Swiss Mo­dern

Ur­schwei­ze­risch mehr als 80 Jah­re alt sind die Zei­chen, die Ru­dolf BAr­mett­ler und An­ton Stu­der als Ba­sis fur ih­re Font­fa­mi­lie Rek­to­rat Dien­ten

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● Die ei­ne Vor­la­ge gab es nicht. Vie­le, zum Teil sehr un­ter­schied­li­che Frag­men­te bil­den die Grund­la­ge der Rek­to­rat. Sie stam­men von den 1933 ent­stan­de­nen Be­schrif­tun­gen im Ge­bäu­de der Kunst­ge­wer­be­schu­le Zü­rich – seit 2007 die Zürcher Hoch­schu­le der Küns­te (ZHDK) – und dem seit 1933 dort an­säs­si­gen Mu­se­um für Gestal­tung. An­läss­lich der Re­no­vie­rung der Kunst­ge­wer­be­schu­le 2001 frag­te man Ru­dolf Bar­mett­ler, Pro­fes­sor für Ty­po­gra­fie und Schrift an der Hoch­schu­le, ob er an­fal­len­de Be­schrif­tun­gen wie »WC Da­men«, »WC Her­ren«, »Ga­le­rie«, »Rau­cher­zo­ne, »An­lie­fe­rung«, »Kein Durch­gang« und so wei­ter aus den we­ni­gen be­ste­hen­den Hin­weis­ta­feln im Ge­bäu­de ab­lei­ten kön­ne. Ei­ne will­kom­me­ne Her­aus­for­de­rung für sei­nen Schrift­un­ter­richt.

Ge­mein­sam mit sei­nen Stu­die­ren­den be­gann Bar­mett­ler mit ei­ner Re­kon­struk­ti­on aus den Frag­men­ten, die et­wa un­ter den Ta­pe­ten zum Vor­schein ka­men. Die Stu­den­ten paus­ten die noch exis­tie­ren­den Buch­sta­ben mit Blei­stift auf Trans­pa­rent­pa­pier ab und zeich­ne­ten ei­ne Aus­wahl mit Tu­sche und Filz­stift ins Rei­ne. Der Schrift­ge­stal­ter Rein­hard Haus half, die­se Rein­zeich­nun­gen in Fon­to­gra­pher zu di­gi­ta­li­sie­ren. Schließ­lich ent­stan­den für die Be­schrif­tun­gen ein ma­ge­rer, ein nor­ma­ler so­wie ein fet­ter Schnitt in drei ver­schie­de­nen Wei­ten.

Der ur­sprüng­lich ge­plan­te Aus­bau zu ei­nem Re­tail Font in 18 Schnit­ten ließ sich al­ler­dings nicht ver­wirk­li­chen. »Zum ei­nen war die Qua­li­tät nicht durch­ge­hend zu­frie­den­stel­lend«, meint Ru­dolf Bar­mett­ler, »zum an­de­ren hat­te man da­mals bei der Pro­duk­ti­on von Fonts auch mit grö­ße­ren tech­ni­schen Hür­den zu kämp­fen als heu­te.« Die Squa­re, wie sie noch hieß, ver­schwand vor­erst in ei­ner gro­ßen Schub­la­de. Der Wunsch, die­se Ty­pe, in der so viel Po­ten­zi­al steck­te,

zu ei­ner voll­stän­di­gen, funk­ti­ons­fä­hi­gen und mo­der­nen Schrift­fa­mi­lie aus­zu­bau­en, aber blieb.

Von Grund auf neu

Zwölf Jah­re dau­er­te der Dorn­rös­chen­schlaf, dann bat Ru­dolf Bar­mett­ler den Zü­ri­cher Ty­pede­si­gner An­ton Stu­der – da­mals sein As­sis­tent – um Un­ter­stüt­zung. Stu­der hat­te be­reits ei­ni­ge Schrif­ten ent­wi­ckelt und kann­te sich nicht nur in ge­stal­te­ri­schen, son­dern auch in tech­ni­schen Be­lan­gen gut aus. Da er au­ßer­dem mit Clo­vis Val­lois die Found­ry Nou­vel­le Noi­re be­treibt, war die Fra­ge des Ver­triebs be­reits ge­klärt.

Schnell stand da­bei fest, dass sie die Schrift von Grund auf neu an­le­gen muss­ten. »Kei­ner der Schnit­te war aus­ge­ar­bei­tet. Es exis­tier­ten di­ver­se Ver­sio­nen und bei al­len fehl­ten ei­ne Men­ge Zei­chen. Zu­dem fan­den sich gra­fi­sche Di­ver­gen­zen im Strich­duk­tus und auch tech­ni­sche Un­ge­reimt­hei­ten. Son­der- und In­ter­punk­ti­ons­zei­chen wa­ren von an­de­ren Schrif­ten im­ple­men­tiert wor­den«, er­klärt An­ton Stu­der. Ge­mein­sam mit Bar­mett­ler zeich­ne­te er sämt­li­che Gly­phen neu, sie de­fi­nier­ten die Pro­por­tio­nen um, rich­te­ten die In­nen­for­men be­züg­lich Kon­trast und dem Ver­hält­nis Ecken/run­dun­gen et­was fri­scher aus und ver­fei­ner­ten die Ra­di­en in den Run­dun­gen. Dar­über hin­aus er­gänz­ten sie den Zei­chen­satz um zahl­rei­che Li­ga­tu­ren, Al­ter­na­tiv­zei­chen so­wie Ta­bel­lenzif­fern. So ent­stan­den die 14 Schnit­te der Rek­to­rat, sie­ben Stär­ken in je zwei Stil­va­ri­an­ten: ei­ne mit of­fe­ne­ren, ei­ne mit ge­schlos­se­ne­ren For­men, bei der zu­dem die Buch­sta­ben­ab­schlüs­se ge­run­det sind.

Bit­te kein Ab­klatsch

Wie viel his­to­ri­sche Kor­rekt­heit braucht es, wo darf man frei­er mit den Vor­la­gen um­ge­hen? Wo­her weiß man, wel­che Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten von dem da­ma­li­gen Gestal­ter be­ab­sich­tigt wa­ren und was ei­nem Ver­se­hen oder schlech­ter Tech­nik ge­schul­det ist? Fra­gen wie die­se be­schäf­tig­ten die bei­den im­mer wie­der. »Wir woll­ten auf kei­nen Fall ei­nen sim­plen Ab­klatsch zeich­nen, son­dern die al­ten Frag­men­te als Grund­la­ge neh­men und die­se wei­ter­ent­wi­ckeln«, er­klärt An­ton Stu­der. »Da­bei war es uns wich­tig, dass der mo­der­nis­ti­sche Charme der 1920er Jah­re spür­bar bleibt.«

An­ders als bei an­de­ren Schrif­t­re­vi­vals han­del­te es sich bei die­sem Pro­jekt nicht um ei­ne his­to­ri­sche Vor­la­ge, die di­gi­ta­li­siert wur­de. Es ging viel­mehr dar­um, aus ei­ner Be­schrif­tung, die nur ei­ne Strich­stär­ke, we­ni­ge un­ter­schied­li­che Grö­ßen und ei­nen mar­gi­na­len Zei­chen­satz um­fass­te, ei­ne kom­plet­te Schrift­fa­mi­lie mit je 580 Gly­phen zu ent­wi­ckeln. Bei ei­ni­gen Zei­chen muss­ten die bei­den Ty­pede­si­gner schon mal be­herzt ein­grei­fen. Et­wa bei f und t, die im Ori­gi­nal sehr schmal ge­hal­ten wa­ren. »Das funk­tio­nier­te dort wun­der­bar. Aber für ei­nen Font mit un­ein­ge­schränk­tem An­wen­dungs­be­reich sind die­se Buch­sta­ben zu krass, wir muss­ten sie et­was ent­schär­fen.«

Die größ­ten Pro­ble­me be­rei­te­te Stu­der und Bar­mett­ler das K, für das es in den Vor­la­gen zwei Ver­sio­nen gab. Ei­ne, in der die Dia­go­na­len spitz zum

Stamm hin en­den (wie bei der Uni­vers), und ei­ne, in der sie ver­setzt zu­ein­an­der ste­hen (wie bei der Ak­zi­denz- Gro­tesk). »Ers­te­re schien uns for­mal pas­send, hat­te aber in den Ma­jus­keln das Pro­blem, dass de­ren Schen­kel – woll­ten wir das Zei­chen ge­nü­gend breit hal­ten – zu spitz en­de­ten«, er­klärt An­ton Stu­der. »Das Mi­nus­kel-k war dies­be­züg­lich we­ni­ger pro­ble­ma­tisch. Da­her ent­schie­den wir uns hier für die spitz en­den­de Va­ri­an­te und beim Ma­jus­kel-k für die ver­setz­ten Schen­kel.« Wem das nicht ge­fällt, der kann auf die Al­ter­na­tiv­zei­chen aus­wei­chen. Dort gibt es für k und K die je­weils an­de­re Va­ri­an­te.

Ab ins Mu­se­um

Als die Zürcher Hoch­schu­le der Küns­te 2014 ins To­ni Are­al zog, war es an der Zeit, das 84 Jah­re al­te Ge­bäu­de in der Aus­stel­lungs­stra­ße, in dem auch das Mu­se­um für Gestal­tung zu Hau­se ist, grund­le­gend zu re­no­vie­ren. Ru­dolf Bar­mett­ler und An­ton Stu­der er­hiel­ten im Zu­ge des­sen den Auf­trag, die Be­schrif­tung für den sa­nier­ten Bau zu ent­wi­ckeln. »Aus der Rek­to­rat Me­di­um lei­te­ten wir den Cust­om Font Rek­to­rat Kunst­ge­wer­be ab, bei dem al­le Zei­chen mög­lichst ex­akt den Ori­gi­nal-fund­stü­cken ent­spre­chen, aber oh­ne of­fen­sicht­li­che Feh­ler blind zu über­neh­men«, be­rich­tet An­ton Stu­der. Die Grund­kon­sti­tu­ti­on und die Pro­por­tio­nen blie­ben gleich, bei den Strich­stär­ken so­wie bei den Ab­schlüs­sen der Buch­sta­ben nah­men sie ver­schie­de­ne Än­de­run­gen vor.

Die Rek­to­rat-fa­mi­lie gibt es in sie­ben Stär­ken von Hair­line bis Hea­vy. Bei der Stil­va­ri­an­te Re – Re wie re­cur­ved – sind Buch­sta­ben wie a, c, e oder g ge­schlos­se­ner, die Buch­sta­ben­ab­schlüs­se sind zu­dem ge­run­det (lin­ke Sei­te un­ten)

Spitz zum Stamm oder ver­setz­te Dia­go­na­len? In den al­ten Mus­tern fan­den sich bei­de Va­ri­an­ten. An­ton Stu­der und Ru­dolf Bar­mett­ler ent­schie­den sich beim ver­sa­len K für die ver­setz­ten Schen­kel, beim k für die spitz zu­lau­fen­den. In den Al­ter­na­tiv­zei­chen fin­det sich die je­weils an­de­re Va­ri­an­te (ganz oben). Das Gly­phen­set der Rek­to­rat ent­hält ei­ne Rei­he schö­ner Li­ga­tu­ren und ei­nen Satz ganz wun­der­ba­rer ö. Ganz un­ten: In der Ori­gi­nal-be­schrif­tung sind f und t sehr schmal ge­hal­ten. Zu krass für ei­ne Schrift, die heu­te in vie­len An­wen­dun­gen funk­tio­nie­ren soll. Des­halb sind die­se Gly­phen in der Rek­to­rat et­was brei­ter. Ein schwie­ri­ger Part der Gestal­tung wa­ren die Satz­zei­chen, da es da­für kei­ner­lei Vor­la­gen gab PRO­JEKT Gestal­tung der Schrift­fa­mi­lie Rek­to­rat DE­SI­GNER Ru­dolf Bar­mett­ler, Pro­fes­sor an der Zürcher Hoch­schu­le der Küns­te↗ www.zhdk.ch An­ton Stu­der, Ty­pede­si­gner und Mit­grün­der der Found­ry Nou­vel­le Noir, Zü­rich ↗ www.nou­vel­lenoi­re.ch TOOLS Pa­pier, Sche­re, Mar­ker, Tipp-ex, Blei­stift, Gly­phs, A3-schwarz­weiß­la­ser­dru­cker HP 5000 ZEI­T­RAUM Früh­jahr 2014 bis März 2018

Die frü­he­re Be­schrif­tung er­folg­te mit Kunst­harz­far­be auf Mau­er­werk, auf Ta­pe­te, auf be­mal­tes oder ro­hes Holz so­wie Blech­ta­feln. Teils mit Pin­sel, teils scha­blo­niert oder ge­spritzt. Bei all die­sen Bei­spie­len gab es, was das Schrift­bild be­trifft, zum Teil er­heb­li­che qua­li­ta­ti­ve Di­ver­gen­zen

An­fangs de­fi­nier­ten die Ty­pede­si­gner ge­mein­sam Grund­la­gen wie Strich­stär­ke oder Ra­di­en der in­ne­ren und äu­ße­ren Run­dun­gen. Da­nach ent­wi­ckel­ten sie sys­te­ma­tisch al­le Zei­chen des Me­di­um-schnitts, um sich im An­schluss beim Aus­bau der ge­sam­ten Fa­mi­lie zu ver­aus­ga­ben

Die ur­sprüng­li­che Au­ßen­be­schrif­tung des Mu­se­ums für Gestal­tung (sie­he Sei­te 76) stammt von dem Schwei­zer Gra­fi­ker und Ty­po­gra­fen Ernst Kel­ler. Der neue Schrift­zug (oben) spricht for­mal die­sel­be Spra­che. Für das Leit­sys­tem im Mu­se­um für Gestal­tung ent­wi­ckel­ten An­ton Stu­der und Ru­dolf Bar­mett­ler aus der Rek­to­rat Me­di­um den Cust­om Font Rek­to­rat Kunst­ge­wer­be und zeich­ne­ten die nö­ti­gen Pik­to­gram­me pas­send da­zu

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