De­si­gn­kri­tik-ko­lum­ne: das Wm-tri­kot

In sei­ner De­si­gn­kri­tik-ko­lum­ne nimmt Jo­han­nes Er­ler das neue Aus­wärtstrikot der deut­schen Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft zur WM 2018 in Russ­land aus­ein­an­der

PAGE - - Editorial -

Jo­han­nes Er­ler nimmt das neue Aus­wärtstrikot der deut­schen Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft aus­ein­an­der

● Mei­ne kü­chen­psy­cho­lo­gi­sche Re­tro­t­rend-theo­rie geht so: Es ist im­mer der ers­te, rich­ti­ge Kuss, so zwi­schen 14 und 16. Die Mu­sik, die wir da­bei hör­ten, die Kla­mot­ten, die wir tru­gen, und all die Din­ge, die wir cool fan­den, bren­nen sich auf ewig in un­ser Ge­dächt­nis. Sie ma­chen den sen­ti­men­ta­len Grund­ton, der un­ser rest­li­ches Le­ben be­stimmt. Und wenn wir mit Mit­te 40 end­lich was zu mel­den ha­ben, als Mar­ke­ting­di­rek­tor, Ra­dio­mo­de­ra­tor oder schlech­ter De­si­gner, dre­hen wir die Zeit zu­rück, und al­les wird noch mal so schön wie vor 30 Jah­ren. Die größ­ten Hits der 80er! Weißt du noch? So ent­ste­hen Re­tro­t­rends. Wie ge­sagt: Kü­chen­psy­cho­lo­gie.

Wenn da aber tat­säch­lich was dran ist, ste­hen uns als Nächs­tes die 1990er ins Haus. Das ist kei­ne gu­te Nach­richt. Denn die wa­ren ja be­reits das ers­te voll aus­ge­stat­te­te Re­tro­jahr­zehnt. Und hat­te bis da­hin je­de De­ka­de ih­ren ei­ge­nen Stil, so ver­quirl­ten die Neun­zi­ger mun­ter al­les, was ir­gend­wann mal hip war. Auf die­se Wei­se ka­men die Spice Girls, Neon­ba­tik oder Su­per RTL in die Welt, und spä­tes­tens jetzt soll­te al­len klar sein, was uns dräut: die Wie­der­ho­lung der Wie­der­ho­lung. Wir steu­ern auf ei­ne fa­ta­le De­sign-zeit­schlei­fe zu, und aus­ge­rech­net die Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft im Wm-jahr ist ihr ers­tes Op­fer. Weil sie in Tri­kots spie­len muss, die Franz Be­cken­bau­er per­sön­lich vom 1990er-fi­na­le in Rom nach Mos­kau ge­beamt zu ha­ben scheint.

Hirn. Ver­kaufstak­tisch ist so ein Re­tro­t­rend ein teuf­lisch gu­ter Plan, weil er zwei Ziel­grup­pen auf ein­mal ab­kas­siert: die kauf­star­ken 45- bis 55-Jäh­ri­gen, die sich wie­der jung füh­len, so­wie die ech­ten Jun­gen, die nach­ma­chen, was ih­nen ih­re an Mil­lio­nen­ver­trä­ge ge­bun­de­nen Ido­le ein­zu­flüs­tern ha­ben. Bei adi­das heißt die­se cle­ve­re Stra­te­gie of­fi­zi­ell »from au­then­ti­ci­ty to pro­gres­si­on«, was frei mit »Zu­rück in die Zu­kunft« über­setzt wer­den kann und vor al­lem küh­le Kal­ku­la­ti­on ist. Das »Han­dels­blatt« rech­net vor, wie aus ei­nem Stück Po­ly­es­ter, das in der Her­stel­lung un­ter 9 Eu­ro kos­tet, ein »Kult­tri­kot« für knapp 90 Eu­ro wird. Mög­li­che Um­sät­ze: über 250 Mil­lio­nen Eu­ro al­lein für das deut­sche Leib­chen. Nur: Mit De­sign, dem Top-ver­kaufs­ar­gu­ment, hat das erst ein­mal nichts zu tun.

Hand. Die un­le­ser­li­che Ty­po­gra­fie hat Erik Spie­ker­mann zu Recht in zwei Wor­ten ge­rich­tet. Er meint, sie sei »ecki­ge Schei­ße« (und be­grün­det es: https:// is.gd/tri­kots18 ). Der Deut­sche Fuß­ball-bund ver­weist hier­zu auf die an­de­ren 23 Na­tio­nen in adi­das, die nicht ge­me­ckert hät­ten. Das sind schlech­te Neu­ig­kei­ten für das ty­po­gra­fi­sche Hand­werk.

Noch in­ter­es­san­ter fin­de ich, mit wel­cher Dreis­tig­keit die­ses Tri­kot al­le be­währ­ten Kom­po­si­ti­ons­re­geln aus­he­belt, 80er-far­be, 90er-print und 00erPi­xel­schrift kru­de ver­mixt, und, weil es ja sein muss, noch ein paar Tra­de­marks mit­tig drauf­klatscht. Wä­re die­ses Shirt ein Ho­tel­zim­mer, wir wä­ren schlaf­los. War­um aber geht das auf ei­nem Fuß­ball­tri­kot? Nichts passt in die­ser eklek­ti­schen De­si­gn­höl­le zu­sam­men. Und was auf dem As­tral­leib ei­nes To­ni Kroos noch sitzt, das ent­stellt je­de Mit­tel­al­ter-plau­ze und je­den dür­ren Te­e­nie­kör­per. Hand­werk­lich ist das »De­signis­mus« – Gestal­tung al­so, die be­haup­tet, De­sign zu sein, es je­doch nicht ist.

Herz. Ich ora­ke­le jetzt mal: Vier­tel­fi­na­le, dann ist Schluss. Der Druck ist zu groß. Nicht weil die Mann­schaft nicht könn­te, son­dern weil sie auf den Schul­tern von gleich zwei Rie­sen steht: dem Welt­meis­ter­ti­tel von 2014 und nun auch noch – per Tri­kot – dem von 1990. Und im­mer, wenn es bei der WM nicht läuft, wird Lothar Mat­thä­us leib­haf­tig den Geist von Rom be­schwö­ren. Das Tri­kot als Me­ne­te­kel und Lod­dar als Re­tro­gott. Schlech­te Vor­aus­set­zun­gen für die Ti­tel­ver­tei­di­gung.

Sen­ti­men­ta­li­tät ist kein gu­ter Be­ra­ter, wenn man nach vor­ne will. Das gilt für den Fuß­ball (mein HSV hat vor lau­ter Tra­di­ti­ons­ge­tö­se längst die Zu­kunft ver­spielt). Das gilt aber auch im De­sign. Als De­si­gne­rin­nen und De­si­gner sind wir nur gut, wenn wir die Zei­chen der Zeit er­ken­nen und in Gestal­tung um­set­zen. Der Blick zu­rück ist höchs­tens hilf­reich, aber nie grund­le­gend.

Als Fuß­ball­fan wün­sche ich Jo­gi Löw al­les Gu­te. Beim Tri­kot hät­te er sich wohl bes­ser ein­ge­mischt. Kü­chen­psy­cho­lo­gisch be­trach­tet.

Wä­re die­ses Shirt ein Ho­tel­zim­mer, wir wä­ren schlaf­los.

Jo­han­nes Er­ler ist Part­ner des De­si­gn­bü­ros EST Er­ler­skib­be­töns­mann in Ham­burg, Mit­glied im Art Di­rec­tors Club Deutsch­land, Ju­ror in zahl­rei­chen De­si­gn­ju­rys, Au­tor von Bü­chern über De­sign und Mo­de­ra­tor der De­si­gn­kon­fe­renz TY­PO Ber­lin

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