De­si­gn­kri­tik: Mehr Mut zur Mei­nung!

He­ri­bert Birn­bach ist Pro­fes­sor im Fach­be­reich Gestal­tung an der Folk­wang Uni­ver­si­tät der Küns­te in Es­sen. Im Som­mer­se­mes­ter 2017 bot er den Kurs »The Good, the Bad and the Ugly« an, in dem Stu­die­ren­de Kri­te­ri­en der De­si­gn­be­wer­tung er­ar­bei­te­ten. Wir sprac

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He­ri­bert Birn­bach über fun­dier­te, pro­fes­sio­nel­le De­si­gn­kri­tik im Zeit­al­ter von So­ci­al Me­dia

Wie sieht pro­fes­sio­nel­le De­si­gn­kri­tik aus?

He­ri­bert Birn­bach: Im Ide­al­fall müss­te man nicht zwi­schen pro­fes­sio­nel­ler Kri­tik und – was wä­re das Ge­gen­teil? Hob­by­kri­tik? pri­va­te Kri­tik? – un­ter­schei­den. Schließ­lich rich­tet sich De­sign an al­le, die es an­geht. Da­her wä­re es auch wün­schens­wert, wenn Grund­kri­te­ri­en für die Beur­tei­lung vi­su­el­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on schon in der Schu­le im Rah­men ei­nes Me­di­en­kom­pe­tenz­fachs er­wor­ben wür­den. De­si­gn­kri­tik in­ner­halb un­se­rer Pro­fes­si­on fin­det so­wohl in den krea­ti­ven Ent­wurfs­pro­zes­sen als auch in der Ver­mitt­lung an den Hoch­schu­len statt. Oh­ne ei­ne re­flek­tier­te Aus­ein­an­der­set­zung mit den Rand­be­din­gun­gen und Ziel­set­zun­gen der Kom­mu­ni­ka­ti­on lässt sich kein An­satz be­grün­det ge­gen Al­ter­na­tiv­ent wür­fe durch­set­zen. Nur so lässt sich das Bes­se­re vom Gu­ten und nicht so Gu­ten un­ter­schei­den. Ei­ne blo­ße Be­vor­zu­gung nach äs­the­ti­schen Kri­te­ri­en – im Sin­ne von Ge­fällt mir/ge­fällt mir nicht – ge­hört zwar auch zum Be­wer­tungs­pro­zess, darf aber nicht das al­lei­ni­ge Kri­te­ri­um sein. Ge­nau hier ver­läuft die Gren­ze zwi­schen ei­ner gut ge­mein­ten, aber un­ge­schul­ten Be­wer­tung und ei­ner fun­dier­ten Beur­tei­lung, die nicht an der Ober­flä­che bleibt, son­dern ver­sucht, der Kom­ple­xi­tät ei­nes vi­su­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­akts Rech­nung zu tra­gen.

Das klingt an­spruchs­voll. Wer kann denn De­sign über­haupt in die­ser Wei­se be­wer­ten?

Tat­säch­lich gibt es nach wie vor das Be­dürf­nis nach ei­ner De­si­gn­kri­tik durch Ex­per­ten, aber die Ak­zen­te ha­ben sich ver­scho­ben: Wer als sol­cher ak­zep­tiert wird und wel­che Qu­el­len man zur In­for­ma­ti­ons­be­schaf­fung her­an­zieht, hat sich ver­än­dert. Wa­ren es frü­her Fach­ma­ga­zi­ne, Bü­cher und Wett­be­wer­be, sind es heu­te Blog­ger, (Chat­) Fo­ren und vir­tu­el­le Pinn­wän­de. Der ele­men­ta­re Un­ter­schied ist, dass qua­li­fi­zier­tes Fach­wis­sen – das man auf­sei­ten der Re­dak­tio­nen vor­aus­set­zen kann – im In­ter­net er­setzt wird durch quan­ti­fi­zier­ba­re Mei­nungs­äu­ße­run­gen, wie die An­zahl der Fol­lo­wer oder Li­kes. So­bald es aber um die Mei­nung der Mas­se geht, wird es me­di­o­ker. Als Ori­en­tie­rung su­chen­der Stu­dent kann man dort bes­ten­falls sei­ne Mei­nung mehr­heit­lich be­stä­tigt fin­den – oder man zählt zu ei­ner Min­der­heit. Ei­ne Schär­fung des ei­ge­nen Ur­teils an Ar­gu­men­ten, die nicht dem Main­stream an­ge­hö­ren, son­dern in die Tie­fe ge­hen, fin­det dort au­ßer­or­dent­lich sel­ten statt.

Was kann man da­ge­gen tun?

Mei­ner Mei­nung nach soll­ten die Re­dak­tio­nen al­ler Me­di­en – es wä­re schön, wenn De­sign auch mal vom Fern­se­hen wahr­ge­nom­men wür­de – mu­ti­ger auf­tre­ten und ei­ge­ne Stand­punk­te be­zie­hen. Die­se kön­nen kon­tro­vers sein und soll­ten nicht der neu­mo­di­schen Be­lie­big­keit des »Any­thing goes« hin­ter­her­ren­nen. Ich fin­de es wich­tig, dass man ei­nen Qua­li­täts­an­spruch und ei­ne Hal­tung wahr­neh­men kann. Wenn man al­lem glei­chen Raum gibt, wird die Mög­lich­keit der Ori­en­tie­rung in ei­ner zu­neh­mend un­über­sicht­li­chen Welt ver­tan. Und im Üb­ri­gen: Auch wenn wir man­gels ei­nes bes­se­ren Be­griffs von De­si­gn­kri­ tik re­den – was ja kei­nes­falls po­si­tiv oder neu­tral kon­no­tiert ist –, soll­ten dar­un­ter ge­nau­so po­si­ti­ve und lo­ben­de Ana­ly­sen mög­lich sein.

Kann es über­haupt all­ge­mein­gül­ti­ge Kri­te­ri­en für die Be­wer­tung von De­sign ge­ben?

Ja, da­von bin ich über­zeugt. Schon des­halb, weil nur so ei­ne De­si­gnaus­bil­dung Sinn er­gibt. Die­se Kri­te­ri­en sind aber nicht nur fürs Stu­di­um gül­tig, son­dern sie le­gi­ti­mie­ren auch all un­se­re kon­zep­tio­nel­len und ge­stal­te­ri­schen Ent­schei­dun­gen im Be­ruf. Gä­be es kei­ne ge­mein­sa­men Maß­stä­be, könn­ten wir die Dis­kus­si­on hier ab­bre­chen. Dann un­ter­lä­ge je­de Kom­mu­ni­ka­ti­on der Be­lie­big­keit des Ma­chers und der Zu­fäl­lig­keit von Er­reich­bar­keit, Ka­pa­zi­tät und In­ter­es­sen der Adres­sa­ten. Die­se all­ge­mei­nen Kri­te­ri­en kön­nen auf For­men und In­hal­te an­ge­wandt wer­den, völ­lig un­ab­hän­gig von Ort, Zeit, Tech­nik, Me­di­en et ce­te­ra. Aber: Die Ein­stel­lung zu den er­kann­ten Qua­li­tä­ten und ih­re Be­wer­tung sind ge­sell­schaft­lich, in­di­vi­du­ell, zeit­lich und räum­lich ver­schie­den.

Das müs­sen Sie er­klä­ren.

Die Re­le­vanz von Qua­li­täts­kri­te­ri­en wird im­mer wie­der neu be­wer­tet. Das ken­nen wir aus al­len Be­rei­chen des (kul­tu­rel­len) Le­bens: Die Din­ge er­schöp­fen sich, man möch­te neue We­ge ein­schla­gen, es ent­ste­hen Her­aus­for­de­run­gen, die sich mit dem bis­he­ri­gen Ver­hal­tens­und Gestal­tungs­re­per­toire nicht be­frie­di­gend be­ant wor­ten las­sen. Dann wer­den Aspek­te wich­ti­ger, die vor­her nicht so viel Be­deu­tung hat­ten. So­mit gibt es ei­nen sich stän­dig im Fluss be­fin­den­den Mix aus un­ter­schied­lich ge­wich­te­ten Qua­li­täts­kri­te­ri­en.

Um wel­che Qua­li­täts­kri­te­ri­en geht es denn?

Um je­ne Ei­gen­schaf­ten, die dem De­sign selbst in­ne­woh­nen: groß oder klein, bunt oder nicht, ho­mo­gen oder he­te­ro­gen, span­nend oder be­ru­hi­gend; und um die Fra­ge, ob all die­se Ein­zel­ent­schei­dun­gen sich in der Gestal­tung ge­gen­sei­tig stüt­zen, dem Ge­samt­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ziel die­nen und so die er­hoff­te Wir­kung er­zielt wird. Tat­säch­lich han­delt es sich bei den meis­ten Aus­sa­gen zu De­sign um Mei­nun­gen über die­ses und viel sel­te­ner um Qua­li­tä­ten, die das Ob­jekt in sich birgt. Das wird oft ver­wech­selt. Mei­nun­gen sa­gen oft mehr über den Spre­cher aus als über den Ge­gen­stand. Wer ei­nen Ent­wurf alt­mo­disch, kit­schig, lang­wei­lig, mo­dern oder na­iv fin­det, ver­rät da­durch mehr über sein ei­ge­nes Wer­te­sys­tem, als dass er den Ent­wurf da­mit cha­rak­te­ri­siert. Wich­ti­ger wä­re zu wis­sen, was er dar­in fin­det, das in ihm die­se Ein­schät­zung ent­ste­hen lässt.

Ne­ben die­sen in­di­vi­du­el­len Un­ter­schie­den hat ja auch der ge­sell­schaft­li­che Wan­del Ein­fluss auf die Be­wer­tung von De­sign.

Der Gra­fik­de­si­gner Heinz Edel­mann sag­te ein­mal, er be­ur­tei­le Ar­bei­ten stets nach se­man­ti­schen, syn­tak­ti­schen und prag­ma­ti­schen Kri­te­ri­en. Da­mit be­kann­te er sich als An­hän­ger der Se­mio­tik, was da­mals – En­de der 1970er Jah­re – nichts Un­ge­wöhn­li­ches war. In die­ser Wis­sen­schaft steht die Fra­ge nach dem Sinn im Zen­trum, sie ist im Kern ra­tio­nal und

ob­jek­tiv. Da­mit ist sie be­son­ders gut ge­eig­net, ei­ne funk­tio­na­le De­si­gnauf­fas­sung zu le­gi­ti­mie­ren, wie sie et­wa die Ul­mer Schu­le ver­trat. Ab Mit­te der 1980er Jah­re wur­de die­se Hal­tung von ei­ner Be­we­gung kon­ter­ka­riert, die die emo­tio­na­len und sinn­li­chen At­tri­bu­te im De­sign be­tont: Mem­phis. Nun wur­den an­de­re Kri­te­ri­en als wich­ti­ger ein­ge­stuft, et­wa äs­t­he­ti­sche, psy­cho­lo­gi­sche oder hand­werk­li­che Qua­li­tä­ten. Et­wa ab den 1990ern rück­ten wie­der an­de­re Aspek­te in den Fo­kus: Die ge­sell­schaft­li­che Ak­zep­tanz von Um­welt­schutz gab Fra­gen nach der öko­lo­gi­schen Bi­lanz und der Nach­hal­tig­keit grö­ße­res Ge­wicht. In den letz­ten Jah­ren kommt ver­mehrt Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik ins Spiel so­wie Fra­gen nach der Glaub­wür­dig­keit der In­hal­te, der In­te­gri­tät der Ab­sen­der und dem Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein der Auf­trag­ge­ber. Es wird in­ter­es­sant zu se­hen, wie sich die­se Auf­merk­sam­keit zu ei­nem Kri­te­ri­en­ka­ta­log für De­si­gn­qua­li­tä­ten for­mie­ren wird.

Wie fin­det De­si­gn­kri­tik in der Ge­sell­schaft und in den Me­di­en statt?

Prak­tisch gar nicht. Der Stel­len­wert von De­sign ist in Deutsch­land be­deu­tend ge­rin­ger als et­wa in den Nie­der­lan­den. Zu­gleich gibt es bei uns ei­nen zu­neh­mend ex­zes­si­ven Ein­satz des Wor­tes – von Nail über Hair bis Wall De­sign. Durch die­sen in­fla­tio­nä­ren Ge­brauch ist der De­si­gn­be­griff un­scharf ge­wor­den und wird in brei­ten Tei­len der Be­völ­ke­rung völ­lig falsch, näm­lich im Sin­ne ei­ner ober­fläch­li­chen Ver­schö­ne­rung, ver­wen­det. Fin­det tat­säch­lich ei­ne Be­schäf­ti­gung mit dem The­ma De­sign statt, so bleibt sie in den Main­stream­me­di­en va­ge und oh­ne er­kenn­ba­re Po­si­ti­on. Dar­aus re­sul­tiert ein grö­ßer wer­den­der Be­darf an Ori­en­tie­rung. Das macht sich bei­spiels­wei­se bei Stu­die­ren­den be­merk­bar, die be­wusst Leh­ren­de su­chen, die ih­nen ei­ne kla­re Hal­tung ver­mit­teln. Et­was mehr Mut zur Mei­nung tä­te uns al­len gut. Al­ler­dings muss sich dann auch der Ton der Aus­ein­an­der­set­zung än­dern und von Re­spekt ge­tra­gen sein. Ex­zes­se wie in den Shits­torms und Hass­ti­ra­den der so­zia­len Me­di­en sind un­ak­zep­ta­bel. Man muss nicht der glei­chen Mei­nung sein, aber die Ernst­haf­tig­keit in den Po­si­tio­nen An­ders­den­ken­der muss man an­er­ken­nen – und auch die Chan­ce se­hen, sei­ne ei­ge­nen Ur­tei­le zu über­prü­fen.

Liegt es bei den Hoch­schu­len, die Fä­hig­keit zur De­si­gn­kri­tik zu ver­mit­teln?

Ja, si­cher­lich. Aber das gilt nicht aus­schließ­lich für die Gestal­tungs­stu­di­en­gän­ge. Auf Kun­den­sei­te ha­ben es De­si­gner in der Re­gel mit Mar­ke­ting­, Wirt­schafts­oder Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schafts­ab­sol­ven­ten zu tun. Zwi­schen ih­nen kommt es im­mer wie­der zu Miss­ver­ständ­nis­sen, weil sie un­ter­schied­li­che Er war­tun­gen an De­sign ha­ben und die Wich­tig­keit man­cher Aspek­te je­weils an­ders be­ur­tei­len. Viel­leicht hät­ten die Gestal­tungs­stu­di­en­gän­ge schon viel frü­her und ent­schlos­se­ner auf die­se Be­rufs­grup­pen und Aus­bil­dungs­gän­ge zu­ge­hen müs­sen, um die­se Ver­ständ­nis­lü­cken zu schlie­ßen. Das Glei­che gilt um­ge­kehrt na­tür­lich ge­nau­so. Da­zu lei­den Kun­

den und De­si­gner glei­cher­ma­ßen un­ter dem Pri­mat der Öko­no­mie: Ide­en wer­den rück­sichts­los an Zah­len ge­mes­sen. Ich plä­die­re seit ei­ni­ge Zeit für das Schwei­zer Mo­dell bei al­len Aus­schrei­bun­gen: Das höchs­te und nied­rigs­te An­ge­bot wird au­to­ma­tisch ge­stri­chen. Wir wä­ren mit ei­nem Schlag al­le Pro­ble­me mit Dum­ping­an­ge­bo­ten los und wür­den uns in ei­nem fai­ren, rea­lis­tisch kal­ku­lier­ten Wett­be­werb be­fin­den, in dem dann auch hö­he­re Qua­li­tät wie­der ei­ne Chan­ce hät­te.

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