Rund­um-pro­blem­lö­ser

Was Il­lus­tra­ti­on im De­si­gnall­tag al­les kann – auch bei di­gi­ta­len Pro­jek­ten

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● Bis wir in Deutsch­land ei­ne in­ter­ak­ti­ve Vi­deo­wall wie die in Shen­zhen zu se­hen be­kom­men, könn­te es dau­ern. Der­weil deut­sche Il­lus­tra­to­ren oft ein sehr künst­le­ri­sches Selbst­ver­ständ­nis ha­ben und ger­ne un­ge­stört vor sich hin­zeich­nen, ent­ste­hen di­gi­ta­le Pro­jek­te in Teams, in de­nen Zeich­ner, De­si­gner und De­ve­l­oper stän­dig Hand in Hand ar­bei­ten und auf­ein­an­der zu­ge­hen müs­sen. Deut­sche Di­gi­ta­l­agen­tu­ren wie­der­um stel­len höchst sel­ten Il­lus­tra­to­ren fest an, so wie LXU es tut. Bes­ten­falls gibt es De­si­gner, die mal ne­ben­bei ein biss­chen il­lus­trie­ren. An die gro­ßen Il­lus­tra­to­ren­re­prä­sen­tan­zen, mit de­nen Zeit­schrif­ten­re­dak­tio­nen ar­bei­ten, denkt man nicht im Traum (sie­he www.page-on­line.de/il­lus­tra­to­re­nagen­tu­ren). Al­so kom­men Stock­fo­tos oder so­gar un­at­trak­ti­ves Bild­ma­te­ri­al des Kun­den zum Ein­satz. Da­bei kann es ganz an­ders lau­fen, wie im fol­gen­den Bei­spiel.

Kei­ne be­son­ders tol­len Bil­der be­kam die bri­ti­sche De­si­gnagen­tur BML vom Kun­den Pitch – ei­ner Fir­ma, die gro­ße wei­ße Zel­te für Events und pri­va­te Zwe­cke ver­mie­tet. Das Brie­fing kam un­be­schei­den da­her: Man wol­le die Lu­xus- Cam­ping-bran­che auf­mi­schen . . . Shoo­tings für spek­ta­ku­lä­re Bil­der zu or­ga­ni­sie­ren wä­re teu­er und auf­wen­dig ge­we­sen. »Es war von An­fang an klar, dass die üb­li­chen lang­wei­li­gen Fo­tos von Zel­ten kei­ne Auf­merk­sam­keit für Pitch schaf­fen wür­den«, so die Agen­tur­grün­der Da­ve und Na­ta­lie Hol­lo­way. »Mit maß­ge­schnei­der­ten Il­lus­tra­tio­nen konn­ten wir da­ge­gen ei­ne be­son­de­re

At­mo­sphä­re schaf­fen, zu­gleich die Funk­tio­nen und Vor­tei­le der Zel­te auf ei­ner re­s­pon­siven Web­site er­klä­ren und die Bil­der zur Grund­la­ge ei­nes mög­lichst sim­plen Drei-schrit­te-be­stell­pro­zes­ses ma­chen.« Das Er­geb­nis: Pitch avan­cier­te vi­ral zu ei­nem der ge­frag­tes­ten Lon­do­ner Zelt­ver­mie­ter – we­gen der klei­nen, aber fei­nen Web­site http://pitch-tents.co.uk. Schau­en wir uns al­so wei­te­re per­fek­te Ein­satz­ge­bie­te für Il­lus­tra­ti­on an.

Die Ret­tung bei schwie­ri­gen The­men

Mar­ke­ting für Ban­ken und Ver­si­che­run­gen ist hier­zu­lan­de schreck­lich se­ri­ös – und oft schreck­lich lang­wei­lig be­bil­dert. In Groß­bri­tan­ni­en sieht das an­ders aus, bei­spiels­wei­se auf der von Fish­fin­ger Crea­ti­ve rea­li­sier­ten Web­site des Ver­bands der bri­ti­schen Ver­si­che­rer (http://in­suran­ce­ex­pe­ri­ments.org.uk). Dort ver­deut­li­chen wit­zi­ge Il­lus­tra­tio­nen und Ani­ma­tio­nen mit ex­pe­ri­men­tie­ren­den Wis­sen­schaft­lern die Vor­zü­ge un­ter­schied­lichs­ter Ver­si­che­run­gen. Auch über die So­ci­al-me­dia-ka­nä­le wur­de das Bild­ma­te­ri­al ver­brei­tet. »Dort kon­kur­rie­ren wir mit lus­ti­gen Kat­zen­vi­de­os oder der Lis­te der 59 Din­ge, die du nie

über Avo­ca­dos er­fah­ren hast. Mit der üb­li­chen Auf­be­rei­tung von Fi­nanz­the­men kommt man da nicht weit«, er­klä­ren die Ma­cher.

Erst­wäh­ler für Ge­mein­de­rats­wah­len zu be­geis­tern ist eben­falls nicht ein­fach. Ei­nen sym­pa­thi­schen Chat­bot für Face­book Mes­sen­ger schick­te das Lan­des­ju­gend­re­fe­rat 2017 bei den Wah­len im ös­ter­rei­chi­schen Bur­gen­land vor. De­sign und Il­lus­tra­tio­nen für Web­site und Face­book­auf­tritt, die zum Chat mit El­la ein­la­den, lie­fer­te Bu­reau F aus Wi­en. Es ist das De­sign­stu­dio von Phil­ipp Stür­zen­be­cher und Fa­bi­en­ne Fel­tus, die selbst viel il­lus­triert, aber auch die in­ter­es­san­te Il­lus­tra­to­re­nagen­tur Agent Azur ins Le­ben rief. »Für die In­ter­ak­ti­on im Chat ge­stal­te­ten wir meh­re­re Cha­rac­ter­mu­ta­tio­nen des Avat­ars in di­ver­sen Stim­mun­gen«, er­klärt Fa­bi­en­ne Fel­tus. »El­la trägt im­mer ihr ge­streif­tes T­shirt und hat ähn­li­che Fri­su­ren, aber so­gar ih­re Haar­far­be kann sich je nach Stim­mung än­dern – und manch­mal hat sie nur ein Au­ge. Aus den Mu­ta­tio­nen ent­stan­den auch das GIF und Bil­der für die Web­site.« So er­mu­tigt El­la die Jung­wäh­ler, ihr un­be­fan­gen wirk­lich je­de Fra­ge zu stel­len, auch wenn sie noch so läp­pisch scheint.

Fo­tos und Il­lus­tra­tio­nen kom­bi­nie­ren

Na­tür­lich muss man sich nicht zwi­schen Fo­tos und Il­lus­tra­tio­nen ent­schei­den. Mit »Sei­ze The Awk­ward« ge­lang Dro­ga5 ei­ne un­ge­wöhn­li­che Kam­pa­gne zur Selbst­mord­prä­ven­ti­on. Clips im Sit­com­stil, teils mit In­flu­en­cern als Prot­ago­nis­ten, ru­fen auf dem auf­wen­di­gen One­pa­ger https://sei­ze­theawk­ward.org da­zu auf, das Ge­spräch mit Freun­den zu su­chen, wenn die­se ir­gend­wie »ko­misch« wir­ken. Die kon­kre­ten Tipps für den Um­gang sind mit far­ben­fro­hen GIFS um­ge­setzt, die aber knapp und se­ri­ös wich­ti­ge Hin­ wei­se ge­ben. Zu­dem be­auf­trag­te Dro­ga5 über fünf­zig (!) Il­lus­tra­to­ren, den Auf­ruf »Sei­ze The Awk­ward« zu vi­sua­li­sie­ren und ei­ge­ne Er­fah­run­gen und Ge­füh­le ein­flie­ßen zu las­sen. Dar­un­ter in­ter­na­tio­nal so be­kann­te Na­men wie Je­re­my­vil­le, Jon Bur­ger­man, Ba­ron Von Fan­cy, Iain Bur­ke, Ti­na Berning oder Sti­na Pers­son. Ih­re Krea­tio­nen wa­ren in Anzeigen und Pla­ka­ten zu se­hen, vor al­lem aber in ei­ner On­li­ne­kam­pa­gne auf Web­sites wie Buz­zfeed oder Red­dit und na­tür­lich auf Face­book und Ins­ta­gram.

Nicht sel­ten ist die Kom­bi­na­ti­on von Fo­to­gra­fie und Il­lus­tra­ti­on von vorn­her­ein Teil des Bran­dings, bei dem der On­li­ne­auf­tritt ei­ne Haupt­rol­le spielt. Ein zau­ber­haf­tes Bei­spiel: das von Pen­ta­gram ent­wor­fe­ne Er­schei­nungs­bild für Buf­fy, Her­stel­ler um­welt­freund­li­cher Bett­de­cken. Der­weil das Pa­cka­ging aus­schließ­lich mit Il­lus­tra­tio­nen ar­bei­tet, ge­hen sie

auf https://bufy.co mit Fo­tos zu­sam­men und sor­gen in mi­ni­ma­lis­ti­schem Look und sim­pel ani­miert für ei­ne sym­pa­thi­sche und fluf­fi­ge At­mo­sphä­re. Da wür­de man sich ger­ne gleich in ei­ne Bufy-de­cke ku­scheln – und das mit öko­lo­gisch gu­tem Ge­wis­sen . . .

Meis­ter des Sto­ry­tel­ling

Für Il­lus­tra­tio­nen spricht auch, dass nichts bes­ser Ge­schich­ten er­zäh­len kann – wenn man vom Film ab­sieht, der aber bis­her meist li­ne­ar und in sich ab­ge­schlos­sen bleibt und sich nicht für je­den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zweck eig­net. Wie man mit­tels Par­al­lax-efek­ten ei­ne Ge­schich­te fast wie in ei­nem Film er­zählt, in dem sich aber auch je­de Sze­ne ein­zeln an­steu­ern lässt, zeigt http://hap­pier­li­ving­to­shi­ba.com. Am Ta­ges­ab­lauf ei­nes Man­nes macht Tan­gent aus Sin­ga­pur deut­lich, wie To­shi­ba zu ei­ner bes­se­ren Le­bens­qua­li­tät in süd­ost­asia­ti­schen Län­dern wie In­do­ne­si­en, Viet­nam oder Thai­land bei­trägt. Ab­wärts­scrol­len treibt die Sto­ry vor­an, wo­bei sich die Bil­der mal ver­ti­kal, mal ho­ri­zon­tal, mal durchs In­ein­an­der­schie­ben von Ebe­nen und mal durch har­te Schnit­te än­dern. Aber der User ist nicht im Ablauf ge­fan­gen. Über ei­ne Icon-leis­te lässt sich nach Be­lie­ben zwi­schen The­men wie Trans­port, Strom- oder Was­ser­ver­sor­gung swit­chen. Si­cher wer­den Par­al­lax-efek­te ei­nes Ta­ges deut­lich smoo­ther und ele­gan­ter lau­fen, als wir das bis­her ken­nen. Der­zeit ist der gro­ße Hy­pe vor­bei, glück­li­cher­wei­se wird die Tech­nik nur noch dort ein­ge­setzt, wo sie wirk­lich Sinn macht. Der Fan­ta­sie fürs di­gi­ta­le Sto­ry­tel­ling mit Il­lus­tra­tio­nen sind je­doch kei­ne Gren­zen ge­setzt.

Für ei­ne kom­plett an­de­re Er­zähl­form steht die als Ko­pro­duk­ti­on des Pa­ri­ser Se­rious- Ga­me-ent­wick­lers The Pi­xel Hunt in Ko­ope­ra­ti­on mit AR­TE Fran­ce ent­stan­de­ne App »Be­gra­be mich, mein Schatz«. Die­se lässt uns die dra­ma­ti­sche Flucht der jun­gen Sy­re­rin Nour mit­er­le­ben, de­ren Mann Ma­jd blei­ben muss. In ei­nem In­stant-mes­sa­ging- Ga­me über­nimmt der User die Rol­le von Ma­jd, muss teils in bri­san­ten Si­tua­tio­nen für Nour Ent­schei­dun­gen tre­fen. Die Ge­schich­te lässt sich in »Echt­zeit« ver­fol­gen, die Nach­rich­ten von Nour kom­men bei ent­spre­chen­der Ein­stel­lung nur in rea­lis­ti­schen Ab­stän­den beim User

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