­li­chen Lö­sung ge­ar­bei­tet. Scheu­er warb in ei­nem Brief be­reits um die Un­ter­stüt­zung der Lan­des­mi­nis­ter.

Mit ein­hel­li­ger Zu­stim­mung kann er aber nicht rech­nen. Thü­rin­gens In­fra­struk­tur­mi­nis­ter Ben­ja­min-im­ma­nu­el Hoff (Lin­ke) stell­te für sein Bun­des­land klar: „Es gibt kei­nen Grund, die­se Re­ge­lun­gen nun zu­guns­ten von Ra­sern zu­rück­zu­neh­men.“Scheu­ers Agie­ren nann­te er „mehr als ir­ri­tie­rend“.

FO­TO: BO­DO MARKS / DPA PA

Wer in­ner­orts mit 21 St­un­den­ki­lo­me­tern zu viel ge­blitzt wird, ist den Füh­rer­schein für ei­nen Mo­nat los. Die neue Re­ge­lung sorgt für Auf­re­gung – und ist we­gen ei­nes Form­feh­lers wohl hin­fäl­lig.

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